Zeitschrift

Wien


Europäische Metropole im Wandel




VI. Stadtentwicklung im 20. Jahrhundert

1. Der Karl-Marx-Hof: vorbildliche Wohnbaupolitik in Europa


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Inhaltsverzeichnis   



Von Jost Cramer

Die bedeutendste sozialreformerische Leistung des Roten Wien nach dem Ersten Weltkrieg, die für die kulturelle Welt Westeuropas damals Vorbildcharakter hatte, war die Wohnbaupolitik1. Ein Wunder nannte die konservative englische Wochenzeitschrift »Spectator« die Gemeinde-wohnbauten, die in den Jahren von 1920 - 1933 von der Stadt errichtet wurden. Sie schufen für ca. 250000 Menschen eine Wohnstätte. Wie Ringstraße, Stephansdom, Burg und Riesenrad, so prägen auch heute noch die über 300 kommunalen Wohnanlagen das städtische Bild Wiens, deren größte der Karl-Marx-Hof ist.

Schon zur Zeit der Ersten Republik galt er als Vorbild menschengerechten Wohnens und zog viele Besucher an. Obwohl er nun beinahe 70 Jahre alt ist, weckt er immer noch das Interesse als ein Beispiel sozialreformerischen Wirkens, als Architekturdenkmal zwischen Sezession und Expressionismus, als ein Stück Arbeiterkultur und als ein Ort, in dem sich die Geschichte der Ersten Republik spiegelt. Für ausländische Architekten, Delegationen anderer Städte, Wien-Touristen, die sich auch von dieser Seite der Stadt einen Eindruck verschaffen wollen, stellt er wie damals immer noch einen Fixpunkt im Besucherprogramm dar.

Interessiert bei einem Besuch vor allem Architektur und Arbeiterkultur, so empfiehlt es sich, von dem zur Heiligenstädter Straße geöffneten Zentralhof - heute »12.-Februar-Platz« (hier hält die Straßenbahn) - auszugehen und von dort einen Gang durch die Innenhöfe und zu den Gemeinschaftsanlagen (z.B. Waschhaus und Kindergarten) zu machen.

Soll der Schwerpunkt mehr auf dem geschichtlichen Hintergrund liegen, so könnte der Besuch bei der Gedenktafel zu den Ereignissen am 12. Februar 1934 beginnen. Sie befindet sich neben dem linken Tor von der Seite des Heiligenstädter Bahnhofs (U-Bahn-Station) aus gesehen. Fragt man Bewohner nach dem Ort der Gedenktafel, wird man wahrscheinlich feststellen, dass nur noch wenige eine Auskunft geben können. Der Text auf der Gedenktafel lautet: »Als erste in Europa traten Österreichs Arbeiter am 12. Februar 1934 mutig dem Faschismus entgegen. Sie kämpften für Freiheit, Demokratie und Republik.«

Der Zentralhof nach der Fertigstellung 1930

Foto: Bildarchiv der österreichischen Nationalbibliothek, Wien

Die Gründerzeit

Ein Blick auf den sozialen und wirtschaftlichen Wandel der Gründerzeit vor dem Ersten Weltkrieg verdeutlicht die historischen Bedingungen der sozialdemokratischen Wohnbaupolitik in Wien. Bevölkerungswachstum, Industrialisierung, wachsende Ausdehnung Wiens, städtebauliche Modernisierung und Ausbau der Infrastruktur für eine moderne Großstadt machten Wien, die Hauptstadt des Habsburgischen Reiches, zu einer der großen europäischen Metropolen. Die Kehrseite war jedoch die soziale Verelendung großer Menschenmassen.

