Zeitschrift

Jahrtausendwende



A

4. a) ein Thema für Unterricht
     b) die Rolle der Bilder

 


Titelbild: Panischer Schrecken (© Ernst Barlach Lizenzverwaltung Ratzeburg)

Inhaltsverzeichnis   



Von Maria Würfel

a) ein Thema für Unterricht, Projekt und Seminarkurs

Die totale Sonnenfinsternis vom 11. August 1999 - nur ein astronomisches Ereignis oder, kurz vor der Jahrtausendwende, Zeichen für den Anbruch der Endzeit?

Immerhin galten Sonnenfinsternisse seit es Menschen gibt, die nach dem Ende der Zeit, der Welt und aller Dinge fragen, als eines der »Zeichen der Zeit«, die dem Anbruch des Weltendes vorausgingen und die es darum zu beachten gelte.

Soll man an einem solchen Tage ein Fest feiern? Soll man auf Hügel oder Berge steigen, um in der Zurückgezogenheit abgehoben von der Masse der Ahnungslosen, den Drangsalen der letzten Tage, wie sie uns chiliastische Texte schildern, zu entgehen?

Vielfältige Eindrücke werden auf uns alle um diese Zeit der Jahrtausendwende einstürmen. Der Versuch, diese Fragen unterrichtlich aufzuarbeiten oder auf sie vorzubereiten, wird wohl auf motivierte, in einer wachen Fragehaltung befindliche Schüler/innen treffen. Aber wo im Schulalltag soll diese Thematik im Unterricht verortet werden?

Dieses Heft will Anregungen und Materialien für eine Beschäftigung mit endzeitlichen Fragen im fächerverbindenden Vorgehen bieten. Bei der Konzeption wurde davon ausgegangen, dass die endzeitlichen Fragen, auch wenn sie heute überwiegend in säkularisierter Form gestellt werden, ihre Wurzeln in den alt- und neutestamentlichen apokalyptischen Texten, vor allem in der Johannesapokalypse (vgl. Kapitel A. 2.), haben sowie in einigen apokryphen chiliastischen Texten. Es wurde des weiteren davon ausgegangen, dass die kommende Jahrtausendwende bereits die zweite im christlichen Kalender ist, und es deshalb für die Menschen heute aufschlussreich, ja äußerst faszinierend sein dürfte zu beobachten, wie sich Menschen damals auf den Tag X eingestellt haben.

So liegt der Schwerpunkt des Heftes auf Informationen und Materialien zur 1. Jahrtausendwende. Aus der Beschäftigung mit ihr wird über ein Transfer-Raster (vgl. Kapitel A. 1.) der Weg zur 2. Jahrtausendwende erschlossen. Auf einzelne Bausteine für die Moderne - denen für das Mittelalter vergleichbar - wurde bewusst verzichtet: Es soll nicht durch Vorgaben die Offenheit im Umgang mit den auf die Schüler/innen in der Gegenwart einstürmenden Erfahrungen und Beobachtungen eingeengt werden. Auch der Seminarkurs als eine der wichtigen Zielgruppen dieses Heftes bedarf weniger vorgegebener, zu bearbeitender Einheiten als vielmehr noch offener Denkanstöße. Sehr wohl sind aber, um den Zugang zur 2. Jahrtausendwende zu erleichtern, im Kapitel über den Transfer (s.o. A.1.) genügend Hinweise zur Besonderheit und Andersartigkeit der gegenwärtigen Situation enthalten. Viele dieser Bearbeitungshinweise gehen von Zeugnissen der Bildenden Kunst aus.

Mit der Endzeit-Thematik meldet sich ein aktuelles Thema in der Schule zu Wort, das in den Lehrplänen der Mehrzahl der dafür in Frage kommenden Fächer nicht explizit vertreten ist, mit dessen Hilfe man aber trotzdem die Lehrplanziele - vor allem die Erziehungsziele des Faches Geschichte - verwirklichen kann: Geschichte, im besonderen die Beschäftigung mit der 2. Jahrtausendwende auf dem Hintergrund der ersten, dient der Erhellung der eigenen Gegenwart der Schüler/innen. Denn da sie angesichts des bisher noch nicht eingetretenen Endes mit der Offenheit geschichtlicher Prozesse ebenso konfrontiert werden wie mit Kontinuität und Wandel (vgl. Ängste und Erwartungen angesichts der Jahrtausendwenden) und mit der Standortgebundenheit von Entscheidungen (damals - heute), erfahren sie das historische Gewordensein ihres Umfeldes und die Geschichtlichkeit ihrer eigenen Existenz (vgl. Bildungsplan für das Gymnasium, Kultus und Unterricht Baden-Württemberg, Lehrplanheft 4, 1994, S. 20). Diese Erziehungsziele sind durchweg wichtige Hilfen bei der Bewältigung der Gegenwart im Allgemeinen und des Übergangs ins dritte Jahrtausend im Besonderen.

