Zeitschrift

Wien


Europäische Metropole im Wandel




VI. Stadtentwicklung im 20. Jahrhundert

2. Stadtentwicklung des modernen Wien


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Inhaltsverzeichnis   



»Die Wohnbautätigkeit selbst hat längst die Dimensionen von sozialen Fürsorgemaßnahmen gesprengt.« (E. Lichtenberger, S. 83, Sp. 3).

Wohnbaupolitik in einer modernen demokratischen Gesellschaft muss in einen Zusammenhang mit einer Vielfalt weiterer planerischer Aufgaben des Städtebaus gestellt werden. Die wichtigsten Bereiche sind Schutz der Umwelt, sinnvolle Abstimmung zwischen Individual- und öffentlichem Verkehr, Einrichtungen für Freizeit, Sport, Bildung, Kultur, Gesundheitswesen, Bereitstellung von Betriebsflächen (vom Industrieunternehmen bis zum Supermarkt). Die Lösung dieser Aufgaben ist wichtig für die Lebensqualität der Bürger, die Bildung von Identität und für die Rolle einer Stadt als Wirtschaftsstandort. Im Rahmen dieses Heftes kann nicht auf die Gesamtheit dieser Bereiche eingegangen werden. Aber sie können bei den Überlegungen zur Vorbereitung eines Besuchs in Wien eine Rolle spielen. Hier soll nur auf einige aktuelle Trends eingegangen werden.

Neue Wachstumsfronten

Hatte sich die räumliche Entwicklung Wiens in der Zwischen- und Nachkriegszeit in der West-Ost-Achse mit dem Rücken zur Donau an die gründerzeitlichen Strukturen angeschlossen, so erhielt sie seit den sechziger Jahren einen neuen Schwenk: Die Wachstumsfronten der Stadt richten sich nun nach Osten über die Donau hinweg und nach Süden. Der Wienerwald wurde schon seit dem späten 19. Jahrhundert unter Schutz gestellt, was eine weitere Westexpansion verwehrt. Seine Fallwinde tragen zur Versorgung Wiens mit Frischluft bei.

Neue Trassen des Verkehrs - von Schnellbahn, U-Bahn, Autobahn - verbinden den Süden und Osten der Außenstadt. Diese tangentiale Vernetzung entlastet die Innenstadt und begünstigt eine polyzentrische Entwicklung. Dabei vermied die Stadt, Großwohnanlagen auf das freie Feld zu stellen; sie lagerte diese an die bereits bestehende Siedlungsstruktur an. Das Satellitenstadtmodell in Verbindung mit dem Massenverkehr wurde in Wien nicht favorisiert.

Leitbild der räumlichen Entwicklung Wiens:

In der Abbildung sind die neuen Wachstumsfronten nach Süden und nach Osten über die Donau und das sternförmige Achsenmodell sichtbar. Die schwarzen Flächen stellen die Hauptzentren dar: In der Mitte die Innere Stadt; außerhalb des sog. Gürtels: im Süden (von links nach rechts) die Hauptzentren Meidling, Favoriten, Simmering, im Osten (von rechts nach links) Stadtlau, Kagran und Floridsdorf.

Von den äußeren Hauptzentren erstrecken sich die Achsen nach außen. Zwischen den Achsen befinden sich Grünflächen, die erhalten bleiben sollen, locker bebaute Wohngebiete und Betriebsflächen (Gewerbe- und Industriegebiete, Flächen für technische Infrastruktur: Kläranlagen, E-Werke, Hafen etc.). Wien hat heute auf seinem Gebiet 10 700 Hektar an Wald-, Wiesen- und Parkflächen und Gebiete mit »besonderer landschaftlicher Schönheit« unter Schutz gestellt.

