Zeitschrift

Wien


Europäische Metropole im Wandel




V. "Europäischer Schmelztiegel" Wien


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Inhaltsverzeichnis   



Von Günther Zollmann

In den Couplets der Volkssänger war immer eine Strophe über den Böhmen, den Ungarn und den Juden, aber es war ein gutmütiger Spott zwischen Brüdern. Man hasste sich nicht, das gehörte nicht zur Wiener Mentalität. Es wäre auch sinnlos gewesen, jeder Wiener hatte seinen Ungarn, seinen Polen, seinen Tschechen, seinen Juden zum Großvater oder Schwager.

Stefan Zweig

Die geopolitische Lage Wiens hat sich durch den Fall des Eisernen Vorhangs und durch den Beitritt Österreichs in die EU grundlegend geändert. Die Stadt ist wiederum als »europäischer Schmelztiegel« gefragt.

Weit verbreitet ist die Meinung, die wachsende Kluft zwischen den »Fremden« und der heimischen Bevölkerung mache die »neuen Zuwanderungen« zu einem Schlüsselproblem von Wien in der Zukunft (Lichtenberger, 1997). In manchen Lösungsstrategien wird immer wieder auf die alte Gründerzeit verwiesen, in der Wien als »der Schmelztiegel Europas« galt. Man erhofft sich »ein ähnlich integratives Potential der Wiener Bevölkerung hinsichtlich der Akzeptanz ausländischer Zuwanderung« wie damals (Lichtenberger, 1995).

Schmelztiegel der Gründerzeit

Spuren des Schmelztiegels

Wien war eigentlich stets ein multikultureller melting pot. Um die Mitte des 16. Jahrhunderts verglich der Dichter Wolfgang Schmeltzl Wien mit Babel in seinem Sprachengewirr. Zum »europäischen Schmelztiegel« stieg Wien in der industriellen Gründerzeit des 19. Jahrhunderts auf, als Wien eine Mittelpunktlage im Großreich der Habsburgmonarchie besaß. Allerdings musste Wien diese schon nach dem Ausgleich 1867 mit Budapest teilen.

Spuren des Schmelztiegels findet der Besucher in Favoriten, im X. Bezirk, und im Freizeitpark der Favoritner, im »Böhmischen Prater«. Der Wiener Schriftsteller Peter Henisch beschreibt in einer Erzählung »Das andere Wien« sein Favoriten, das in den Reiseführern kaum vorkommt. Dort schickt man die Besucher zu den Schlössern Schönbrunn und Belvedere, empfiehlt Spaziergänge durch die Innere Stadt oder Ausflüge zu den Heurigenlokalen in Grinzing oder Nußdorf. »Das andere Wien« beginnt jenseits des Gürtels, einer Schnellstraße, an deren Stelle einmal ein Wall war. Im Volksmund heißt Favoriten noch heute der Zehnte Hieb. Dort draußen, im »ziegelroten Favoriten«, ist das proletarische Arbeiterwien, deren Bewohner aus Böhmen, Mähren und Slowakei wenig Beziehung zu dem etablierten, kaisergelben Wien der Innenstadt hatten.

Der Böhmische Prater existiert zwar immer noch. Doch von den alten Buden und Ringelspielen gibt es nur spärliche Reste. Hier eine neue Automatenhalle, dort ein Minigolfplatz, ein paar Karussells. Eine weitbekannte Attraktion ist das Drehorgelmuseum des Schaustellers Geißler.

Nach wie vor verbindet man die leiernden Geräusche der Drehorgel mit der Kultur der Jahrmärkte, erinnert sich an Drehorgeln als Bettelinstrumente in den Hinterhöfen der Großstadt. Entlang der kurzen Hauptstraße konzentrieren sich die Gaststätten. Die wichtigsten sind die beiden Lokale »Pintarich« und »Bendekovics« wegen ihrer großen Biergärten. An den lauen Sommerabenden drängen sich Hunderte von Gästen dort, trinken Bier oder Wein, essen Schnitzel oder Schweinebraten, genießen die Stimmung der Wiener Gemütlichkeit.

Die Anker-Brotfabrik ist eine der ältesten Industrieanlagen in Favoriten.

