Zeitschrift

Wien


Europäische Metropole im Wandel




II. Vom Bollwerk Europas zur europäischen Metropole: Stadterweiterung und Stadtentwicklung im 19. Jh.


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Inhaltsverzeichnis   



Von Burghild Reble

Wien um die Mitte des 19. Jahrhunderts: Veraltetes Modell einer Festungsstadt

M. Merian: Wien 1649. Noch um 1850 präsentiert sich die Stadt wehrhaft wie zur Zeit der zweiten großen Türkenbelagerung im 17. Jh.
Aus: Österreichischer Städteatlas. Hg: Wiener Stadt- und Landesarchiv, Ludwig Boltzmann, Wien 1982

Um 1850 war die Ausdehnung der inneren Stadt Wien seit sieben Jahrhunderten nahezu unverändert. Obwohl sie seit 1533 endgültig habsburgische Hauptresidenz und durch die Heiratspolitik des Herrscherhauses Metropole eines immer größer gewordenen Länderkomplexes war, waren ihrem Wachstum enge Grenzen gesetzt. Das Vordringen der Türken nämlich hatte Wien zum Grenzort des Reiches und Bollwerk des christlich-abendländischen Europa gegen das Osmanische Reich gemacht. Seit 1529 immer wieder von Belagerungen bedroht, suchte die Stadt Sicherheit im Ausbau ihrer Befestigungen. Ein breiter Bauverbotsgürtel (Glacis) von einem halben Kilometer Breite, Mauern mit Kasematten und engen Toren, Basteien und Graben schützten innere Stadt und kaiserliche Hofburg vor Angriffen. 1683, als Ludwig XIV. in Paris bereits die Stadtmauern schleifen und Boulevards anlegen ließ, erlebte Wien die schwerste Türkenbelagerung seiner Geschichte, und noch als 1725 bis 1825 die deutschen Städte in einer wahren »Entfestigungswelle« ihre Fortifikationen sprengten, präsentierte sich die habsburgische Haupt- und Residenzstadt mit immer neuen Verteidigungsanlagen, vor denen sich inzwischen 34 Vorstädte gebildet hatten (1850 eingemeindet). Diese wurden seit 1704 durch eine zweite Militärgrenze, die sog. »Linie«, von den außerhalb liegenden autonomen Vororten abgeschnitten. Sie bildete zugleich eine Zoll- und Steuergrenze für städtische Gemeindesteuern. So war das Wiener Besiedlungsgebiet durch zwei konzentrische Kreise zerschnitten: innerer Wall und äußere Linie.

Beide hatten um 1850 ihre ursprüngliche Verteidigungsfunktion längst verloren:

  • 170 Jahre nach der letzten großen Türkenabwehr hatte der Staat weit nach Südosten ausgegriffen. Wien war Reichsmittelpunkt geworden, Verkehrsknotenpunkt und Sitz expandierender Reichsbehörden. Durch eine habsburgische Stadtordnung hatte längst das Bürgertum seine politische Bedeutung verloren und sah sich in die Vorstädte abgedrängt, die Bürgerhäuser der Innenstadt waren barocken Adelspalais, Kirchen der Gegenreformation und höfischen Verwaltungsgebäuden gewichen. Wohnraummangel und steigende Mietzinsen (1850-56 um 40%) waren die Folge dieser frühen »Citybildung«.
     
  • In der Barockzeit waren neue repräsentative Monumentalbauten an der Peripherie des Glacis entstanden: Schönbrunn als kaiserliche Sommerresidenz (ab 1696), das Sommerschloss Belvedere des Prinzen Eugen (ab 1700), die Karlskirche (ab 1715), adlige Sommerpalais der Schwarzenberg, Liechtenstein, Auersperg u. a. Eine bessere Verkehrsanbindung dieser Bauten an die innere Stadt wurde dringlich.
     
  • Der Absolutismus hatte mit dem Manufakturwesen auch eine starke Bevölkerungszuwanderung gefördert. Bis 1750 war Wien größte Stadt in Mittel- und Südeuropa geworden. Einsetzende Industrialisierung ließ die Bevölkerungszahl weiter emporschnellen und einen Kranz von Fabriken, Wohn- und Gewerbegebieten in den Vororten entstehen, wegen der niedrigeren Lebenshaltungskosten außerhalb der Linie. Diese wurde zu einem Verkehrshindernis zwischen Stadtgebiet und schnell wachsenden autonomen Vororten. In der Innenstadt herrschten Raummangel, Verkehrs- und Versorgungsprobleme, die in anderen europäischen Hauptstädten (Markthallen in Paris, London) längst gelöst werden konnten.
     
