Zeitschrift

Wien


Europäische Metropole im Wandel




IV. Wiener Rathaus und Parlament vor dem Ersten Weltkrieg: Heterogene Gemeinschaft am Paradeplatz


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Inhaltsverzeichnis   



Von Burghild Reble

Wiener Rathaus

Daten

1872 Baubeginn

1873 Grundsteinlegung durch den Kaiser

1885 Einzug der Kommunalpolitiker

1888 Dekoration der Festräume abgeschlossen

Gesamtkosten: 13 655 065 Gulden. Das Rathaus war das teuerste Bauwerk am Ring - nach der Neuen Hofburg.


Hauptfassade des Neuen Rathause, gezeichnet von Victor Luntz, Mitarbeiter des Architekten F. Schmidt, Wiener Stadt- und Landesarchiv.

Aus: Wiener Rathausbuch. Verlag Jugend und Volk, Wien 1983. © Historisches Museum der Stadt Wien

»Saxa loquuntur« -

»Steine sprechen«2

Die Ringstraßenfront des Rathauses mit 98 m hohem Mittelturm, Nebentürmchen, Maßwerkfenstern, reichem Figurenschmuck und Erdgeschossarkaden mutet wie ein Bauwerk aus fernen Zeiten an und lässt sich an seiner emporstrebenden Linienführung leicht als »gotisch« erkennen. Eine 15 Stufen hohe Terrasse unterstützt den ›aufstrebenden‹ Eindruck, Arkaden im Erdgeschoss mit schweren schmiedeeisernen Kandelabern erinnern an die Laubengänge mittelalterlicher Rathäuser. Darüber wachen Ritterfiguren in Harnisch und Schild als wehrhafte Vertreter der altösterreichischen Länder und Allegorien der bedeutenden Städte als leibhaftig gewordene bürgerliche Tugenden. Neben Treue, Gerechtigkeit, Kunstsinn behaupten sich populäre Angehörige des Hauses Habsburg, denen bürgerliche Loyalität hier ein Denkmal gesetzt hat. Hoch auf dem Rathausturm der »Roland« mittelalterlicher Marktplätze als eiserner Standartenträger, dessen hochaufgerichtetes Schwert noch die Türme von Stephansdom und Votivkirche überragt.

Die ganze Anlage zeugt von lebendig gewordener bürgerlicher Vergangenheit und dem Selbstbewusstsein des Wiener Bürgertums der Ringstraßenzeit. Sieben Innenhöfe, der Haupthof mit den Ausmaßen eines Platzes (85 x 35 m), wirken wie eine überdimensionale mittelalterliche Kreuzgangsanlage, der Erkervorsprung im Westen erinnert an die Brunnenhäuser solcher Klosterumgänge. Die Eingangshalle (»Volkshalle«) an der Ringstraßenfront bildet ein riesiges Vestibül mit Kreuzrippengewölbe und Pfeilergliederungen in gotischen Konstruktionsformen. Festräume mit Kassettendecken und Wandvertäfelungen, ein übergroßer Ratskeller mit Tonnengewölbe und erst recht der riesige Festsaal, der größte der Doppelmonarchie (71 x 20 m, 17 m Höhe), legen Zeugnis ab von dem Repräsentationswillen des Wiener Bürgertums, das sich mit dem neogotischen Prachtbau bewusst in Gegensatz zur feudal-höfischen Ringstraßenarchitektur setzt. Dekoration und Ausstattung zeigen die Wertschätzung der Kunst des bürgerlichen Handwerks. Naturstein in subtilsten Grautönen, gedämpfte Farbwirkung der Wand- und Deckenmalereien, durch Bleiglasfenster gebrochenes Licht bilden eine Mischung von noblem Understatement und »finsterem« Mittelalter. Ganz neuzeitlich aber sind die gigantischen Ausmaße des gesamten Komplexes (152 x 127 m), die geschickte Trennung von Repräsentations- und Administrationsbereich und die zweckorientierte Raumnutzung mit nüchternen Verwaltungstrakten. Solche »rechenhaften« praktischen Vorzüge überzeugten auch den liberalen Flügel des Gemeinderates, der sich mehr dem Fortschrittsgedanken als dem Mittelalter verbunden fühlte, von den Bauplänen des »Dombaumeisters« F. v. Schmidt.