Die Endzeit-Thematik gehört eigentlich, wenn sie in der Vielzahl ihrer Aspekte betrachtet werden soll, in die Sekundarstufe II. Allerdings lassen sich - zumindest hat dies ein Unterrichtsversuch mit den Apokalypse-Darstellungen aus Baustein B3 gezeigt, - einzelne Aspekte für die Sekundarstufe I herausgreifen und behutsam elementarisieren (vgl. Exkurs B.3.: »Unterrichtsprotokoll«). Der Versuch führte allerdings nicht - altersstufenspezifisch vollkommen angemessen und verständlich - zur großen Zusammenschau apokalyptischer Vorstellungen im Weltgericht, sondern zur individuellen Auseinandersetzung der Schüler/innen mit Leben und Tod, Himmel und Hölle.

Auf der Sekundarstufe II lässt sich die Endzeit-Thematik z. B. im fächerverbindenden Thema 1 der 11. Klasse einsetzen. Als Anknüpfungspunkte sind darin besonders die Abschnitte über das christliche Abendland und über die Kultur des Mittelalters geeignet. So kann man durch die Beschäftigung mit der 1. Jahrtausendwende einen wichtigen Beitrag zur Mentalitätsgeschichte des Mittelalters erarbeiten. Der 2. Jahrtausendwende kommt in diesem Zusammenhang die Funktion zu, durch den Transfer auf dem Hintergrund der Beschäftigung mit dem Mittelalter die Mentalitäten der eigenen Zeit als historisch gewachsen besser zu verstehen. Schließlich ist die Endzeit-Thematik wegen der Frage nach dem »Tag X« eine spezifisch abendländisch-europäische Fragestellung (siehe Kapitel A.3.).

Vorzüglich eignet sich das Thema sowohl inhaltlich als auch methodisch für den Seminarkurs, dessen Lehrer/innen und Schüler/innen ebenfalls eine Zielgruppe dieses Heftes bilden. Auf die Anforderungen der neuen Arbeits- und Sozialformen des Seminarkurses im Allgemeinen braucht an dieser Stelle nicht eingegangen zu werden; statt dessen sei auf die Sonderveröffentlichung des Landesinstituts für Erziehung und Unterricht Stuttgart verwiesen: »Seminarkurs auf der gymnasialen Oberstufe. Methoden und Beispiele«, FTH 400, erschienen im Januar 1998.

Die beiden Jahrtausendwenden als Thema zu wählen, liegt angesichts des zeitlichen Zusammenfalls der Erprobungsphase der Seminarkurse und des Jahres 2000 nahe. Im Bereich der persönlichen Kompetenz, die die Schüler/innen in diesem neuen Bildungsabschnitt trainieren sollen, dürften Leistungsbereitschaft und die Fragehaltung als Voraussetzung für problemlösendes Denken wegen des aktuellen Bezugs von vornherein anzutreffen sein.

Man wird wegen dieser Aktualität nicht chronologisch von der 1. zur 2. Jahrtausendwende fortschreiten, sondern mit der Moderne beginnen. Die Beschäftigung mit dem Mittelalter schließt sich erst im Laufe der Arbeit an, wenn es um die Bildung größerer Zusammenhänge geht. Es ist zu empfehlen, dass zu Beginn die Kursteilnehmer in frei gewählten Vorgehensweisen und mehr spontan als systematisch sich möglichst viele noch ungeordnete, widersprüchliche, auch fragwürdige Informationen und Meinungen beschaffen. Vieles dieser Art kann aus den Massenmedien gewonnen werden. Man möchte fast sagen, je ungeordneter und verwirrender das Gefundene vorerst ist, desto besser: Es provoziert geradezu jene Fragen nach Inhalt und Methode, die die Kursteilnehmer/innen selbst finden sollen und über die ein gezieltes Weiterschreiten vom bloßen Sammeln zum Eindringen in die Materie gelingen kann: Was wird berichtet? Wie wird es berichtet? Welche Fragen bleiben offen? Wie verschafft man sich ergänzende, weiterführende, objektive Informationen? In dieser Phase der Arbeit zeigen sich allmählich die je gemeinsamen Interessen einzelner Teilnehmer/innen. Dies erleichtert die Gruppenbildung als die wichtigste Voraussetzung für die Entwicklung sozialer Kompetenzen, die der Seminarkurs leisten soll.

