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Jahrtausendwende



B

1. b) Cluny - Heilige, Mönche, Krieger, Pilger
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Inhaltsverzeichnis   



Von Immo Eberl

Cluny erfuhr schon vor dem Ende des 10. Jahrhunderts einen geistigen Aufschwung, der es in der Folgezeit zum bedeutendsten Reformkloster in Mitteleuropa und zum politischen Zentrum im Investiturstreit, zu einer geistlich-weltlichen »Großmacht« werden ließ. Für das Verständnis der ersten Jahrtausendwende wichtige Gedanken und Vorstellungen wurden hier besonders gepflegt: das Vertrauen auf die Fürbitte der Heiligen am Jüngsten Tag, die Sorge für das Seelenheil der Verstorbenen im Gericht. In Visionen wurden Notwendigkeit und Nutzen dieses Tuns erfahren. Angst vor einem Weltende gab es für die Mönche nicht.

Das Jahrzehnt vor der Jahrtausendwende war in Burgund wie in anderen Gebieten Europas von der Gewalt adeliger Herren gegeneinander und gegen andere, von Hungersnöten und von Krankheiten und damit vom Tode in vielerlei Formen geprägt. Alle diese Erscheinungen waren in dieser Zeit eigentlich nichts Außergewöhnliches, zwangen aber die Menschen, sich mitten im Leben in der Gefahr des Todes zu sehen. Der Satz »media in vita in morte sumus« (mitten im Leben begegnen wir dem Tode) hatte allgemeine Gültigkeit und gab den Klöstern als Zentren der Einkehr und des Gebets, als Sitz der Heiligen, als Grabstätte und als Ort der »conversio«, des Wandels vom sündigen Menschen zum geläuterten Jünger Christi, eine besondere Stellung. Unter ihnen ragte das durch seine Reformen weithin bekannte Kloster Cluny hervor.

Diese 910 gegründete Abtei nahm bis zur Mitte des Jahrhunderts bereits einen solchen Aufschwung, dass der Konvent über 130 Mönche umfasste. Der in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts die Geschicke der Abtei lenkende Abt Maiolus hat der Entwicklung des Klosters weitere Beständigkeit gegeben - wie überhaupt Clunys Weg zu der geistlich-weltlichen »Großmacht« bis ins 12. Jahrhundert von seinen großen Äbten Majolus, Odilo und Hugo entscheidend bestimmt wurde (vgl. M1a  und M1b). Majolus war 945 auf Vorschlag seines Amtsvorgängers Aymard in freier Wahl des Konvents gewählt worden, was zu dieser Zeit eine Seltenheit war. Der Einfluss von Cluny und dessen Reformtätigkeit erweiterten sich unter ihm. Er entsandte seinen Schüler Wilhelm von Volpiano als Abt nach Saint Bénigne in Dijon. Er hat damit nicht nur die dort stattfindende Reform angestoßen, sondern auch die durch Wilhelm vorgenommene Gründung des Reformklosters Fruttuaria in Oberitalien, das eine so entscheidende Bedeutung für die weitere Entwicklung der Kirchenreform besessen hat.

Maiolus hat neben der Ausbreitung der Reform auch den unmittelbaren Einfluss von Cluny auf seine Umgebung gestärkt. Die Schenkungen für Begräbnisse im oder beim Kloster haben dadurch zugenommen. Der Konvent hat auch das in vielen Reformklöstern übliche Werk über die im Kloster gültigen Lebensformen angelegt. Jedoch im Unterschied zu anderen Klöstern erhielt es in Cluny nur die Überschrift »Es beginnen die Gewohnheiten im Kloster«.

Nach diesen Aufzeichnungen haben die Liturgie, die mönchischen Tagzeiten und die Messfeier eine zentrale Stellung im täglichen Leben des Konvents eingenommen. Die Erwähnung der Almosenspende an die Armen im Gottesdienst betont die zentrale Stellung derselben.

Heilige - gerüstet für das Jüngste Gericht

Maiolus ließ zwei Jahre vor seinem Tod wegen seiner nachlassenden Kräfte Odilo zu seinem Koadjutor wählen. Obwohl er sich nicht mehr um die Tagesgeschäfte kümmerte, begab er sich 994 zu König Hugo Capet, um über die Reform der Königsabtei Saint Denis bei Paris zu verhandeln. Auf dieser Reise ist er am 11. Mai 994 in Souvigny an der Grenze von Burgund zur Auvergne und zum Berry gestorben.