In Wien entwickelte sich eine »Zwanzig-Prozent-Gesellschaft«. Etwa vierhunderttausend von den rd. zwei Millionen Menschen bevölkerten die Operettenhäuser und Theater, lasen die »Neue Freie Presse« oder auch »Die Reichspost«, lauschten Gustav Mahler oder pflegten die Salonkultur, während die übrigen etwa 1,6 Millionen in schlechten bis fast unerträglichen Lebensverhältnissen lebten. Ein Indiz der Armut waren die Wohnverhältnisse. In Anspielung auf die Mietzinshäuser meinte der bürgerliche Wohnreformer v. Philippovich, mit seinen natürlichen Gegebenheiten könne Wien zu einer der schönsten Binnenstädte werden, »während jetzt ein kleiner Raum mit einigen, allerdings unvergleichlich schönen Prachtbauten für die kümmerliche Enge und Trostlosigkeit nicht entschädigt, in die in Vorstädten und Vororten die Hunderttausende zusammengedrängt sind« (v. Philippovich, S. 250).

Wohnungselend

Die Wohnungen der Armen in den Mietzinshäusern verfügten meist über keine Küche. Die Toiletten wurden grundsätzlich von mehreren Hausparteien benutzt. Es gab Fälle, wo sich 40-60 Personen eine Toilette teilen mussten. Die Stockwerke hatten jeweils eine gemeinsame Wasserstelle, »Bassena« genannt, woher der Begriff »Bassena-Wohnung« stammt. Die so genannten »Lichthöfe« spendeten aufgrund ihrer Enge so wenig Licht, dass sich die tiefer gelegenen Wohnungen in einem permanenten Halbdunkel befanden.

Etwa 280000 Menschen lebten als Untermieter oder Bettgeher; diese mieteten nur ein Bett oder manchmal nur einen Teil eines Bettes. Viele Arbeiterhaushalte waren gezwungen, Bettgeher aufzunehmen, da sie nur so in der Lage waren, für ihre Miete aufzukommen. Mangelhafte Hygiene, Überfüllung, der Mangel an Licht und frischer Luft machten die Wohnungen zu Brutstätten der Krankheit. Untersuchungen ergaben, dass die Sterblichkeitsrate in den Wohnvierteln der Armen beträchtlich höher war als in jenen der Reichen. Die Tuberkulose war damals in Europa als die »Wiener Krankheit« bekannt.

Ein weiteres Problem war die Obdachlosigkeit. Menschen hausten im Wienkanal, in den Praterauen, in Teestuben und Asylen, in den Ziegelwerken Favoritens, wo sie für die Nacht einen warmen Unterschlupf suchten. Während man in anderen Ländern und Städten bereits daran ging, etwas gegen das Wohnungselend zu unternehmen, war Wien in der zivilisierten Welt berüchtigt für seine Wohnverhältnisse.

Bis zum Ersten Weltkrieg hatten sie sich nicht verbessert. 1910/11 kam es zu Protestaktionen der Arbeiterschaft. Zwar baute die Gemeinde angesichts der Unruhen Notstandswohnungen, prinzipiell lehnten die Christlichsozialen im Gemeinderat jedoch eine wohnungspolitische Fürsorgepflicht der Gemeinde ab, die auch von bürgerlichen Wohnreformern gefordert wurde. Nach wie vor wurde von den Christlichsozialen die Lösung der Wohnungsfrage ausschließlich in der privaten Bautätigkeit gesehen, wobei für den Bauherrn die Erwirtschaftung einer Rendite als das entscheidende Motiv galt. Sie vertraten den Standpunkt, wie bei einer Ware bestimme sich die Wohnqualität nach der Zahlungsfähigkeit des Mieters.

Die Wohnbaupolitik des »Roten Wien«

Als nach dem Ersten Weltkrieg Monarchie und Habsburger Reich zusammengebrochen waren, schien für die österreichischen Sozialisten die Zeit entschiedener sozialer Reformen gekommen. Da dies in einer schwarz-roten Koalition nicht gelang, schieden die Sozialdemokraten aus der Zentralregierung aus und konzentrierten ihre Anstrengungen auf Wien. Hier sollten mit einem sozialistischen Reformmodell Zeichen für die Bundespolitik gesetzt werden. Entscheidende Rahmenbedingungen hierfür waren die Machtübernahme der SPÖ in Wien aufgrund des neuen demokratischen Wahlrechts und die Umwandlung Wiens in ein selbstständiges Bundesland 1920.