Photo: Jost Cramer

Favoriten: ein Fabrik- und Arbeiterbezirk

Der neue Prater auf dem Laaer Berg gehörte den Favoritnern. Sie galten als die Stiefkinder Wiens. Der Prater war ihr Erholungsort.

Der Bezirk Favoriten hat heute mehr Einwohner als Graz oder Linz. Er nimmt unter den 23 Gemeindebezirken eine Sonderstellung ein. Denn er hat keinen historischen Dorfkern, er ist vielmehr ein reines Produkt der Industrialisierung. Er wurde planmäßig angelegt. In einem rasterartigen Schema wechseln sich Fabrikanlagen und Wohnhäuser ab.

Zu Beginn der 1840er Jahre entstanden außerhalb der Befestigungslinien zwei wichtige Bahnhöfe. Die Süd- und Ostbahn verband die Residenzstadt mit den östlichen und südlichen Gebieten der Monarchie. Die Gebiete entlang der beiden Eisenbahnlinien wurden zu einem attraktiven Betriebsstandort. Die Arbeiterfamilien zogen massenhaft in den rasch wachsenden Bezirk. Er lag außerhalb der städtischen Zoll- und Steuergrenze, die entlang des heutigen Gürtels verlief. Deshalb waren die Lebensmittelpreise und die Mieten weitaus niedriger als in der Stadt.

1874 wurde Favoriten als jüngster Bezirk nach Wien eingegliedert. In den folgenden Jahren des Wirtschaftsbooms expandierte der Bezirk rasch in Richtung des Wiener- und Laaer Bergs. Die Ziegeleien an beiden Bergen lieferten das Material für den Ausbau der Stadt. Sie erreichten um 1900 ihre weiteste Ausdehnung. Die »Wienerberger Ziegelfabrik« war einer der größten Betriebe Wiens. Überwiegend wurden tschechische und italienische Gastarbeiter beschäftigt. Die archaischen Arbeitsverhältnisse erinnerten an die Frühindustrialisierung, die katastrophalen Lebensverhältnisse der »Ziegelböhm« erregten öffentliche Aufmerksamkeit.

Geprägt ist Favoriten von den Wohnhäusern der Gründerzeit. Sie tragen mit Recht den Namen »Mietskasernen«. Denn so wie für die Mietspaläste der Ringstraße das Adelspalais Vorbild war, war es für diese Bauten die Kaserne, vor allem das Arsenal. Dieses ist ein riesiger, im neonormannischen Stil erbauter Gebäudekomplex mit eindeutigem Festungscharakter. Es wurde aus Angst vor den von Süden her drohenden Proletariermassen errichtet.

So wie in Leopoldsdorf lebten die meisten (vor allem tschechischen) Ziegelhüttenarbeiter am Wienerberg oder Laar Berg.

Photo: Jost Cramer

Der »böhmische« oder »czechische« Prater

Im Jahr 1886 berichtet eine Vorstadtzeitung unter dem Titel »Vom böhmischen Prater«:

»Dieser höchst bemerkenswerthe charakteristische, auf dem Laaer Berge gelegene, außer den Simmeringern und den Favoritnern nur wenigen Wienern bekannte ›czechische Prater‹, welcher heuer in seinen fünften Jahrgang tritt, entwickelt bereits ein sehr reges Leben. Die Vergnügungs-Etablissementsbesitzer Bartonicek, Bezdek, Brocek, Budar, Dworacek, Klimes, Pokorny, Sklenarik, Swoboda, Wanya u. a. - man sieht, die Nationalität lässt sich unschwer erkennen - sie Alle haben ihre gastlichen Hallen geöffnet ihren - Landsleuten.«

Aus: Slapansky 1992, S. 70

Die »Vergnügungsetablissements« gehörten meist aus Böhmen und Mähren stammenden Besitzern. Sie eröffneten ihre Betriebe im Nahbereich von Favoriten, wo viele Tschechen siedelten. So lag der Name »böhmischer« oder »czechischer« Prater nahe. Wie jede Metropole Europas erlebte Wien im 19. Jahrhundert eine Massenzuwanderung. Sie lockte als Reichshauptstadt Migranten aus allen Teilen der habsburgischen Doppelmonarchie an. Der stärkste Zustrom erfolgte aus den Kronländern Böhmen und Mähren.