Aus: Step 1994 – Stadtentwicklungsplan der Stadt Wien 1994-2004, Kartenbeilage

 

Neues räumliches Leitbild

Seit dem Stadtentwicklungplan 1984 wird für die Außenstadt das Modell der Entwicklungsachsen verfolgt. Dieses räumliche Leitbild sieht vor, dass im Anschluss an das dicht bebaute Stadtgebiet in den äußeren Randgebieten die Siedlungsschwerpunkte vor allem in Entwicklungsachsen zu liegen kommen, die sich im »fußläufigen« Einzugsbereich von leistungsfähigen ÖV-Linien (U-Bahn, S-Bahn, Straßenbahn) befinden. Ziel ist es, eine Zersiedelung der noch vorhandenen Flächen zu vermeiden und das Problem des massenhaften Autoverkehrs zu mildern. Die Grünräume zwischen den Achsen sollen erhalten und möglichst nahe an das Stadtzentrum herangeführt werden.

Lokale Zentren im Umfeld wichtiger Haltestellen werden ausgebaut und mit allen städtischen Daseinsfunktionen versehen: Fußgängerzonen, Einkaufszentren, Bildungs-, Gesundheits-, kulturelle und andere soziale Einrichtungen. So sollen möglichst selbstständige Stadtteile mit einer lebendigen urbanen Atmosphäre entstehen (polyzentrische Struktur).

Dieses sternförmige Entwicklungsmodell wurde bereits 1920 in Hamburg entwickelt und erfuhr aufgrund des massenhaften Autoverkehrs seit den sechziger Jahren eine Renaissance. Entsprechend den neuen Wachstumsfronten der Stadt befinden sich von den elf Entwicklungsachsen fünf östlich der Donau, fünf im Süden und nur eine im Westen, da hier der Schutz des Wienerwalds Priorität genießt.

Obwohl bereits seit 1984 Leitbild der räumlichen Entwicklung, gilt das Achsenmodell im Stadtentwicklungsplan 1994 auch als eine Antwort auf die nicht erwartete neue Dynamik seit der Wende 1989. Von 1989 - 1994 ist Wien um rd. hunderttausend Neubürger gewachsen. Die Arbeitsplätze haben um etwa 50 000 zugenommen. Bis 2010 rechnet man mit weiteren zweihunderttausend Neubürgern. Die Vorstellung der achtziger Jahre von Wien als einer Millionenstadt mit abnehmenden Einwohnerzahlen in einer stagnierenden Ostregion gehört offenbar der Vergangenheit an.

Wohnpark Alterlaa

Photo: J. Cramer

Drei Beispiele

Im Süden entstanden auf der Achse Favoriten-Rothneusiedl (Achse G, s. S. 37) die P.A. Hansson-Siedlung und auf der Achse Meidling-Siebenhirten (Achse I) der Wohnpark Alterlaa. Hier wurde der Wohnbau aus dem »Nulltarif« herausgenommen und erfolgte durch Träger des Eigentumswohnbaus und Genossenschaften. Die Anlagen haben einen gehobenen Wohnungsstandard. Der Wohnpark Alterlaa, der an Le Corbusiers »Ville Radieuse« orientiert ist, erweckte internationales Interesse. Im Stadtentwicklungsplan 1994 wurde auf der Achse Simmering - Kaiser- Ebersdorf (Achse F) die Wohnsiedlung Leberberg projektiert, deren Bau mittlerweile sehr weit fortgeschritten ist. U.a. wurden folgende »Nutzungen« vorgesehen: etwa 3800 Wohnungen für 11 200 Einwohner; geplante Infrastruktur: Volksschule, Hauptschule, Zweigstelle der Volkshochschule und Stadtbücherei; Mehrzweck-/Sporthalle, Kirche/Pfarrhaus, 8 Kindertagesheime (teilweise in die Bebauung integriert); Gesundheit und soziale Versorgung: Eltern-Kind-Zentrum, Apotheke, Ordinationen (Arztpraxen), Einrichtungen der außerschulischen Jugendbetreuung, Jugendzentrum, Kommunikationszentrum für Behinderte; freizugängliche Park- und Erholungsflächen: etwa 5 ha; wohnungsnahe Grünflächen: insgesamt ca. 19 ha. (Step 94 - Stadtentwicklungsplan 1994-2004, S. 146).