In Wien war die Wohnungssituation nach dem Krieg jedoch katastrophal. Der 1917 durch kaiserliche Verordnung eingeführte Mieterschutz, der Mietenstopp und Kündigungsschutz enthielt, und die Inflation hatten die private Bautätigkeit völlig zum Erliegen gebracht. Zur Wiederbelebung des Wohnungbaus forderte die konservative Seite eine Liberalisierung des Wohnungsmarkts wie in anderen Ländern, d.h. einen Abbau des Mieterschutzes, um das Bauen wieder rentabel zu machen. Die Sozialdemokraten kämpften dagegen für eine Beibehaltung des Mietenstopps und des Kündigungsschutzes.

Unter dieser Voraussetzung konnte die zur Behebung der Wohnungsnot erforderliche Bautätigkeit nur in Gang gesetzt werden, wenn die Gemeinde selbst als Bauherr auftrat. Der restriktiven Wohnungspolitik folgte notwendigerweise die aktive: d.h. der Wohnungsneubau in kommunaler Regie. 1928 stellte der Sozialdemokrat Otto Bauer fest, der Mieterschutz setze als seine Ergänzung zwingend die öffentliche Bautätigkeit voraus (Reppé, S. 16).

Die Beschaffung des notwendigen Baugrunds wurde durch die Stagnation des Bodenmarkts seit dem Ersten Weltkrieg und den Preisverfall infolge der Inflation begünstigt. Mit einer geschickten Bodenpolitik war es so der Gemeinde möglich, bis 1929 30% der Stadtfläche ohne Enteignung zu niedrigen Preisen zu erwerben. Statt mit hohen Folgekosten verbundene Kredite aufzunehmen, finanzierte die Gemeinde den Wohnbau durch eine extrem gestaffelte Wohnbausteuer, die auf den Mietzins erhoben wurde. 0,5% der Mietobjekte, d.h. die Mieter der teuersten Wohnungen, mussten 45% des Steueraufkommens aufbringen. Zusätzlich zu der Wohnbausteuer traten Luxussteuern z. B. für die Beschäftigung von Hauspersonal, das Halten von Pferden und großen Kraftfahrzeugen oder auf das Essen in feinen Restaurants. Dieses Steuersystem ermöglichte eine wirksame Umverteilung der Vermögen. Die Luxusausgaben der Wohlhabenden finanzierten die Grundversorgung der breiten Massen bei gleichzeitiger Stimulierung der Wiener Wirtschaft. Der Erfinder dieses Steuersystems war der ehemalige Bankier Hugo Breitner, sozialdemokratischer Finanzreferent Wiens und im Bürgertum meistgehasster Mann.

Infolge der kommunalen Bautätigkeit hatte Wien damals die geringste Arbeitslosenquote in Österreich. Um das Bauen arbeitsintensiv zu gestalten, verzichtete man auf die arbeitssparende Plattenbauweise, wie sie z.B. in Frankfurt angewandt wurde.

In über 300 größeren Wohnanlagen schuf die Gemeinde in 10 Jahren rd. 64 000 Wohnungen für etwa ein Siebtel der Wiener Bevölkerung zu einem Mietpreis von etwa drei bis fünf Prozent des Einkommens. Dies bedeutete nicht nur eine wesentliche Verbesserung der Wohnungsversorgung, sondern auch eine Revolution der Arbeiterwohnkultur, ein Novum in der europäischen Baugeschichte, in Stadtplanung und Sozialreform.

Undatiertes Zeitdokument aus der Zwischenkriegszeit

Aus: Alfred Georg Frei: Die Arbeiterbewegung und die Graswurzeln am Beispiel der Wiener Wohnbaupolitik 1919–1934. Verlag Braumüller, Wien 1991, S. 197

 