Die Tschechen kamen als Industriearbeiter nach Wien, als Dienstmädchen, Schuster, Köchinnen und Kindermädchen. Da viele - vor allem die Frauen - bei ihren Arbeitgebern wohnten, verteilten sie sich über alle Bezirke und lebten nicht so konzentriert wie die Wiener Juden in der Leopoldsstadt. Das förderte die Assimilation.

Viele Tschechen kamen als Saisonarbeiter, die am Bau oder in den Ziegeleien nur von Frühjahr bis Herbst arbeiteten und im Winter zu ihren Familien nach Böhmen zurückkehrten. So waren stets viele Tschechen in Wien - fast jeder vierte Bewohner der Zweimillionenstadt - , aber eben immer andere. Die Historikerin Glettler vergleicht deshalb Wien mit »einem Hotel, das zwar stets besetzt war, aber immer von anderen Leuten«.

Die hohe Zahl von Arbeitern unter den Wiener Tschechen - vor allem wenn sie in Großbetrieben tätig waren - führte zu einer dichten Konzentration von Arbeiterbezirken, vor allem in Favoriten, dann in Ottakring. Jeder fünfte Einwohner Favoritens stammte aus Böhmen und Mähren. Oft waren ganze Zinshäuser von tschechischen Familien bewohnt.

Das Leben der Arbeiter war während der Woche durch lange Arbeitszeit, eintönige Arbeit, Unterordnung und Disziplin, Schmutz und Schweiß geprägt. Der Sonntag bedeutete deshalb nach sechs Tagen Arbeit Freizeit, Erholung, Entspannung. Am Sonntag wurde länger geschlafen. Dieser Tag war der Tag der Geselligkeit und der Spaziergänge. Diese führten gewöhnlich hinaus aus den dicht besiedelten Wohn- und Arbeiterbezirken, zumeist an die Peripherie der Stadt. So war der Prater auf dem Laaer Berg in etwa 15 Minuten zu erreichen. Vergnügungslokale, Gaststätten, Tanzböden, Ringelspiele, Schaukeln, Haspeln boten zahlreiche Abwechslungen des Zeitvertreibs für die »kleinen Leute«. An den Wochenenden herrschte Vergnügen und Leben im böhmischen Prater, während der Woche kehrte Ruhe und Beschaulichkeit ein.

Tschechen und Deutsche in Wien

Ein Wiener Sprichwort um 1900:

»Es gibt nur a Kaiserstadt.

Es gibt nur a Wien.

Die Wiener san draußen,

die Böhm, die san drin.«

Dieses Sprichwort zeigt die Angst der Einheimischen vor Überfremdung, vor weiteren Zuwanderern, vor allem vor den Tschechen. Wie viele Tschechen um die Jahrhundertwende in Wien lebten, ist nicht exakt fest zu stellen. Die Schätzungen schwanken zwischen 400000 und 600000 Tschechen. Es wird behauptet, Wien sei die größte tschechische Stadt gewesen.

Im Zuge des Nationalitätenkonflikts in der Monarchie verschärften sich die Auseinandersetzungen auch in Wien. »Germanisierung« oder »Slawisierung« waren die Parolen. Der christlichsoziale Bürgermeister Lueger hatte ein einfaches Konzept: »Der deutsche Charakter Wiens« muss aufrecht erhalten werden, »eine Zweisprachigkeit darf in Wien nicht aufkommen«.

Diese Politik der völligen Assimilierung der Tschechen stieß auf Ablehnung und Konfrontation in den tschechischen Arbeitersiedlungen Favoritens. Dort wurde fast nur »böhmisch« gesprochen, die kaiserlichen Verordnungen wurden in tschechische Sprache übertragen, ja die Gegend um den Wienerberg galt als »tschechische Sprachinsel«. Bei den Volkszählungen gaben die Ziegelarbeiter stolz »böhmisch« als ihre Umgangssprache an, obwohl sie beeiden mussten, den deutschen Charakter Wiens nach Kräften aufrecht erhalten zu wollen.

