Zeitschrift

Jahrtausendwende



B

2. a) Zeichen der Zeit -
        die Mission im Osten
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Inhaltsverzeichnis   



Von Uta Spellenberg

Die Ausbreitung des Evangeliums gemäß dem im Neuen Testament überlieferten Missionsauftrag Christi war zugleich ein Hinarbeiten auf die Wiederkehr des Herrn am Jüngsten Tage. Unter diesem Aspekt erhält die Slawenmission, die gerade in der Zeit um das Jahr 1000 sehr intensiv betrieben wurde, eine endzeitliche Dimension. Außerdem waren für die damalige Zeit ganz selbstverständlich politische Zielsetzungen mit der Mission verbunden.

Mission und Endzeit

Schon im Neuen Testament war die Vorstellung von der gelungenen Bekehrung der Völker mit dem Eintreten der Endzeit verknüpft (Matthäus 24,14: »Und es wird gepredigt werden das Evangelium vom Reich in der ganzen Welt zum Zeugnis für alle Völker und dann wird das Ende kommen.«)

Wenn sich die Missionare bei ihrem Vorgehen dieser Stelle aus dem Matthäusevangelium bewusst waren, und davon dürfen wir ausgehen, musste sie die Erwartung begleiten, dass das Gelingen ihres Bekehrungswerkes das Weltende näher rücken ließ.

Die gesteigerte Beschäftigung mit Überlegungen über die Endzeit um das Jahr 1000 könnte umgekehrt auch den Einsatz für die Mission voran getrieben haben. Rückschläge oder gar vollständiges Scheitern müssen daher Verwirrung und Ratlosigkeit ausgelöst haben und in einer endzeitlichen Dimension gesehen worden sein: Jeder, der der Verkündigung des Evangeliums im Wege stand, verhinderte das Kommen des Reiches Gottes. Dieses verwerfliche Tun wurde als Gottfeindlichkeit ausgelegt und mit dem Vorwurf der Ketzerei verbunden. So zeigt es eine um das Jahr 1000 entstandene Miniatur (M1): Ketzer, unter die von manchen auch die Juden gerechnet wurden, verschließen sich in Abwehrhaltung (rechte Bildhälfte) der Verkündigung und halten sich die Ohren zu (linke Bildhälfte), um zu verhindern, dass die Botschaft des Evangeliums, das man ihnen verkündete, sie erreiche.

Dass Mission und Verhinderung des Missionserfolges unter diesen Aspekten betrachtet wurden, zeigt auch die Überlieferung zum Liutizenaufstand von 983, durch den die Erfolge der von Magdeburg ausgehenden Slawenmission weitgehend zunichte gemacht worden waren. Thietmar von Merseburg (975-1018) berichtet darüber im VIII. Kapitel seiner Chronik (vgl. M2,M3 ,M5b ).

Der Chronist Thietmar von Merseburg lebte von 975 bis 1018. Er kannte die Welt der Sachsen und Slawen aus eigener genauer Beobachtung und aus den Berichten der Zeitgenossen. Seine Berichte stellen die Welt der Slawen um das Jahr 1000 anschaulich dar. Zwar wendet sich Thietmar gegen eine endzeitliche Deutung des Liutizenaufstandes, aber seine Gegenargumentation zeigt, wie sehr diese Erhebung als Zeichen für das unmittelbar bevorstehende Kommen des Antichrist gedeutet wurde (M2). Diese Auslegung ist wohl auch für ihn der Anlass gewesen, sich im Umfeld des Aufstandes mit weiteren Zeichen, die auf ein nahe bevorstehendes Ende verwiesen, zu beschäftigen. In der Bevölkerung weckten unerklärliche Naturerscheinungen und beunruhigende Gefährdungen durch giftige Pilze und wilde Tiere den Gedanken an ein rasch eintretendes Weltende (M3). Thietmar weist solche Vorstellungen allerdings zurück.