Der Karl-Marx-Hof: Mehr als Wohnen

Nach unseren Vorstellungen waren die Wohnungen des Karl-Marx-Hof bescheiden und klein; sie verfügten alle über Küche und WC und einen Waschplatz im WC-Vorraum oder in der Küche. 900 von 1400 Wohnungen hatten einen Balkon oder eine Loggia. So einfach der Standard war, so sehr musste er für Menschen, die bisher in Bassena-Wohnungen oder als Bettgeher hausten, als eine enorme Verbesserung ihrer Lebensqualität erscheinen. Ein Bewohner berichtet: »... Man muss sich ja vorstellen, die Leute kamen ja eigentlich alle aus ganz ärmlichen Löchern. Und da kriegt er jetzt eine Wohnung, wo Wasser und Klosett drinnen, ein Parkettboden sind und einen Balkon. Also, für die Leute war das ein Paradies.« (Reppé, S. 91) An die Stelle der engen »Lichthöfe« traten die geräumigen Innenhöfe, in denen sich die Menschen treffen konnten. Betrugen die Mieten in den Mietzinshäusern bis zu 30 % des Lohns, so mussten jetzt 3-5 % aufgebracht werden, Wohnen also beinahe zum Nulltarif. Dies bedeutete auch eine Reallohnsteigerung.


Daten zum Karl-Marx-Hof:

Bauzeit: 1926-30

Ort: ehemalige Hagenwiese

gegenüber dem Heiligenstädter Bahnhof, Heiligenstädter Straße 82-92

Zahl der Wohnungen: 1400

Zahl der Bewohner : ca. 5000

Fläche der Wohnungen: 30-60 qm, je nach Anzahl der Zimmer

Länge des Gebäudes: 1 km

Gesamtfläche: 156 000 qm

bebaute Fläche: 18.5%

Sanierung: 1989-1992


Für die Sozialdemokraten hatten die Wohnanlagen auch eine propagandistische und politisch-erzieherische Funktion. »Für uns ist dieser Bau ein Symbol, an seiner Stirn trägt er den Namen des unsterblichen Geistes Karl Marx ... In seinem Namen haben wir hier eine Festung des Mieterschutzes geschaffen« (Reppé, S. 38f.), sagte der Präsident des Stadtschulrats Otto Glöckel 1930 anlässlich der Fertigstellung des Karl-Marx-Hofs. In einer Rede vom Juni 1924 führte Bürgermeister Seitz aus, jeder solle seiner Individualität entsprechend einzeln und abgegrenzt wohnen können. »Für die allgemeinen Bedürfnisse der Erholung und Beschäftigung wird durch gemeinsame herrliche Parkanlagen, die allen zugute kommen, gesorgt. Wir wollen unsere Jugend nicht zu Individualisten, zu Einzelgängern erziehen, sie soll in Geselligkeit aufwachsen und zu Gemeinschaftsmenschen erzogen werden.« (Frei, S. 152)

Die Wohnungen, die anders als die Bassena-Wohnungen für ihre Bewohner ein kleines »Paradies« waren, in dem sie ihre Individualität entfalten konnten, waren nicht das »ganze Heim«. Sie wurden ergänzt durch Gemeinschaftseinrichtungen, welche die Menschen zusammenbringen sollten. Da waren die Innenhöfe, Orte der Kommunikation, in denen sich täglich ein lebhaftes Kinderleben abspielte, Kindergärten, Mütterberatungsstellen, Ambulatorien, Leseräume, eine Zentralwäscherei, Bäder, Partei-, Gewerkschafts- und Vereinsräume, Verkaufsstellen des »Konsum« und ein Restaurant. Menschen, die in die Wohnungen einzogen, sollten Sozialisten werden. Die vier Keramikfiguren an der Mittelfront des Zentralhofes behandeln die Themen Kinderfürsorge, Befreiung, Körperkultur und Aufklärung. Dies waren die Leitgedanken der sozialdemokratischen Wohnbaupolitik. Die überlebensgroße Bronzefigur des Bildhauers Hofner in der Mitte des Platzes stellt einen »Sämann« dar.

Verglichen mit der progessiven Architektur des Bauhauses erscheint der Karl-Marx-Hof ebenso wie die anderen Gemeindebauten jener Zeit eher bieder und konservativ. Vielleicht war dies eine Ursache für die Akzeptanz bei der Bevölkerung. Sein Architekt war Karl Ehn, der in der Tradition Otto Wagners stand.