  • Die Stadtbefestigungen boten schon gegen die napoleonischen Truppen 1805 und 1807 keinen Schutz mehr. Zur Falle für den kaiserlichen Hof aber wurden sie während der inneren Unruhen 1848, als der Kaiser zeitweise nach Olmütz ausweichen musste. Nach dem Sieg des Militärs blieb Wien noch bis 1853 unter eine Militärverwaltung gestellt, die jedoch die Sicherheit des neoabsolutistisch regierenden Kaisers neu überdenken musste.

»Es ist Mein Wille ...«

Die Wiener Stadterweiterung verläuft parallel zur Regierungszeit Franz Josephs I. (1848-1916). Über der gesamten Bau- und Kulturpolitik innerhalb der Stadt steht der Einfluss des Kaisers und seiner Berater.

Nationalitätenkonflikte, Gefährdung der Großmachtstellung des Vielvölkerstaates kennzeichnen die ersten Regierungsjahre:

1848-49 Regierungsantritt des 18-jährigen Kaisers, Revolutionen in Wien, Italien, Ungarn

1851-59 Die Verfassung von 1849 wird aufgehoben; Zeit des kaiserlichen Neoabsolutismus

1859/66 Verlust der italienischen Provinzen Lombardei, Venetien

1866 Niederlage gegen Preußen, Österreich muss aus dem Deutschen Bund ausscheiden und den Weg freimachen für die kleindeutsche Reichsgründung

1867 »Ausgleich« mit Ungarn: Um zum ungarischen König gekrönt zu werden, nimmt Franz Joseph die Teilautonomie Ungarns mit eigener Hauptstadt Budapest in Kauf

Vor dem Hintergrund dieser permanenten politischen Krise versucht der Kaiser im Wettstreit mit Paris, London und Berlin aufzuholen, was die von Sparsamkeit geprägte staatliche Repräsentation unter Metternich (1810-1848) versäumt hat. In einem Willensakt befiehlt er 1857 die Aufhebung der Stadtbefestigungen.

Allerhöchstes Handschreiben

»Es ist Mein Wille, dass die Erweiterung der inneren Stadt Wien mit Rücksicht auf eine Verbindung derselben mit den Vorstädten ehe möglichst in Angriff genommen und hierbei auch auf die Regulierung und Verschönerung Meiner Residenz Bedacht genommen werde. Zu diesem Zwecke bewillige ich die Auflassung der Umwallung und Fortifikationen der inneren Stadt, sowie der Gräben um dieselbe.«

Die Aufgabe wird dem Staatsministerium (Innen-) übertragen. Als oberste Baubehörde ist es mehr als ein halbes Jahrhundert lang mit Abbrucharbeiten, Parzellierungen, Grundstücksverkäufen, Bauausschreibungen und Auftragsvergaben für staatliche Repräsentationsbauten beschäftigt. Deren Kosten will man aus den Grundstücksverkäufen aufbringen. Ein Stadterweiterungsfonds des Ministeriums übernimmt die Finanzierung. Da die Militäranlagen Staatseigentum sind, können die staatlichen Planungen nicht durch Privatinteressen beeinflusst werden: auch eine Folge der späten Stadtentfestigung Wiens.

Die Sicherheit des Hofes übernimmt jetzt ein System von Kasernen und Militäranlagen am Rande des früheren Verteidigungsgürtels. Doch schon in wenigen Jahren ist diese Lösung nicht mehr zeitgemäß. Auf dem Arsenal mit seinen Munitionsfabriken entsteht das erste (heeresgeschichtliche) Museum, der »Paradeplatz« wird Bauplatz für Rathaus und Parlament, die Franz-Josephs-Kaserne macht 1898 dem Ausbau des letzten Ringabschnittes, dem Stubenring, Platz. Nur die Rossauer Kaserne entgeht dem Abbruch und wird noch heute als Polizeikaserne verwendet (s. Photo S. 12).

Eine Flugschrift stellt 1860 den aus 85 internationalen Vorschlägen entwickelten »Allerhöchst genehmigten« Plan der Stadterweiterung den Wienern vor.

Drei konzentrisch geführte Straßen treten an die Stelle der inneren und äußeren Verteidigungsanlagen, durchschnitten von Radialstraßen zum Zentrum.

