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Jahrtausendwende



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2. "Und er wird alle Tränen abwischen von ihren Augen." - Eschatologie und Apokalyptik zwischen Unheil und Heil


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Inhaltsverzeichnis   



Von Horst F. Rupp

Die Begriffe »Eschatologie« und »Apokalyptik«

Beides sind theologische Fachbegriffe. Der ursprünglich aus dem Griechischen stammende Begriff »Eschatologie« umfasst alle jene Anschauungen und Vorstellungen, die sich mit den letzten Dingen, sowohl des einzelnen Menschen wie auch der Welt insgesamt, befassen. Das Wort »Apokalypse« stammt ebenfalls aus dem Griechischen und bedeutet wörtlich übersetzt »Enthüllung« oder »Offenbarung«. Es verkörpert gleichsam einen Teilbereich der Eschatologie. Mit dem Begriff »Apokalyptik« werden die Schriften bezeichnet, die den Weltablauf und vor allem das schrecklich gedachte Ende der Welt enthüllen wollen. Die Apokalyptik bietet eine phantastisch-konkrete, bilderreiche, universalgeschichtliche Darstellung der Ereignisse am Ende aller Zeiten mit Weissagungen über die dann eintretenden Geschehnisse, Katastrophen in der Natur und im Zusammenleben der Menschen, Überschwemmungen, Sonnenfinsternis, Erdbeben, Erscheinen einer Richter- und Rettergestalt, Weltgericht, Totenauferstehung u.ä.

Biblische Beispiele

Die gleichsam in Schüben in der Geschichte des Christentums immer wieder auftretenden Endzeiterwartungen haben ihre Wurzeln in den eschatologischen Texten des Alten und Neuen Testamentes, von denen nachfolgend einige in charakteristischen Auszügen geboten werden sollen.

Der Evangelist Matthäus (um 80 n.Chr.) lässt in seinem apokalyptischen Kapitel Jesus unter Rückgriff auf alttestamentliche Vorstellungen folgende endzeitliche Vision formulieren:

»Wenn ihr nun den 'Greuel der Verwüstung', von dem durch den Propheten Daniel geredet worden ist, an heiliger Stätte stehen seht - wer es liest, der merke darauf! - dann sollen die in Judäa ins Gebirge fliehen; wer auf dem Dach ist, soll nicht hinabsteigen, um seine Habe aus seinem Haus zu holen, und wer auf dem Feld ist, soll nicht zurückkehren, um seinen Mantel zu holen. Wehe aber den Schwangeren und den Stillenden in jenen Tagen! Betet aber, dass eure Flucht nicht in den Winter oder auf den Sabbat falle! Denn dann wird eine große Drangsal sein, wie von Anfang der Welt bis jetzt keine gewesen ist und auch keine sein wird. [ ...] Sogleich aber nach der Drangsal jener Tage 'wird die Sonne sich verfinstern, und der Mond wird seinen Schein nicht geben', 'und die Sterne werden vom Himmel fallen, und die Kräfte der Himmel werden erschüttert werden'. Und dann wird das Zeichen des Sohnes des Menschen am Himmel erscheinen, und dann werden alle Geschlechter der Erde wehklagen und werden 'den Sohn des Menschen auf den Wolken des Himmels kommen' sehen mit großer Macht und Herrlichkeit. Und er wird seine Engel aussenden mit starkem Posaunenschall, und sie werden seine Auserwählten versammeln von den vier Winden her, von einem Ende des Himmels bis zum andern [ ... ]. Denn wie die Tage des Noah, so wird die Wiederkunft des Sohnes des Menschen sein. Wie sie nämlich in den Tagen vor der Sintflut schmausten und tranken, heirateten und verheirateten bis zu dem Tage, da Noah in die Arche ging, und es nicht merkten, bis die Sintflut kam und alle hinwegraffte, so wird auch die Wiederkunft des Sohnes des Menschen sein. Dann werden zwei auf dem Felde sein: Einer wird angenommen und einer wird zurückgelassen. Zwei werden mit dem Mühlstein mahlen: Eine wird angenommen und eine wird zurückgelassen. Darum wachet! Denn ihr wisst nicht, an welchem Tag euer Herr kommt. Das aber merket: Wenn der Hausherr wüsste, in welcher Nachtwache der Dieb kommt, würde er wachen und nicht in sein Haus einbrechen lassen. Deshalb sollt auch ihr bereit sein! Denn der Sohn des Menschen kommt zu einer Stunde, wo ihr es nicht meint.« (Matthäus 24, 15-44)


