Zeitschrift

Wien


Europäische Metropole im Wandel




Zur Einführung


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Inhaltsverzeichnis   



Von Rüdiger Utikal

Die Vergangenheit und die Gegenwart Wiens sind geprägt von der Tatsache, dass die Stadt im Schnittpunkt dreier Kulturkreise liegt, deren Eigenheiten eine besondere Mixtur, eine spezifische Atmosphäre, auch eine eigene politisch-soziale Struktur in dieser Metropole in der Mitte Europas geschaffen haben. Die Vermischung slawischer, österreichisch-deutscher und italienischer Einflüsse hat zusammen mit vielen anderen Faktoren eine Stadt der Brüchigkeiten und Dualismen entstehen lassen, der das überzuckerte und zugleich mit einer schmackhaften Prise Morbidität versetzte Wien-Klischee der Fremdenverkehrswerbung so gar nicht entsprechen kann und will. »Küss die Hand«-Schmäh, Heurigenseligkeit, Kaffeehausgemütlichkeit, Pratergrün und Oper(ette)n-»Gold und Silber« - nach dem Motto »Wien bleibt Wien« - sind wahrhaftig nicht alles, was Wien dem Besucher zu bieten hat. »Wien ist anders« - auch damit wirbt die Stadt inzwischen. Tiefgründigere Einblicke in Kontinuitäten und Wandlungen dieser Stadt sind auch bei kurzer Aufenthaltsdauer möglich und wünschenswert. Dazu will das vorliegende Heft mit seinen Beiträgen ermuntern. Sie sind insbesondere für diejenigen gedacht, die mit ihren Schülerinnen und Schülern eine Exkursion nach Wien planen und ergänzend zu den zum Teil einseitigen touristischen Wien-Führern geeignetes Material suchen, das die Bereiche Geschichte, Politik, Kultur und Literatur betrifft. Gründliche Recherchen vor Ort und teilweise erfolgte Erprobung mit Klassen und Kursen sind Basis und Ausgangspunkt für die Beiträge dieses Heftes gewesen.

Inwiefern ist Wien nun aber eine Stadt der Brüchigkeiten und Dualismen?

Im Lauf der Jahrhunderte rückte Wien vom Rand in den Mittelpunkt Europas. Seit der Abwehr der Türkengefahr ist Wien nicht mehr eine Festungs- und Grenzstadt Europas, sondern wird bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts systematisch zur kaiserlichen Metropole in der Mitte Europas ausgebaut (vgl. Kapitel II). Die Folgen des Ersten und mehr noch des Zweiten Weltkriegs brachten die Gefahr der Provinzialität mit sich, eine Gefahr, die auch im Rahmen der Umgestaltung Europas seit 1989 nicht gebannt ist. Wien als Weltkongresszentrum (vgl. Kapitel VII) und Wirtschaftsmetropole in Europa ist eine Vision für die Zukunft Wiens, die viele Skeptiker auf den Plan ruft.

Der imperiale Glanz der Habsburger-Monarchie, der sich in Wien etwa in der Hofburg manifestiert, tritt in Konkurrenz zum Selbstverständnis Wiens als Bürgerstadt, die sich sehr wohl - etwa im Rathaus an der Ringstraße - ihre prunkvollen Symbole zu schaffen weiß. Das kaiserliche Wien, dem sein Weltstadtanspruch ja von oben aufgezwungen wurde, gerät in Gegensatz zum Wien der Groß- und auch Kleinbürger, die ihre Stadt von unten gestalten wollen und dabei immer wieder an ihre Grenzen stoßen (Kapitel III, IV und VI). Der Rückzug in die »Schmankerl«-Welt biedermeierlicher Gemütlichkeit, wie man sie auch heute noch wahrnehmen kann, ist auch als mentalitätsstiftendes Phänomen auf dem Hintergrund dieser Entwicklung zu verstehen.

Integration und Abwehr - beide Formen des Umgangs mit dem und den Fremden sind sichtbar, wenn man die Geschichte Wiens betrachtet. »Die positiv konnotierte Verbindung Österreichs und vor allem Wiens mit dem Bild einer multikulturellen Gesellschaft ist eine - nostalgisch verklärte - historische Retrospektive: sie greift - meist unter Ausblendung realer politischer Problematiken - auf eine als ›typisch österreichisch‹ klassifizierte Kultur des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts zurück.« (Breuss u. A., S. 20) Die Integration war häufig eine ausschließlich kulturell begriffene Angelegenheit, die politische Implikationen bewusst ausblendete. Der österreichische Vielvölkerstaat tat sich sehr schwer damit, eine politische Konstruktion für die verschiedenen »Völker« der Monarchie zu finden, und als man sie schließlich - im Jahr 1867 - mühsam zu Stande brachte, war das Scheitern eigentlich schon vorprogrammiert, weil nur die Ungarn berücksichtigt worden waren und man eine durchaus auch ausgrenzende Dualität geschaffen hatte. Im Alltag waren die Böhmen, Ungarn, Kroaten usw. in Wien sehr präsent, wofür die böhmische Küche als Beispiel dienen mag. Viele Wiener tragen tschechische Namen. Und nicht zuletzt ist die Diskussion um Ausländer und Europa in Wien heute eine äußerst kontrovers geführte, wobei Untertöne der Ausländerfeindlichkeit nicht fehlen (Vgl. Kapitel V).