Er wurde in Cluny sofort mit mitreißender Begeisterung als Heiliger verehrt. Das in Souvigny bestehende Priorat wurde in der Folgezeit durch sein Grab bedeutsam, wie der schon 995 dort stattfindende Besuch des französischen Königs beweist. Obwohl Maiolus offiziell nicht heilig gesprochen zu sein scheint, wurde in der Überlieferung des Rodulf Glaber bei der Epidemie des Antoniusfeuers (durch mit Mutterkorn verunreinigtes Getreide ausgelöst) 997 der Besuch seines Grabes neben denen der hll. Martin in Tours und Ulrich in Augsburg hervorgehoben. Der Papst nannte 998 in einer Urkunde für Abt Odilo Maiolus bereits heilig und 999 war derselbe nach einer Urkunde Kaiser Ottos III. Patron des Mariaklosters in Pavia.

Mit Maiolus besaß Cluny in der Bedrängnis durch das sich vielleicht nähernde Jüngste Gericht an der Jahrtausendwende einen heiligen Abt, was das Zusammengehörigkeitsgefühl aller Cluniacenser stärkte und deren Fürbitte ihre Sicherheit gab. Die Mönchsgemeinschaft von Cluny hatte durch die Beteiligung am Kreis der Heiligen eine neue Qualität gewonnen. So ist seine Verehrung im Zusammenhang mit dem aus der Sicht der Zeitgenossen vielleicht bevorstehenden Jüngsten Gericht an der Jahrtausendwende zu sehen.

Abt Odilo, der nach Maiolus die Geschicke von Cluny über fünf Jahrzehnte leitete (994-1049), hat wohl - ähnlich wie sein Zeitgenosse Rodulfus Glaber - in den von diesem überlieferten Berichten über Missernten, Hungersnöte, Epidemien, Kriegwirren und andere Leiden einen Beweis für die Sünde und Schuld der Menschen gesehen, was von manchen mönchischen Zeitgenossen auf die Endzeit und die Wiederkehr Christi zum Jüngsten Gericht gedeutet wurde. Schon sechs Jahrzehnte zuvor hatte Abt Odo von Cluny von seiner Zeit als der des Antrichrist gesprochen und zu Umkehr und Erneuerung aufgerufen. Dasselbe wollten nun 994 Abt Odilo und sein Konvent mit der Herausstellung von Maiolus als Heiligem erreichen. Er sollte Fürsprecher bei Christus sein.

Der Gottesfrieden - eine neue Bewegung

Die Mönche von Cluny haben auch entscheidenden Anteil daran gehabt, dass sich die 989 in Charroux und 994 in Le Puy auf Synoden erstmals sicher nachweisbare Gottesfriedensbewegung rasch ausdehnte. Diese bekämpfte die Friedlosigkeit und Gewalt, unter der die Bevölkerung und die Mönche zu leiden hatten, weil sich Adel und bischöfliche Stadtherren bekämpften und dadurch eine feudale Anarchie in großen Teilen Südfrankreichs entstanden war.

Auf den Konzilien der Gottesfriedensbewegung wurden die Anwesenden dazu aufgerufen, ein Bündnis des Friedens einzugehen und dieses zu beschwören. Die neue Bewegung erhielt aus allen sozialen Schichten der Bevölkerung begeisterten Zulauf. Der Friedensbrecher verfiel nicht nur dem Bann, sondern wurde auch vom kirchlichen Asylrecht nicht geschützt. Der Gottesfrieden (Pax Dei) schützte die Unbewaffneten und ihr Gut, also z. B. die bäuerliche Bevölkerung, die Mönche und auch die Kaufleute. Es bildeten sich rasch Zeiten heraus, an denen jegliche Gewalt unter Strafe der Exkommunikation verboten war. Damit war das Fehdewesen zuerst an den Hochfesten des Jahres, dann an allen Sonntagen und schließlich jede Woche wiederkehrend an den Tagen, die an Christi Leiden, Sterben, Grabesruhe und Auferstehung erinnerten, d. h. von Mittwochabend bis Montagmorgen, untersagt. Der Adel erhielt aus dem Kampf gegen die Friedensbrecher und dem Schutz für Unbewaffnete eine neue, christliche Aufgabe und wandelte sich im Laufe des folgenden Jahrhunderts zu einer neuen Ritterschaft, die sich bereits vor Beginn der Kreuzzüge herausgebildet hatte.