Der Konflikt gipfelte vor allem in der Schulfrage. In Favoriten betrieb der tschechische Schulverein »Komensky« eine tschechische Privatschule. Er bemühte sich um die öffentlich-rechtliche Anerkennung. Dabei berief er sich auf das Staatsgrundgesetz von 1867, das die Gleichberechtigung aller Volksstämme festlegte und das Recht auf Wahrung und Pflege der Sprachen verankerte. Der Staat sah sich verpflichtet, die Grundgesetze - auch die der Minderheiten - zu schützen. Jedoch stand die Germanisierungspolitik Luegers der kaiserlichen Politik entgegen. Eindeutig war das »Volk von Wien« auf Luegers Seite und gegen die Regierung und den Kaiser.

Karikatur: Streit um die Komensky-Schule. Eine Episode aus dem Streit um die Eröffnung der Komensky-Schule: Der niederösterreichische Statthalter (links) fordert den Wiener christlichsozialen Bürgermeister Josef Neumayer (rechts) auf, die Schließung der Komensky-Schule wegen der Unzulässigkeit durchgeführter Exekutionsmaßnahmen rückgängig zu machen, was dieser jedoch eigenmächtig und hartnäckig verweigert. Der Bürgermeister haut die tschechischen Sprösslinge hinaus, der Statthalter lässt sie wieder bei der Hintertür hinein.

Kikeriki vom 12. Oktober 1911, S. 1.

Aus: Michael John/Albert Lichtblau: Schmelztiegel Wien einst und jetzt. Böhlau-Verlag, 2. Auflage, Wien/Köln/Weimar

Das Ende des tschechischen Wien

Nach der Gründung der Tschechoslowakischen Republik 1919 remigrierten rund 200000 Tschechen und Slowaken in die neugegründete C?SR. Diese Rückwanderung wurde von der Prager Regierung nach dem Zweiten Weltkrieg forciert. Bekannten sich nach dem Ersten Weltkrieg rund 80000 zur tschechischen Minderheit, so waren es nach dem Zweiten 4000. Heute umfasst die tschechische Sprachgruppe in Wien 20000 Personen.

Das markanteste Merkmal der tschechischen Volksgruppe in Wien ist ihre rasante Assimilierung im 20. Jahrhundert. Im Bild der Stadt aber hat sie bleibende Spuren hinterlassen. Zahlreiche tschechische Firmennamen bezeugen die einstige Dominanz dieser Volksgruppe in vielen Wirtschaftszweigen. Die berühmte Konditoreikette Aida ist ein Beispiel dafür. Wie tschechisch Wien einmal war, verdeutlicht das Telefonbuch: Über ein Viertel der Eintragungen sind tschechische Namen.

Probleme der »neuen Zuwanderung«

Wachstum durch Zuwanderung

Die Zwei-Millionen-Weltstadt des Habsburgischen Großreiches hatte aufgrund des Verlustes der zentralen Lage bis 1980 rund 500 000 Einwohner eingebüßt. In Wien lebten in der Nachkriegszeit, wohl bedingt durch seine Randlage im zweigeteilten Europa, kaum Ausländer. Die Zahl betrug 1971 rund 60 000. Bis zum Jahr 1991 vervierfachte sich die Zahl. Mit der Öffnung der Grenzen 1989 schlug die schrumpfende Bevölkerungsentwicklung in ein Wachstum um. Man geht davon aus, dass mit 25 000 ausländischen Zuwanderern im Jahr zu rechnen sei. Damit werden die Wanderungsziffern der alten Gründerzeit erreicht. Heute schätzt man unter Berücksichtigung von Dunkelziffern die Zahl der Ausländer auf ca. 380 000, d. h. auf rund ein Viertel der Bevölkerung.

Die Herkunftsgebiete sind global

Bis ins frühe 19. Jahrhundert kamen die meisten Einwanderer aus deutschen Ländern. In der Phase der Industrialisierung stammten fast neun Zehntel der Fremden, sie machten die Hälfte der Wiener Bevölkerung aus, aus den Kronländern. Entscheidend ist, dass der Wanderungsprozess sich in jener Zeit innerhalb der k. k. Monarchie vollzog. Die Herkunftsgebiete der Migranten heute unterscheiden sich grundlegend von denen der Gründerzeit. Bereits die »Gastarbeiter« kamen nicht aus der ehemaligen Monarchie, sondern in erster Linie aus Serbien und der Türkei. Einwanderer aus westeuropäischen Staaten fehlen weitgehend. In den letzten Jahren verlagerte sich das Herkunftsgebiet nach Osteuropa und dem asiatischen Kontinent. Ganz allgemein wächst der Anteil aus ethnisch-kulturell entfernten Staaten.

