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Zeitschrift DeutschlanD & Europa Das vereinigte Deutschland
Heft 40/2000 , Hrsg.: LpB |
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IV. Die deutsche Einheit im Spiegel der Literatur Von Rüdiger Utikal Literatur ist neben anderem immer auch Spiegel gesellschaftlicher Verhältnisse. Im folgenden Beitrag werden Aspekte der literarischen Gestaltung des Themas »Deutsche Einheit« dargestellt. Unterrichtliche Möglichkeiten werden für die Bereiche
Zur Einführung In einem SPIEGEL-Interview fünf Jahre nach der Wende formulierte der Schriftsteller Jurek Becker (1937-1997) zugespitzt und anschaulich: Heute - 1994 - »herrscht ein gewaltiger Erwartungsdruck. Seit drei Jahren sehe ich in Deutschland die Kritiker mit den Fingern auf den Tisch trommeln: Wo ist der deutsche Einheitsroman? Das kann den armen Hund, der sich hinsetzt vor ein leeres Blatt Papier, schon lähmen. In vielen Schriftstellerzimmern schwebt die Erwartung wie eine fürchterliche giftige Wolke.« Man sieht die Kritikerfinger noch immer trommeln, auch wenn seitdem viele Blätter zu Literatur mit dem Thema Wende und Einheit verarbeitet worden sind. »Der Wenderoman, den die Literaturkritik immer wieder einfordert,
ist allerdings nicht darunter« - konstatiert Hannes Krauss (DU 4/99,
S. 37) und erläutert: »... und ich denke, das ist normal. Im
Schlagschatten historischer Ereignisse entsteht selten große, dauerhafte
Literatur. Wohl aber eine Vielzahl literarischer Äußerungen
derer, die sich als Sprachrohr neuer oder als Hüter alter Verhältnisse
verstehen - oder einfach nur ihre Verzweiflung, Hoffnung und Ratlosigkeit
in Worte fassen wollen.«
Auf diesem Hintergrund ist es eine angenehme Überraschung, dass
es im Jugendbuch-Bereich gelungene Beispiele für eine Darstellung
und Auseinandersetzung mit der jüngsten deutschen Geschichte gibt
(vgl. Abschnitt: Die deutsche Einheit im Jugendbuch). Und mit Nootebooms
Berlin-Roman »Allerseelen« (1999) ist zumindest ein bemerkenswerter
Blick von außen einzufangen (Vgl. Abschnitt: »... und ich saß
in der Loge«.)
Die deutsche Einheit im Jugendbuch Es besteht allgemein Konsens darüber, dass Jugendbücher deshalb so nutzbringend im Unterricht eingesetzt werden können, weil sie im besten Fall ein glaubwürdiges und literarisch qualitätvolles Identifikationsangebot für Schülerinnen und Schüler machen und durch ihre Perspektive den Jugendlichen einen altersgemäßen Zugang zu Themen der verschiedensten Art ermöglichen. Dabei sollten Lesegenuss und Erkenntnisgewinn in einem ausbalancierten Verhältnis zueinander stehen, das Lesen nicht allein instrumental auf unterrichtliche Themendurchleuchtung bezogen sein. In diesem Sinn sollten Jugendbücher über die deutsche Einheit sowohl Spannung als auch Einblicke in die entsprechende Lebensrealität vermitteln. Der Überblick zeigt nun, dass die Autoren sich in ihrer Darstellung des Themas sicher wegen der Möglichkeit zu farbig-spannungsreichem Erzählen stark auf den Ausgangspunkt - auf den Mauerfall und die verwirrenden und erfreulichen Erfahrungen junger Menschen in der unmittelbaren Folge - konzentrieren. So beschreibt Karin Königs »Ich fühl mich so fifty-fifty« (1991) eher