Abt Odilo wurde noch ein Jahrhundert später als herausragender Vertreter der Gottesfriedensbewegung genannt. Diese Bewegung war aber Teil der Reform des christlichen Lebens überhaupt. Denn die Anhänger derselben forderten, dass die Priester ein ihrem Stand entsprechendes Leben führten. Abt Odilo vertrat in seinen Forderungen kurz nach seiner Wahl 994 auf der Synode in Anse im Lyonnais die von seinem Kloster von Anfang an vertretenen Reformgedanken, die in der Synodalakte neben den Problemen der Gottesfriedensbewegung aufgeführt wurden.

Mönche - im Gebet für die Verstorbenen

Odilo verstand es auch, die adeligen Familien im Umkreis an das Kloster und dessen Patron St. Peter eng zu binden. Zu den wirtschaftlichen Vorteilen der einzelnen Familien kamen die Bindungen hinzu, die durch den immer wieder nachweisbaren Klostereintritt einzelner Familienangehöriger entstanden. Nach späterer Überlieferung wurde den Mönchen von Cluny die Kraft zugesprochen, durch ihre Gottesdienste und Gebete Seelen zu erlösen (vgl. M2). Odilo hatte das Allerseelenfest eingerichtet, das am Tag nach Allerheiligen gefeiert wurde und aller Verstorbenen - also nicht nur der Freunde des Klosters - gedachte.

Die Mönche Clunys verpflichteten sich durch Gebetsverbrüderungen mit anderen Klöstern, deren Angehörige in ihre Gebete einzuschließen. Ihr Totengedenken zeigt eine Gemeinschaft, die in alltäglicher Praxis die Lebenden mit den Verstorbenen verband und damit die Gemeinschaft und innere Sicherheit der Mönchsgemeinde festigte. Diese innere Sicherheit zeigte sich z. B. in der Ruhe des sterbenden Abtes Odilo, als er die an seinem Totenbett stehenden Mönche, die aus Trauer fehlerhaft sangen, korrigierte und beim Singen selbst weiterhalf. Diese innere Sicherheit ist den Mönchen auch beim Gedanken an das nahende Jüngste Gericht nicht verloren gegangen, da sie täglich im Rahmen der Liturgie ihrer Stundengebete an dieses Gericht dachten.

Pilger - in der Erwartung des Jüngsten Gerichts

Die Aufgabe des Klosters, die Armen zu unterstützen, kam insbesondere auch den Pilgern zugute, die in den Hospizen und an den Klosterpforten Clunys und seiner Priorate Pflege auf ihrer Pilgerreise fanden. Um die Jahrtausendwende war unter den Pilgerreisen noch die Fahrt zu den Apostelgräbern in Rom und nach Jerusalem wichtiger (vgl. M2) als die Wallfahrt nach Santiago de Compostela, die bereits seit der Mitte des zehnten Jahrhunderts aufgekommen war. Die Plünderung von Santiago de Compostela durch die Araber 997 galt den Zeitgenossen wie so viele andere Hinweise sicher als Vorzeichen der Wiederkehr Christi zum Jüngsten Gericht an der Jahrtausendwende. Die Pilgerfahrt nach Santiago hat sich im Laufe des elften Jahrhunderts zu ihrer späteren Bedeutung herausgebildet. Cluny, das sich in der Folgezeit besonders dem Wiederaufbau des in der Reconquista zerstörten Nordspanien gewidmet hat, hat dabei die Pilgerwege nach Santiago de Compostela vorbereitet und geprägt.

