Zeitschrift

Jahrtausendwende



B

3. Bilder der Welt
Das große Weltgericht am Jüngsten Tag - Visionen in Bildern aus der Zeit der ersten Jahrtausendwende  -  Materialien


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Inhaltsverzeichnis   



Von Peter Spranger

In den Darstellungen des Weltgerichts lässt sich in der kritischen Zeit der Wende vom 10. zum 11. Jahrhundert zunehmende Erzählfreude feststellen - vor allem, wenn es um das Schicksal der Verdammten geht. Deutung und Vergleich zweier Darstellungen, die in kurzem zeitlichem Abstand geschaffen wurden, führen in den Bilderreichtum der Apokalypse-Darstellungen der ersten Jahrtausendwende ein.

In einem für einen breiten Leserkreis geschriebenen Buch führt der französische Historiker Georges Duby ein interessantes Gespräch mit zwei Journalisten. Es geht um ein aktuelles Thema: Unseren Ängsten auf der Spur - Vom Mittelalter zum Jahr 2000. Verglichen werden - heute und damals - die Angst vor der Not, die Angst vor dem Anderen, die Angst vor Seuchen, die Angst vor Gewalt, die Angst vor dem Jenseits. Diesen letzten Punkt aufgreifend, fragt einer der Journalisten: »Augenblicklich lässt sich eine diffuse Zukunftsangst beobachten, die sich beispielsweise darin niederschlägt, dass so viele Menschen Wahrsager und Magier konsultieren. Gab es diese Angst schon im Mittelalter?« Antwort des Historikers: »Es gab eine Erwartung, die des Weltendes. Ein Tag wird der letzte sein, der Jüngste Tag. Dann wird eine unvorstellbare, eine ewige und unendliche Zeit anbrechen. Was aber die Menschen damals meiner Ansicht nach noch mehr fürchteten, war das Gericht, die Strafe im Jenseits. Man muss sich nur die auf uns gekommene mittelalterliche Kunst ansehen - und staunt, welche Rolle die Darstellungen der Höllenqualen spielen.« (Duby 1996, 128).

Hier soll es nicht um das Mittelalter als Ganzes gehen, sondern, so punktuell wie möglich, um die Zeit der ersten Jahrtausendwende. Und da ließen sich die Fragen der Journalisten weiterführen: Stand hinter den vielberedeten, mitunter grell überzeichneten terreurs de l'an mil1), den Schrecken und Ängsten des Jahres 1000, die größte aller Ängste, die Angst vor der Hölle? Und weiter, mehr ins Vordergründige gewendet: Darf man, wo nur wenige schriftliche Quellen vorhanden sind, vielleicht auch von Seiten der bildenden Künste Aufschluss in dieser Sache erwarten? Und eine letzte Frage angesichts der wenigen erhaltenen Kunstwerke aus jener frühen Zeit: Gibt es überhaupt eine Darstellung des letzten großen Gerichts am Jüngsten Tag aus der Zeit um die Jahrtausendwende?

Wir haben Glück, was diese letzte Frage betrifft. Unmittelbar in den Jahren nach der ersten Jahrtausendwende wurde auf der Bodensee-Insel Reichenau im Scriptorium des dortigen Klosters ein Kunstwerk von hohem Rang geschaffen, die sog. Bamberger Apokalypse, die noch in der Regierungszeit Kaiser Ottos III., d. h. in den Jahren 1001-1002 entstanden ist.

Thematische Vorgaben für den Künstler

Vorgezeichnet war das Thema in der im Alten Orient bereits in Ansätzen greifbaren Tradition urchristlicher Eschatologie (vgl. auch oben Kap. A.2.): Entscheidend vor allem die Verheißungen Jesu über seine Wiederkunft zum Gericht am Jüngsten Tag im Anschluss an die Evangelientexte bei Matthäus (Mt 24,29 ff., 25,31 ff.), Markus (Mk 13,24 ff.), Lukas (Lk 21,25 ff.), Johannes (Joh 5,21 ff.). Hinzu kommen die Visionen in der Offenbarung des Johannes (Offb 20,11 ff.) sowie die Visionen alttestamentlicher Propheten, auch Stellen aus Briefen des Paulus und den übrigen Briefen, schließlich eine Reihe apokrypher Texte. Auf Grund dieser breit gefächerten schriftlichen Tradition gilt für den Christen bis zum heutigen Tag der in den Konzilien von Nizäa (325) und Konstantinopel (381) festgelegte Glaubenssatz: »... und wird wiederkommen in Herrlichkeit, zu richten die Lebenden und die Toten: Seiner Herrschaft wird kein Ende sein.«

Die Frage liegt nahe: Wann wurde diese schwierige Thematik zum ersten Mal von der bildenden Kunst aufgegriffen?