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Abb. 5 Beobachtung eines Kometen, Detail aus dem Teppich von Bayeux, um 1080, Stickerei auf Leinen, Gesamtlänge 70 m, Breite 50 cm. Gesamtthema: Eroberung Englands durch die Normannen 1064-66

Im Jahr der Eroberung Englands durch die Normannen (1066) erschien ein Komet, möglicherweise der Halleysche. Der Zusammenfall der Ereignisse erregte Aufsehen; dem angelsächsischen König Harold wurde Unheil vorausgesagt.

Bayeux, Musée de la Tapissierie. Photo: AKG Berlin/Erich Lessing


Die Apokalypse des Johannes (vermutlich um 95 n.Chr.) versucht in sehr detaillierten Visionen die Ereignisse des letzten Gerichtes zu schildern:

»Und ich sah einen großen weißen Thron und den, der darauf saß; und vor seinem Angesicht floh die Erde und der Himmel, und es fand sich keine Stätte mehr für sie. Und ich sah die Toten, die großen und die kleinen, vor dem Throne stehen, und es wurden Bücher geöffnet; und ein andres Buch wurde geöffnet, das das Buch des Lebens ist. Und die Toten wurden gerichtet auf Grund dessen, was in den Büchern geschrieben war, nach ihren Werken. [ ... ] Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind verschwunden. [ ... ] Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott her aus dem Himmel herabkommen, gerüstet wie eine Braut, die für ihren Mann geschmückt ist. Und ich hörte eine laute Stimme vom Throne her sagen: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen; und 'er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und Gott selbst wird bei ihnen sein. Und er wird alle Tränen abwischen von ihren Augen', und der Tod wird nicht mehr sein, und kein Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. Und der auf dem Throne saß, sprach: 'Siehe, ich mache alles neu.'« (Offenbarung 20, 11- 21,5)

Der alttestamentliche Prophet Jesaia hatte schon im 8. Jahrhundert v. Chr. seine visionären Vorstellungen vom Ende in eine Heilsweissagung gefasst: Eine Rettergestalt aus dem Hause Davids wird am Ende der Zeiten kommen und eine von Frieden und Gerechtigkeit geprägte Zeit heraufführen, die die Gegensätze nicht mehr kennt, von denen die Gegenwart geprägt ist:

»Ein Reis wird hervorgehen aus dem Stumpf Isais, und ein Schoss aus seinen Wurzeln Frucht tragen. Auf ihm wird ruhen der Geist des Herrn, der Geist der Weisheit und der Einsicht, der Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Erkenntnis und der Furcht des Herrn. Und sein Wohlgefallen wird er haben an der Furcht des Herrn. Er wird nicht richten nach dem, was seine Augen sehen, noch Recht sprechen nach dem, was seine Ohren hören. Er wird die Armen richten mit Gerechtigkeit und den Elenden im Lande Recht sprechen mit Billigkeit; er wird den Tyrannen schlagen mit dem Stabe seines Mundes und den Gottlosen töten mit dem Hauche seiner Lippen. Gerechtigkeit wird der Gürtel seiner Lenden und Treue der Gurt seiner Hüften sein. Da wird der Wolf zu Gast sein bei dem Lamme und der Panther bei dem Böcklein lagern. Kalb und Jungleu weiden beieinander, und ein kleiner Knabe leitet sie. Kuh und Bärin werden sich befreunden, und ihre Jungen werden zusammen lagern; der Löwe wird Stroh fressen wie das Rind. [ ... ] Nichts Böses und nichts Verderbliches wird man tun auf meinem ganzen heiligen Berge; denn voll ist das Land von Erkenntnis des Herrn wie von Wassern, die das Meer bedecken.« (Jesaia 11, 1-9)

Eschatologie und Apokalyptik in den Religionen

Nahezu alle Religionen haben Vorstellungen darüber entwickelt, wo Natur und Schöpfung, wo der Mensch herkommt. Eine Religion, die ja als allumfassendes bzw. ganzheitliches System im Normalfall den Anspruch erhebt, gleichsam auf alle Fragen der Menschen eine Antwort parat zu haben, muss sich auch über den Anfang von allem ausweisen können. Solche kosmogonischen oder auch protologischen Vorstellungen, d.h. Vorstellungen über die Entstehung von Welt und Schöpfung, stehen daher im Zentrum nicht weniger Religionen.