Wien hat sich spätestens seit dem Barock als eine Weltstadt der Kultur begriffen. Wien um 1900 ist förmlich zum Synonym für die Kunst des Fin de Siècle geworden, seine Ausstrahlung in die europäische Kulturwelt hinein brachte Wien einen enormen Prestigegewinn, der politischen Machtverlust zu kompensieren half. Wien als Stadt des Burgtheaters und der Staatsoper gilt als Hochburg kultureller Aktivität, ist seit dem späten 19. Jahrhundert immer als Zentrum der Literatur wahrgenommen worden (vgl. auch Kapitel I). Es gibt »Wiener Schulen« im Bereich der Musik, der Architektur, der Philosophie und Psychoanalyse, auch der Rechtswissenschaft und Volkswirtschaft, was die Palette noch um den Wissenschaftssektor erweitert. Hierauf besteht ein berechtigter Stolz. Dass vieles dabei aus der Opposition gegen Bestehendes heraus entstand und ein Widerstreit zwischen rückwärtsgewandter Beharrung und vorwärtsdrängender Erneuerung geradezu zum Grundmuster der kulturellen Entwicklung Wiens gehört, wird gern in den Hintergrund gedrängt. Der Kampflärm einer konservativen Kunstauffassung war in Wien immer besonders laut.

Arthur Schnitzler bemerkte um 1900, dass die Wiener mit den Redewendungen »Es zahlt sich ja net aus!«, »Tun's Ihnen nix an.« und »Wie komm denn i dazu?« am Besten zu charakterisieren seien. Das raunzige, aggressiv vorgetragene Selbstmitleid und das elegante Herauswinden aus problematischen Situationen verbindet sich mit einem spezifischen Charme, der sich auch heute noch eines begrifflichen Repertoires bedient, das Autorität und hohen gesellschaftlichen Rang besonders herausstellen möchte. Der Erfindungsreichtum, mit dem in Wien von Hotelportiers oder Kellnern Titel vergeben werden, ist erstaunlich, und mancher Wien-Besucher fand sich unversehens zum »Herrn Baron« geadelt oder zum »Herrn Direktor« erhoben. Man arrangiert sich eher als dass man sich engagiert: »Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist!«, erklingt als »Fledermaus«-Melodie aus dem Hintergrund dazu. Die besondere Affinität der Wiener zum Tod ist eine weitere Facette der Wiener Mentalität. Es ist nicht verwunderlich, dass ausgerechnet in Wien ein Bestattungsmuseum existiert. Den Brüchen einer wie auch immer gearteten Wiener Mentalität auf die Spur zu kommen, ist ein schwieriges, aber lohnendes und aufschlussreiches Unterfangen, zu dem die einzelnen Kapitel unterschiedliche Beiträge leisten. Wenn man nun das Spezifische dieser Mentalität erkennt und hinterfragt, kann man auch - in Vergleich und Feststellen von Gemeinsamkeiten und Unterschieden - europäische Dimensionen solcher Beobachtungen wahrnehmen.

Viele Facetten prägen also das Bild von Wien als Metropole im Wandel. Wien ist und war ein Ort, an dem sich europäische Geschichte abgespielt hat. Wien ist und war eine Stadt, in der die Frage nach Nationalitäten und dem Umgang mit den Problemen, die sich daraus ergeben können, eine große Rolle gespielt hat. Wien ist und war eine Stadt, deren kulturelle Ereignisse und Entwicklungen europaweit wirkten und deren soziale und politische Konflikte immer wieder internationale Dimensionen aufweisen, europäische Tendenzen schlaglichtartig beleuchten. Die besondere Lage und die historischen wie aktuellen Entwicklungslinien Wiens waren immer von Bedeutung für diese Fragen und werden es wohl auch in der Zukunft bleiben.

Literaturhinweis

Susanne Breuss/Karin Liebhart/Andreas Pribersky: Inszenierungen - Stich-wörter zu Österreich. Sonderzahl-Verlag, Wien 2. Aufl. 1995


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