Zeitschrift

Jahrtausendwende



B

1. a) Schauplatz Europa um 1000
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Inhaltsverzeichnis   

 

Von Kurt Seidel

Das Mittelalter war ein europäisches Zeitalter - genau wie das Erlebnis der Jahrtausendwende ein europäisches war. Einschränkungen durch verfestigte Nationalstaatsgrenzen gab es weder im Geistigen noch im Räumlichen. Allerdings waren die topographischen Vorstellungen vage, sobald man sich von der engeren Heimat entfernte. Die Kartographen bedienten sich zahlreicher Bildsymbole, unter denen auch solche mit endzeitlicher Bedeutung waren.

Beatus von Liébana (Priester und Mönch, gest. 798), der zum Jahr 800 das Weltende erwartete, schrieb in Spanien zwischen 776 und 786 in drei Redaktionen einen Kommentar zur Apokalypse. Dieser wurde oft kopiert; aus der Häufung von Kopien zu bestimmten Zeiten schließt man auf die Sensibilität der jeweiligen Epoche für Endzeitfragen. Die Handschriften sind wegen ihrer im allgemeinen reichen Bebilderung zum Thema Apokalypse sehr wertvoll. Aus einer angelsächsischen Handschrift vom Ende des 10. Jahrhunderts stammt die Weltkarte  M3 , die sog. Cottonian, die sich heute im Britischen Museum befindet. Die Karte hat für unser Thema eine doppelte Bedeutung. Zum einen zeigt sie die Vorstellung der Zeit über den eigenen Kontinent und die Welt (wobei zu beachten ist, wie genau der angelsächsische Zeichner seine eigene Umgebung kannte, gemessen an dem übrigen Europa oder gar der Welt). Zum andern zeigt sie die Selbstverständlichkeit, mit der endzeitliches Gedankengut in die geographischen Vorstellungen der Zeit mit aufgenommen wurde. Sie war also mehr als nur ein Versuch, die Erdoberfläche darzustellen. Mit anderen Karten des Mittelalters hat sie gemeinsam, dass der Kartograph versucht hat, sie künstlerisch zu gestalten; wenn er auch in der Darstellung von Stadt- und Landschaftsansichten, Tieren, Pflanzen und Menschen sparsamer war als manch' anderer, so stand er doch auch vor dem Problem, gerade die Randzonen der Welt, die fernen Länder, über die man fast nichts wusste, irgendwie füllen zu müssen (vgl. z. B. Nr. 40: »Hier wohnen die Löwen«).

Die historische Karte ist im Original wie die meisten Karten des Mittelalters nach Norden ausgerichtet, damit liegt geographisch Osten im Kartenbild »oben«. Da die ohnehin schwierigen räumlichen Verhältnisse durch diese uns fremd erscheinende Ausrichtung noch schwieriger zu entschlüsseln wären, wurde aus methodischen Gründen die Kartenreproduktion »gekippt«, d. h. um 90 Grad gedreht. Damit erscheint sie wie alle unsere heutigen Karten nach Osten ausgerichtet, »ad orientem«, wodurch die »Orientierung« bei der unterrichtlichen Umsetzung leichter fallen soll. Dies gilt auch für die als Umsetzungshilfe hinzugefügte Nachzeichnung der Umrisse (M2) mit Übertragung wichtiger Orts- und Landschaftsnamen und einigen anderen Einträgen. Die Ausrichtung nach Osten erleichtert auch den Vergleich mit einer modernen Umrisskarte, die denselben Raum in seinen tatsächlichen geographischen Gegebenheiten zeigt (M1), und in die dieselben Orts- und Landschaftsnamen eingetragen sind. Durch diese moderne Karte wird deutlich, dass die diagonale Distanz zwischen Island und dem Hochland von Äthiopien, wo der Nil im Tanasee entspringt, über 6000 km beträgt.

Aus der Fülle der Inhalte der Karte des späten 10. Jahrhunderts wurde sowohl für die Nachzeichnung der historischen Karte als auch für die Umzeichnung der modernen generalisierend verfahren und aus der Überfülle nur etwa 60 Bezeichnungen übernommen. Es handelt sich um solche, die sich verhältnismäßig sicher entziffern und zuordnen lassen. Die Nummern werden durch die Legende aufgeschlüsselt. Ein solches Vorgehen erscheint vertretbar, da die Nach- und Umzeichnungen keine Interpretation der Karte geben wollen, sondern, wie schon angedeutet, nur ein methodisches Hilfsmittel für die unterrichtliche Arbeit darstellen. An Stelle der bildhaft gestalteten Stadtsymbole der historischen Karte wurden moderne Ortssymbole verwendet; die Gebirgssignatur (Gebirgskämme) wurde stark stilisiert beibehalten. Die Originalkarte arbeitet mit lateinischen, zum Großteil aus der Antike übernommenen Namensbezeichnungen und verwendet Abkürzungen, die, so weit, möglich ins Deutsche übertragen wurden. Außerdem wurden zwei der bildlichen Darstellungen, die die Karte aufweist, vergrößert in der Legende wiedergegeben: Der Löwe (vgl. oben) und die Arche auf dem Berg Ararat (vgl. Nr. 36).