Lange Abschnitte einer polygonalen »Ringstraße« bieten Platz für staatliche Monumentalbauten. Die bei Richtungsänderungen entstehenden Bruchstellen erhalten besondere städtebauliche Akzente (Platz, Denkmal, Grünanlage). Diese Prachtstraße von 57 m Breite setzt sich in einem Franz-Josephs-Kai am Donaukanal fort. Sie ist dem Luxusverkehr vorbehalten (Promenaden, Reit- und Fahrwege in Doppelalleen) und für gesellschaftliche Großereignisse geplant. Eine parallel verlaufende Lastenstraße nimmt den Lastenverkehr auf, und an die Stelle des »Linienwalls« tritt eine 76 m breite Gürtelstraße. Parallel und rechtwinklig in Rasterbebauung werden die Straßen vom Ringstraßenbereich weitergeführt, Vorstädte und Vororte an das Zentrum angeschlossen. Bauordnungen in kurzer Folge garantieren das repräsentative Stadtbild des neuen Wien: 5-stöckige Wohnhäuser, kein einziges Stockwerk unter 3 m lichte Höhe, genehmigungspflichtige Fassaden mit horizontal betonten Linienführungen durch aufeinander abgestimmte Geschosshöhen und Traufzonen, Straßenbreite in der Regel 16 m.

Eine solche »Jahrhundertbaustelle« (Verkauf der letzten Parzellen 1911) und die internationalen Bauausschreibungen ziehen Künstler aus ganz Europa nach Wien. Sie betätigen sich auch als Lehrer an den Kunsthochschulen, als Interessenvertreter im Gemeinderat und im Architektenverein, als Bodenspekulanten oder Bauherren. Viele werden vom Kaiser nobilitiert (v. Förster, v. Ferstel, v. Hansen, v. Hasenauer, v. Schmidt).

Nur wenige der großen Architekten Wiens in der langen Regierungszeit Franz Josephs sind Wiener, und alle unterwerfen sich einem gemeinsamen Architekturkonzept. Mit einem Dekorationsbedürfnis, das in alle Lebensbereiche eindringt, schaffen sie in der Ringstraßenzone ein Gesamtkunstwerk der vollkommenen Verschmelzung von Städtebau, Architektur, Malerei, Bildhauer-, Ingenieur- und Gartenkunst: das weltweit bedeutendste Ensemble des Historismus.

Schwarzenberg-Platz: Bedeutende Baustelle zwischen Opern- und Kärntnerring/Schubert- und Parkring. Verkehrsplatz zur Aufnahme von Radialstraßen aus dem Südosten. - Das Schwarzenberg-Denkmal (1867) war das erste, das der Kaiser außerhalb seines Hofbereiches auf einem öffentlichen Platz aufstellen ließ.
Photo: B. Reble

»Kaiserforum« und »Via triumphalis«

Wie alle europäischen Stadtentwicklungspläne des 19. Jahrhunderts bildet die Wiener Stadterweiterung eine Fortsetzung der barocken Repräsentationsidee und die internationale Stilepoche des Historismus greift, auf der Suche nach einem repräsentativen und zeitlos-allgemeingültigen Stil, auf alle großen europäischen Kulturepochen zurück. Sie überträgt historische Stile als Symbolträger auf die Bauwerke und unterlegt einzelnen Stilelementen bestimmte »Bedeutungen«. Nicht reine Nachahmung der Historie ist das Ziel, sondern man ist bestrebt, »alle Gegenstände in Harmonie« miteinander treten zu lassen (Rudolf Eitelberger, Leiter der Wiener Kunstgewerbeschule). So sind freie Auslegungen und Stilmischungen erlaubt und die Innenausstattungen der Bauwerke gleichermaßen bedeutsam wie die Fassade. Fast die gesamte Künstlerschaft Wiens ist arbeitsteilig am Bau der 150 innen und außen überaus prächtigen öffentlichen Ringstraßenbauten beschäftigt.

Das unvollendete Kaiserforum: Die Neue Hofburg auf dem Heldenplatz. DIe Denkmäler der siegreichen Feldherren Prinz Eugen und Erzherzog Karl geben auf dem Platz seinen Namen.
Photo: M. Jozefiak

Eine überdimensionale Platzanlage an der Hofburg steigert höfisches Barock zum pompösen Neobarock: das Kaiserforum. Die Pläne der vom Kaiserhaus verpflichteten Architekten Gottfried Semper und Carl v. Hasenauer erläutert letzterer folgendermaßen: »Um der imperialen Idee Ausdruck zu verleihen, um dem herrlichen Haupt unserer Stadt die Krone aufzusetzen, haben wir den Plan eines ›Kaiserforums‹ ausgearbeitet, das an Großartigkeit dem antiken Rom nicht nachstehen soll. Zwischen dem Burgtor und den Hofstallungen finden nun zwei Museen mit den Schätzen der Natur und der Kunst Platz, die das Kaiserhaus im Laufe der Jahrhunderte gesammelt hat. Sie werden durch Triumphtore über die Ringstraße hinweg mit den neu zu errichtenden Flügeln der Hofburg verbunden, die von beiden Seiten den Heldenplatz einschließen müssen, dessen Hintergrund ein kuppelbekrönter Thronsaal sein soll ...« (C. v. Hasenauer).