Cluny - ein ruhender Pol

Wenn sich Abt Odilo 994 ebenso wie kurz zuvor sein Vorgänger auf der Synode von Anse über die Gewalt gegen sein Kloster bitter beklagte und Unterstützung forderte, war sein Kloster dennoch in der Unruhe der Zeit vor der Jahrtausendwende ein in sich ruhender Pol. Das Kloster blieb zwar nicht von den äußeren Ausläufern der Unruhen der Zeit, die sich in der Gewalt ausdrückten, verschont, ist aber nicht von der inneren Unruhe vieler Zeitgenossen erfasst worden. Die Mönchsgemeinschaft wusste sich über seine Heiligen und deren Fürbitte mit Christus verbunden. Ebenso waren durch Gebetsverbrüderung und Totengedenken die Klöster und die Lebenden mit den verstorbenen Mönchen verbunden. Durch die Gottesfriedensbewegung wurden die Krieger gebunden und die Waffenlosen geschützt. Das Kloster nahm hier eine führende Stellung ein, zumal es überdies auch seine weiteren Reformgedanken durchsetzen konnte. Darüber hinaus spielte es eine maßgebliche Rolle bei der Unterstützung des Pilgerwesens, um die Gläubigen auf ihrem Wege zu den Heiligen zu schützen. Zusammenfassend lässt sich sagen: die Mönche waren sich aufgrund ihrer Tätigkeit für die Heiligen und Christus sicher, von diesen im Jüngsten Gericht unterstützt zu werden. Damit war für sie jede innere und äußere Gefahr gebannt.

Mönchsleben - Visionen - Jüngstes Gericht im Unterricht

Dem Selbstverständnis der Mönche kommt für diese kritische Zeit eine so zentrale Bedeutung zu, dass es als Leitgedanke für die unterrichtliche Umsetzung dieses Bausteins dienen soll. Die Schüler/innen sollen erkennen, dass das nach der Auffassung der Zeitgenossen engel- und apostelgleiche Leben, das die Mönche im Kloster führen, Ausbrüche von Angst und Irritationen durch die Zeichen der Zeit nicht aufkommen lassen darf.

 

Zu M1a und M1b

Das aus dem cluniazensischen Bereich stammende, idealtypische Abtsbild - Ausschnitte aus den um 1100 entstandenen Wandmalereien im Chor der Chapelle des Moines in Berzé-la-Ville, 12 km südöstlich von Cluny gelegen M1a -, kombiniert mit einer Passage aus der Benediktsregel M1b, dient der vertiefenden Betrachtung der Autorität des Abtes, wie sie - von Benedikt von Nursia gewollt - am Beispiel der großen Äbte von Cluny für die Schüler/innen exemplarisch wahrnehmbar wird.

Zu M2 Ein Visionsbericht

Der Visionsbericht aus der Lebensbeschreibung des Abtes Odilo ist in mehrfacher Hinsicht Quelle für die Zeitumstände um das Jahr 1000. Der Text dokumentiert

  • die Pilgerfahrt nach Jerusalem;
  • die Bedeutung von Visionen als Argumentationshilfen;
  • die besondere Wirksamkeit, die dem Gebet der Mönche beigemessen wurde;
  • die intensive Beschäftigung mit der Frage nach individueller Schuld und persönlichem Gericht (im Gegensatz zum allgemeinen Gericht am Jüngsten Tag);
  • das historische Faktum der Einführung des Allerseelenfestes.

Der Text wird im lateinischen Original und in deutscher, zugleich normalisierter Übersetzung wiedergegeben, um die Möglichkeit der Verbindung zum Fach Latein zu nutzen, wenn sie sich in der Lerngruppe bieten sollte. Die Normalisierung äußert sich hier vor allem in einem bewusst sinngemäßen Übersetzen, ohne stilistische Besonderheiten des Originals (wie z. B. rhetorische Wiederholungen) in den deutschen Text zu übernehmen.

Verwendete Literatur:

Bibliotheca Cluniacensis. Hg. v. M. Marrier / A. Duchesne, Paris 1614, NDr. Mâcon 1915

L. Côte: Contributions à l'histoire du prieuré clunisien de Souvigny, Moulins 1942

Johannes Fried: Endzeiterwartung um die Jahrtausendwende. In: Deutsches Archiv 45 (1989) S. 381-473

Kassius Hallinger: Gorze-Kluny. Studien zu den monastischen Lebensformen und Gegensätzen im Hochmittelalter, Bd. 1-2 (Studia Anselmiana 22-25). Rom 1950- 1951

Hartmut Hoffmann: Gottesfriede und Treuga Dei (Schriften der Monumenta Germania Historica 20). Stuttgart 1964

Jacques Hourlier: Saint Odilon, abbé de Cluny (Bibliothèque de la Revue d'Histoire Ecclésiastique 40). Louvain 1964

Recueil des chartes de l'abbaye de Cluny, Bd. III, NDr. Frankfurt a. M. 1974

Peter Segl: Königtum und Klosterreform in Spanien. Untersuchungen über die Cluniacenserklöster in Kastilien - Léon von Beginn des 11. bis zur Mitte des 12. Jahrhunderts. Kallmünz 1974