Die Zweiteilung in der Wiener Gesellschaft

Die Sozialstruktur Wiens war stets durch eine Teilung zwischen »heimatberechtigter Bevölkerung« und »Fremden« - um Ausdrücke der Gründerzeit zu verwenden - gekennzeichnet. Diese Zweiteilung galt bis zum Ersten Weltkrieg. Bis in die 60er Jahre wurde sie aufgrund der abgeschotteten Verhältnisse vergessen.

Heute sind zwei Prozesse zu beobachten, einmal eine ethnische Überschichtung durch UNO-Beamte und Manager internationaler Konzerne und eine ethnische Segregation auf dem Wiener Arbeitsmarkt. Heute leben mehr als 30000 ausländische Staatsbürger mit internationalem Status in der Stadt. Annoncen in den Zeitungen reflektieren die steigende Nachfrage ausländischer Diplomaten und Manager nach erstklassigen Wohnungen und Villen in attraktiven Lagen.

Eine ethnische Unterschichtung war die Folge der Zuwanderung in den letzten Jahren. Die ehemaligen »Gastarbeiter« aus Jugoslawien und der Türkei sind vor allem im Transportgewerbe und im Einzelhandel tätig. Die »neuen Zuwanderer« aus Osteuropa arbeiten vor allem im expandierenden Baugewerbe, in privaten Haushalten und im Gastgewerbe. Viele der neuen Wiener sind »Grenzgänger« und Pendler. Während der Woche arbeiten sie in Wien, an den Wochenenden leben sie in ihrem Heimatländern Polen, Tschechien oder Slowakei. Zeitungsausträger aus Ägypten oder Bangladesh, Krankenschwestern aus Indien, Chinesen im Gaststättengewerbe sind Angehörige einer neuen »ethnischen Kastengesellschaft«.

Wohnungssituation von Ausländern

Über die soziale Integration oder Diskriminierung der neuen Zuwanderer entscheidet nicht allein deren Stellung auf dem Arbeitsmarkt. Mindestens ebenso relevant sind die Wohnungssituation und das Wohnungsumfeld. Gemeindewohnungen oder geförderte Eigentumswohnungen sind für Ausländer so gut wie nicht zugänglich. Die Folge ist eine Konzentration ausländischer Familien in überfüllten Standardwohnungen aus der Gründerzeit und in Altbauquartieren an den Ausfallstraßen (z. B. Triester Straße). Die starke Zuwanderung nach der Grenzöffnung, die Verteuerungen der Innenstadtwohnungen, die Knappheit billiger, meist privater Altbauwohnungen führten zu einer zunehmend ethnischen Segregation. Knapp die Hälfte aller Ausländer wohnen in nur 6 von insgesamt 23 Stadtbezirken: Leopoldstadt, Favoriten, Ottakring, Fünfhaus, Brigittenau und Landstraße. Erst diese »Ghettoisierung« erzeugte jene Probleme, die in der Diskussion um die Ausländerfeindlichkeit eine zentrale Rolle spielen: Manche Schulen haben bereits zwei Drittel Ausländerkinder. In den Stadtvierteln der Gründerzeit konzentrieren sich Ausländer sichtbar auf Straßen, Plätzen und in Parkanlagen.

Zusammenfassung und Ausblick

Das Wien des ausgehenden 19. Jahrhunderts wurde häufig als »Schmelztiegel« bezeichnet. Das Etikett kann für Wien jedoch nur begrenzt gelten (Fassmann/Münz, 1995).

Tatsächlich hat die Donaumonarchie trotz massiver Zuwanderung nach 1850 in Wien keine nichtdeutschsprachigen ethnischen Minderheiten hinterlassen. Die vollständige Assimilation war das dominierende Leitbild. Die Kinder und Enkel der alten Zuwanderer sind voll integriert, deutschsprachig und meist auch bewusste Wiener und Österreicher (Teutsch, Interkulturelles Zentrum). Die Schmelztiegelthese bedarf einer Revision: Viele Wiener, mag der Vater aus Böhmen oder Mähren stammen, »verdrängen« die Tatsache, dass sie sich assimilieren mussten. Bisweilen wurde sogar der Name gewechselt, ein Zeichen der Überassimilation. Prominente Beispiele gibt es in großer Zahl: Aus Vesely wurde Wessely, aus Vaclavik wurde Waldheim.