Von diesem Plan wird nur die Neue Hofburg (1913) ausgeführt: als letzter unvollendeter Repräsentationsakt einer mit dem Ersten Weltkrieg untergehenden Monarchie und Ausdruck einer zentralistischen Staatsidee, die im Vielvölkerstaat schon längst zu einem Anachronismus geworden war.

Hofmuseen, Staatsoper und Burgtheater sollen nicht nur Kunst aus dem zu eng gewordenen Hofbereich auslagern, sondern auch in ihrem Baustil die Kunst widerspiegeln. Die Symbiose eines Neobarock mit dem Wiener Barock scheint geeignet, die Aura einer aristokratisch-höfischen Umgebung in der erweiterten Stadt zu schaffen. Bis in das 20. Jahrhundert bleibt der Hof dem »Maria-Theresien-Stil« (Thronfolger Franz Ferdinand) treu und bevorzugt ihn bei seinen Bauaufträgen.

Als Erinnerung an eine europäische Blütezeit von Kunst und Wissenschaft häufen sich Renaissanceelemente an Bildungsanstalten (Universität), Kunsthochschulen und vielen Vereinshäusern, die nach einem liberaleren Vereinsgesetz (1867) entstehen. Neorenaissance erinnert aber auch an den frühkapitalistischen Geist, etwa der florentinischen Medici, so am Gebäude der Börse (Schottenring) oder am Haus der Industrie (Schwarzenbergplatz).

Gotik, eher sparsam zitiert, gilt in erster Linie als Stil des mittelalterlichen europäischen Kathedralbaus. In Anlehnung an historische Vorbilder entsteht nach einem missglückten Attentat auf den Kaiser (1853) die Votivkirche: kein Motiv, das nicht einer bekannten europäischen Kathedrale der Gotik entnommen wäre. »Der Kapellenkranz erinnert an die nordfranzösischen Kathedralen, der durchbrochene Helm an sein Vorbild in Freiburg. Das Maßwerk ist eine Abwandlung von Formen, wie man sie am Straßburger Münster findet ... und auf den Turmspitzen wird die österreichische Kaiserkrone schweben. Wo aber wäre dafür in der Gotik ein Beispiel?« (C. v. Hasenauer)

Auch als Baustil des hochmittelalterlichen städtischen Bürgertums wird die Gotik zitiert - wie an vielen europäischen Rathäusern der Zeit auch am Neuen Rathaus in Wien (s. Kapitel IV). Der Bau grenzt sich damit vom »Feudalstil« seiner Nachbarschaft ab (Neue Hofburg, Burgtheater, Universität) und weist sich gegenüber deren Barock- und Renaissanceelementen mediterranen Ursprungs als »deutsch« aus. Die Hauptstadt soll, nach dem Willen des Gemeinderates, weithin als Zentrum des deutschen Bevölkerungsteils der Doppelmonarchie erkennbar sein.

»In den heiteren Formen des griechischen Heidentums« (Neue Freie Presse Wien, 24. 4. 1879) erhebt sich neben dem gotisierenden Rathaus das Reichsratsgebäude (s.Kapitel IV). Nach der Funktionsteilung mit Ungarn (»Doppelmonarchie«) war ein Parlament für den Reichsteil Cisleithanien notwendig geworden. Es erinnert als überdimensionale Akropolis an die attische »Wiege der Demokratie«. Der Tempelbau erhebt mit seinen wuchtigen Ausmaßen zugleich die Reichsidee des Vielvölkerstaates ins Sakrale - und er demonstriert das elitäre Selbstverständnis von »Volksvertretern«, die noch bis 1907 nach Zensus- und Kurienwahlrecht gewählt wurden.

Als eine mittelalterliche Ritterburg mit Sichtziegelmauerwerk tritt uns die Rossauer Kaserne in der Ringstraßenzone entgegen. Ihre maurischen Elemente könnten Reminiszenzen der Türkenkriege sein und steigern die zugleich kriegerische und exotische Wirkung dieses Militärgebäudes.