Aber ebenso zentral wie die Frage nach dem Beginn ist für nahezu alle Religionen diejenige nach dem Ende von allem, dem Ende von Natur, Schöpfung und Mensch. Auch hier hat eine mit einem allumfassenden Anspruch auftretende Religion Vorstellungen freizusetzen. Dies gilt sowohl für eher teleologisch-linear, d.h. nach vorne, auf ein Ziel der Geschichte gerichtete - etwa Judentum und Christentum - wie aber auch für rhythmisch-zyklisch strukturierte Religionen, die von der ewigen Wiederkehr des Lebens ausgehen, etwa die östlichen Religionen Buddhismus und Hinduismus. Und so präsentieren fast alle Religionen auch solche Vorstellungen zum Ende, zu den letzten Dingen, die die Religionswissenschaft und die Theologie unter dem Begriff der Eschatologie zusammenfassen. Nicht selten fallen dabei Anfang und Ende, Proton und Eschaton in eins, so dass sich in Abwandlung eines Matthäuswortes auch formulieren ließe: Das Erste wird das Letzte sein bzw. vice versa.

Für den einzelnen Menschen ist sein individueller Tod das Ende, über das hinauszudenken Transzendenz, d. h. eine Jenseitsvorstellung, nötig wird; für die Schöpfung und das Menschheitskollektiv insgesamt ist das Ende von Welt und Zeit der Krisenpunkt, der den Einsatz von eschatologischem Denken markiert. Und so lassen sich in den religiösen Systemen individual- und universaleschatologi-sche Vorstellungen voneinander unterscheiden.

Intensives eschatologisches Überlegen zeigte sich sehr früh schon im altpersischen religiösen Denken. Von dort gewann es schließlich auch größeren Einfluß auf die jüdische Religion. Alle so genannten abrahamitischen Religionen - d. h. das Judentum, das Christentum und der

Islam - sind in ihrer gesamten Struktur ganz grundlegend geprägt von eschatologischem und apokalyptischem Denken, am intensivsten vielleicht der Islam, der im Koran eine ausgeprägte apokalyptische Vorstellung vom Weltgericht präsentiert, das von Naturkatastrophen eingeleitet wird (vgl. insbesondere die Suren 81, 82 und 99).

Von Bedeutung wird hier dann die Rede von einem Gericht, das am Ende der Tage über das irdische Tun der Menschen Recht spricht und je nach Urteil den weiteren Existenzort zuweist, sei es in einem als ideal gedachten Elysium, sei es in einem mit den düstersten Farben gemalten Inferno. Diese Gerichtsvorstellung hatte natürlich durchaus auch Rückwirkungen auf die immanent-irdische Existenz, sollte sie doch die Menschen zu einem Verhalten in der Welt veranlassen, mit dem sie im letzten eschatologischen Gericht bestehen konnten. Hiermit ist die Brücke auch zu einer immanenten Ethik geschlagen, Eschatologie hat damit ganz ausdrücklich und nachhaltig Rückwirkungen auf Alltagsleben und -erfahren der Menschen.

Gleichsam eine weitere Entwicklungsstufe eschatologischen Denkens markiert die Form der Apokalypse. In universaleschatologischem Ansatz wird das Ende bzw. die Vernichtung der Welt am Ende aller Zeiten in starken mythisch-symbolischen Bildern beschrieben. Kosmische Katastrophen mit Erdbeben, Sonnenfinsternis, Weltbrand und ähnlichen Ereignissen bilden das grauenhafte Szenario dieser fantasievollen Schilderungen. Die menschliche Phantasie produziert diese ahnungsvollen, dunkel-geheimnisvollen apokalyptischen Reden.

Apokalypse bedeutet ja im eigentlichen Wortsinne »Enthüllung - Offenbarung« der letzten endzeitlichen Geheimnisse, wobei jedoch angenommen werden darf, dass diese apokalyptischen Reden im Grunde genommen eher verhüllen als enthüllen wollen und können. Naturgemäß bleibt eben das eschatologische Geschehen verborgen wie alle transzendent-religiösen Kernaussagen.