Rathauserbauer Friedrich von Schmidt (1825-1891) - ein Architekt des Historismus

geb. In Frickenhofen/Württemberg, Steinmetzlehre, Studien an der Esslinger Frauenkirche und Arbeiten am Kölner Dom (Dombauhütte), Wien: Lehrstuhl an der Akademie der Bildenden Künste und Dombaumeister an St. Stephan, Mitglied im Architektenverein und im Gemeinderat, Einfluss im Ringstraßenbereich: Akademisches Gymnasium. Für seine Verdienste vom Kaiser geadelt.

Wien als Residenzstadt - der Kaiser will sein Rathaus in Ordnung halten

1861 gewährt Franz Joseph nach außenpolitischen Tiefschlägen den Städten seines Reiches Selbstverwaltung. Er gibt den Einfluss auf die Angelegenheiten seiner Residenzstadt aber nicht ganz aus der Hand: Er behält sich die Bestätigung des vom Gemeinderat gewählten Bürgermeisters vor, kann den Gemeinderat auflösen und Neuwahlen verfügen sowie unterdessen die Amtsgeschäfte des Bürgermeisters durch einen Regierungskommissar wahrnehmen lassen. Gemeinsamer Repräsentationswille und striktes Festhalten am Eigentumsrecht verbinden Hof und Gemeinderat, bis nach einer Wahlreform im Reich 1882 der Zensus auch bei Gemeindewahlen gesenkt wird und Kleingewerbetreibende der Vorstädte in das Rathaus einziehen. Zu ihrem Wortführer wird Dr. Karl Lueger (1844-1910), der seit 1875 dem Gemeinderat, später auch dem Reichsrat angehört. Er verkörpert den neuen Typus des Volkstribunen und erobert sich seinen Anhang in den Vorstadtwirtshäusern. Deutschnationales und antikapitalistisches Gedankengut mischt er demagogisch mit populärem Antisemitismus und »Börsenjuden«, »Judenliberale« sowie »Judäomagyaren« (Ungarn) sind seine bevorzugten Feindbilder. Ende der 80er Jahre wird er Führer der Christsozialen, die zunächst die Herrschaft im Wiener Rathaus anstreben, sich 1893 als Christlich-Soziale Partei auch auf Reichsebene organisieren. Von der Sozialdemokratischen Partei trennt Lueger die Ablehnung des allgemeinen Wahlrechts zu Gunsten seiner kleinbürgerlichen Klientel. Beim Kaiserhaus und in höfischen Kreisen gilt er als Unruhestifter, wenn nicht sogar als Umstürzler:

  • Die deutschnationalen Parolen treffen den Adel als übernationale Schicht und verstoßen gegen den im Vielvölkerstaat empfindlichen Grundsatz der Rechtsgleichheit.
     
  • Das christsoziale Programm gegen Monopolisierung in der Wirtschaft greift das Eigentumsrecht an.
     
  • Der grobe Antisemitismus veranlasst den hohen Klerus zu einer Anklage gegen die »christliche« Partei beim Vatikan.
     
  • Alles zusammen beunruhigt den Kaiser, der zudem um die ungarischen Ausgleichsverhandlungen fürchtet, wenn ein »Ungarnfresser« des Reichsrats auch noch Bürgermeister in seiner Haupt- und Residenzstadt würde.

"Dr. Lueger vor der Thronbesteigung" ist diese zeitgenössische Karikatur betitelt. Sie trägt die Unterschrift: "Dankbar falt´ich meine Hände - das Dermalium ist zu Ende."