den Zeitraum vor dem Mauerfall und die schwierige Situation der Hauptfigur Sabine, die zwischen ihren Eltern in Leipzig und ihrem Bruder Mario steht. Ihr Bruder hat unerwartet eine Besuchserlaubnis bekommen und ist in Hamburg geblieben. Sabine ist hin- und hergerissen zwischen einem Vertrautheitsgefühl, das sie an die DDR bindet, und dem Freiheitsangebot der Bundesrepublik, das der Bruder ihr in Briefen schildert. Der Leser erfährt dabei viel über die Lebensbedingungen in der DDR sowie die Ereignisse rund um den 9. November 1989 und ist einbezogen in die Gedanken und Gefühle der Schülerin, die am Ende ihre Position mit den Worten umreißt: »Wohin gehöre ich? Bald wird es keine Grenzen mehr zwischen unseren beiden deutschen Ländern geben. Wir sind dann ein Land. Eigentlich muss ich mich dann gar nicht mehr entscheiden, in welchem Teil ich leben will, ob in Ost oder West.« (S. 122) [Für Klasse 7 oder 8 geeignet]
Noch stärker fokussiert Franziska Groszer in »Julia Augenstern«
(1991) die Ereignisse auf Berlin und den Mauerfall, der hier aus der Perspektive
der zwölfjährigen Protagonistin hautnah erlebt wird. Julia ist
am 9. November und in den folgenden Wochen dabei, als sich für Berlin
und Deutschland vieles ändert. Mick aus Ost-Berlin, der im Westteil
der Stadt seinen Vater sucht, freundet sich mit Julia an, die sein Vorhaben
tatkräftig unterstützt. Ihre Mutter und Großmutter erzählen
gelegentlich aus ihrer Vergangenheit und geben dem Geschehen wirkungsvoll,
sprachlich unaufdringlich und kindgerecht historische Tiefenschärfe.
Gegen Ende konstatiert Julia »aus tiefstem Herzen«: »Ich
bin so froh, dass die Mauer verschwindet. Ich gehe jeden Tag hin, und wenn
ich sehe, dass sie noch dünner und zerlöcherter geworden ist,
bin ich richtig glücklich. Ich verstehe überhaupt erst jetzt,
wie schrecklich die Mauer gewesen ist!« (S. 205) [geeignet für
Klasse 6]
Das Interesse an diesem Thema kann und sollte also schon früh
geweckt werden, Erlebnisse der Kinder können einfließen, Erfahrungen
auf altersgemäße Weise und eventuell mit fächerübergreifenden
Akzenten (Erdkunde, Geschichte, Kunst) sichtbar gemacht werden.
» ... und ich saß in der Loge«: Cees Nooteboom beobachtet den deutschen Einigungsprozess Der deutsche Einigungsprozess ist für ausländische Schriftsteller bisher kaum zum literarischen Thema geworden. Zwar wird von Zeit zu Zeit bedauert, dass noch kein Roman über die deutsche Entwicklung seit 1989 vorliegt, zuletzt recht vehement von Tom Wolfe, dessen »Fegefeuer der Eitelkeiten« - ein breit angelegtes Panorama der New Yorker Gesellschaft - 1987 international für Furore gesorgt hatte und ihm selbst als Vorbild für ein deutsches Wende- und Einheitsszenario vorgeschwebt haben mag. Aber die Vorstellung, dass ein literarischer Blick von außen Sinn und Reiz haben könnte, tritt dabei nicht ins Blickfeld der Diskussion. So ist es umso interessanter, dass mit dem renommierten Niederländer Cees Nooteboom - Jahrgang 1933 - wenigstens ein Autor zu benennen ist, der sich mit besonderer Intensität der deutschen Geschichte annimmt. Dabei ist für ihn die deutsche Entwicklung gerade in Berlin wie durch eine Lupe sichtbar - vergrößert, überdeutlich. Nooteboom, der Berlin immer wieder seit Anfang der sechziger Jahre besucht und hier auch eine Zeit lang (1989 bis 1993) gelebt hat, beobachtet neuerdings (SPIEGEL 36/1999), dass »ein metonymischer Gebrauch dieses zweisilbigen Wortes« Berlin für Deutschland in der internationalen Presse einsetze, und konstatiert: »Es war also so weit. Berlin war wieder ganz Deutschland geworden und Deutschland Berlin.