Die Rossauer Kaserne: Überbleibsel der Militäranlagen am Rande des ehemaligen Glacis, erbaut zum Schutz einer durch innere Unruhen gefährdete Monarchie
Photo: M. Jozefiak

Dieser »Festzug der Baustile« (Kunsthistoriker Werner Hofmann) setzt sich fort in den 650 Palais und Mietzinshäusern, den architektonischen Grünanlagen, die mit Denkmälern und Brunnen ganz auf optische Effekte hin angelegt sind. Als größte Grünanlage der Ringstraßenzone bildet der Stadtpark mit »Kurpavillon« beliebte Kulisse und Kontaktzone für den Ringstraßenkorso, einer mit dem Nobelboulevard entstehenden Spezies des gehobenen Wiener Müßigganges.

Wienflussbauten (1903-07) im Stadtpark. Steinerne Voluten als künstliche Grotten, barockisierende symmetrische Terrassen- und Treppenanlagen und Uferbepflanzung im Geist des Jugendstils bilden den Bühnenhintergrund für den Stadtfluss Wien kurz vor seiner Mündung in den Donaukanal.
Photo: B. Reble

Der Repräsentationswille geht zwar vom Kaiserhof aus, ist aber gleichermaßen bürgerliches Anliegen: alles gerät zum Palast. Wer diese Prachtkulisse betritt, fühlt sich in »eine Welt von lauter Nobili« versetzt (Adolf Loos, Architekt und Kritiker der Ringstraße).

Einerseits profitiert diese Pracht von den politischen Entwicklungen. Nachdem der Rivalitätskampf mit Preußen beendet ist, die kostspieligen italienischen Provinzen wegfielen und die Befriedung der nationalistischen Ungarn den Weg zur konstitutionellen Monarchie mit Stärkung des liberalen Bürgertums brachte, kann jetzt im Frieden »ein Kriegsbudget verbaut« werden. Andererseits gerät die große politische Aufgabe, die der Kaiser der Ringstraße zugedacht hatte, zunehmend in Gegensatz zur politischen Wirklichkeit. Statt ein Denkmal des Großösterreichertums zu werden, ist das neue Wien Hauptstadt eines verkleinerten Reiches und bekommt mit Budapest und Berlin neue Konkurrenten, - auch wenn die Ringstraße selbst bauliches Vorbild wird für viele jüngere »Ring«straßen in Europa: ob in Würzburg, Köln oder auch in Budapest.

Große Ereignisse der Ringstraße im 19. Jahrhundert

1865 1. Mai, der Kaiser eröffnet den fertiggestellten Straßenzug

1873 Fünfte Weltausstellung und Börsenkrach

1879 historischer Kostümfestumzug zur Silbernen Hochzeit des Kaiserpaares, ausgerichtet von dem Maler Hans Markart

1883 Monumentalgebäude um den Rathausplatz fertig gestellt

1890 Erste große Maifeier der Arbeiterschaft

1895 Arbeiterdemonstration für das allgemeine Wahlrecht

1897 Deutschnationale Krawalle gegen die Gleichstellung der tschechischen Amtssprache mit der deutschen in Böhmen/Mähren

 

Ringstraßenpalais und Ringstraßengesellschaft

Während die Hocharistokratie, auch aus ökonomischen Gründen, in ihren Stadtpalais bleibt und nur wenige ihrer Mitglieder an der Ringstraße residieren, formiert sich die mit dem Adel konkurrierende »zweite Gesellschaft«, das Großbürgertum, zur Ringstraßengesellschaft: ein Konglomerat von reichen Wirtschaftsadligen, hohen Beamten und Militärs, namhaften Vertretern freier Berufe.

Sie partizipieren in der Nähe des Hofes am öffentlichen Leben, finanzieren mit dem Kauf der teuren Grundstücke die staatliche Bautätigkeit und werden so zu den eigentlichen Gründern des neuen Wien.

Palais Epstein (Theophil v. Hansen, 1868-72), Nähe Hofburg/Hofmuseen. Wohnpalais eines der zahlreichen jüdischen Wirtschaftskapitäne der Ringstraßengesellschaft. Der strenge Historismus des Gebäudes mit seiner horizontal betonten Linienführung ist charaktersistisch für die Wohnbauten am Ring. Ähnliche Farbwerte unterstreichen die Einheitlichkeit, während Portale, Fenster- und Dachlösungen individuell gestaltete Detailformen zulassen.
Phot´0: B. Reble

Sie sind durch Vermögen und persönliche Leistung häufig mit dem Adelstitel versehen und viele ihrer Namen weisen die Ringstraße auch als ein Symbol für die gesellschaftliche Eingliederung des Judentums aus.