Spielende Kinder im Zentralhof. Mit seinem Baumbewuchs wirkt der Zentralhof heute wie eine Parkanlage.

Photo: J. Cramer

Der Kindergarten im Karl-Marx-Hof. Die Vorderfront weist auf den architektonischen Einfluss von Otto Wagner hin. 

Photo: J. Cramer

 

Die sich auftürmende Rückfront des Zentralhofes mit den sechs Turmaufbauten, die durch die Fahnenstangen in der Vertikalen noch verlängert werden, konnte wie eine Kampfansage an das bürgerliche Wien erscheinen und wurde von diesem auch so verstanden. Architektonisch ging es jedoch darum, die Baumasse der enorm langen Front des Gebäudes (1 km) zu gliedern. Dies gelang, indem in der Mitte der Anlage ein geöffneter Zentralhof geschaffen wurde, dessen vertikal aufstrebende Rückfront ein Gegengewicht zu den horizontal ausgestreckten Flankenteilen bildet. Die großen Torbögen verleihen der Masse der Mittelfront eine gewisse Leichtigkeit. Die Fassaden der Flankenteile werden durch die Balkonlinien und die unterschiedliche Farbgebung belebt. Betrachtet man den Lageplan dieses »Wohnpalastes des Volkes« mit dem geöffneten Zentralhof, den Seitenflügeln und den Innenhöfen, so hat man beinahe den Eindruck, als sei hier etwas von der barocken Tradition Wiens aufgenommen worden.

Das gewaltsame Ende

Der Wohnungsbau des Roten Wien war ein dauernder Streitpunkt zwischen den Sozialdemokraten und den bürgerlich-klerikalen Kräften. Für Gegner und Befürworter hatte der Karl-Marx-Hof eine stark politische Symbolwirkung. Den Bürgerlich-Klerikalen erschien er als Sammlung proletarischer Kräfte gegen das bürgerliche Wien, als Zerstörung der Familie und des Prinzips der Individualität. Die Sozialdemokraten sahen in dem Bau ein Symbol für die Verwirklichung einer neuen Zeit, die menschengerechtes Wohnen, mehr soziale Gerechtigkeit und Freiheit von Unterdrückung und Abhängigkeit bringen sollte.

 


Der Karl-Marx-Hof im Wandel der politischen Verhältnisse:

Namensänderungen:

1930 Karl-Marx-Hof (Ära des Roten Wien)

1934 Biedermann-Hof (Kommandant der Schutzkorpsformation, die an dem Kampf der Austrofaschisten gegen den Karl-Marx-Hof beteiligt war)

1935 Heiligenstädter Hof

1945 Karl-Marx-Hof (Anknüpfung an die Tradition der Ersten Republik)

1985 Umbenennung des Zentralhofes in »12.-Februar-Platz«

Zusammensetzung der Bewohner:

1930 stammte nur ein Fünftel der Bewohner aus Döbling selbst, da dies ein vorwiegend bürgerlicher Bezirk war. Die meisten kamen aus den traditionellen Arbeiterbezirken wie Brigittenau, Floridsdorf, Ottakring. Viele arbeiteten in den Metallbezirken über der Donau oder in den Uher-Werken. Daneben erhielten zahlreiche Eisenbahner eine Wohnung zugewiesen, da es einige Eisenbahnanlagen in der Nähe gab. Nach dem Sieg der Austrofaschisten wurde eine ganze Reihe von Hauswarten entlassen. Haushalte, die einer revolutionären Gesinnung und Haltung verdächtigt wurden, ersetzte man durch »vaterländische« Mieter. Nach dem Anschluss Österreichs 1938 wurde antifaschistischen Bewohnern gekündigt, dafür wurden Nazis eingewiesen.


