Zeitschrift

Wien


Europäische Metropole im Wandel




VII. Wien: UNO-Standort und Europa-Metropole


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Inhaltsverzeichnis   


Von Günther Zollmann

Wien: Sitz internationaler Organisationen und »Stätte des Dialogs«

Zeittafel

1957 Die Internationale Atomenergiebehörde der UN (IAEO)

1961 Treffen von Kennedy und Chruschtschow, Führer der Supermächte, in der »kältesten Phase des kalten Krieges«

1965 Die Organisation Erdöl exportierender Länder (OPEC): Hauptquartier

1967 Organisation der UN für industrielle Entwicklung (UNIDO): Hauptsitz

1973 Wien - alternierend mit Helsinki - Verhandlungsort von SALT I (Strategic Arms Limitations Talks); Unterzeichnung des Vertrages durch Carter und Breschnew im Redoutensaal der Hofburg

seit 1973 Wien Zentrum der sich 15 Jahre erfolglos hinziehenden Gespräche über die »Beiderseitige Reduzierung von Streitkräften und Rüstungen« (MBFR)

1976 Das Hilfswerk der UN für Palästinaflüchtlinge im Nahen Osten (UNRWA): Hauptquartier in Wien; 1995 nach Gaza verlegt.

1979 Internationales Zentrum Wien (»UNO-City«): Sitz verschiedener UNO-Einrichtungen, Wien dritter Amtssitz der Vereinten Nationen neben New York und Genf

1986-89 Wien Schauplatz des Dritten KSZE-Folgetreffens (Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa)

1989 Abrüstungsverhandlungen über konventionelle Streitkräfte Vertrag über konventionelle Streitkräfte (KSE-Vertrag) in Wien paraphiert, jedoch auf Wunsch der NATO und der EU in Paris unterzeichnet

1994 »Hauptstadt der Menschenrechte«: UNO-Menschenrechtskonferenz; »OSZE-Hauptstadt«: wichtige Einrichtungen der OSZE (Ständiger Rat, Forum für Sicherheitskooperation)

1997 Neue Atomteststopp-Überwachungsbehörde (CTBTO)


Wien als Weltstadt wurde nach dem Zerfall des Habsburgischen Reiches zu einer provinziellen Hauptstadt eines Kleinstaates. Erst nach dem Staatsvertrag 1955 entwickelte sich Österreichs Metropole zu einem Zentrum internationaler Organisationen und zur drittwichtigsten

Kongressstadt der Welt. Der Aufstieg Wiens zur »Welt-Drehscheibe« ist eng mit dem Namen Bruno Kreisky (1911- 1990), dem österreichischen Bundeskanzler von 1970- 1983 (SPÖ), verbunden:

»Man hat den Eindruck, dass er die große Welt erst richtig in das kleine Österreich hineinließ bzw. das kleine Österreich durch seine Person und Diplomatie an die große Welt heranführte.«1

Sein Name steht also international als Synonym für das politische Konzept des »österreichischen Weges«. Er gestaltete eine aktive Neutralitätspolitik mit einer gewissen Distanz zu beiden Blöcken (jedoch mit Verankerung im Westen) und übernahm die Rolle eines Vermittlers im Ost-West-, aber auch im Nord-Süd-Konflikt.

Ende der 1980er Jahre änderte sich das politische Umfeld. Das Ende des Ost-West-Gegensatzes und das Bemühen Österreichs um eine politische und ökonomische Integration in die westeuropäische Gemeinschaft - der Beitritt in die EU erfolgte 1994 - bewirkten den Verlust des so genannten »Neutralitäts-Bonus«. Wiens führende Rolle als Sitz internationaler Organisationen schien gefährdet, zumindest steht sie im Wettbewerb mit anderen internationalen Kongressstädten.

UNO-Standort Wien

Die Position der Wiener Kommune zum UNO-Standort Wien hat Bürgermeister Michael Häupl 1996 folgendermaßen umschrieben:

Die UNO-City an der Donau ist das Wahrzeichen des modernen Wien. Sie ist aber auch Sinnbild für eine Großstadt, die aus den Wirren dieses Jahrhunderts zu einer neuen Identität, zu einem neuen Selbstverständnis und zu einem neuen Selbstbewusstsein gefunden hat - als Stätte des Friedens, der Freiheit und der internationalen Begegnung. Wenn Wien heute als weltoffene Metropole im Herzen Mitteleuropas gilt, so verdankt es diesen Ruf nicht zuletzt seiner Rolle als einer der drei Amtssitze der Vereinten Nationen, den mehr als 40 internationale Organisationen und Institutionen, die in der österreichischen Bundeshauptstadt beheimatet sind, sowie seiner Spitzenposition im Feld der Tagungsorte - Wien ist nach Paris weltweit der bereits zweitwichtigste Austragungsort für internationale Konferenzen.