Die monumentalen Dimensionen der öffentlichen Bauten nötigen auch den privaten Wohnungsbau, seine Bedeutung zu steigern. Bis zu acht Parzellen werden für riesige Anlagen verbaut (Schwarzenbergplatz, Schottenring) und mit Innenhöfen palastartig konzipiert. Geschäftsräume verbergen sich vornehm hinter den Arkaden von Palazzi. Hoheitsmotive der italienischen Palastarchitektur an Portalen (Säulen, Lisenen), risalitartig betonte Gebäudemitte oder -ecken beherrschen die Bauweise. Die hierarchisch gegliederten Fassaden mit Beletage (des Hausherrn), Mezzanin oder Halbparterre (Zwischengeschoss) sowie Nebenstiege und Dienstbotentreppe spiegeln die vertikal differenzierte Wohnungsstruktur und die gesellschaftlichen Unterschiede der Bewohner.

Die Wohnbebauung der Ringstraßenzone ist der Privatspekulation überlassen. Ein von Westeuropa ausgehender Konjunkturaufschwung nach 1850, Gewerbefreiheit (1859), Institutionalisierung der Aktiengesellschaften und zweckmäßiger Kreditapparat begünstigen die Entfaltung der kapitalistischen Privatwirtschaft. Baugesellschaften beherrschen den Grundstückshandel und die riesigen Bauprojekte. Das Streben nach maximalen Profiten beginnt bereits beim Staat, der die Grundstücke nach Meistgebot versteigert und bis 1911 aus der Stadterweiterung trotz hoher Kosten einen gigantischen Reingewinn erwirtschaftet. Anhaltende Preis- und Wertsteigerungen auf dem Immobilienmarkt begleiten die Ringstraßenzeit. 1869 können 19% der Hausbesitzer allein von den Mietzinseinkünften leben. Im gleichen Jahr liegt die Einwohnerzahl Wiens bereits um ein Drittel über der von 1858. Der Gemeinderat stellt resigniert fest, dass sich die Wohnungsnot nicht gemindert habe - tatsächlich hat sie sich noch wesentlich verschärft.

 

Liberale Kommunalpolitik und städtische Infrastrukturmaßnahmen

Obwohl staatliches Eigentum am Glacis und kaiserlicher Neoabsolutismus die Kommune Wien hindern, die Stadterweiterung in eigener Regie zu übernehmen, ist diese großenteils die Leistung von Gemeinderat und Stadtverwaltung, die über 40 Jahre lang bis 1895 von einer großbürgerlichen Mehrheit beherrscht werden.

  • Die Kommune verzichtet aufgrund kaiserlicher Bauherrenmodelle, die bis zu 25 Jahren Steuerbefreiung für Neu- und Umbauten im Stadterweiterungsgebiet versprechen, auf ihre Haupteinnahme, die Hauszinssteuer.
     

  • Sie macht in eigener Sache (Rathausstandort) Gegenvorschläge zur staatlichen Planung. Die heutige Lage von Rathaus und Parlament z.B. geht auf ihre Initiative zurück.
     

  • Sie finanziert ihre infrastrukturellen Aufgaben ohne staatliche Subventionen mit städtischen Anleihen (genehmigt durch das Finanzministerium).
     

  • Sie erlässt entgegen ihrer liberalen Überzeugung nach dem Börsenkrach 1873, der den städtischen Haushalt nahe an den Bankrott bringt, drastische Steuererhöhungen.

Als der Kaiser 1861 der Stadt eine begrenzte Selbstverwaltung verordnet, bildet sie sofort eine eigene Stadterweiterungskommission. Diese schätzt den Aufwand für die städtischen Aufgaben auf etwa das Doppelte ihres Jahreshaushaltes - eine Summe, die allein vom Rathausbau weit überschritten wird.

Sorge für Passagen (Straßen, Brücken) und Verkehrssicherheit sind städtische Aufgaben. Mehr als 90 neue Straßen und Plätze werden in den ersten drei Jahrzehnten nach Abbruch der Festungsanlagen angelegt. Die allmähliche Angleichung der Breite älterer Gassen in ein durchgehendes System, vor allem in der Altstadt, überlässt die Kommune weitgehend privater Bautätigkeit, da ihr Enteignungsgesetze und finanzielle Mittel zu Grundstücksaufkäufen fehlen. So ist die Altstadtregulierung eine Sache des privaten Nutzens: Bis an die Höchstgrenze werden die Häuser auf den teuren Parzellen geführt, historische Rücksichten nimmt man kaum.