Frühere Darstellungen des Weltgerichts

Ein erster Versuch, sich dem Thema zu nähern, findet sich auf einem römischen Sarkophagdeckel aus der Zeit um 300 n. Chr., heute im Metropolitan Museum/New York (M1). Dargestellt ist auf dem Hintergrund einer Baumlandschaft ein auf einem Lehrstuhl sitzender bartloser Mann, bekleidet mit einem faltenreichen Gewand. Zu seiner Rechten 8 Schafe, zu seiner Linken 5 Ziegenböcke - auffallend die Asymmetrie der Darstellung. Sein Blick gilt nur den strebsamen Schafen. Dem ersten legt er die rechte Hand freundlich aufs Haupt. Den eigenwilligen Böcken zur Linken gilt eine Geste der Abwehr. Es liegt nahe, die sitzende Gestalt, halb Hirte, halb philosophischer Lehrer, auf Christus zu beziehen, der im Anschluss an Mt 25,32 f. den Schafen und Böcken ihr verdientes Schicksal zuweist. Die Buchrollen zu Füßen des Sitzenden könnten dann verstanden werden im Sinn von Offb 20,21 als Buch des Lebens, in dem die guten und bösen Taten jedes einzelnen verzeichnet sind. Ist diese Interpretation richtig, so handelt es sich um einen frühen Versuch, den anspruchsvollen christlichen Inhalt mit den geläufigen künstlerischen Mitteln vorchristlicher Formsprache auszudrücken.

Von Weltgerichtsdarstellungen aus dem Bereich der Spätantike ist weniges erhalten, etwa ein kostbares Mosaikbild von S. Apollinare Nuovo in Ravenna inmitten eines Zyklus mit Szenen aus dem Leben und den Wundern Jesu (1. Hälfte 6. Jh.). Für genrehafte Züge, für Regungen des Gefühls oder gar für das Hässliche ist hier kein Raum. Auch die Böcke - ihre Zahl entspricht jetzt genau der Zahl der Schafe - fügen sich ein in die strengen Regeln eines höfischen Zeremoniells, das auch am Jüngsten Tag gelten soll.

Auffallend ist, dass in frühchristlicher Zeit und noch in der Spätantike das Thema Endgericht nur selten von den bildenden Künsten aufgenommen wurde, wie überhaupt die Verbildlichung von Gut und Böse im griechisch-römischen Denken nur eine untergeordnete Rolle gespielt hat. Allmählich aber findet ein tiefgreifender Wandel statt. Das Hirtenmotiv und damit die allegorisch-symbolische Darstellungsweise der frühchristlichen Zeit tritt in den Hintergrund. Neue Inhalte, die sich auf andere Bibelstellen stützen, ergänzen die Bilderwelt. Vor allem fordert auch das Böse breiteren Raum in ganz naiv-konkreter Darstellung. Dank dieser neuen Perspektiven wird es möglich sein, auch auf großen Wänden thematisch vielseitige monumentale Weltgerichtsbilder zu schaffen. Ein frühes Werk dieser Art vom Anfang des 9. Jahrhunderts findet sich in Müstair/Graubünden. Andere Weltgerichtsdarstellungen, zwischen dem 8. bis 10. Jahrhundert als eigenständiger Typus ausgeformt, begegnen im byzantinisch geprägten Osten. Nicht mehr erhalten ist das große Weltgerichtsbild von St. Gallen (um 830) und ein »schreckliches« Altartuch oder liturgisches Gewand (vestis terribilis) des Benediktinerklosters Farfa nordöstlich von Rom. Von diesem gestickten Weltgerichtsbild heißt es: »... Wer immer es sah, wurde sogleich von unglaublicher Furcht und zutiefst von Angst erfüllt, so dass er mehrere Tage lang nicht ohne Gedanken an den Tod sein konnte.«2

Aufgegriffen wurde das Thema auch von der Kleinkunst, auf Elfenbeintafeln, in illustrierten Psaltern und vor allem in bildgeschmückten Texten und Kommentaren der Apokalypse. Unter ihnen kommt der erwähnten Bamberger Apokalypse schon insofern ein besonderer Rang zu, als sich dort das älteste Weltgerichtsbild unseres Jahrtausends findet. Ihm soll im Folgenden unser besonderes Augenmerk gelten. Zunächst jedoch einige