Die innere Stadterweiterung

Neben dem Wohnungsbau in der Außenstadt spielte auch immer die innere Stadterweiterung eine Rolle. Flächen, die oft jahrzehntelang ungenutzt waren, werden als Bauland nutzbar gemacht: z.B. Kasernenareale, Industriebrache oder Bahnhofsflächen (etwa die Umnutzung des Nordbahnhofs). Nahezu die Hälfte der Bautätigkeit in der Nachkriegszeit und über zwei Drittel des privaten Betriebsbaus erfolgten auf dem kleinzügigen Parzellensystem der Innenstadt. Allein im Zeitraum von 1945-1980 wurden 123000 Wohnungen in der gründerzeitlichen Innenstadt erbaut, während andererseits 180 000 Wohnungen in der Außenstadt entstanden. Immer steht auch die Sanierung des alten Wohnungsbestands auf dem Programm. Jährlich werden durchschnittlich zehntausend Altbauwohnungen renoviert für derzeit etwa sechshundert Millionen Mark. Das Stadtzentrum bildet auch heute die soziale Mitte der Stadt. »Wien unterscheidet sich damit bis heute grundsätzlich von den Städten der angelsächsischen Welt, in denen die Stadtmitte zum Zentrum der Unter- und Randschichten der Bevölkerung geworden ist.« (Lichtenberger, S. 83, Sp. 1)

Die Stagnation des Bevölkerungswachstums bis Ende der achtziger Jahre wurde von der Stadtregierung als Chance genutzt, die Investitionen für die Verbesserung des Ausstattungsstandards und die Erhöhung der Quadratmeterflächen an Wohnraum, Betriebsraum, Geschäftsraum und Verkehrsraum pro Einwohner zu verwenden.

Eine touristische Anzeige der Gemeinde Vösendorf. Sie wirbt mit dem »Kulturangebot Wiens« und dem »Größten Einkaufszentrum Europas« in Vösendorf. Die Anzeige weist auf die Wienorientierung niederösterreichischer Gemeinden im Umland hin.

Aus: »Die Zeit« vom 21. 11. 1997

 

Wien und das Umland

Da enge Wechselbeziehungen zwischen Wien und dem Umland bestehen (z. B. Besiedelung, Zweitwohnungen im Umland, Freiflächen, verkehrsmäßige Vernetzung, Arbeitsplätze, Pendlerströme), ist eine Fortsetzung der Entwicklungsachsen über die Landesgrenzen hinaus wünschenswert. Das Umland wird von einem Gebiet mit einem Radius von 40-50 km um Wien gebildet und ist Teil des Bundeslandes Niederösterreich. Auf Grund des in Niederösterreich angestrebten dezentralen räumlichen Entwicklungsmodells enden jedoch einige Entwicklungsachsen an der Landesgrenze. Für grenzüberschreitende Kooperationsformen nach dem Muster deutscher Planungsverbände fehlt derzeit noch der allgemeine Konsens.

Die Entwicklungspolitik der Gemeinden im Umland ist vom Wettlauf um Wirtschaftswachstum und Siedlungserweiterung für die Ansiedlung von Betrieben und Wohnbevölkerung gekennzeichnet. Besonders erfolgreich war die an den Süden Wiens angrenzende Gemeinde Vösendorf. Hier entstand die so genannte Shopping-City Süd, ein überdimensionales Einkaufszentrum, in dem der Mensch alles von der Zahnpasta bis zum Auto mit der Autoversicherung erstehen kann. Die Shopping-City hat Vösendorf zu einer der einkommensstärksten Gemeinden in Niederösterreich gemacht.

Es gibt zwar Wienerinnen und Wiener, die es ablehnen, dort einzukaufen. Dennoch stammt die überwiegende Mehrzahl der Kunden aus Wien. Die U-Bahn U 6 nach Siebenhirten ist zu weit entfernt, als dass der Kunde sie zur Anfahrt benützen könnte. Die Shopping-City liegt zwischen der Autobahn A 6 und der Bundesstraße B 17. Die Anfahrt mit dem Auto ist daher der bequemste Weg. Zudem werden Großeinkäufe heute ohnehin meist mit dem Auto getätigt. An verkaufsreichen Tagen versuchen daher Massen von Käufern und Käuferinnen, auf den riesigen Parkplätzen einen Platz zu ergattern. Für die Kritiker bedeutet die Shopping-City daher eine erhebliche Verkehrs- und Umweltbelastung des Südens von Wien. Inzwischen hat man zumindest erkannt, dass eine stärkere Kooperation zwischen Wien und dem Umland notwendig ist, nicht zuletzt infolge der Dynamik, die durch die Öffnung Osteuropas und den Eintritt Österreichs in die Europäische Union bedingt ist und für die Ostregion eine große Herausforderung darstellt. »Wien und das Umland: Gemeinsam sind wir stark«, heißt es im Stadtentwicklungsplan 1994.