Die zu erwerbenden fachspezifischen methodischen Kompetenzen beziehen sich bei diesem Thema auf vielfältige und äußerst motivierende Vorgehensweisen wie z. B. Meinungsumfrage, Interview, Aufsuchen von Bildquellen in großem Umfang (Bilder-Ensembles), Recherchieren im Internet, Anlegen einer Datei. Zugleich ist es überwiegend Arbeit vor Ort: In der Fußgängerzone, im Büro oder Arbeitszimmer eines Befragten, in einer Galerie oder in einem Kunstmuseum, im Zeitungs- und Zeitschriftenlesesaal einer Bibliothek, am Zeitschriften- oder Infostand einer religiösen Gemeinschaft, am Zeitungskiosk, im Katalog- oder Lesesaal einer Bibliothek (vgl. Schaubild).

Die Gefahr, dass die Arbeit in ein bloßes Exzerpieren und Arrangieren von Übernahmen aus der Sekundärliteratur abgleitet, ist von Anfang an ausgeschaltet, obwohl auch der Umgang mit der Sekundärliteratur als eine Möglichkeit unter anderen seinen Platz im Seminarkurs haben muß; die Fachliteratur zu beiden Jahrtausendwenden darf nicht übergangen werden (vgl. zum Einstieg die Literaturangaben am Schluss der einzelnen Beiträge dieses Heftes).

Einige Vorschläge möglicher Schwerpunktsetzungen bei der intensiven Beschäftigung mit der 2. Jahrtausendwende bieten die Kurzinformationen für das 20. Jahrhundert im Transfer-Kapitel (s. A.1.). Das Transfer-Raster stellt dann die Verbindung zwischen der 2. und der 1. Jahrtausendwende her und hilft außerdem durch seine Feinmaschigkeit bei der Strukturierung der Ausarbeitungen.

Die am Schluss des Seminarkurses geforderte Präsentation der Ergebnisse wird bei der Beschäftigung mit der Endzeit-Thematik relativ leicht fallen, denn die oben geschilderten thementypischen Arbeitsverfahren führen zu zahlreichen Teilergebnissen, die gleich bei ihrer Gewinnung auf Medien festgehalten werden wie z. B. Tonkassetten, Videokassetten, Dias oder Folien. Sie veranschaulichen die Arbeitsergebnisse und können in die Präsentation eingebracht werden.

Noch ein kurzer Gedanke zur Endzeit-Thematik im fächerverbindenden Verfahren: Der Seminarkurs ist genau wie die Projekte fächerverbindend angelegt, wobei eines der betroffenen Fächer als Leitfach stärker in den Vordergrund treten wird. Für die Jahrtausendwenden können die folgenden traditionellen Schulfächer einen Beitrag leisten:

Geschichte (für das historische Umfeld der 1. Jahrtausendwende und der schon im frühen 20. Jahrhundert sich abzeichnenden Apokalyptik der 2. Jahrtausendwende) - Religion (für die theologische Erklärung der Endzeitideen und für die unterschiedlichen Ausprägungen dieses Gedankenguts im Lauf der Religionsgeschichte bis heute) - Bildende Kunst (für die Deutung der Bildquellen zu beiden Jahrtausendwenden) - Gemeinschaftskunde (für die gesellschaftsbezogenen und politischen Aspekte der 2. Jahrtausendwende) - Deutsch (für die literarischen Zeugnisse zum Thema) - Physik (zur Erklärung von Naturphänomenen mit endzeitlicher Bedeutung) - Informatik (im Hinblick auf die drohenden Computerzusammenbrüche am Übergang zum 3. Jahrtausend).

Die Zuweisung der Rolle des Leitfachs an eines von ihnen ist schwierig. Da unterschiedliche Aspekte von unterschiedlichen Gruppen bearbeitet werden können, kommt es in der Praxis im Lauf der zweisemestrigen Arbeit für die einzelnen Gruppen zu wechselnden Leitfächern, wobei vermutlich in erster Linie Geschichte, Religion und Kunst in die jeweils leitende Rolle geraten werden.