Aus: Marianne Bernhard: Die Wiener Ringstraße. Kremayer und Scheriau, Wien 1992, S. 232 © I.P. Verlagsgesellschaft, München

Als 1895 die Christsozialen die 40-jährige liberale Herrschaft im Rathaus ablösen und Lueger zum Bürgermeister wählen, verweigert Franz-Joseph seine Zustimmung und löst den Gemeinderat auf. Vier Mal wird »der schöne Karl« mit großer Mehrheit wieder gewählt - vier Mal hält der Kaiser den Gewählten vom Amt fern. Alle kaiserlichen Mittel, selbst eine Audienz für den Ungeliebten in der Hofburg mit dem Versprechen, er könne erst »dermalen« Bürgermeister werden, fruchten nichts - 1897 schließlich bestätigt ihn der Kaiser. Der kaiserliche Ministerpräsident Badeni hat Lueger den Weg ins Amt geebnet: Er möchte für den erneuten Versuch einer Wahlreform im Reich und Sprachenregelung in Böhmen den Rücken frei von »Rathausgeschichten« haben.

Das Rathaus: Eine Kathedrale für den Bürgermeister?

Seit 1897 ist Lueger »Bürgerkaiser«, »Herrgott von Wien«, seine Partei in der Stadt allmächtig.

Um die Wähler zufrieden zu stellen und gegen Preistreiberei vorzugehen, kündigt er Verträge der Stadt mit Privatunternehmen und nimmt die städtischen Versorgungseinrichtungen in kommunale Regie. Die Rieseninvestitionen ermöglicht er durch in- und ausländische Kredite, die z.T. noch in der späteren Republik abbezahlt werden müssen. Gas-, Wasser- und Elektrizitätswerke werden in kommunales Eigentum überführt. Auch das Straßenbahnnetz übernimmt die Stadt und baut es bis 1902 auf rund 190 km aus. Dienstleistungsunternehmen (Armenfürsorge, Leichenbestattung, Arbeitsvermittlung) werden 1898/ 99 städtisch, und als 1908 die Milchpreise steigen, droht der Bürgermeister, auch noch die Milchlieferung zur Sache der Stadt zu machen.

Viele Pläne für städtische Infrastrukturmaßnahmen übernimmt er aus der Ära des liberalen Gemeinderates, treibt sie voran und sorgt für ihre Verwirklichung. Zu seinen Erfolgsrezepten gehört auch eine besondere Fürsorge für seine Klientel, was in der sich ausweitenden Stadtverwaltung zu Ämter- und Auftragsvergabe nach Parteibuch führt. Der Wiener Romancier Felix Salten verleiht ihm eine sakrale Aura: »Wien. Und in dieser Stadt ein einziges Haupt: Lueger, der Bürgermeister. Er nahm die Straßenbahnen, die Gaswerke, das elektrische Licht, die Leichenbestattung, das Wasser und Feuer; Leben und Tod gehört der Stadt. Am Ziele angelangt, nahm er die schwarzgelbe Gesinnung in städtische Obhut, nahm die Kaisertreue in städtische Verwaltung, nahm die Volkshymne in städtische Regie.«

Luegers wirksame Propagandawaffen haben noch den jungen Hitler in dessen Wiener ›Lehrjahren‹ beeindruckt. Aber auch die sozialdemokratische »Arbeiterzeitung« räumte nach seinem Tod ein, er sei »der erste bürgerliche Politiker, der mit den Massen rechnete, die Massen bewegte ...« (11. 3. 1910)

Die Christsozialen warnen vor der angeblich drohenden jüdischen Herrschaft in Wien: Ein Ostjude stürzt den Rathausmann von der Turmspitze des Rathauses. Zeitgenössische Karikatur aus der Zeitschrift "Kikeriki".

Aus: Brigitte Hamann: Hitlers Wien. Piper-Verlag, München 1996, S. 492

Anmerkungen

1 Marianne Bernhard, Die Wiener Ringstraße, S. 226

2 Motto des Rathausentwurfs von F. v. Schmidt


Das Parlament

Daten

1871 Baubeginn

1874 Grundsteinlegung durch den Kaiser

1883 Erste Parlamentssitzung

1902 Athena-Brunnen vor dem Parlament

Gesamtkosten: 6 900 000 Gulden. Das Reichsratsgebäude steht damit an fünfter Stelle der Kosten nach Hofburg - Rathaus - Burgtheater - Universität

»Saxa loquuntur« - »Steine sprechen«

Ein griechischer Tempel mit dem gewaltigen Grundriss von 137 x 145 m und 11 m hohen korinthischen Säulen über einer breiten Auffahrtsrampe gelagert - so erscheint das frühere Reichsratsgebäude der Doppelmonarchie.