Literaturhinweise

Susanne Breuss/Karin Liebhart/Andreas Pribersky: Inszenierungen. Stichworte zu Österreich. Verlagsgesellschaft m.b.h., Wien 1995

Elisabeth Lichtenberger: Wien zwischen extremer Grenz- und Mittelpunktlage. In: Bürger im Staat, Heft 2, 1997, S. 80 ff.

Step 94 - Stadtentwicklungsplan der Stadt Wien 1994-2004. Beiträge zur Stadtforschung, Stadtentwicklung, Stadtgestaltung, Bd. 53


Das Verhältnis zwischen Wien und Niederösterreich

Wien ist als Bundesland von dem Bundesland Niederösterreich umgeben. Geschichtlich bedingt gibt es zwischen den beiden Bundesländern enge Verbindungen, aber auch unterschiedliche strukturelle Entwicklungen. Bis 1918 bildeten beide das Erzherzogtum Unter der Enns. Niederösterreich war ländlich und kleingewerblich geprägt mit einer starken christlichsozialen Mehrheit. Wien stellte neben seiner geistig-kulturellen Metropolstellung ein wirtschaftliches und industrielles Zentrum dar mit einer starken sozialdemokratischen Bewegung. Nach dem Umbruch 1918 propagierten christlichsoziale Bauernvertreter Niederösterreichs und Wiener Sozialdemokraten die Trennung Wiens von Niederösterreich. Während die Christlichsozialen mit dem Schlagwort »Wasserkopf Wien« operierten, den man los haben wollte, war es das Ziel der Sozialdemokraten, sich für eine sozialdemokratische Kommunalpolitik auf der Grundlage einer absoluten Mehrheit im Wiener Stadtparlament freie Hand zu verschaffen. Wien sollte im Rahmen des Gesamtstaats eine sozialistische Vorreiterrolle spielen. Übergangen wurden dabei die niederösterreichischen Sozialdemokraten, die eine künftige Minderheitenposition im niederösterreichischen Landtag verhindern wollten. 1920 wurde der Trennungsschritt vollzogen. Niederösterreich ist flächenmäßig das größte und mit seiner 1000-jährigen Geschichte historisch das älteste Gebiet Österreichs. Dennoch weisen Untersuchungen darauf hin, dass die NiederösterreicherInnen im bundesweiten Vergleich die geringste emotionale Bindung an das eigene Bundesland aufweisen (Breuss/Liebhart/Pribersky, S. 230). Eine niederösterreichische Gemeinde wie Vösendorf bedient sich in ihrer touristischen Werbung vor allem der Attraktionen Wiens. Die geringe Ausprägung einer von der Identität des Gesamtstaats abweichenden Landesidentität Niederösterreichs mag auch darauf zurückzuführen sein, dass Niederösterreich bis 1986 keine eigene Landeshauptstadt besaß. Bis dahin bildete die Bundeshauptstadt den verwaltungstechnischen, politischen und vor allem kulturellen Bezugspunkt, sie war Sitz aller Landesämter, -behörden und Körperschaften. Wien galt als heimliche Hauptstadt Niederösterreichs. Erst 1986 erhielt Niederösterreich mit St. Pölten eine eigene Landeshauptstadt. Damit wurde die österreichische Stadt mit dem ältesten Stadtrecht die jüngste Landeshauptstadt. Trotz ihrer Bemühungen, sich als zukunftsweisendes politisches und kulturelles Zentrum Niederösterreichs zu präsentieren, hat sich an der Wienorientierung der NiederösterreicherInnen nur wenig geändert (Breuss/Liebhart/Pribersky, S. 231).


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