« Mit dieser Betrachtung verbindet er eine Vision für Europa: »Der Traum von einem wirklich vereinten Europa wird erst in Erfüllung gehen, wenn diese Stadt, ohne sich vom Fleck zu rühren, weiter in die Mitte rutscht.« In diesem Zusammenhang wird klar, dass seine Berlin-Sicht immer den Blick auf Deutschland und sogar auf Europa einschließt. Eine Rede, später unter dem Titel »Rückkehr nach Berlin« veröffentlicht, zeigt das noch deutlicher. Gehalten wurde sie am 7. Dezember 1997 in Berlin auf Einladung der Bertelsmann AG in einer Reihe »Berliner Lektionen«. Er betont hier die Faszination, die für ihn von Berlin und der deutschen Geschichte ausgeht. Seine Lebensgeschichte hat »eine Faszination für Vergangenheit, für Vergänglichkeit, für Memoiren und Ruinen erzeugt, für die Antike, für alles, was in dem Wort Geschichte zusammengefasst ist.« (S. 31) Berlin löst dementsprechend ein Echo in ihm aus, das die deutsche Geschichte mit hörbar macht.
Nooteboom beschreibt in dieser Rede den fast mythischen Eindruck von der Mauer im Jahr 1963, als sie Zeichen für ein geteiltes Deutschland, für ein zerschnittenes Europa in einer Welt konkurrierender Machtblöcke war. Er zeichnet die Situation im November 1989 nach, als er den Mauerfall »nicht als zufälliger Besucher, sondern als Einwohner Berlins« (S. 39) erlebt. 1997 nimmt er in der gigantischen Bautätigkeit »eine Vision künftiger Macht« (S.18) wahr. Die Bauten am Potsdamer Platz erinnern ihn gar an den Turm von Babel. So spiegelt sich im Blick des niederländischen Schriftstellers auf Berlin immer ein Stück deutscher Geschichte wider. Dies muss man wissen, um seinen Roman »Allerseelen« (1999)
in diesem Kontext richtig würdigen zu können. »Allerseelen«
handelt von Arthur Daane, einem Holländer, der Mitte der neunziger
Jahre in Berlin lebt. Der Dokumentarfilmer hat neun Jahre zuvor seine Frau
und den kleinen Sohn Thomas bei einem Flugzeugabsturz verloren und beginnt
in Berlin eine Affäre mit der Historikerin Elik. Die Beziehung führt
zu Verwicklungen und schließlich zur Selbsterkenntnis. Daane wird
in Berlin auch von einer Gruppe holländischer und russischer Freunde
umgeben, die an seinen Projekten und seinem Leben intensiv teilnehmen,
insbesondere an seinem Vorhaben, die alltäglichen Dinge in ihrer Vergänglichkeit
und Unauffälligkeit mit seiner allgegenwärtigen Kamera einzufangen.
Auf der Suche nach Motiven oder nach Zufällen, die zur Verarbeitung
reizen, durchstreift er Berlin. Nooteboom lässt uns teilhaben an diesen
Streifzügen Daanes und vermittelt durch die Augen seines Protagonisten
und in seinen Gesprächen mit den anderen Romanfiguren zugleich literarische
Bilder von Berlin, die als Spiegelungen deutscher Befindlichkeiten wirken
und den Zustand Deutschlands aus der Sicht des Beobachtenden, nicht des
Beteiligten, vermitteln.