Nicht selten ist das Kommen des jüngsten Tages in eschatologisch-apokalyptischen Texten auch mit der Gestalt eines endzeitlichen Heilsbringers verknüpft, der stellvertretend für die göttliche Macht den neuen Äon, das neue Weltzeitalter, heraufführt, die Menschen und die gesamte Schöpfung dem neuen Reich entgegenführt.

Und schließlich ist hier noch von einer letzten Steigerungsstufe eschatologisch-apokalyptischen Denkens zu sprechen, die den Gedanken des Gerichts auslöscht, der die menschliche Existenz radikal bedroht. Das Bewusstsein der Menschen von der Unmöglichkeit einer gottgemäßen Existenzweise, d. h. von der Sündhaftigkeit des menschlichen Lebens, ist hier dann derart stark ausgeprägt, dass gleichsam die Gerichtsvorstellung getilgt werden muss, um menschliche Existenz wieder trag- und lebbar zu machen. Der Mensch bleibt dann am jüngsten Tag ganz auf die Gnade Gottes angewiesen. Er kann, wie fromm und gottgemäß er auch immer gelebt haben mag, im jüngsten Gericht auf keinen Fall bestehen. Erlösung, die ihm von Gott her zukommt, ist die einzige Möglichkeit, die einen Ausweg aus diesem scheinbar aussichtslosen Dilemma eröffnet. Gott vollzieht das dem Menschen an sich drohende Gericht nicht, sondern er führt ihn in das neue endzeitliche Reich des Friedens.

Die alttestamentlichen Propheten haben wohl die schönsten und aussagekräftigsten Bilder formuliert, die dieses endzeitliche Reich des Friedens illustrieren: von den Schwertern, die zu Pflugscharen umgegossen werden, vom Lamm, das mit dem Panther friedlich zusammenlebt usw.

Die kühnsten und wohl konsequentesten theologischen Denker haben an dieser Stelle in ihr eschatologisches System dann die Vorstellung von einer »Apokatastasis panton«, einer »Allversöhnung« eingebaut, die auch nicht einen Menschen dem Gericht und der ewigen Verdammnis verfallen lässt, sondern letztlich alle am Ende der Geschichte in das neue Reich eintreten und damit erlöst sein lässt.


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Abb. 6 Maiestas Domini, aus dem Evangeliar des heiligen Bernward, um 1015, Domschatz, Dommuseum Hildesheim

Darstellung des über den Gestirnen thronenenden, von Cherubim (sechs Flügel) begleiteten Christus, umgeben von einer Mandorla (mandelförmigen Umrahmung auf Goldgrund, durch die die dargestellte Person aus ihrer Umgebung herausgehoben wird). Das Lamm und das Buch des Lebens in der Hand Christi weisen auf das Endgericht hin. In der unteren Bildhälfte, dem irdischen Bereich mit der Personifikation von Meer und Erde, erscheint Jesus als Kind in der Krippe.


Die christliche Ausformung eschatologisch-apokalyptischen Denkens

Jesus steht mit seiner Verkündigung ganz in der Tradition der alttestamentlichen Propheten, deren Rede deutliche eschatologische Elemente aufweist. Diese Charakterisierung der alttestamentlichen Prophetie gilt insbesondere für die späte exilisch-nachexilische Zeit (ab dem 6. Jahrhundert v.Chr.), für die die ideale Epoche des Verhältnisses Jahwes zu seinem Volk Israel in einer fernen Zukunft angesiedelt ist, wobei auf die als ebenso ideal gedachte frühe Zeit des Verhältnisses Jahwes zu seinem Volk zurückgegriffen wird, häufig auf die Zeit des Exodus, des Auszugs aus Ägypten.

Aber noch viel intensiver als bei den alttestamentlichen Propheten ist Jesu Verkündigung geprägt von einer eschatologischen Erwartung des nahen, von Gott heraufgeführten Endes dieser Welt. Die Erwartung des Reiches Gottes, der Basileia Theou, ist die zentrale Aussage, von der alle seine Äußerungen nach der Darstellung der Evangelisten durchtränkt sind. Ohne eine Einsicht in diese eschatologische Struktur von Jesu Verkündigung bleibt all sein Reden unverständlich.