Die Völker der Slawen

In der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts beschrieb Helmold von Bosau die Welt der Slawen, wie sie ihm von Holstein aus bekannt war (vgl. M4). Er nennt im Wesentlichen die Stämme und Namen, die in späteren Staaten noch fortleben. Dabei bezog er die Ungarn mit ein. In seiner Darstellung fehlen die Slawen zwischen Ostsee und Elbe. Sie hatten kleinräumige Stammesorganisationen beibehalten und begegnen uns mit den Namen Abodriten, Wilzen, Liutizen, Lausitzer, Sorben, Heveller; teils haben sie sich als Namen einer Sprache oder Provinz bis heute erhalten (Havel, Sorben, Lausitz). Sie treten in dem Augenblick ins Blickfeld, wo sie sich bis auf Sorben, Lausitzer und Abodriten zu einer Kampfgemeinschaft gegen die Ausdehnung der ottonischen Herrschaft zusammenschlossen. Mit dem erwähnten Liutizenaufstand (vgl. M2 , M3 , M5b) hatten sie sich erfolgreich dem ottonischen Reich entzogen: Es verlor nach diesem großen Slawenaufstand das ostelbische Gebiet.

Die Mission bei den Slawen

Man darf sich die christliche Mission seit dem 6. und 7. Jahrhundert nicht als eine straff geleitete Unternehmung vorstellen. Sie entwickelte sich aus Einzelinitiativen kleinen Umfangs und war stets gefährdet. Kleinheit und Bedrohung bestätigt ein besonders wertvolles, urkundlich abgesichertes Zeugnis, ein Bauüberrest der Zeit um das Jahr 1000, aus dem Umfeld der Missionsbemühungen des Bischofs Wolfgang von Regensburg um die Slawen stammend: Die zwischen 993 und 994 in seinem Auftrag errichtete und von ihm dem hl. Ulrich geweihte Kirche, das sog. Wieselburger Oktogon M6a , M6b und M6c. Auf einem mit Kreuzarmen versehenen quadratischen Unterbau von nur 8,7 m Seitenlänge erhebt sich ein gewölbter 8eckiger Bau, der eine Höhe von 13,5 m erreicht. Erhalten ist etwa die Hälfte dieses Bauwerks; es dient heute als Seitenkapelle der Ortskirche von Wieselburg (Niederösterreich).

Der 8eck-Raum weist auf die Funktion als Taufkirche hin; das Patrozinium des hl. Ulrich erinnert an die Abwehr der Ungarneinfälle (Lechfeldschlacht 955), die von den Zeitgenossen als endzeitliches Zeichen interpretiert worden waren. Trotz seiner Kleinheit muß dieser Sakralbau wegen der Steinbauweise für die Menschen im Missionsgebiet sehr eindrucksvoll gewesen sein.

Auf die stete Bedrohung weist hin, daß sich diese Kirche inmitten einer befestigten Anlage (in der Schenkungsurkunde Ottos II. als castellum bezeichnet) befand, die sich auf einem Geländesporn über dem Zusammenfluß der Großen und der Kleinen Erlauf nahe ihrer Mündung in die Donau erhob.

Um die Neugründungen im kaum christianisierten Land zu sichern, begannen die Missionare schon früh, sich an die weltliche Gewalt anzulehen. Damit entstand eine christliche Mission, bei der sich Eroberung und Befriedung durch den christlichen Herrscher einerseits und der Aufbau einer kirchlichen Organisation andererseits ineinander verwoben.

Erhebliche Schwierigkeiten bereitete der Mission von Anfang an die Umsetzung der christlichen Lehre in die Sprache von Völkern, deren religiöse Vorstellungen eng mit dem Stammesdenken verschmolzen, so daß universal religiöse Denkformen ihnen fremd waren.

Missionsversuche

Der erste historisch belegte Przemyslide Boriwoj I. wurde im Großmährischen Reich 885 von Methodios getauft. Boriwojs Frau Ludmilla erzog ihren Enkel, den späteren König Wenzel, im christlichen Glauben, dessen Mutter und Bruder jedoch blieben heidnisch. Ludmilla (902) und Wenzel (935) fanden einen gewaltsamen Tod, und noch die Ermordung der Brüder des Hl. Adalbert von Prag 995 zeigt, dass die Christianisierung den Kämpfen um die zentrale Macht in Böhmen nachgeordnet blieb.

Kirchlich gehörte Böhmen zunächst zum Bistum Regensburg. Ein eigenes Prager Bistum wurde dann 973 unter dem Erzbistum Mainz gegründet. Gegen den Willen seiner Domherren trat Bischof Wolfgang von Regensburg weite östliche Missionsgebiete an Prag ab, was »den Tschechen Sprache und Volkstum gerettet« (Dopsch) hat.