Die gewaltsame Zerschlagung der Demokratie und Errichtung einer Diktatur durch die Austrofaschisten 1934 war vor allem gegen das Rote Wien gerichtet. Der ehemalige Bundeskanzler Ignaz Seipel, ein Prälat, hatte schon Jahre vorher die Parole ausgegeben: »Der Schutt der Revolution muss hinweggefegt werden; man muss schießen, schießen, schießen.« Die Gemeindebauten wurden zum Ziel gewaltsamen Vorgehens. Am 12. Februar 1934 fielen die ersten Artillerieschüsse gegen den Karl-Marx-Hof. Am 15. Februar mussten sich die letzten Verteidiger des Hofes angesichts der Überlegenheit von Polizei, Heimwehr und Truppe ergeben.

Fortsetzung des Kommunalsozialismus in der Gegenwart

In einem Artikel vom Januar 1994 mit dem Titel »Die Metropole der Mieter - Das Wunder des Wiener Wohnungsbaus« schreibt die FAZ: »Weniger bekannt ist, dass der Wiener Kommunalsozialismus fortlebt.« Besuchern aus der Bundesrepublik Deutschland, die an die Behauptung gewöhnt sind, nur noch die Selbstheilungskräfte des Marktes könnten den Wohnungsmarkt kurieren, antwortet nach dem Bericht der FAZ der Wiener Wohnbaustadtrat Edlinger: »Wohnungsbau ist keine wirtschafts-, sondern eine sozialpolitische Aufgabe, von der wir auch nicht abrücken werden, nur weil Markt und Eigentum gerade in Mode sind ... Grund und Boden dürfen kein Instrument der Gewinnmaximierung sein.«

Edlinger ist Herr über 220 000 stadteigene Gemeindewohnungen und hat den Ehrgeiz, diesen Reichtum jedes Jahr um 2000 Wohnungen zu erhöhen. Er arbeitet unter den Bedingungen einer Planwirtschaft, die sich seit der Ersten Republik kaum verändert hat. Die Stadt verfügt über ein Einkaufsmonopol am Bodenmarkt. Wer mit öffentlicher Förderung bauen will, muss sein Grundstück vom städtischen »Bodenbereitstellungsfonds« erwerben. Zehn Prozent der Lohn- und Einkommenssteuer werden in Österreich für die Wohnbauförderung abgezweigt. Dies ist eine Neuauflage der Abgabe, die der rote Wiener Finanzstadtrat Hugo Breitner 1923 einführte. Für Wien brachte sie 1993 1,2 Milliarden Mark. Die massive Investition in den kommunalen Wohnungsbau aus öffentlichen Mitteln brachte »eine entscheidende Besserstellung der Wohn-verhältnisse breiter Bevölkerungsschichten, wie sie in dieser Form mit einem Anteil von rund einem Drittel der Bevölkerung im kommunalen Wohnungsbestand der Stadt ein einmaliges Phänomen im gesamten westeuropäischen Städtewesen darstellt«. (Lichtenberger, S. 84, Sp. 2f.)

Anmerkung

1 Für das Neue Bauen im Berlin der zwanziger und dreißiger Jahre vgl.: Berlin - europäische Metropole und deutsche Hauptstadt. In: Deutschland und Europa, Heft 31/1995, S. 37ff

Literaturhinweise

Alfred Georg Frei: Die Arbeiterbewegung und die »Graswurzeln« am Beispiel der Wiener Wohnungspolitik 1919-1934. Braumüller, Wien 1991

Elisabeth Lichtenberger: Wien zwischen extremer Grenz- und Mittelpunktlage. In: Bürger im Staat, Heft 2, 1997, S. 80 ff.

Michael Mönninger: Das Wunder des Wiener Wohnungsbaus. Sozialpolitik für eine neue Baukunst des Alltags. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.1.1994

Eugen v. Philippovich: Die Wiener Wohnverhältnisse. In: Archiv für soziale Gesetzgebung und Statistik, 7. Jahrgang, 1894, S. 215 ff.

Susanne Reppé: Der Karl-Marx-Hof. Picus, Wien 1993

Rolf Schwendtner: Armut und Kultur der Wiener Jahrhundertwende. In: Die Wiener Jahrhundertwende. Hg. von Jürgen Nautz und Richard Vahrenkamp im Auftrag der Universität Gesamthochschule Kassel. Wien/ Köln/Graz 1993


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