Vor der Rampe der Athena-Brunnen; auf reich geschmücktem Sockel posiert die Göttin der Weisheit mit goldschimmerndem Helm und Speer. In der rechten Hand eine geflügelte Siegesgöttin, zu Füßen die Eulen der Weisheit.

In ihrem Schutz lagern die vier großen Flüsse des Reiches: Donau, Elbe, Moldau und Inn. Hoch auf dem Portikus über dem Giebelfeld versammelt Kaiser Franz Joseph die 17 Kronländer um sich zu Gesetzgebung und Beratung: ein landesväterlicher Monarch über den Nationalinteressen. Von den Kupferplatten des Daches schimmern marmorn antike Heroen und Göttergestalten; aus Tiroler Marmor, der dem patriotischen Eifer mehr zusagte als der aus Carrara. Von der Spitze des Giebels scheinen Quadrigen geradewegs in den Himmel zu stürmen - sie streben auseinander, meinten die Wiener bedeutungsvoll, jede in eine andere Richtung.

Front des Reichsratsgebäudes mit Schülergruppe

Photo: W.-S. Kircher

Durch den Portikus tritt man in den eigentlichen Prachtraum, eine riesige Säulenhalle, die Tageslicht durch ein verglastes Dach empfängt. Mit 24 Säulen und 40 m Länge sollte er nach der Vorstellung des Architekten die »Walhalla« des Reiches darstellen und beide Flügel des Gebäudes, Herrenhaus und Abgeordnetenhaus, gleichermaßen trennen und verbinden. Die zweite Kammer war ein Zugeständnis des Kaisers, als nach dem Ausgleich mit Ungarn die westliche Reichshälfte ein eigenes Parlament brauchte, und er selbst hat die ungeliebte Einrichtung nur einmal besucht (7. 1. 1884). Das Abgeordnetenhaus konnte nach den Beschädigungen des Zweiten Weltkriegs in seiner alten Form wiederhergestellt werden. Wie in einem Amphitheater steigen die Sitzreihen an, umgeben von Karyatiden, die schwer an Zuschauer- und Pressetribünen tragen. Hinter Regierungsbank und Sitz des Parlamentspräsidenten korinthische Säulen mit Giebelfeld. Spiegelnder Marmor, schimmerndes Gold, lederbezogene Sitze und Pultdeckel - alles zeugt davon, dass es bei dem Bau nur eine Rücksicht geben sollte: ihn so würdig und schön wie möglich auszuführen. Er sollte ein Denkmal und weithin wirkendes Erziehungsmittel für das Volk sein, so die liberale Neue Presse Wien. Mit Skepsis dagegen schildert der Schriftsteller Anton Kuh die Atmosphäre: »Unter dem wienerisch-hellenistischen Säulendach herrscht soigniertes, mäßig durchkühltes Halblicht. Es schließt eine Welt ab, die von der Straße und dem Tag nichts wissen darf, wenn sie an ihre heilige Wichtigkeit glauben soll. Und sie weiß auch nichts davon, folgt vielmehr ... ihrem eigenen Rhythmus: dem der Sachlichkeit ohne Schweiß ..., der pathetischen Nüchternheit ... «

Parlamentserbauer Theophil von Hansen (1813 - 1891) -ein Architekt des Historismus

geb. In Kopenhagen/Dänemark. Architekturstudium. Arbeiten in Athen an der Akropolis (Niketempel). Wien: Lehrstuhl an der Akademie der Bildenden Künste. Mitglied im Architektenverein, wo er sich im Vorsitz mit Friedrich v. Schmidt ablöst. Für seine Verdienste vom Kaiser geadelt.