Hinweise zur Unterrichtspraxis 3

Sinnvolle fachübergreifende Einsatzmöglichkeiten des zu vergleichenden bzw. auf angemessener Ebene zu interpretierenden Bildmaterials sind in diesem Fall für sämtliche Altersstufen gegeben; betroffen sind vor allem die Fächer Geschichte, Religion und Bildende Kunst. Es empfiehlt sich, das notwendige Grundwissen mindestens anhand von Mt 24, 29 ff., 25, 31 ff. sicherzustellen; bei eingehender Beschäftigung bieten sich Arbeitsaufträge an. Auch andere bildliche Darstellungen (möglicherweise heimatkundliche Beobachtungen) zum Thema »Jüngstes Gericht« lassen sich zum Vergleich heranziehen. Zum Transfer 1000/2000: Beim Vergleich damaliger und heutiger Erwartungen und Ängste ist die Bedeutung der Religion als verstärkendes psychagogisches Moment nicht zu verkennen, gerade auch im Hinblick auf die damals überwiegend jenseitsbezogene, heute vorwiegend diesseitsorientierte Betrachtungsweise (dazu ausführlich: Kap. A. 1.).

Das Weltgerichtsbild der Bamberger Apokalypse

Mit seinen 66 dicht gedrängten, aber in deutliche Gruppen gegliederten Gestalten ist dieses Bild (fol. 53r; 29,5 x 20,4 cm; vgl. M2) das bei weitem figurenreichste des ganzen Zyklus. Zwar ist die Szene in drei übersichtliche Schichten aufgebaut, doch wird eine Gliederung in straffgezogene horizontale Streifen vermieden.

Vor goldenem Hintergrund auf erhöhtem Sitz thront Christus der Richter. Er allein ist dem Betrachter frontal zugewandt und übertrifft alle anderen an Größe. Die weit geöffneten Augen blicken in die Ferne. Mit seiner ausgestreckten Linken lädt er die Menschheit zum Gericht. Seine Rechte umfasst ein großes, schmuckloses, wie es scheint schwereloses Kreuz: das Zeichen des Menschensohnes, Leidenszeichen und Siegeszeichen zugleich und Zeichen des Heils für die Menschheit. Der einst Gekreuzigte kommt jetzt als Richter; sein eigenes Leiden hat ihn dazu legitimiert. Zu seiner Rechten und Linken in der oberen Region jeweils vier Engel, die äußersten mit Posaunen, die anderen im Gebetsgestus, alle dem Richter zugewandt. Darunter in der zweiten Zone die zwölf Apostel als Beisitzer des Gerichts (Mt 19, 28, Offb 20, 4), teilweise mit Büchern und Schriftrollen in den Händen, allen voran Petrus mit den Himmelsschlüsseln (Mt 16, 19), auch sie ohne Ausnahme dem Richter zugekehrt.

Die untere Zone, teilweise vor graugrünem Hintergrund, gilt den kleiner gestalteten Menschen. Unruhe herrscht hier und höchste Spannung. Im Vordergrund entsteigen die zu ewigem Leben Erweckten aus eng gedrängten Sarkophagen, lauter Männer, alle bekleidet und, nach ihren ausfahrenden Handbewegungen zu schließen, in gespanntester Erwartung ihres künftigen Schicksals, das ihnen von zwei gewaltigen Engeln mit ausgebreiteten Schriftrollen verkündet wird. Darauf zu lesen sind die unwiderruflich entscheidenden Worte des Richters: Venite benedic(ti) patr(is) mei (kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters) und: Dis(cedite) a me maledicti in igne(m) et(ernum) (weichet von mir, ihr Verfluchten, ins ewige Feuer). Zwei Engel mit Posaunen begleiten den Schicksalsspruch.

Die beiden hochrangigen Kleriker mit dem Pallium über der violetten Kasel (lat. = liturg. Messgewand) sind wohl als Märtyrer bzw. Bewährte im Sinn von Offb 20, 4 mit der Funktion von Fürsprechern zu deuten.

Ein junger Adeliger in rotem standesgemäß kurzem Mantel führt die Gruppe der Seligen an. Während hier die Blicke aller vertrauensvoll nach oben gerichtet sind, oft begleitet von betend erhobenen Händen, haben sich auf der Seite der Verdammten einige bereits abgewandt und zum Zeichen ihrer Verzweiflung die Hände kraftlos gesenkt oder an die Wange gelegt zum Gestus der Trauer. Einer im hinteren Glied ist als Kleriker, zwei sind als Frauen gekennzeichnet. Eine der Frauen ist völlig erstarrt, die andere scheint von Trauer und Mitleid bewegt. Ihr Mitgefühl gilt einem Gekrönten in goldverbrämtem Purpur. Er wendet den Kopf, um nicht sehenden Auges seinem Schicksal entgegen zu gehen: schon hat ihm ein nackter Teufel eine Kette um den Hals gelegt, mit der er ihn in den Abgrund ziehen wird. Dort kauert vor einer dunklen Höhle - Flammen sind angedeutet - eine struppige, dunkelhäutige, muskulöse, flügellose Gestalt: Satan, der Oberteufel, an Armen und Beinen gefesselt (vgl. Offb 20, 1-3 und bes. das apokryphe Nikodemus-Evangelium 6 (22)), ein übernommenes Bildelement byzantinischer Anastasis-(d. i. Auferstehungs-)Darstellungen. Als kompositorischer Gegenpol steht auf der anderen Seite Johannes der Seher. Auch er ist wie die Engel und Apostel durch einen Nimbus ausgezeichnet. Ihn hat der Anruf Gottes getroffen, seine Vision vom Weltgericht in Worte zu fassen.