Sächsische und polnische Interessen überschnitten sich zwischen Elbe und Oder. In Polen anerkannte Fürst Mieszko I. (960-992) die Tributhoheit Kaiser Ottos I. in einem Teil seines Landes, ließ sich 966 taufen und förderte seinerseits die Mission mit der Gründung der Burg Posen, wo auch die erste christliche Kapelle und ein Dom entstanden und 968 der erste polnische Bischof Jordan residierte. Die Gründung des Erzbistums Gnesen (1000) als selbstständige polnische Kirchenprovinz zeigt die rasche Eingliederung in die lateinische Kirche.

Nach der Niederlage auf dem Lechfeld (955) mussten die ungarischen Großfürsten, die Arpaden, ihre Herrschaft zwischen Byzanz und dem ostfränkischen Reich festigen. In Byzanz hatte sich ein Vertreter des Fürstenhauses namens Gyula 952 taufen lassen und einen ostkirchlichen Missionsbischof zu den Ungarn gebracht. Die christliche Tochter dieses Gyula wurde die Frau des arpadischen Herrschers Geza. Noch 972 scheiterte die römisch-katholische Mission des Hl. Wolfgang, doch wandte sich Geza wohl aus politischen Gründen Otto I. zu, indem er eine Gesandtschaft nach Quedlinburg schickte und die vom Kaiser geforderte Ungarn-Mission durch das Bistum Passau unterstützte. Gezas Sohn wurde auf den Namen des Patrons von Passau, Stephan, getauft und heiratete Gisela, die Schwester des späteren Kaisers Heinrich II. Nach Thietmar von Merseburg war es die Gründung des Erzbistums Gran 1001, die Kaiser Otto III. veranlasste, Stephans Krönung zum König durch den Papst anzuregen.

Anders als bei Polen, Böhmen und Ungarn hatte sich bis zum Jahr 1000 bei den Elbslawen keine deutliche zentrale politische Herrschaft herausgebildet. Die Bistumsgründungen der Ottonen lassen aber erkennen, wie sich die sächsischen Herrscher die Festigung ihrer Machtstellung in den unsicheren Gebieten östlich der Elbe dachten.

Schon 937 gründete der deutsche König Otto I. in Magdeburg an der Elbe ein Kloster. Die Bistümer Brandenburg und Havelberg waren dem Erzbistum Hamburg unterstellt, 968 erklärte der Papst Magdeburg zur Metropolitan-Kirche, der die Bistümer Meißen und Zeitz nachgeordnet waren.

In den durch den großen Slawenaufstand 983 (vgl. M5b) dem Reich verloren gegangenen ostelbischen Gebieten hielt sich bis ins 12. Jahrhundert die heidnisch-slawische Herrschaft.

Liest man den Bericht von Thietmar von Merseburg über die Auseinandersetzungen zwischen Sachsen und Liutizen, so fällt zunächst seine Empörung über die heidnischen Sitten auf, was bei einem Geistlichen zu erwarten war (M5a). Thietmar beschreibt aber auch eine Form der politischen Organisation ohne zentrale Gewalt, für die persönliche Macht und zentrale Konzentration sehr fremd erschienen sein müssen. Auch im Widerstand der Slawen gegen die Mission verschmolzen religiöse und politische Motive.

Die Slawenmission der Ostkirche: Angesichts des möglichen Endes entsteht Neues

Häufig gilt das Werk der beiden Brüder Konstantin (=Kyrill) und Methodios schlechthin als »Slawenmission«. Konstantin hatte für die Mission in Makedonien eigens ein Alphabet für die slawischen Sprachen (auf der Grundlage eines makedonischen Dialekts) entwickelt und damit die schriftliche Überlieferung in der Volkssprache zur Grundlage einer eigenen slawischen Selbstbehauptung gemacht. In der Salzburger Bekehrungsgeschichte heißt es dazu:

»In gleicher Weise setzte (Erzbischof) Adalwin [...] den Erzpriester Rihpald ein. Dieser lebte dort (in Mosapurc) lange Zeit, übte sein Amt mit Machtbefugnis aus, wie es ihm sein Erzbischof erlaubt hatte, solange bis ein Grieche namens Methodios mit neu erfundenen Buchstaben daherkam und die lateinische Sprache, die römische Lehre und die authentische Liturgie in den Augen des ganzen Volkes nach Philosophenart herabsetzten, und zwar bezüglich der Messe, der Verkündigung des Evangeliums und des Kirchendienstes derjenigen, die das alles auf lateinische gefeiert hatten. Das konnte Rihpald nicht ertragen und kehrte zum Bischofssitz Salzburg zurück«. (Zit. nach: Dopsch, S. 64)