Eine bildliche Darstellung wurde illustrativ hinzugefügt, die aus einer jüngeren, der Ebstorfer Weltkarte stammenden menschenfressenden Völker Gog und Magog.

Damit sind wir bereits beim endzeitlichen Bezug, der von den mittelalterlichen Kartographen ganz selbstverständlich in die Karten aufgenommen wurde - nicht nur, wie das Beispiel der Ebstorfer Karte zeigt, zur Zeit der ersten Jahrtausendwende. Der Kartograph der Beatusapokalypse verortet die Völker Gog und Magog und erwähnt als Mensch des 10. Jahrhunderts natürlich auch die Ungarn. Beiden weist er einen Wohnsitz auf der Karte zu. Die Völker Gog und Magog gehörten zu jenen sog. Zeichen der Zeit, die durch ihr Einfallen in die zivilisierte Welt - laut dem Propheten Ezechiel - die Endzeit ankündigen würden. Der antiken Überlieferung nach handelte es sich um extrem grausame Völkerschaften (vgl. die Menschenfresser-Darstellung Nr. 34), die Alexander der Große hinter dem Kaspischen Meer eingesperrt haben soll. Die Ungarneinfälle wurden von den Zeitgenossen als Ausbruch der Völker Gog und Magog interpretiert und als Zeichen der Zeit gedeutet. So ist es verständlich, dass ihr Wohnsitz und Ausgangsgebiet für die Zeitgenossen von Interesse war.

Endzeitliche Bezüge lassen sich auch bei der Arche auf dem Berg Ararat feststellen. Da nach der apokalyptischen Überlieferung die Erwählten die Drangsal der letzten Tage überdauern oder sofort in den Himmel entrückt werden, wurden die Arche und ihre Bewohner als Vorbild gedeutet: Wer in der Arche war, entging dem Untergang und überlebte. Die Arche selbst würde in dieser Vorstellungswelt jenen endzeitlichen Rückzugspositionen entsprechen, die zu allen Zeiten von Menschen der Naherwartung bis zum heutigen Tag gesucht werden - bevorzugt sind es Berge, von denen aus man das Kommen des Weltendes erwarten und so sich von vornherein aus der Zahl der Schuldbeladenen, die untergehen werden, aussondern will.

Literaturhinweis:

Bagrow, Leo und Skelton, Raleigh Ashlin: Meister der Kartographie. Propyläen-Verlag Frankfurt, Berlin 1985

Materialien

M1 Moderne Umrisskarte des Gebiets der "Cottonian" (s. M2 und   M3 )

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Zeichnung: Kurt Seidel


M2 Angelsächsische Weltkarte - Nachzeichnung der Umrisse

jahrta27.gif (19627 Byte)
Zeichnung: Kurt Seidel

1. Island
2. Irland
3. Schottland
4. Insel Man
5. Wales
6. Britannien
7.London
8. Cornwall
9. Spanien
10. Ebro
11. Säulen des Herkules =Meerenge von Gibraltar
12.Pyrenäen
13. Alpen
14. Apenninen
15. Venedig
16. Istrien
17. Dalmatien
18. Pannonien
19. Volk der Ungarn
20.Donau
21. Thrakien
22. Zypern
23. Byzanz
24. Kleinasien
25.Schweden
26. Bulgarien
27. Griechenland
28. Kilikien
29. Cäsarea Philippi
30. Hochland von Anatolien
31. Kappadozien
32. Schwarzes Meer
33. Kolchis
34. Gog und Magog
35. Kaspisches Meer
36. Berg Ararat mit der Arche
37. Taurus
38. Mesopotamien
39. Armeniers
40. Hier wohnen die Löwen
41. Indien
42. Syrien
43. Chaldäa
44. Arabien
45. Medien
46. Arabische Wüste
47. Berg Sinai
48. Oberägypten
49. Galiläa
50. Jericho
51. Jerusalem
52. Alexandria
53. Nildelta
54. Lybien
55. Pentapolis
56. Carthago
57. Mauretanien
58. Atlasgebirge
59. Rom

Zur Bilderwelt der historischen Karte:

Die Arche auf dem Berg Ararat (vgl. Nr. 36)

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Vage Vorstellungen über Randzonen der Welt: "Hier wohnen die Löwen" (vgl. Nr. 40)

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Die endzeitlichen Völker Gog und Magog werden in der nebenstehenden Karte nur erwähnt (vgl. Nr. 34); in der jüngeren Ebstorfer Weltkarte werden sie bei ihrer grauenvollen Tätigkeit der Menschenfresserei dargestellt.

jahrta30.gif (1421 Byte)

 

M3 Angelsächsische Weltkarte, die sog. "Cottonian", 10. Jahrhundert

zur vergrößerten Ansicht  (ca. 90 kb)

jahrta31.jpg (29864 Byte)

British Museum, London, Cotton MS Tiberius B.V. © By permission of the British Library, 1999


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