Nur wenige Jahre später (1007-1012) ist in der Reichenauer Malerschule das Thema Weltgericht erneut bearbeitet worden, ob vom selben Künstler, ist nicht sicher. Es handelt sich um eine hochoffizielle Auftragsarbeit: um das von Kaiser Heinrich II. der neuerbauten Domkirche in Bamberg zugedachte Perikopenbuch, ein Evangeliar mit den im Verlauf des Kirchenjahres vorzutragenden Evangelientexten.

Zwei Weltgerichtsbilder im Vergleich

Im Folgenden soll auf Gemeinsamkeiten, vor allem aber auf Abweichungen vom zuvor beschriebenen Weltgerichtsbild der Bamberger Apokalypse hingewiesen werden (künftig abgekürzt: Apokalypse = A, Perikopenbuch = P).

Die beengten Raumverhältnisse von A werden in P dadurch vermieden, dass die Darstellung jetzt über zwei Seiten von außergewöhnlich großem Format (42,5 u 32 cm) auseinandergezogen wird: links die Auferstehung der Toten M3 auf fol. 201v, rechts das eigentliche Gericht M4 auf fol. 202r.

Zunächst zur Auferstehung M3. Hier sind ungeheure Kräfte am Werk, stärkere noch als in A. Der von vier gehörnten Winden ausgelöste Sturm wird verstärkt durch den Posaunenschall der hier konzentriert zur Mitte hin blasenden Engel und steigert sich zu einem Orkan, der die soeben noch Leblosen förmlich aus den Gräbern reißt (vgl. Ez 37, 7 ff., 1 Kor 15, 52). Wilde, zuckende Bewegungen erfüllen das Bild, ausgelöst von überwältigenden Erwartungen und Ängsten.

Auf dem eigentlichen Gerichtsbild M4 in P ist eine thematisch bedingte, jedoch bewusst stilisierte Einförmigkeit mit Tendenz zur Abstraktion nicht zu verkennen. Im Gegensatz zu A ist hier der obere Bereich vom unteren deutlich geschieden.

Wie die Engel und Apostel trägt auch Christus - abweichend von A - einen kreisförmigen Nimbus, Christus jedoch mit zusätzlichem Kreuzeszeichen. Auch hier hält er das große, auffallend schwerelose Passionskreuz. Die Zahl der Engel ist auf zwölf erhöht und damit der Zahl der Apostel angeglichen, was die einheitliche Ausrichtung auf den Weltenrichter unterstreicht. Einförmig auch die Bücher der Apostel. Auf die in A weit voneinander platzierten Tuba-Engel wird verzichtet; sie erscheinen in P konzentriert im Auferstehungsbild. Zwei gewaltige Engel im Mittelfeld, deren mächtige (ungleich große) Flügel nach oben zum Weltenrichter weisen, entrollen unbeschriebene Schriftbänder; der Text (vgl. S. 40 »Venite benedic(ti)...) wird als bekannt vorausgesetzt. Da in P auf den schwer deutbaren hochrangigen Kleriker von A auf der rechten Seite verzichtet wird (formal gesehen: in A ein wichtiges axial-symmetrisches Pendant), ergeben sich für beide Seiten Menschengruppen von jeweils fünfzehn Personen mit jeweils einem Gekrönten und zwei Frauen.

Einige neue Akzente setzt in P die Behandlung der Verdammten, um die sich zwei junge Teufel annehmen. Gebündelt zieht sie der eine mittels eines Krummstabs in den Abgrund. Nur der Gekrönte erhält Sonderbehandlung. Fast behutsam hat ihm der andere Jungteufel eine Kette um den Hals gelegt. Er braucht nur zu ziehen, dann ereilt auch den Gekrönten sein Geschick. Drastischer gibt sich in P auch der gefesselte Satan. Auf allen Vieren kriechend, kehrt er dem Beschauer sein Hinterteil zu. Nur die Teufel sind nackt. Eine kleine sitzende Gestalt im Vorfeld der Hölle ist wohl als Reicher Prasser zu deuten - auch hier eine byzantinische Reminiszenz. Sein dürstender Blick, unterstützt von einer entsprechenden Geste der Hand, ist im Anschluss an Lk 16, 23 auf Abraham und Lazarus in unerreichbarer Ferne gerichtet. Schließlich fehlt in P die Gestalt des Visionärs Johannes.