Die urchristlichen Texte lassen erkennen, dass hier gleichsam zwei Schichten zu unterscheiden sind: Zum einen ist die Verkündigung des irdischen Jesu stark geprägt von einer eschatologisch-apokalyptischen Naherwartung. Jesus war ganz offensichtlich fest davon überzeugt, dass in seiner gegenwärtigen Zeit diese Welt vergehen, Gott sein eschatologisches Reich heraufführen wird. Zum anderen ist aber ebenso deutlich zu erkennen, dass die urchristlichen Schriftsteller den nachösterlichen Christus des Glaubens als endzeitliche Rettergestalt mit in ihre eschatologisch-apokalyptischen Vorstellungen hinein genommen haben, wobei bisweilen nicht ganz klar zu unterscheiden ist, welcher dieser unterschiedlichen Schichten eine Aussage zuzurechnen ist.

In den neutestamentlichen Schriften überlagern sich aber auch noch weitere unterschiedliche eschatologische Entwürfe: Die neutestamentliche Wissenschaft spricht zum einen von einer präsentischen, andererseits von einer futurischen Eschatologie, je nach dem, ob das Reich Gottes als in der Gegenwart - d.h. mit der Gegenwart Jesu Christi - schon angebrochen gedacht wird, oder ob es als ein in der Zukunft erst noch eintretendes Geschehen vorgestellt wird.

In große Erklärungsnot kam der christliche Glaube gleichsam mit dem Ausbleiben des endzeitlichen Reiches Gottes in der fortschreitenden Geschichte. War Jesu Predigt und die Vorstellung seiner ersten Anhänger noch von der Erwartung geprägt, dass das Reich Gottes sich in Kürze realisieren werde, die Parusie, d.h. die Wiederkunft Christi, vor der Türe stehe, so wurde dieses Warten mit fortschreitender Zeit enttäuscht. Diese Verschiebung spiegelt sich schon im Neuen Testament. Das lukanische Geschichtswerk (Evangelium des Lukas und Apostelgeschichte), das vermutlich um 80 n.Chr. entstanden ist, richtet sich ganz offensichtlich auf einen größeren Zeitraum der Geschichte ein, denn es nimmt die Zeit der Kirche als eine wohl länger andauernde Epoche zwischen Jesu Verkündigung, Wirken und Auferstehung und seiner Wiederkunft als endzeitlicher Heiland an. Ein Exeget hat diese glaubensmäßig und theologisch nur sehr schwer zu verarbeitende und zu erklärende Erkenntnis vom Ausbleiben des eschatologischen Reiches Gottes einmal so formuliert: Jesus hat das Reich Gottes verkündet, gekommen ist jedoch die Kirche ... .

In der Geschichte der christlichen Kirche wurde mit fortschreitender Zeit eschatologisches und auch apokalyptisches Denken - das ja, wie wir gesehen haben, für Jesus und die ersten Christen noch ganz zentral war - immer stärker an den Rand gedrängt - und damit auch neutralisiert. Auch trat eine Art Individualisierung der Eschatologie ein: Der Tod des Individuums war schließlich das eschatologische Ereignis, dem das theologische Nachdenken galt.

Die Großkirche, insbesondere nach der Konstantinischen Wende und der Verankerung des Christentums als Staatsreligion im 4. Jahrhundert n. Chr., richtete sich in der Geschichte ein, vergaß gleichsam ihre eschatologischen Wurzeln. Oft nur unterschwellig lebte im Christentum die eschatologische Hoffnung weiter, wurde von Minderheiten aufgegriffen und besetzt, nicht selten dann von der Kirche als ketzerisch verurteilt bzw. auch in Sekten und häretische Gruppen abgedrängt. Dass schließlich auch der offizielle Protestantismus nichts Wesentliches mit der eschatologischen und apokalyptischen Tradition der christlichen Religion anfangen konnte, zeigt etwa die Platzierung der Offenbarung des Johannes in der Luther-Bibel: Luther setzte sie an den Schluss seiner Bibelübersetzung und stufte sie als inhaltlich nicht zentral für den christlichen Glauben ein.


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Abb. 7 Fries an der Nordseite des Eulenturms, Kloster Hirsau, um 1090, © und Photo: Landesdenkmalamt Baden-Württemberg, Stuttgart

Ein Bärtling (Laienbruder des Klosters Hirsau), umgeben von Löwen oder Panthern, Ziegenbock und Ziege, einem Hirtenknaben und einem die Erlösung symbolisierenden Radkreuz.


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