Wien als Reichshauptstadt - Der Kaiser will sein Parlament in Ordnung halten

Die »Realunion« der alten Kronländer mit Ungarn 1867 beschert den Ungarn ein eigenes Parlament und macht für die westliche Reichshälfte Cisleithanien/Österreich eine neue Verfassung notwendig - und damit auch ein neues Parlamentsgebäude. Parlamentsdelegationen beider Länder müssen die k. und k. Außen- und Finanzpolitik (z. B. für das gemeinsame Heer) in Ausgleichsverhandlungen immer wieder neu absprechen. Das mit 510 Sitzen größte Parlament in Europa beherbergt Abgeordnete aus 10 Nationalitäten, wobei Wahlkreiseinteilung und das Zensuswahlrecht in Kurien (getrennt wählen Großgrundbesitzer / Handelskammern, Unternehmer / Städte / Landgemeinden) den Anteil deutscher Mandate begünstigen. Erst nach einer Wahlrechtsreform 1882, die den Zensus von 10 auf 5 Gulden herabsetzt, steht den deutschsprachigen Parlamentariern eine immer größere Mehrheit nichtdeutscher gegenüber. Unter den 30 Parteien und mindestens ebenso vielen fraktionslosen (»wilden«) Abgeordneten muss die Regierung sich ständig neue Mehrheiten suchen, und bis zum Bezug des neuen Parlamentsgebäudes am Ring 1883 hat der Kaiser bereits ein halbes Dutzend Ministerpräsidenten ausgewechselt. Auf der Regierungsbank bleibt man feudal-konservativ, die vom Kaiser ernannten Ministerpräsidenten entstammen dem Großgrundbesitz und/oder der übernationalen aristokratischen Beamtenschaft, sind seine Vertrauensleute und dem Parlament nicht verantwortlich.

Parlamentsauflösungen und das Regieren mit dem Notverordnungsparagraphen 14 sind angesichts der schwierigen Mehrheitsbeschaffung häufig angewandte Mittel und man spricht offen vom »Fortwursteln« (Ministerpräsident Taaffe).

Zwei Problemfelder bestimmen die Debatten im Abgeordnetenhaus: die nationale und die soziale Frage. Zur letzteren gehören Sozialmaßnahmen (Arbeiterschutzgesetze, Achtstundentag usw.); um diese Forderungen konkurrieren Sozialdemokratische und Christsoziale Partei, die sich in den 80er Jahren zu modernen Massenparteien formieren. Die nationale Diskussion wird von vielen deutschnationalen Parteien, den Christsozialen bis hin zu den »Alldeutschen« G. v. Schönerers, angeheizt und dreht sich um zwei Fragen: die der Wahlrechtserweiterung im Reich und der Sprachenregelung in den Ländern der Böhmischen Krone. Seit den Abmachungen mit Ungarn fordern die Tschechen ebenfalls ihre eigene Sprache als Amtssprache; jedoch stehen den sechs Millionen Tschechen in Böhmen drei Millionen Deutsche gegenüber und die deutschsprachige Beamtenschaft dort ist ein fast unüberwindliches Hindernis für eine Sprachreform. 16 Jahre lang bleibt die Forderung der Tschechen unerfüllt - und die Partei der »Jungtschechen« dem Wiener Parlament fern. Schon die Senkung des Mindestzensus 1882 soll ihnen den Weg ins Parlament ebnen, denn sie begünstigt die Tschechen mit ihrer schnell wachsenden kleinbürgerlichen Bevölkerung. Als aber Parlamentsprotest erzwingt, dass die Regierung Taaffe eine Sprachenverordnung zurückziehen muss, greifen Kaiser und Regierung zu einem radikalen Plan: Die Machtverhältnisse im Parlament sollen durch Einführung des allgemeinen Wahlrechts geändert werden (auch von der Sozialdemokratie gefordert), so dass eine Parlamentsmehrheit für ein neues Sprachengesetz möglich würde. Eine solche Wahlreform aber wieder ist nur durch Gesetz möglich - und dafür gibt es nach dem bestehenden Wahlrecht keine Mehrheit. 1893 muss Taaffe aufgeben. Der Kaiser erwägt bereits das Militär einzusetzen für einen »Staatsstreich von oben«.

Das Parlament: Pathetische Nüchternheit unter griechisch-hellenistischem Säulendach?