Eine erste Zwischenbilanz: Dem Maler/den Malern der beiden Weltgerichtsdarstellungen ging es nicht um Naturtreue und Realitätsnähe, sondern um die Herausarbeitung des religiös-geistigen Gehalts. Dieser Absicht dienen die unterschiedlichen Größenverhältnisse, auch die überdimensional großen Hände, die expressiv gesteigerten Bewegungen, der Verzicht auf ablenkendes Beiwerk, auf Tiefenräumlichkeit und plastisch gerundete Formen. Statt dessen unterstreichen kräftig gezogene Linien und bewusst gewählte Flächenhaftigkeit, auch sorgfältig eingesetzte Farbabstufungen die Aussagekraft der Bilder. Inhaltlich erhalten die beiden Darstellungen eine besondere Note durch das bewusst herausgestellte große Passionskreuz. Hier ist ein neuer theologischer Akzent gesetzt: der Gedanke, dass erst durch den Opfertod Christi am Kreuz die Erlösung der Menschheit ermöglicht wurde, ein Gedanke, der in der Folgezeit noch vertieft werden sollte.

Zunehmende Breitenwirkung

Man wird die schnelle Breitenwirkung der Reichenauer Illuminationen nicht überschätzen. Sie waren für den Gebrauch beim Gottesdienst, sonst aber für die Bibliothek bestimmt und folglich nur wenigen Klerikern zugänglich. Dass sie Anregungen für das theologische Gespräch und für die Predigt geboten haben, ist anzunehmen. Länger-fristig ist jedoch festzuhalten, dass das Thema Weltgericht von Künstlern der Reichenau-Schule wiederholt aufgenommen wurde, nunmehr auch für großflächige Darstellungen an Kirchenwänden. Erhalten geblieben sind zwei Beispiele aus dem süddeutschen Raum; das in die 2. Hälfte des 11. Jahrhunderts anzusetzende Weltgerichtsbild der St. Michaelskirche von Burgfelden bei Albstadt (mit mehrfacher Darstellung des apokalyptisch bedeutsamen Erzengels) und die Wiederkunft Christi zum Gericht (ohne Teufel) an der Ostwand der Michaelskapelle über der heutigen Vorhalle von St. Georg/Reichenau-Oberzell, unterschiedlich datiert von 1050 bis 1100. In beiden Fällen wird das Passionsthema mit neuen verstärkenden Akzenten versehen (das Passionskreuz wird zum Astkreuz, zum Kreuz mit »Wundmalen«; Christus entblößt seine Seitenwunde; Engel bringen die Leidenswerkzeuge; Maria als Fürsprecherin). Man darf wohl annehmen, dass sich die Verbindung von Gerichtsthematik und Leidensthematik besonders von der Reichenau aus nach vielen Richtungen ausgebreitet hat. Größte Verbreitung hat dieser Bildtypus im 12. Und 13. Jahrhundert dadurch erfahren, dass er für die Gerichtstympana französischer und dann vor allem auch deutscher Kirchen übernommen und ganz bewusst als Erziehungsmittel eingesetzt wurde, entsprechend der lehrhaft präzisierenden Feststellung des Kanonisten und Liturgikers Durandus von Mende (1230/31 - 1296): »Dargestellt wird das Paradies, damit es die Betrachter zu freudiger Erwartung auf Belohnung locke, die Hölle, damit sie durch die Furcht vor Strafe von Lastern abschrecke.«4 Dadurch erst hat sich die Weltgerichtsthematik in vollem Umfang der Menschen des Hoch- und Spätmittelalters bemächtigt.