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Modell für die Strukturierung eines Seminarkurses zur 2. Jahrtausendwende: Ausgehend vom fächerverbindenden Prinzip werden traditionelle Schulfächer und mögliche Themen koordiniert.


b) Die Rolle der Bilder

Wegen der großen Bedeutung der Bildquellen für die Erschließung beider Jahrtausendwenden enthält dieses Heft nicht nur im Materialteil der einzelnen Bausteine Bildquellen, sondern auch alle übrigen Abbildungen einschließlich des Titelbildes und der Auftaktseite haben Quellencharakter und sollen in die Schülerarbeit mit einbezogen werden. Sie erfüllen häufig sogar eine Doppelfunktion: Zum einen stehen sie in Wechselwirkung zu dem Text, in dessen Zusammenhang sie wiedergegeben werden; zu andern stehen sie untereinander und mit den Bildquellen der Bausteine in Verbindung, indem sie sich gegenseitig erläutern und die Aussagekraft vertiefen.

Die im Folgenden eingestreuten Vignetten enthalten nur Denkanstöße vermittelnde Bildausschnitte; die vollständigen Abbildungen samt weiteren Erläuterungen befinden sich in den Abschnitten A 1-3 unter den im Text angegebenen Nummern. Ohne die Bildaussagen ausschöpfen oder Deutungen vorgreifen zu wollen, sei auf einige Leitgedanken hingewiesen, die beim Einsatz dieser in A 1-3 enthaltenen zusätzlichen Bildquellen in Unterricht, Projekt und Seminarkurs berücksichtigt werden sollten:

Panischer Schrecken (© Ernst Barlach Lizenzverwaltung Ratzeburg)1. Der panische Schrecken der beiden Männer aus der gleichnamigen Barlach-Plastik (© Ernst Barlach Lizenzverwaltung Ratzeburg - siehe Titelbild) kann sich auf ein überirdisches oder ein irdisches Ereignis beziehen. Dies ist ein Hinweis auf die religiösen und die säkularisierten Formen der Einstellung auf den »Tag X« im 20. Jahrhundert sowie auf die Bedeutung des Wahrnehmens von Zeichen der Zeit, die das Ende ankündigen und einleiten sollen.

jahrta16.gif (21316 Byte)2. Das Motiv der rettenden Arche (s. Abb. 1) mit den in einem Glückszustand lebenden, aus den Drangsalen der Sintflut Geretteten verweist als alt überliefertes apokalyptisches Motiv auf die Entrückung der Auserwählten aus den Drangsalen der letzten Tage. Es begegnet heute als eine besonders bei chiliastischen Gruppierungen anzutreffende extreme Neigung, sich von den anderen, den angeblich ahnungslos in ihr Unheil Stürzenden, abzusondern – eventuell sogar durch ein selbstgewähltes Martyrium (Massenselbstmord), um sich den Zugang in das Jenseits zu erzwingen.

3. Die Abb. 2-4 und die Abb. 8-10 gehören eng zusammen. Sie sind zum einen Zeugnis für die seit dem Ersten Weltkrieg besonders vielfältig nachweisbaren Untergangsnöte und -ängste und dokumentieren, unabhängig vom Zeitpunkt der Jahrtausendwende, das 20. Jahrhundert insgesamt als ein apokalyptisches. Zum andern geben sie Einblick in die gegenüber dem Mittelalter zu beachtende Andersartigkeit und Diesseitsbezogenheit der endzeitlichen Erfahrungen in diesem Jahrhundert:
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– Europa nach dem Regen II (s. Abb. 2) – Alptraum des durch ein elementares Ereignis unbewohnbar gewordenen Kontinents – vielleicht auch Vorahnung eines Krieges, grausamer als alle bisherigen – wohl bewusstes Offenlassen der ge nauen Art derBedrohung und eben gerade dadurch Ausdruck für die Vielfalt der Untergangsängste im 20. Jahrhundert.


jahrta18.gif (12805 Byte)– Die Apokalypse unserer Zeit (s. Abb. 3) wird vom Künstler als Kreuzigung der Menschheit im Leid eines Krieges erfahren; das räumliche Umfeld dieser Menschen tritt im Bild nicht in Erscheinung; auf Grund schriftlicher Äußerungen des Künstlers wissen wir aber, dass er von den Leiden der Zivilisten und Soldaten an der Westfront während des II.WK ausgegangen ist.