1897 macht der neue »starke Mann« des Kaisers, Ministerpräsident Badeni, noch einmal den Versuch zu einer Sprachenregelung zu Gunsten der Tschechen und erlässt nach einer vorsichtigen Wahlrechtserweiterung (eine fünfte Kurie für die Stimmen der restlichen männlichen Wahlbevölkerung) die Regierungsverordnung, dass die tschechische Sprache in drei Jahren von allen böhmischen Beamten beherrscht werden soll. Der Tumult über diese Maßnahme und darüber, dass hier nicht das Parlament gefragt worden sei, ist ungeheuer. Während in sudetendeutschen Städten demonstriert, geprügelt und geschossen wird und auf der Ringstraße Studenten »Die Wacht am Rhein« singen, gleicht das soigniert ausgestattete Innere des Parlaments einem Tollhaus. Obstruktionsreden bis zur Länge von 12 Stunden werden mit Geschrei und Klappern mit den Pultdeckeln beantwortet. Da die Geschäftsordnung weder Redezeitbeschränkung noch Dolmetscher kennt, »antworten« die Nichtdeutschen mit dem Aufsagen von Gedichten in eigener Sprache. Die deutschnationalen Parteien beantragen Ministeranklage wegen Rechtsbruch und Badeni, als »Schuft« bezeichnet, fordert einen Abgeordneten zum Duell. Schönerer zerfetzt mit Werkzeugen die Lederbezüge der Sitzreihen und lässt sich mit dem Ruf »Hoch Germania!« von Polizei aus dem Sitzungssaal tragen. Vor dem Parlament geht die Menge gewalttätig gegen Ordnungshüter vor; Militär muss einschreiten. Vom Mai bis September wird der Reichstag vertagt; am 29. November nimmt der Kaiser die Demission seines starken Mannes an. Der Nachfolger stützt sich wieder auf den Ausnahmeparagraphen 14. In den nächsten zwei Jahren wechselt Franz Joseph abermals vier Ministerpräsidenten aus, die Sprachenverordnung Badenis wird zurückgenommen. Auch im Parlament selbst wird der Sprachenstreit nicht gelöst: Nichtdeutsche Reden werden nicht protokolliert, dringende Anfragen dürfen nur in deutscher Sprache eingebracht werden, auch der Parlamentspräsident »versteht« nur Deutsch.

So geht das alte Jahrhundert im Schlachtenlärm der Nationalitäten zu Ende; und als 1907 wenigstens für Mähren eine Sprachenregelung gefunden wird und das allgemeine Wahlrecht doch noch das alte Kurienparlament ablöst, ist diese Einrichtung schon lange nicht mehr arbeitsfähig. 1914 wird sie geschlossen.

Rathaus und Parlament: Zusammenschau

Rathaus und Parlament bilden nicht nur nach ihrer Lage und ihrem Baustil eine »heterogene Gemeinschaft«. Dieses Prädikat kommt auch ihrer historisch-politischen Rolle zu: Auf ihrem heterogenen Weg zum Munizipalsozialismus einerseits und zum modernen Nationalstaat mit Volksdemokratie andererseits verschärfen beide gemeinsam die innerstaatlichen Gegensätze der Vielvölkermonarchie. Damit trafen sie sowohl deren übernationale Reichsidee als auch ihren letzten Repräsentanten, den Kaiser.

"Bilder von der gestrigen Sitzung im Abgeordnetenhaus" (Karikatur aus den Badeni-Tagen 1897). Die Reichsratsabgeordneten, aufgrund des Wahlrechts Männer von Rang und Reputation, überboten sich mit Obstruktionsreden, Schlägereien und Sachbeschädigungen.

Aus: Helmut Andics: Das österreichische Jahrhundert. Fritz Molden, Wien 1974, S. 204

Literaturhinweise

Andics, Hellmuth: Der Untergang der Donaumonarchie. Goldmann-Verlag München, 1984

Baltzarek, Franz; Hoffmann, Alfred; Stekl, Hannes: Wirtschaft und Gesellschaft der Wiener Stadterweiterung. Franz Steiner, Wiesbaden 1975

Bernhard, Marianne: Die Wiener Ringstraße. Kremayer und Scheriau, Wien 1992

Hamann, Brigitte: Hitlers Wien. Lehrjahre eines Diktators. Piper-Verlag München 1996

Lessing, Erich; Czeike, Felix; Planner-Steiner, Ulrike; Roschitz, Karl: Wiener Rathausbuch. Jugend und Volk, Wien 1983


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