Erwartungen und Ängste

»Wir können uns kaum mehr vorstellen, wie stark das Jüngste Gericht an den Kirchenportalen die Gemüter bewegt haben muss. Nicht ohne Furcht wurde der Blick zu diesen Szenen aufgeschlagen. Wenn der Gläubige vorüberging, dachte er daran, dass er selbst - vielleicht schon morgen - den Schall der Posaune hören würde, die er jetzt in dem zu seinen Häupten dargestellten Schauspiel gewahrte«, so Émile Mâle, einer der besten Kenner der französischen Kathedralen.5 Für die Jahre unmittelbar um die Jahrtausendwende sind keine Äußerungen überliefert, die von ganz persönlicher Betroffenheit beim Anblick eines Weltgerichtsbildes berichten. Doch sei hier an einige Zeugnisse aus früherer und aus wenig späterer Zeit erinnert, Stimmen, die alle in dieselbe Richtung weisen:

Um das Bewusstsein von Christi Wiederkunft am Jüngsten Tag nachhaltiger vor Augen führen zu können, hat schon im 7. Jahrhundert Abt Benedikt von Wearmouth von einer seiner Romreisen (678-681) Bildvorlagen für die Ausschmückung seiner Klosterkirche mitgebracht, Bilder, die sich u. a. auf Themen der Apokalypse bezogen. Be-absichtigt war, »dass alle, welche die Kirche betreten, auch die des Lesens Unkundigen ... die Entscheidung der letzten Prüfung (extremi discrimen examinis) gleichsam vor Augen, sich selbst um so strenger prüfen.«6

Große Rhetorik entfaltet ein unbekannter syrisch-palästinensischer Prediger aus dem letzten Drittel des 8. Jahrhunderts beim Anblick eines Weltgerichtsbildes: »Alsdann sage mir: wenn du in bildlicher Vergegenwärtigung die zweite Ankunft Christi, unseres Gottes, siehst, wie er in Herrlichkeit kommt, und die Myriaden von Engeln, die mit Furcht und Zittern vor seinem Throne stehen; den Feuerstrom, der von seinem Throne ausgeht, um die Übeltäter zu verschlingen; und wenn du dann weiter an seiner rechten Seite die Freude und Wonne der Gerechten erblickst, die vor dem Bräutigam mit Jauchzen stehen - sage mir: wes harten und unempfindlichen Sinnes und Herzens müsste der sein, dessen Herz vor dieser furchtbaren Stunde nicht erbebte; der nicht mit Fleiß die Bücher seiner Taten aufschlüge und seufzte und dessen Auge sich nicht mit Tränen füllten? Siehe, so spricht diese bildliche Gestaltung von den Werken der Frommen und den Taten der Gottlosen ...« (Migne PG 95, 324).

Bereits hingewiesen (vgl. S. 40) wurde auf das um 890 erwähnte »Schrecken erregende«, Todesangst ausströmende Altartuch des Klosters Farfa mit der Darstellung des Jüngsten Tages. Auch eine großflächige, nicht mehr erhaltene Darstellung der Paradiesesfreuden und Höllenstrafen aus der Mitte des 10. Jahrhunderts in der Vorhalle von St. Étienne in Auxerre/Nordburgund, einem »Zentrum der Eschatologie des 9. bis 11. Jahrhunderts« (Fried 1989, 387), ist in diesem Zusammenhang zu erwähnen.

Überschreiten wir die Schwelle des Jahres 1000, so hören wir von einem nicht mehr erhaltenen Weltgerichtsbild im Mainzer Dom, für das vor 1031 der Mönch Ekkehard IV. von St. Gallen u.a. folgende Beischrift gedichtet hat: »Freuen sollen sich die Würdigen, auch dauerndes Feuer sei ihnen fern, Todesangst überkomme die Verworfenen in den Qualen des Feuers.« (Schlosser 1896, 133) Bald darauf begegnen wir in Italien dem vielseitig tätigen Asketen Petrus Damiani (um 1007-72). In einem mit glühenden Farben geschriebenen Gedicht beschwört er die Schrecken der Todesstunde, wenn Engel und Teufel um die Seele des Sterbenden ringen, in einem anderen schildert er die Freuden des Paradieses.7 Demjenigen, der ein Bild des Weltgerichts vor Augen hat - er denkt wohl an eine großflächige Darstellung an der Westwand einer Kirche wie bald darauf (ca. 1080) in S. Angelo in Formis bei Capua -, gibt er in seiner Schrift über die Verachtung der Welt den Rat: »Dieses wunderbare, einzigartige Schauspiel ..., dieses schreckliche Bild der kommenden Prüfung male er sich in ständiger Meditation vor Augen. Der Erwählte glaube, er sei schon entrückt vor den Stuhl des Richters.«8 Das große Bild an der Kirchenwand war ein letzter Appell beim Verlassen des Gotteshauses: »Darum haltet auch ihr euch bereit! Denn der Menschensohn kommt zu einer Stunde, in der ihr es nicht erwartet« (Mt 24, 44, vgl. auch Mk 13, 33 ff., Lk 12, 40, Apg 1, 7, Offb 16, 15). »Es ist aber nahegekommen das Ende aller Dinge«