Joachim Wollasch: Cluny. Licht der Welt. Aufstieg und Niedergang der klösterlichen Gemeinschaft. Zürich-Düsseldorf 1996

Joachim Wollasch: Totengedenken im Reformmönchtum. In: Monastische Reformen im 9. und 10. Jahrhundert. Hg. v. Raymund Kottje/Helmut Maurer (Vorträge und Forschungen 38). Sigmaringen 1989, S. 147-166


Materialien

M1 Abtsbilder

M1a Der Abt

Auschnitte aus den Wandmalereien im Chor der Chapelle des Moines in Berzé-la-Ville, einem Priorat Clunys;
links: Detail
rechts: Gesamtansicht neben einer Darstellung aus dem Martyrium des hl. Laurentius

wpe2C.jpg (9236 Byte) wpe2D.jpg (15831 Byte)

Photos: U. Hamm / W.-S. Kircher, © Académie de Macon


M2 Visionsbericht aus der Lebensbeschreibung Odilos

Der Mönch Jotsaldus von Cluny (gest. nach 1051) war in den letzten Jahren Abt Odilos dessen Vertrauter. 1051/1052 verfasste er die älteste Vita (Biographie) Odilos. Sie gibt wichtige Aufschlüsse über die Tätigkeit des Abtes, aber auch über den geistigen Hintergrund Clunys. Jotsaldus berichtet darin u.a. über eine Vision, die die Kraft beweist, die allgemein um die Jahrtausendwende dem Gottesdienst und den Gebeten Clunys und auch seinem hl. Abt Maiolus zugetraut wurde. Die Mönche in der Zeit Odilos haben Visionen für sehr wichtig erachtet.

Jotsaldus, De Vita et Virtutibus Sancti Odilonis Abbatis, Migne PL, Band 142, Paris 1853, Sp. 895-940; daraus lib. II, cap. XIII,

Sp. 926f. Übersetzung: Immo Eberl.

Cap. XIII: De quadam visione cuiusdam eremitae

Retulit mihi etiam domnus Richardus episcopus quamdam visionem, quam et ego quondam audieram, sed tunc animo minime retinebam. Quodam tempore, inquit, vir quidam religiosus de pago Rotenensi oriundus ab lerosolymis revertebatur. Transiens autem mare, quod a Sicilia versus Thessalonicam protenditur, pertulit cum pluribus aliis gravissimum ventum in medio positus. Qui navim impellens, appulit ad quamdam insulam sive rupem, ubi quidam servus Dei reclusus manebat: ubi aliquandiu tranquillitatem maris exspectans praedictus vir commoratus, coepit cum illo servo Dei de multis collocutionem habere. Inquisitus vero a viro Dei unde genus duceret, Aquitanum se esse respondit. Tunc idem homo Dei sciscitatus est si quoddam monasterium quod nominaretur Cluniacum, et Odilonem ejusdem loci abbatem nosset. At ille respondit: Novi, et bene novi, et hoc quare percuncteris scire cupio. Dicam tibi, inquit, et ut animo recondas quae audieris admoneo. Vicina loca sunt nobis, ex semetipsis manifesto Dei iudicio, gravissima eructantia ignis incendia, in quibus animae peccatorum ad tempus statutum diversa luunt suplicia. Sunt vero ad eorum semper renovanda tormenta multitudo daemonum deputata, qui eorum poenas de die in diem restaurantes, intolerabiles magis ac magis exaggerant dolores. Quos tamen saepius audivi lamentantes, et non parvam querimoniam facientes, quia orationibus religiosorum hominum, et eleemosynis pauperum, quae fiunt per diversa loca sanctorum, multoties per Dei misericordiam ab eorum poenis liberarentur animae damnatorum. Inter caetera vero mentionem et maximam querimoniam noveris illos praecipue fecisse de illa Cluniacensi congregatione, et ipsius abbate. Quapropter per Deum te admoneo, si ad tuos cum prosperitate habueris reditum, ut haec omnia quae a me audisti nota facias praedictae congregationi, et ex mea parte denunties, quatenus magis ac magis insistant orationibus, vigiliis et eleemosynis pro requie [Thuan., redemptione] animarum in poenis positarum, ut per haec gaudium multiplicetur in coelo, et damnum sive luctus inferatur diabolo. Regressus itaque vir praedictus ad patriam, haec per ordinem sancto Patri et fratribus nuntiare studuit. Quod audientes, admirationem non parvam cum maxima cordis laetitia sumpserunt, Domino gratias egerunt, orationes orationibus addiderunt, eleemosynas eleemosynis apposue-runt, et pro requie defunctorum instanter laborare studue-runt. Hac igitur occasione sanctus Pater generale propositum per omnia monasteria sua constituit, ut sicut in capite Kalendarum Novembrium festivitas agitur Omnium Sanctorum, ita etiam insequenti die, memoria generaliter ageretur pro requie omnium fidelium animarum; privatim et publice missae cum psalmis et eleemosynis celebrarentur, omnibus supervenientibus pauperibus eleemosyna multipliciter daretur. [...]