Bei den Missionsversuchen misslang ihr Ziel, eine eigene Kirchenorganisation aufzubauen. Byzanz verweigerte sie in Mähren, der Papst in Bulgarien (Bulgarien wandte sich nach 870 endgültig der byzantinischen Kirche zu). Die beiden Slawenapostel, die Mähren zunächst der byzantinischen Kirche unterstellen wollten, wandten sich nach politischen Veränderungen in Byzanz an die römische Kirche. Kyrill starb bald danach, Methodios erhielt vom Papst Nikolaus I. den Auftrag, Slawen in Pannonien zu missionieren.

Seine erfolgreiche Arbeit brach ab, als seine Schüler aus dem großmährischen Reich vertrieben wurden, der römische Papst die slawische Liturgie untersagte und dann Pannonien in den Kämpfen mit Ungarn verloren ging.

Trotzdem hat die Arbeit der Slawenapostel der künftigen Herausbildung slawischer Territorien den Weg bereitet.

Dreierlei tritt in beiden Slawenmissionen hervor:

- Eine einheimische Fürstenfamilie wird für das Christentum gewonnen. Die Mission kann damit beginnen, was anhaltenden Widerstand - aus religiös-kulturellen und politischen Gründen - nicht ausschließt.

- Die Missionsarbeit stützt sich auf die politische Eingliederung in den jeweiligen Herrschaftsbereich.

- Die Rivalität zwischen Byzanz und Rom (östlichem und westlichem Christentum) erschwert die Mission.

Literaturhinweis:

Heinz Dopsch: St. Peter als Zentrum der Slawenmission. In: Katalog zur 3. Landesausstellung 1982: Das älteste Kloster im deutschen Sprachraum St. Peter in Salzburg, S. 60-67.


Materialien

M1 Menschen, die sich weigern, das Wort Gottes zu hören

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Aus: De Universo von Hrabanus Maurus. Abtei Montecassino
Photo: Dagli Orti, Paris


M2 Bewertung des Liutizenaufstands

Sobald mein Magdeburger Mitbruder Bernhard, der ehemalige Bischof dieses abtrünnigen Volkes, davon Kunde bekam, versäumte er nichts, unseren Kaiser zu unterrichten: nicht um seines weltlichen Verlustes willen, sondern vielmehr in tiefem, geistlichem Schmerz. Der Caesar war von dieser Botschaft äußerst betroffen, vertagte aber seinen Bescheid in dieser Sache auf Ostern, um das Netz der unseligen Verschwörung wohlbedacht zunichte zu machen. Möge der allmächtige Gott seinen Entschluss und heilsamen Plan fördern! Keines Gläubigen Herz braucht wegen eines solchen Unglücks zu verzweifeln oder zu meinen, der Tag des Gerichts stehe bevor; denn davon kann nach den wahrhaftigen Lehren des Paulus vor dem Abfalle und dem unheilvollen Erscheinen des Antichrist keine Rede sein; auch darf keine plötzliche Unruhe unter den Verehrern Christi entstehen, denn ihre größte Stärke soll ja in ihrer Einmütigkeit liegen. Mögen die unterschiedlich gearteten Sterblichen und ihre mannigfaltig verschiedenen Sitten schwanken, soviel sie wollen: Jeder Mensch ist wie eine Blume des Feldes, und er muss durch die Mutter Kirche erst wiedergeboren werden zur Schuldlosigkeit unseres Erlösers Christus. Selbst wenn man überall von Frieden, Sicherheit und Ruhe spricht, müssen wir in Furcht sein vor unvorhergesehenem Unglück. Das mahnt uns zu ständiger Vorsicht und Wachsamkeit, denn wir sind der Zukunft niemals gewiss, und unserer Schwachheit fehlt die Dauer. Doch Keiner soll am Kommen des Jüngsten Tages zweifeln oder sein baldiges Erscheinen herbeisehnen, denn schrecklich ist er schon für die Gerechten, viel furchtbarer aber für alle Strafwürdigen.