(1 Petr 4, 10). »Und wenn 1000 Jahre vollendet sind, wird der Satan loswerden aus seinem Gefängnis« (Offb 20, 7). »Kinder, es ist die letzte Stunde« (1 Joh 2, 18; vgl. auch

1 Thess 5, 2, 2 Petr 3, 10 u. a.).

Endzeitthema und Jahrtausendwende

In welcher Intensität waren solche im Christentum zutiefst verwurzelte Vorstellungen um das Jahr 1000 lebendig? Demoskopisch gestützte Umfrageergebnisse wird für die Zeit um die erste Jahrtausendwende niemand erwarten; unzureichend begründete Verallgemeinerungen besagen nichts. Auffallend ist freilich das damals bei Einzelnen deutlich gewachsene und immer noch wachsende Interesse an Endzeitthemen. Sicherlich war es kein Zufall, dass Kaiser Otto III. bei seiner Krönung (996) einen Mantel trug, in den Themen aus der Apokalypse gestickt waren. Hinzu kommt das um die Jahrtausendwende deutlich spürbare Interesse an bebilderten Apokalypse-Handschriften (Fried 1989, 399 ff.). Die zunehmende Sensibilität für eschatologische Themen und Endzeitreflexionen hatte zur Folge, dass wir seit dem 11. Jahrhundert auch Apokalypse-Szenen im Großformat an Kirchenwänden begegnen (Fried 1989, 404 f.). Gauzlin, Erzbischof von Bourges und Abt von Fleury (gest. 1030), hat solche durch byzantinische Mosaizisten in der Klosterkirche von Fleury anbringen lassen als Antwort auf ein vermeintliches apokalyptisches Zeichen: »Früchte der Buße« sollten es sein; solche hat er auch seinem König, Robert II. dem Frommen (996-1031), empfohlen.9 Auch hier wurden - ähnlich wie beim Thema Weltgericht - alle zum Gottesdienst versammelte Gläubigen durch die allgemein verständliche Sprache der Bilder10 an das kommende, von Christus selbst verkündete Ende aller Dinge erinnert.

Oft sagen - auch heute noch - Bilder mehr als Worte. Betrachten wir abschließend nochmals die Weltgerichtsbilder der Reichenauer Künstler. Sie sprechen eine Sprache, deren Eindringlichkeit über Jahrhunderte hinweg noch immer verstanden wird: ihre spürbare Ergriffenheit von den Inhalten; ihr tiefer Ernst; ihre Konzentration auf das Wesentliche, auf Christus den Richter, unter bewusstem Verzicht auf eine Aneinanderreihung möglichst vieler apokalyptischer Motive nach Art der Byzantiner; ihr waches Gespür bei der Übernahme vertiefender, emotional anrührender Bildelemente, besonders der Passionsthematik; die - im Vergleich mit vielen primitiv-bösartig übersteigerten Höllenbildern vor allem des Spätmittelalters - noch auffallend zurückhaltende Darstellung der Höllenqualen: verhalten, aber deutlich genug, um dem Rechtsempfinden und dem Kunstverständnis einer Zeit zu entsprechen, die Lohn und Strafe gleichgewichtig-gerecht und zugleich unmissverständlich-konkret abgebildet sehen wollte - verhalten, aber doch deutlich genug, um den nachdenklich gewordenen Betrachter immer wieder aufs Neue zu erinnern an rechtzeitige Buße und Umkehr.

Kunstgeschichtlich und religionsgeschichtlich gleichermaßen aufschlussreich ist schließlich die Beobachtung, dass sich schon im 4. Jahrhundert, kräftig genährt durch düstere Spekulationen namhafter Theologen und Visionäre, ein Anschwellen der Endzeiterwartungen abzeichnet, freilich ohne nennenswerte Auswirkung auf die Kunst der Zeit. Anders um die Jahrtausendwende. Inzwischen hatten künstlerisches Empfinden und Wollen eine tiefgreifende Metamorphose erfahren - auch im Hinblick auf die Fähigkeit, eschatologische Themen als naiv erzählende Kontrastbilder von Gut und Böse neu zu gestalten und die latente Spannung von christlicher Froh- und Drohbotschaft als künstlerische Herausforderung aufzunehmen. Kaum irgendwo sonst war um die Jahrtausendwende so konsequent wie bei den Künstlern der Reichenau aus Fläche und Linie eine expressive Kraft erwachsen, stark genug, um das Übernatürliche in künstlerisch überzeugende Formen umzusetzen - auch jenes Endzeitwissen, das getragen war von einem dem menschlichen Intellekt noch immer verschlossenen Glauben an die im Credo der Messfeier ständig wiederholte Verheißung: »... und wird wiederkommen in Herrlichkeit, zu richten die Lebenden und die Toten: Seiner Herrschaft wird kein Ende sein.«

Anmerkungen

1 Zum Stand der Diskussion vgl. J. Fried 1989, S. 384 ff.

2 Hugo v. Farfa, in: Destructio Farfensis (Hg. U. Balzani: Fonti per la storia d'Italia 33, 1903, S. 30). Die Übersetzungen der lat. Quellentexte hier wie im folgenden vom Verf.