Kapitel XIII:

Über eine gewisse Vision eines Eremiten

Bischof Richard hat mir auch eine Vision ins Gedächtnis zurückgerufen, die ich auch schon einmal gehört hatte, aber damals nicht im Gedächtnis behalten habe. Er sagte, dass zu einem gewissen Zeitpunkt ein frommer Mann aus Rodez nach Jerusalem aufgebrochen wäre. Beim Überqueren des Meeres aber von Sizilien nach Thessalonike geriet er mit vielen anderen mitten in einen sehr schweren Sturm. Dieser ergriff das Schiff und warf es an eine Insel oder Felsen, wo ein Diener Gottes sich als Einsiedler aufhielt: Dort wartete der vorgenannte Mann darauf, dass sich das Meer beruhigen sollte und begann mit jenem Diener Gottes über vieles zu sprechen. Von dem Mann Gottes aber nach seiner Herkunft befragt, antwortete er, er sei ein Aquitanier. Dann hat der Mann Gottes eifrig geforscht, ob er ein Kloster Cluny und den dortigen Abt Odilo kennen würde. Jener antwortete, dass er beide gut kennen würde und wünschte zu wissen, weshalb er dieses wissen wollte. Der Einsiedler antwortete: »Ich sage Dir und Du sollst, was Du hörst, im Gedächtnis behalten. In unserer Nachbarschaft sind Orte, aus denen nach dem Ratschluss Gottes immer wieder schwere Feuer hervorbrechen, in denen die Seelen der Sünder auf bestimmte Zeit festgesetzt sind. Es sind aber zur immerwährenden Erneuerung ihrer Qualen eine Menge Dämonen abgeordnet, die ihre Strafe von Tag zu Tag erneuern und sie müssen mehr und mehr unerträgliche Schmerzen ertragen. Ich habe sie öfters klagen gehört und sie klagen nicht wenig, damit sie durch die Gebete und Almosen für die Armen erlöst werden, die an vielen Heiligtümern von den Mönchen gemacht werden, um die verdammten Seelen durch Gottes Mitleid von ihren Strafen zu befreien. Unter den Klagen sei aber am meisten jene Kongregation in Cluny und deren Abt genannt worden. Deshalb bitte ich Dich bei Gott, wenn Du glücklich zu den Deinen zurückkehrst, dass Du alles, was Du von mir gehört hast, der genannten Kongregation bekannt machst und von mir berichtest, damit sie desto mehr im Gebet, in Nachtwachen und Almosen für die Erlösung der bestraften Seelen tun, damit die Freude im Himmel vermehrt werde und der Teufel mit Trauer gestraft sei«. Nachdem der vorgenannte Mann nach Hause zurückgekehrt war, bemühte er sich, wie befohlen, alles dem hl. Vater (gemeint ist der Abt Odilo) und den Brüdern zu melden. Nachdem diese alles gehört hatten, wurden sie von großer Herzensfreude ergriffen. Sie sagten dem Herrn Dank und vermehrten ihre Gebete und ebenso die Almosen und bemühten sich eifrig weiter um die Ruhe der Verstorbenen. Bei dieser Gelegenheit legte der hl. Vater (Abt Odilo) durch einen allgemeinen Beschluss seiner Klöster fest, dass wie zu Beginn des Monats November das Fest Allerheiligen gefeiert würde, so auch am folgenden Tag eine allgemeine Memoria für den Frieden aller Seelen gehalten werden sollte; es sollten privat und öffentlich Messen mit Psalmen und Almosen gefeiert und den Armen reiche Almosen gespendet werden. [...]


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