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The day after (s. Abb. 4) – wohl der Tag nach dem großen Brand (Weltenbrand?): Deformierte Zivilisationsüberreste, von niemandem mehr gebraucht und selbst unbrauchbar geworden. Offen bleiben Ausmaß und Art dieses Brandes; ein Einzelschicksal? eine weltweite Katastrophe? Folgen eines atomaren Infernos?

 

jahrta20.gif (6259 Byte)– Emil Noldes Prophet (s. Abb. 8) steht zwar stilistisch in der Nachfolge von Christusdarstellungen; er meint aber doch nicht den endzeitlichen Herrn, wie ihn die Maiestas Domini (Abb. 6) zeigt. Vielmehr ordnet er sich in die säkularisierten Darstellungen des 20. Jahrhunderts ein, dem die für das Mittelalter selbstverständlichen klaren Zielvorstellungen hin auf die Herrschaft des wiederkehrenden Herrn fehlen.

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– In der Apokalyptischen Landschaft (s. Abb. 9) Meidners sind Menschen und Dinge haltlos ins Taumeln geraten. Es gibt keinen Hinweis auf einen festen Punkt, auch nicht auf einen religiösen Halt in der allgemeinen Unsicherheit.

 

jahrta22.gif (13424 Byte)Die Erwartung (s. Abb. 1 0) - Pendant zum, Panischen   Schrecken – ruft durch die Kombination von fast banaler Alltäglichkeit der Beobachter und der Unheimlichkeit der offenen Landschaft den beklemmenden Eindruck eines jederzeit möglichen Einbruchs des Außergewöhnlichen, des Bedrohlichen – ja, des möglichen Endes hervor; denn man fragt sich unwillkürlich, ob diese Menschen nicht auf ein endzeitlches Zeichen warten.


4.
Die Abb. 5-7 haben zum einen die Aufgabe, die Bibelzitate, in deren Kontext sie stehen, zu veranschaulichen und zu interpretieren: die endzeitlichen Zeichen – der thronende und richtende Herr – die Friedensprophetie. Zum andern sind diese Bildquellen ein Beweis für das hohe Alter dieser Vorstellungen, die bis heute im Umfeld endzeitlichen und, mit ihm gelegentlich auch verbunden, utopischen Denkens lebendig sind, besonders bei chiliastischen Gruppen außerhalb der großen Kirchen.

jahrta23.gif (12639 Byte)– Die Aufmerksamkeit, mit der die auf dem Teppich von Bayeux (s. Abb. 5) dargestellten Zeitgenossen die Eroberung Englands 1066 den Sternenhimmel betrachten, zeigt, dass es im Zusammenhang mit außerordentlichen Ereignissen, zu denen auch ein Jahrtausendwechsel zählt, üblich war und – wie man feststellen kann, immer noch üblich ist – ungewöhnliche Vorkommnisse als Vorzeichen oder Warnungen zu deuten.

jahrta24.gif (14125 Byte)– Die Maiestas Domini (s. Abb. 6) entstand genau in der kritischen Zeit der 1. Jahrtausendwende im Auftrag Bischof Bernwards von Hildesheim, der zu den führenden Persönlichkeiten der Zeit Kaiser Ottos III. gehörte. Der Künstler hat Christus zwar mit den aus der Johannes-Apokalypse bekannten endzeitlichen Attributen ausgestattet. Doch die zweifache Darstellung des Herrn – als Richter und als Mensch gewordener Gottessohn – gibt dem Gerichtsbild einen ausgesprochen versöhnlichen, hoffnungsvollen Charakter.

jahrta25.gif (16614 Byte)– Der romanische Fries vom Eulenturm in Hirsau (s. Abb. 7) ist zwar im Gegensatz zu den Buchmalereien wenig erzählerisch angelegt. Jedoch ist das ungestörte Nebeneinander von Raubtieren, Haustieren und der Halbfigur des Hirtenknaben ein deutlicher Hinweis auf Jesaias Prophetie eines paradiesischen Endzustandes. Der Fries ist damit ein Zeugnis dafür, dass utopische Vorstellungen schon früh mit dem Nachdenken über das Ende der Zeiten verbunden wurden (vgl. auch oben die Hinweise zum Arche- Motiv).


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