3 Zu verweisen ist hier auf eine (z. Zt. noch ungedruckte) methodisch-didaktische Umsetzung (Rel. und D Kl. 5 und 7) meines ehemaligen Kollegen Franz Merkle, Scheffold-Gymn. Schwäb. Gmünd (vgl. Exkurs S. 46-47).

4 Durandus v. Mende: Ration. div. off. I c3 § 21

5 É. Mâle 1994, S. 315; zur Instrumentalisierung religiöser Angst jetzt P. Dinzelbacher 1996, S. 16 ff., 88 ff.

6 Zu Benedict v. Wearmouth s. Beda, Vita ss. Abbatum monasterii in Wiramutha, Migne PL 94, Sp. 718A

7 Petrus Damiani: Rhythmus de die mortis. In: Laudate Dominum. Hg. R. Zoozmann, München 1928, S. 200 ff.

8 Ders., Apologeticum de contemptu mundi, PL 145, Sp. 288 c.

9 Vita Gauzlini Abbatis, Text édité, traduit et annoté par R.-H. Bautier et G. Labory (Sources d'histoire médiévale 2, 1969, cap. 67 f., S. 136 ff.)

10 Zur Wirkung und Aufgabe der Bilder bes. im Hinblick auf die große Zahl der Analphabeten vgl. schon für 599/600: Epp. Gregorii I, IX 209 (PL 77, Sp. 1027 f.) u. XI 10 (ebd. Sp. 1128 f.); ähnlich eine Stimme aus der Reichenau: Walafried Strabo, De exordiis 8, MGH Leg. Sect. II 2 (1897), bes. S. 483 f.

 

Verwendete Literatur:

Brenk, Beat: Tradition und Neuerung in d. christl. Kunst des ersten Jahrtausends. Studien z. Geschichte des Weltgerichtsbildes. Wiener Byzantinische Studien Bd. 3, Wien 1966

Dinzelbacher, Peter: Angst im Mittelalter. Teufels-, Todes- und Gotteserfahrung: Mentalitätsgeschichte u. Ikonographie. Paderborn u. a. 1996

Duby, Georges: Unseren Ängsten auf der Spur - Vom Mittelalter zum Jahr 2000. Köln 1996 (deutschspr. Ausg.)

Engemann, Josef: Deutung und Bedeutung frühchristl. Bildwerke. Darmstadt 1997

Fried, Johannes: Endzeiterwartung um die Jahrtausendwende. In: Deutsches Archiv f. Erforschung d. Mittelalters. Hg. v. Horst Fuhrmann u. Hans Martin Schaller, 45 (1989), S. 381-473

Klein, Peter K.: Zum Weltgerichtsbild der Reichenau. In: Studien z. mittelalterl. Kunst 800-1200. Festschr. f. F. Mütherich, München 1985, S. 107-124

Mâle, Émile: Die Gotik. Die französische Kathedrale als Gesamtkunstwerk (deutschspr. Ausg.). Stuttgart/Zürich 1994

Mayr-Harting: Ottonische Buchmalerei (deutschspr. Ausg.). Stuttgart 1991

Schlosser, Julius: Quellenbuch z. Kunstgesch. d. abendl. Mittelalters. Wien 1896


Materialien

M1 Römischer Sarkophagdeckel (ca. 300 n. Chr. )

wpe48.jpg (10652 Byte)

The Metropolitan Museum of Art, New York Photo: G. (J.) Wilpert: I sarcophagi cristiani antichi, I 69, Tf. LXXX, 1, Roma 1929


M2 Weltgericht

zur vergrößerten Ansicht

wpe4B.jpg (23005 Byte)

Sog. Bamberger Apokalypse. © Staatsbibliothek Bamberg, Msc. Bibl. 140, fol. 53 r ; 29,5 x 20,4 cm.


M3 Die Auferstehung der Toten

jahrta44.jpg (24187 Byte)

Aus dem Perikopenbuch Kaiser Heinrichs II. © Staatsbibliothek München, clm.4452


M4 Das Jüngste Gericht

jahrta45.jpg (29705 Byte)

Aus dem Perikopenbuch Kaiser Heinrichs II. © Staatsbibliothek München, clm.4453


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