Nootebooms Sicht der deutschen Einheit lässt zusammenfassend folgende Tendenzen und Motive erkennen: »Diese Stadt hatte mal einen Schlaganfall erlitten ...«
(S. 35)
»Erinnerst du dich noch an die Euphorie?« (S. 161)
Diese Nähe merkt man den entsprechenden Szenen im Roman (vgl. ) durchaus an. Der ausgewählte Gesprächsausschnitt holt die »Bananen am Checkpoint Charlie« ebenso wie das Brüder-und-Schwester-Pathos zurück. Die Frage »Und hast du sie in letzter Zeit gehört?« leitet eine schonungslose Analyse des Zerfallens jener Einheitsstimmung ein, deren Merkmale herausgearbeitet werden können und wieder mit der deutschen Geschichte - »zwei, drei, vier Vergangenheiten« - verknüpft werden. Von außen beobachtet wirkt manches in diesem neuen deutschen Staat wie kleinliches Gezänk. Die eindringliche Interpretation dieser Entwicklung durch die Romanfigur Victor, »der ... aus Amsterdam stammte, jetzt aber in Berlin lebte« (»Allerseelen«, S. 17), ist dabei natürlich zu hinterfragen und an der jeweiligen Gegenwart zu prüfen. »Du wirst schon ein richtiger Deutscher« (S. 18)
Hinweise für eine unterrichtliche Behandlung: Vollkommen zu Recht wird neuerdings mehr Mut für die Behandlung aktueller, auch ungewöhnlicher Texte im Deutsch-Unterricht angemahnt, zuletzt in DU 4/1999. Hierbei gilt, was Clemens Kammler in DU 4/99 so formuliert: »Wer neuere und neueste Literatur in der Schule behandelt, verlässt die scheinbar sicheren Pfade kanonisierten Wissens, entscheidet sich für eine Didaktik des Experiments. Bei allem Risiko des Scheiterns ... eröffnet ein solches Experiment besondere Chancen: Aufseiten der Lehrenden kann es zu erhöhter Aufmerksamkeit gegenüber dem Lerngegenstand führen, ein Erstarren in Routine verhindern. Den Lernenden kann es zu der Erkenntnis verhelfen, dass Literatur kein totes Medium ist ...« (S. 5). Nootebooms Roman könnte in einem Grundkurs Deutsch der Klassenstufe 12 oder 13 zum Gegenstand werden, im Leistungskurs - gekoppelt mit anderen Werken - sowieso. Die melancholische Liebesgeschichte zwischen Daane und Elik im Roman ist durchaus reizvoll und spannend realisiert. Daneben präsentiert Nooteboom die Einheits-Problematik und ein vielschichtiges Berlin-Bild, dem man auf sicher wieder häufiger werdenden Exkursionen in die Bundeshauptstadt nachgehen kann, das man aber auch kreativ und aus deutscher Sicht ergänzen kann. Der Roman bietet, zusätzlich, einen weiteren möglichen Baustein zu einer unterrichtlichen Behandlung, die Wertungsfragen, Referate zu anderen aktuellen Deutschland-Texten, fächerübergreifende Aspekte und kreative Aufgaben einschließen kann. Auf der literarischen Suche nach der deutschen Einheit - Vorschläge zur Projektarbeit Projekttage und Projektunterricht eignen sich besonders gut dazu, einmal größere Zusammenhänge in deutlicher Eigentätigkeit der Schülerinnen und Schüler erkunden zu lassen. Warum nicht einmal ein Projekt anbieten, das sich mit dem Thema »Deutsche Einheit in der Literatur« beschäftigt? Einige mögliche Fragestellungen könnten sein:
Bewusst wird im Folgenden nur auf einige Konturen verwiesen, die solch ein Projekt haben kann. Die Recherche-Tätigkeit der Schülerinnen und Schüler in Bibliotheken, Buchhandlungen, Internet usw., das Auswählen, Lesen und Vorstellen einzelner Werke, die Präsentation der Ergebnisse samt einem Vergleich der Darstellungsarten könnte und müsste sich in der Projektarbeit gruppengerecht entwickeln. Drei Beispielblöcke sollen die mögliche Spannweite der Erkundungen,
auch was die Gattungen anbelangt, verdeutlichen:
Im Bereich der Lyrik sei insbesondere auf den 1939 in Dresden geborenen
Volker Braun verwiesen. Seine Gedichte - so auch neuerdings in dem Bändchen
»Tumulus« (1999) - zeigen immer wieder in faszinierenden Bildern
die Sichtweise eines Menschen, der sich nirgends mehr recht heimisch fühlt.