Neben der barocken Regierungscity wächst in der Innenstadt langsam eine Wirtschaftscity mit Banken, Versicherungen und Wohn-/Geschäftshäusern. Bessere Raumnutzung, neue Verkaufs- und Werbestrategien und verstärkter Einsatz der Baustoffe Eisen und Glas rücken die Schaufensterflächen bis an die Baulinie und vergrößern sie durch Einbeziehung des Halbgeschosses. Einige Teile Alt-Wiens aber können bis in dieses Jahrhundert der Spitzhacke entgehen und durch Denkmalschutz (Mölkerbasteiensemble) oder Bürgerinitiative (Spittelberg) endgültig gerettet werden.

Für Versorgungs- und Entsorgungsaufgaben baut die Stadt ein gigantisches, durch den Film »Der dritte Mann« (nach Graham Greene) weltberühmt gewordenes Kanalisationsnetz und zwei Hochquellwasserleitungen, an die der Hochstrahlbrunnen (Schwarzenbergplatz, 1873) erinnert. Die Grünflächenplanung der Stadt verwandelt die städtischen Friedhöfe in Erholungsflächen und legt 1874 den riesigen Zentralfriedhof an, hält auch als künftiges Erholungsgebiet seit den 70er Jahren einen Waldgürtel um die Stadt von Bebauung frei.

Der liberale Gemeinderat entlastet sich von hohen Kosten für technische Infrastruktur und vergibt Konzessionen an Kapitalgesellschaften, die die ersten städtischen Verkehrslinien (Straßenbahnen ab 1865), Gaswerke und Stromversorgung einrichten - bis überhöhte Preise zur Kommunalisierung dieser Unternehmen nach 1895 führen.

Städtebaulich und infrastrukturell hat Wien in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts an die Metropolen Paris und London angeschlossen. Sein Bevölkerungswachstum aber verlangsamt sich bereits gegen 1890, das ungarische Einzugsgebiet war nach 1867 an die zweite Hauptstadt Budapest gefallen. So wird Wien noch bis zur Jahrhundertwende nach der Bevölkerungszahl von Berlin1 überholt.

Zweite Stadterweiterung und Planung für eine Viermillionenstadt

Mit der Eingemeindung der Vororte (Bezirke XI bis XIX) vollzieht Wien um 1890 seine zweite große Stadterweiterung innerhalb eines Jahrhunderts. Dieser Schritt war vom Gemeinderat hinausgezögert worden: Er fürchtete das unruhige Industrieproletariat der Vororte, das Ausbleiben von städtischen Steuern und neue Kosten für die bisher von privaten Vereinen getragene städtische Armenpflege.

Verkehrsprobleme machen jetzt das lange aufgeschobene Stadtbahnprojekt unausweichlich. Da die um 1860 ausgebauten großen Kopfbahnhöfe an der Linie weder untereinander noch mit den städtischen Stichbahnen verbunden sind, befürworten staatliche Stellen für den Truppentransport eine »Gürtelbahn« zwischen den Bahnhöfen; die Stadt wiederum braucht radiale Linien zur Aufschließung neuer äußerer Wohngebiete. Außerdem wird eine Verbindung zwischen den Repräsentationszonen Ringstraße - Schönbrunn benötigt, die an der Wien entlanggeführt werden soll. Erst als die Streckenführung der Stadtbahn endgültig entschieden ist, kann die Kommune den Stadtfluss Wien kanalisieren und teilweise überbauen, womit erst - wegen der Wienmündung in den Donaukanal - die Regulierung des Kanals gegen Hochwässer und die Fertigstellung des Stadtparks im Bereich der Wienmündung ermöglicht werden.

Wienregulierung und Stadtbahnbau, letztes gigantisches Infrastrukturprojekt des liberalen Wiener Gemeinderates, werfen neue Fragen auf:

Wie kann der abseits liegende Platz um die Karlskirche als neuer Stadtbahnanschluss auch baulich in den Ringstraßenbereich einbezogen werden? Wie ist die geplante Verbindung Karlsplatz - Schönbrunn repräsentativ zu gestalten?

Der Sezession wird das erste Eindringen in staatlichen Repräsentationsbau ermöglicht; die Stadtbahnhaltestellen Otto Wagners sind selbst vor Schloss Schönbrunn »hoffähig« (Hofpavillon, 1898). Der »Wienboulevard« soll nach Architektenplänen, voran O. Wagners, eine Prachtstraße werden und den inzwischen als »lügenhaft« und unzeitgemäß kritisierten Ring noch in den Schatten stellen.