Aus: Schwerpunkt UNO, in: »Der BRGler«, 4/1996, S. 21

Das Vienna International Center

Photo: Jost Cramer

 

Die »UNO-City« - das moderne Wien

Die UNO-City an der Donau ist nach Bürgermeister Häupl das Wahrzeichen des modernen Wien. Das an den Donaupark - zur Wiener Internationalen Gartenausstellung angelegt - grenzende Vienna International Center ist auch unter dem Namen »UNO-City« bekannt. Die eigenwillig geschwungenen Bürotürme (nach Plänen des österreichischen Architekten Johann Staber) entstanden zwischen 1973 und 1976. Sie gehören dem österreichischen Staat, stehen allerdings auf einem Grund, der von der Gemeinde Wien zur Verfügung gestellt wurde. Die gesamte Anlage ist jedoch für 99 Jahre zu einem symbolischen Pachtzins von jährlich 1 Schilling an die UNO vermietet, die hier mehrere ihrer Organisationen unterbrachte. In unmittelbarer Nachbarschaft zur UNO-City liegt das Austria Center Vienna. Es wurde 1987 eröffnet, ist ein supermodernes Veranstaltungs- und Konferenzzentrum für rund 6000 Teilnehmer.

Im Anschluss an die UNO-City war ursprünglich die Weltausstellung 1996 gemeinsam mit Budapest vorgesehen. Inzwischen erfolgte eine Umplanung in Richtung auf eine Donau-City hin, welche mit Hochbauten Wien tatsächlich an die Donau bringen wird.

Die Integration der Donau2 in die Stadtlandschaft ist ein Novum. Anders als Budapest war Wien in der Gründerzeit nicht an die Donau gerückt. Die Einbeziehung des Donauraumes in den Stadtkörper erfolgte erst durch den Bau der UNO-City. Anlass für diese Einbindung waren die großen Überschwemmungen der 60er Jahre, die den Bau eines zweiten Donaubettes zur Folge hatte.

Zwischen der Alten und Neuen Donau entstand eine Insel von 21 km Länge und einer Breite von 70 bis 210 m. Diese Donauinsel ist zu einem großzügigem Freizeitareal ausgestaltet worden, mit neuen Stationen der U-Bahn und Schnellbahn. Keine andere Großstadt verfügt über ein derart großes Erholungsareal.

Die Wiener und ihr UNO-Zentrum

Die Beziehungen der Wiener zu ihrem UNO-Zentrum waren stets zwiespältiger Natur. Einerseits war man stolz darauf, andererseits kritisierte man die hohen Baukosten und die geringe Miete, die die Weltorganisation bezahlt. Im Bewusstsein vieler Wiener gehört der UNO-Standort, nördlich der Donau gelegen, nicht zu Wien. Menschen denken und leben in Räumen. Und Wien hat sich seit der Gründerzeit bis in die 70er Jahre mit dem Rücken gegen die Donau entwickelt.

Der UNO-Standort Wien verlor in den 90er-Jahren an Bedeutung. Die Ursachen für diese Entwicklung sind vielfältiger Natur:

  • Der Nimbus Wiens als neutraler Ort zwischen Ost und West ging durch den Fall des Eisernen Vorhanges, verstärkt durch den EU-Beitritt, verloren.
     
  • Die anhaltende Finanzkrise der UNO und der damit verbundene Reorganisationsprozess machen auch vor dem Standort Wien nicht Halt.
     
  • Hinzu kommt noch die verschärfte Konkurrenz im Bemühen anderer Städte und Staaten um die Ansiedlung internationaler Organisationen. So versucht Bonn die Übersiedlung der Regierungsbehörden nach Berlin mit lukrativen Angeboten an Organisationen wett zu machen.

Seitdem der Standort Wien unter Druck gerät, versuchen Behörden und Medien, die Vorteile der UNO-City herauszustellen:

Die internationalen Organisationen beschäftigen rund 4500 Beamte, davon über 1500 Österreicher. Weiterhin sind in den Botschaften und internationalen Behörden fast 2000 Mitarbeiter akkreditiert.

Dazu kommen noch jährlich zehntausende Personen, die sich im Rahmen von Konferenzen in der österreichischen Hauptstadt aufhalten.

Neben allen politischen und Image-Vorteilen ist das internationale Zentrum ein wichtiger Wirtschaftsfaktor geworden. Die internationalen Organisationen erbringen für die Wiener Wirtschaft jährliche Einnahmen von mehr als 4,2 Milliarden Schillinge.