Allerdings wirkt sich dieser biographische Hintergrund auf die Akzeptanz der verschiedenen Einwanderergruppen unterschiedlich aus. Die wirklichen »Fremden« sind heute die Rumänen, Serben und Türken, nicht die Kroaten, Tschechen und Ungarn. Mit den letzteren haben viele Wiener verwandtschaftliche Kontakte und die gemeinsame Geschichte und Kultur der Habsburgmonarchie.

Probleme gibt es in den Beziehungen zu den »neuen Zuwanderern«. Sie werden überwiegend den österreichischen Unterschichten zugeordnet. In den Bereichen Baugewerbe, Fremdenverkehr, Gastgewerbe und private Haushalte entstand eine ethnische Segmentierung. Ebenso lässt sich eine Segregation der Wohnstandorte von Ausländern nachweisen.

Wie in vielen anderen europäischen Großstädten sind die Beziehungen zwischen Ausländern und Wienern voller Konflikte und Aggression. Jedes zweite Kind der Ausländer in Wien fühlt sich laut einer Umfrage heimatlos. Weit verbreitet sind bekannte Vorurteile: Ausländer würden den Österreichern den Arbeitsplatz wegnehmen oder vorwiegend zu Lasten der öffentlichen Hand leben. Jedoch: Formen von Gewalttätigkeit haben die Auseinandersetzungen noch kaum angenommen. Die Konflikte werden, typisch Wien, weniger in der Öffentlichkeit ausgetragen.

Zahlreich sind die Bemühungen um integrative Verständigung. Die steigenden Zahlen von Einbürgerungen werden als Zeichen der politischen Integration angesehen. Auch wird die Meinung vertreten, Integration entstünde durch Mobilität. Eine günstige Voraussetzung dazu sei, dass die meisten ethnischen Viertel in kurzer Zeit mit der Innenstadt durch die U-Bahn verbunden seien.

Vorbildlich sind die zahlreichen privaten Initiativen kirchlicher und anderer gesellschaftlicher Gruppen für die Assimilation der Ausländer. Zum Beispiel verwendet der »Ostbahn-Kurti«, eine Kultfigur der Wiener Rockszene (er entstammt einer alteingesessenen Kroatenfamilie im Burgenland), seine Popularität für multikulturelle Integration.

Auf dem Hintergrund dieses ambivalenten innenpolitischen Klimas gestalten die Parteien ihre Ausländerpolitik. SPÖ und ÖVP haben sich nach 1990 deutlich für eine Begrenzung der Zuwanderung ausgesprochen. Die Freiheitlichen, die bei den nationalen Parlamentswahlen im Oktober 1999 knapp fünf Prozent hinzugewannen und zur zweitstärksten Partei heranwuchsen (26,91%), sind sogar für einen völligen Zugangsstopp. Allerdings steht Österreich in Europa mit seiner Einwanderungspolitik nicht alleine da. Die meisten Staaten lehnen eine liberale Zuwanderungspolitik ab.

Literaturhinweise

Gerhard Baumgartner: 6 x Österreich. Geschichte und aktuelle Situation der Volksgruppen. Klagenfurt 1995

Hubert Ch. Ehalt (Hrsg.): Glücklich ist, wer vergisst ...? Das andere Wien um 1900. Wien 1996

Heinz Fassmann/Rainer Münz: Einwanderungsland Österreich? Wien 1995

Monika Glettler: Die Wiener Tschechen in Wien um 1900. Wien 1972

Michael John/Albert Lichtblau: Schmelztiegel Wien einst und jetzt. 2. Aufl. Wien 1993

Elisabeth Lichtenberger: Schmelztiegel Wien. In: Geographische Rundschau 1/1995

Elisabeth Lichtenberger: Wien zwischen extremer Grenz- und Mittelpunktlage. In: Bürger im Staat, Heft 2, 1997, S. 80 ff.

Wolfgang Slapansky: Das kleine Vergnügen an der Peripherie: Der Böhmische Prater in Wien. Wien 1992


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