Aus: Thietmar von Merseburg, Chronik VIII, 6.

In: Ausgewählte Quellen zur deutschen Geschichte des Mittelalters. Freiherr vom Stein-Gedächtnisausgabe. Hrsg. von Rudolf Buchner. Bd. IX, Wiss. Buchges. Darmstadt 1966, S. 447


M3 Thietmar über Zeichen der Zeit

Wundre Dich nicht über ein solches Unglück, lieber Leser [...].

In diesen Tagen aßen in meinem Bistum 7 Knechte giftige Pilze und fanden schnell durch zehrendes Fieber den Tod. - Im Monat August erschien ein neuer Stern neben dem Wagen und schreckte durch sein Leuchten aus der Ferne alle, die es sahen. War doch niemals, solange wir denken können, etwas Ähnliches geschehen; deshalb erschraken alle darüber. Die Menge fürchtet seine böse Vorbedeutung, das Häuflein der Gläubigen aber hofft auf einen barmherzigen Ausgang. Von einer ähnlichen Erscheinung spricht der Wahrheitskünder Jeremias: »Der Allwissende kennt es; in seiner Weisheit hat er darüber befunden.« Dieser leuchtende Stern blieb länger als 14 Tage sichtbar. - Im Nordthüringgau fügten drei ständig zusammenhaltende Wölfe, wie sie die Einwohner zuvor niemals gesehen hatten, vielen Menschen und dem Vieh maßlosen Schaden zu. Auch das erschreckte die ganze Bevölkerung sehr und weckte Besorgnis vor kommendem, größerem Unheil. Sagt doch der selige Gregor: »Viel Schlimmes muss zuvor geschehen, um das Nahen der Unendlichkeit anzukünden.« Alles eben genannte enthüllt uns von oben her den Zorn des Himmels. [...]

Aus: Thietmar von Merseburg, Chronik VIII, 28/29.

In: Quellen, S. 471


M4 Zur Geschichte der Slawen

Die Slawen also bestehen aus vielen Stämmen; sie wohnen am Ufer der Ostsee. Deren Bogen erstreckt sich vom westlichen Ozean nach Osten. »Balthicus« wird sie deshalb genannt, weil sie in langem Zuge wie ein Gürtel durch die Gebiete der Scythen bis nach Griechenland reicht; nach den wilden Völkern, deren Gebiet sie umspült, heißt sie auch Barbarenmeer oder Scythensee. Dieses Meer umwohnen viele Völker; und zwar haben die Dänen und Schweden, welche wir Nordmannen nennen, den nördlichen Strand und alle Inseln inne. Den südlichen dagegen bebauen die Völker der Slawen; das erste von Osten sind die Russen, es folgen die Polen, welche im Norden von den Preußen, im Süden von den Böhmen, den sogenannten Mährern oder Kärntnern und den Serben umgeben sind. Fügt man noch Ungarn dem Slawenlande zu, wie manche wollen, weil es weder nach Sitte noch Sprache abweicht, dann vergrößert sich die Ausbreitung der slawischen Sprache soweit, dass es fast unvorstellbar ist.

Außer den Preußen bezeichnet man alle diese Nationen ehrend als Christen. Lange liegt die Zeit zurück, seit der etwa Russland christlich ist. Die Dänen nennen es Ostrogard, weil es im Osten liegt und von allen Schätzen überfließt. Ferner wird es Chunigard geheißen, weil dort ursprünglich der Hunnen Wohnsitz gewesen sein soll. Seine Hauptstadt ist Kiew. Von welchen Lehrern (die Russen) bekehrt wurden, ist mir gänzlich unbekannt; doch scheinen mehr die Griechen als die Lateiner in ihren Kulthandlungen nachgeahmt zu werden, denn das russische Meer führt über geringe Entfernung nach Griechenland.

Aus: Helmold von Bosau, Slawenchronik. In: Ausgewählte Quellen, Bd. XIX, S. 35-36 (Mitte 12. Jh.)


M5a Thietmar über das Volk der Liutizen

Am Tage, bevor man die Oder erreichte, stießen dann, von ihren Götterbildern angeführt, die Liutizen zu uns.