Wiens Stellung als Kongressstadt scheint gesichert zu sein. In einer Statistik von 1992 wurde Wien auf Rang drei der internationalen Kongressstädte eingereiht. 65000 ausländische Gäste mit 275000 Übernachtungen gaben 1,5 Milliarden Schillinge in Wien aus.

Wien in Europa

Das Ende der Teilung Europas und der Beitritt Österreichs zur EU haben neue Rahmenbedingungen für Wien geschaffen. Die Aufgabe, die in Zukunft von der Wiener Kommune zu lösen ist, wurde in der »Wiener Europadeklaration«, im Wiener Landtag 1994 beschlossen, umschrieben:

[...] »Als vor wenigen Jahren der Eiserne Vorhang verschwand, gingen für Wien Jahrzehnte einer geradezu extremen Randlage im westlichen Europa zu Ende. [...]

In einer Phase derart nachhaltiger Veränderung kann und will Wien seine Rolle als Transferstadt zwischen Ökonomien, Kulturen und unterschiedlich entwickelten Städten und Regionen voll ausspielen. Wien hat sich daher nie allein ›westlich‹ orientiert, sondern sich besonders auf die großen Nachbarstädte im ehemaligen Osten konzentriert. [...] Wien bekennt sich zu einem Europa. Wien ist sich dabei insbesondere auch seiner Rolle als mitteleuropäische Metropole mit ihrer Verbindungsfunktion zu den osteuropäischen Staaten bewusst und will diese in einem Europa der Regionen erfüllen.«

Wien ist aufgrund seiner geopolitischen Lage am »Rand der EU« prädestiniert, als EU-Zentrum für Osteuropa-Aktivitäten zu dienen. Die Stadt setzt als Zentrum für den osteuropäischen Raum auf ihre Ausstrahlung in Richtung Prag, Budapest und Preßburg. Alle Bemühungen kommen nur langsam und zäh voran. Die Hindernisse sind hoch. Der Eiserne Vorhang machte das Marchfeld, die 60 km lange Ostgrenze zur Slowakei, zu einem Ödland. Die Verkehrsinfrastruktur ist noch schlecht entwickelt. So verkehren nur drei Züge täglich nach Budapest. Die meisten Kooperationsversuche mit der slowakischen Hauptstadt Preßburg, nur 60 km von Wien entfernt, sind im Grunde gescheitert. Die Kontrollen nach dem Schengener Abkommen an der östlichen EU-Außengrenze haben eine Einreisezeit von 4 bis 5 Stunden zur Folge.

Die Rolle Wiens in Mitteleuropa kann keineswegs an die Funktion anknüpfen, die sie im Großreich der Habsburger Monarchie hatte. Damals hatte sie eine Mittelpunktlage. Vielmehr nimmt Wien heute eine Schnittstellenfunktion ein.

Diese Aufgabe ordnet die EU-Kommission Österreich überhaupt zu:

»Der Gemeinschaft werden ferner die Erfahrungen eines Landes zum Vorteil gereichen, das wie Österreich aufgrund seiner geographischen Lage, seiner Vergangenheit und der ererbten und neu hinzugewonnenen Verbindungen genau im Mittelpunkt des Geschehens liegt, aus dem das neue Europa entsteht.«3

Interessant ist, dass hier der Vorzug der EU-Mitgliedschaft mit seiner »Erfahrung« in einer anderen europäischen Region, außerhalb der bestehenden Unionsgrenzen, begründet wird. Die aus der »Vergangenheit ererbten Verbindungen« müssen demnach aus Österreichs Rolle als Zentrum der Habsburger Monarchie herrühren. »Neu hinzugewonnen« wurden diese Verbindungen mit den östlichen Nachbarstaaten in den Ereignissen nach 1989, die zum Wegfall der österreichischen Staatsgrenzen als Blockgrenzen führten. Während des Kosovo-Krieges 1999 trat wohl wegen der militärischen Dominanz der NATO die Schnittstellenfunktion Wiens bzw. Österreichs zurück. Jedoch könnten im Rahmen der EU-Osterweiterung und einer eventuellen politischen Friedensordnung auf dem Balkan der Gemeinschaft die Erfahrungen Österreichs tatsächlich zum Vorteil gereichen.

Anmerkungen

1 In: Norbert Leser: Salz der Gesellschaft. Wesen und Wandel des österreichischen Sozialismus: Wien 1988, S. 195

2 Demnächst erscheint in der Reihe D & E ein Heft über »Die Donau - europäische Lebensader, Grenze, Verbindung«

3 Zitiert nach Gerhard Theato: Stichwort Österreich. München 1992, S. 92


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