Naschmarkt und Wienzellenhaus Otto Wagners. Charmantes Nebeneinander eines langlebigen Provisoriums und einer nur in Ansätzen ausgeführten städtebaulichen Planung.
Photo: W.-S. Kircher

Erste Anfänge der heutigen Wienzeile entstehen mit eleganten Wohn- und Geschäftshäusern (darunter die Wienzeilenhäuser O. Wagners) und drei Hotels für den wachsenden Fremdenverkehr. Sie stehen, zusammen mit dem während der Wienregulierung provisorisch auf die Wienüberbauung verlegten Naschmarkt, noch heute für manches »Unvollendete« der Wiener Architektur.

Während der Stadtbahnbau noch in der Vorbereitungsphase steckt, schreibt der letzte liberale Wiener Gemeinderat einen internationalen Wettbewerb aus »Zur Erlangung von Entwürfen für einen Generalregulierungsplan von Wien« (1892/93). Nach den bisher gesammelten Erfahrungen soll großräumig, langfristig und interdisziplinär geplant werden. Das gesamte erweiterte Stadtgebiet ist einzubeziehen, der Zeitraum eines halben Jahrhunderts (bis ca. 1950) und eine Bevölkerungszahl von 4 Mio. Einwohnern zu Grunde zu legen. Die Stadtverwaltung betrachtet jetzt die Stadtplanung endgültig als eigene Aufgabe und richtet ein städtisches Regulierungsbüro ein (1894). Es überarbeitet die eingegangenen Wettbewerbsvorschläge, sorgt punktuell für einzelne Projekte wie die »Verbauung des Stubenviertels« und des Stubenrings. Ein Gesamtregulierungsplan aber wird niemals umgesetzt: Die Voraussetzungen dazu sind durch den Ersten Weltkrieg und den Zusammenbruch der Donaumonarchie 1918 überholt worden.

Stadterkundung (Vorschlag):

1 Heldenplatz, Neue Hofburg.

2 Ballhausplatz (ehem. k. u. k. Ministerium des Äußeren, heute Kanzleramt).

3 Minoritenplatz - Herrengasse.

4 Freyung. Frühe Regierungscity mit Adelspalais (Starhemberg, Harrach, Kinsky u. a.), staatlichen Zentralverwaltungsbehörden (Staatsarchiv, Niederösterreichisches Landhaus, ungarische Hofkanzlei), Kirchenbauten (Minoritenkirche, Benediktinerkirche Unserer lieben Frau zu den Schotten mit Schottenhof (Stift) und Bankpalais Ferstel, ehem. Österreichisch-ungarische Nationalbank (1860) mit Geschäften und Café Central.

5 Mölkerbastei: unregulierter Teil Alt-Wiens

6 Schottenring mit Börse.

7 Franz-Josephs-Kai (Stadtbahn; Brückenhaus der Donaukanalregulierung).

8 Rossauer Kaserne.

9 Berggasse mit früher Bebauung der 1. Stadterweiterung und Sigmund-Freud-Haus.

10 (Maximilians-) Gymnasium, Wasagasse (Schüler u.a. Stefan Zweig).

11 Votivkirche.

12 Dr. Karl-Lueger-Ring mit Universität.

13 Burgtheater.

14 Rathaus.

15 Parlament.

16 Volksgarten mit Kaiserin-Elisabeth-Denkmal, Heldenplatz.

Alternative: Heldenplatz - Maria-Theresia-Platz

(Hofmuseen) - Messegelände (alte Hofstallungen am ehemaligen Glacis) - Spittelberg - Mariahilferstraße - Mühlbachviertel - linke Wienzeile (Naschmarkt; Stadtbahn) - Oper - Kärntnerring - Schwarzenbergplatz.

Anmerkung

1 Vgl. Berlin - Europäische Metropole und deutsche Hauptstadt. Heft 31/1995 der Reihe DEUTSCHLAND & EUROPA, hg. von der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg, Stuttgart.

Literaturhinweise

Baltzarek, Franz; Hoffmann, Alfred; Stekl, Hannes: Wirtschaft und Gesellschaft der Wiener Stadterweiterung. Franz Steiner, Wiesbaden, 1975

Bernhard, Marianne: Die Wiener Ringstraße. Kremayer und Scheriau, Wien 1992

Dressler, Peter; Madritsch, Renate: Ein Kaisergedanke. Wiener Architektur des Historismus. Karolinger-Verlag, Wien 1987

Koller-Glück, Elisabeth; Zdrazil, Hedwig: Baudekor des Historismus in Wien. Edition Tusch, Wien 1983

Mayer, Wolfgang: Die städtische Entwicklung Wiens bis 1945. Presse- und Informationsdienst der Stadt Wien, Wiener Stadt- und Landesarchiv, 1979.


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