Mit intensivem Blick beobachtet er die deutsche Entwicklung nach 1989,
seine kritischen Wortpfeile gelten u. a. der westlichen Lebensart. So auch
in dem Gedicht »MARLBORO IS RED. RED IS MARLBORO« aus den frühen
neunziger Jahren (vgl. ). Im Jahrbuch der Lyrik 1996/97 steht zu dem Gedicht
zu lesen: »Als Symbol des internationalen sozialistischen Aufbruchs
hat die Farbe Rot ausgedient; was bleibt, ist ein proletarischer Internationalismus
ganz eigener Art: die klassenlose Gesellschaft der Marlboro-Raucher. ...
Kein Traum einer vernünftigen Gesellschaftsordnung findet hier mehr
Platz, soziale Aktivität vollzieht sich als besinnungsloser Konsum:
Der Wohlstand ist eine Wüste.« (S. 59f.)
Vielleicht hat es das Theater wirklich am schwersten, die Thematik darzustellen: Den Alltag erfassen filmische Möglichkeiten eventuell besser und präziser, andererseits sind symbolische Überhöhungen wie der Adler in dem Strauß-Drama - auf der Bühne realisiert - doch schwer verdaulich. (Diesen Fragen nachzugehen, könnte übrigens im Rahmen eines Projekts eine lohnende Aufgabe sein.) Von solchen besonderen Schwierigkeiten für die Gattung Drama gibt die Charakterisierung der Bühnenfigur »Abgewickelte« aus »Wessis in Weimar« einen kleinen Eindruck. Materialien »Alles Ostler, die den Westen ›testen‹ wollen ...«: Ein Ost-Berliner Junge erlebt kurz nach dem Fall der Mauer den Kudamm »Warte, bis wir auf'm Kudamm sind«, flüstert Kieke,
als gäbe es irgendeinen Grund dafür, von nun an leiser zu sprechen.
»Da gehen dir die Augen über.«
Cees Nooteboom schildert 1997 Eindrücke von seinem
Berlin-Aufenthalt 1963
Doch mir war nicht nach Lachen zumute. Was hatte ich damals gedacht?
Daß man sich diese Situation in der griechischen oder in welcher
Antike auch immer vorstellen könne: eine Stadt, die zweigeteilt war
durch eine Mauer. Von Legenden und Geschichten umwoben, ein fast vergessenes
Sprichwort, eine Komödie von Tirso de Molina, wiederentdeckt in einer
Ecke der Bibliothek von Salamanca, eine Bearbeitung von Molière,
eine Oper von Salieri, und später natürlich eine gute Stunde
erhabenen süßen Videoschaums, eine Anekdote, auf der die Symbole
wachsen wie fliegendes Gras, Kulturbesitz. Wir aber haben es meist mit
Altertümern zu tun, die nur ein paar tausend Jahre alt sind, dasselbe
Alter wie wir in der ineinanderverschachtelten Reihe der Zivilisationen
haben, zu der wir noch immer gehören. Vielleicht ist das der Grund,
weshalb trotz des Nukleararsenals, das zur Welt gehört wie eine Ozonschicht,
unserem Tun und Lassen noch immer etwas hoffnungslos Altertümliches
anhaftet, eine Antiquiertheit, die keine Reise zum Mars oder Jupiter beseitigen
kann. Denn so sah es aus, man brauchte sich nur vor diese Mauer zu stellen,
die Augen ein Stück weit zuzukneifen, und man sah ein tölpelhaftes
Herumgewusel mittelalterlicher Landsknechte, die die Stadtmauer des Landes
der Anderen bewachten. Dieselbe Gattung, die Millionen von Kilometern in
wenigen Tagen zurücklegen, die Planeten im eigenen Haus besuchen und