Über sie zu berichten ist mir ein Greuel; doch musst Du, lieber Leser, den eitlen Aberglauben und noch sinnloseren Kult dieses Volkes kennen; ich will deshalb kurz erklären, wer sie sind und woher sie kommen.

Im Redariergau liegt die dreieckige und dreitorige Burg Riedegost, rings umgeben von einem großem, für die Einwohner unverletzlich heiligen Walde.[...]

Nicht steht über allen, die zusammen Liutizen heißen, ein besonderer Herrscher. Wenn sie in ihrer Volksversammlung Fragen erörtern, müssen alle einmütig der Ausführung eines Unternehmens zustimmen. Widerspricht ein Landsmann in der Volksversammlung solchen Beschlüssen, dann erhält er Stockschläge, und wenn er gar außerhalb sich offen widersetzt, verliert er entweder sein Hab und Gut durch Einäscherung und völlige Verwüstung oder büßt vor der Versammlung je nach seinem Range durch eine bestimmte Geldsumme. Von anderen verlangen diese ungläubigen und unzuverlässigen Leute Stetigkeit und hohe Verlässlichkeit. Frieden schließen sie durch Abscheren des obersten Haupthaars, durch Gras1 und Handschlag. Zum Friedensbruch aber lassen sie sich leicht durch Geld bewegen.

1 Rasenbüschel händigte man als Zeichen der Übergabe von Land aus.

M5b Thietmar über den Liutizenaufstand 983

Völker, die nach Annahme des Christentums unseren Königen und Kaisern zu Tribut und Diensten verpflichtet waren, griffen, bedrückt durch die Überheblichkeit Herzog Dietrichs, in einmütigem Entschluss zu den Waffen. Schon vorher wurde es meinem Vater, Graf Siegfried, offenbart: Er sah nämlich im Traume den Himmel dicht mit Wolken bezogen und hörte auf seine staunende Frage, was das zu bedeuten habe, eine Stimme sagen: »Jetzt soll sich die Weissagung erfüllen: Gott lässt regnen über Gerechte und Ungerechte«. - Die Schandtaten begannen am 29. Juni mit der Ermordung der Besatzung von Havelberg und der Zerstörung des dortigen Bischofssitzes. Drei Tage später überfiel beim Läuten der Prim ein Haufe slawischer Empörer das 30 Jahre vor Magdeburg errichtete Bistum Brandenburg; sein dritter Bischof Folkmar hatte zuvor fliehen können, während an diesem Tage sein Schirmer Dietrich mit seinen Kriegern nur mit Mühe entkam. Die dortigen Priester wurden gefangen. Dodilo, der zweite Bischof des Ortes, der von den Seinen erdrosselt nun schon drei Jahre im Grabe lag, aus seiner Gruft gerissen; seine Leiche und sein Bischofsornat waren noch unversehrt; die habgierigen Hunde plünderten sie aus und warfen sie dann achtlos zurück. Alle Kostbarkeiten der Kirche wurden geraubt und das Blut Vieler elendiglich vergossen. An Stelle Christi und seines Fischers, des hochwürdigsten Petrus, wurden fortan verschiedene Kulte teuflischen Aberglaubens gefeiert; und nicht nur Heiden, sondern auch Chris-ten lobten diese traurige Wendung!

Aus: Thietmar von Merseburg, Chronik VI, 23 und 25, und Chronik III, 17. In: Quellen, S. 287 f., 269 f. und S. 105



M6 Das Wieselburger Oktogon

M6a

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Blick in den quadratischen Sockelbereich, wo heute wieder ein Altar steht. Die Reste der Inschriften – TAURUS (= Stier) und AQUILA (=Adler) – weisen auf die sog. Evangelistensymbole hin, die rechts und links des Altares in Medaillons angebracht waren.

M6b

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Detail aus M6a; selbst in der weitgehenden Zerstörung zeigen die Fresken immer noch den künstlerischen Aufwand für den repräsentativen Bau an der Ostgrenze der Mission.

M6c

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Blick in den 8eck-Bereich und das Gewölbe. Hier zeigten die Medaillons Engel sowie Motive der Seligpreisungen aus der Bergpredigt. Im Gewölbe war der Pantokrator (= Christus als Weltenherrscher) zu sehen, ein Motiv, das an die Wiederkehr des Herrn am Ende der Zeiten erinnert.

Alle Photos: Maria Würfel, Schwäb. Gmünd


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