Atome spalten konnte wie ein Stück Tau, konnte jetzt auch schon eine
zwei, drei Meter hohe Mauer bauen - und nicht mehr darübersteigen,
genauso wie ein Ägypter oder Babylonier nicht über sie hätte
steigen können, wie ein Mensch im Mittelalter seine Waffen am Tor
hätte abgeben müssen, wie ein Athener in der Spree ertrinkt,
wie ein Niederländer sich an dieser Mauer den Kopf einrennt und Jahrzehnte
später auf der anderen Seite der Erde aufwacht und sieht, wie ein
Priester und ein Diplomat ein Tuch von einem Stück Beton mit kindischen
Zeichnungen wegziehen, das nun für immer dort stehen bleiben muß,
um die Menschen an etwas zu erinnern, das sich nie und nimmer in einem
Atemzug nennen läßt, und sei es nur deswegen, weil die Geschichte
einen Januskopf hat, der in zwei Richtungen blickt: in die Vergangenheit
und, paradoxerweise, auch in die Zukunft.
Cees Nooteboom 1997 über 1989: »... und
hier wurde nicht nur ein Land wieder aneinandergeschmiedet, sondern ein
ganzer
Es war das Jahr 1989, und alles, was in diesem Jahr passierte, erlebte
ich nicht als zufälliger Besucher, sondern als Einwohner Berlins.
Mochte ich auch kein Deutscher sein, so war ich doch Europäer, und
hier wurde nicht nur ein Land wieder aneinandergeschmiedet, sondern ein
ganzer Kontinent. Einst, im Jahr 1962, als auf Deutschland bereits wieder
45% der Gesamtproduktion Europas entfielen, hatte ich Adenauer und de Gaulle
auf einem Balkon in Stuttgart gesehen, ein wunderliches Paar, älter
als das Jahrhundert. De Gaulle hatte diese merkwürdigen langen Arme
hochgereckt und gerufen: EZ LEBBE DOIZLAANT! EZ LEBBE DIE DOITZFRANZÖZISCHE
VROINDZAVT!! Er hatte an dem großen Gebilde vom Atlantik bis zum
Ural zu wirken begonnen - auf einer der Kreuzwegstationen dorthin sollte
Willy Brandt in Warschau niederknien, und noch später sollten Mitterrand
und Kohl Hand in Hand auf dem Schlachtfeld von Verdun stehen, um auch dort
den Krieg für immer zu begraben. Alte Ängste lassen sich jedoch
nicht so leicht begraben, nicht in Moskau, nicht in Paris und auch nicht
in London, ganz zu schweigen von den anderen, kleineren Ländern im
Schatten dieses einen großen Reichs der Mitte. Mag die Geschichte
auch ein paar blitzschnelle Pirouetten drehen und ein Fait accompli aus
dem Hut zaubern - das uralte Gespenst des Gleichgewichts hält die
betagte Familie Europa in Atem, die Unvermeidlichkeit des Laufs der Geschichte
wird hingenommen, als säße eine Klasse gehorsamer Marxisten
auf den Schulbänken. Doch sowohl in Mitterrands wie auch in Thatchers
Memoiren schimmert das alte Mißtrauen durch, wie eifersüchtige
alte Schauspielerinnen sitzen England, Frankreich, Deutschland und Rußland
in ihren Logen und lassen sich gegenseitig nicht aus den Augen: Wer gluckt
zuviel mit wem zusammen, wer bekommt die meisten Blumen, warum wedelt die
da so viel mit ihrem Fächer herum, wer bekommt gleich die Hauptrolle,
warum ist die so nett zu dieser doch gar nicht so wichtigen Nebenrolle,
warum bin ich nicht eingeladen - Intrigen und Argwohn im Theater Europa.
Cees Nooteboom über sein aktuelles Bild von Berlin:
Wenn das, was ich hier sah, kein Potemkinsches Dorf war, dann mußte
es doch einfach sein, was meine Augen sahen: eine Vision künftiger
Macht. Hier wurde mit der donnernden Gewalt einer Ramme eine Seite umgeblättert,
hier wurden nicht weniger als drei Vergangenheiten zugleich verschüttet,
in dieser Zauberlandschaft orgiastischer Arbeit wurde die Geschichte untergegraben
wie ein Maulwurf, eine Million Bilder pro Sekunde, Straßenbahnen,
Moden, Armeen, Bunker, Sperren, Mauern, Vopos, alles verschwand unter den
Fundamenten der Tempel der neuen Mächte, wieder war ich auf diesem
selben Platz gelandet zwischen etwas, das viel mehr bedeutete, als was
in diesem Augenblick zu sehen war. Irgendwo in einer Ecke standen, wie
beiseite geschobene Kulissenteile nach einer verunglückten Vorstellung,
noch ein paar armselige Mauerstücke herum.
Berliner Bilder in Nootebooms »Allerseelen«:
Er ging in Richtung Schillerstraße. Es gab nur zwei Städte,
die einen so zum Laufen herausforderten, Paris und Berlin. Das stimmte
natürlich auch wieder nicht, er war sein ganzes Leben lang überall
viel zu Fuß gegangen, doch hier war es anders. Er fragte sich, ob
das durch den Bruch kam, der durch beide Städte lief, wodurch das
Zufußgehen den Charakter einer Reise, einer Pilgerfahrt bekam. Bei
der Seine wurde dieser Bruch durch Brücken gemildert, und dennoch
wußte man immer, daß man irgendwo anders hinging, daß
eine Grenze überschritten wurde, so daß man, wie so viele Pariser,
auf seiner Seite des Flusses blieb, wenn keine Notwendigkeit bestand, das
eigene Territorium zu verlassen. In Berlin war das anders. Diese Stadt
hatte mal einen Schlaganfall erlitten, und die Folgen waren noch immer
sichtbar. Wer von der einen Seite in die andere ging, durchquerte einen
merkwürdigen Riktus, eine Narbe, die noch lange zu sehen sein würde.
Hier war das trennende Element nicht das Wasser, sondern jene unvollständige
Form der Geschichte, die Politik genannt wird, wenn die Farbe noch nicht
ganz trocken ist. Wer dafür empfänglich war, konnte den Bruch
fast körperlich spüren.
Berliner Bilder in Nootebooms »Allerseelen«:
»Alles ist voll davon. Es sitzt in ihren Augen. Darum sehen sie
nicht gut. Jetzt auch wieder nicht. Wiedervereinigung, es will ihnen nicht
in den Kopf. Sie bekommen ein ganzes Land geschenkt und wissen nichts damit
anzufangen. Erinnerst du dich noch an die Euphorie? Wie sie mit Bananen
am Checkpoint Charlie standen? Brüder und Schwestern? Und hast du
sie in letzter Zeit gehört? Wie die aussehen, wie die sich benehmen?
Rassistische Witze über Leute mit derselben Hautfarbe. Was die alles
nicht können, wofür die zu faul sind. ›Wir konnten auch nicht
gleich nach dem Krieg nach Mallorca, aber die hocken da schon.‹ ›Die eine
Hälfte hat die andere bei der Stasi angezeigt, und die haben wir jetzt
dazubekommen.‹ ›Meinetwegen hätten sie die Mauer nicht abzureißen
brauchen.‹ ›Mit denen kann man doch nicht in einem Land leben, diese vierzig
Jahre kriegst du nie wieder raus, das ist ein anderes Volk.‹ Und so weiter,
die ganze Leier.«
Berliner Bilder in Nootebooms »Allerseelen«:
An der Kantstraße stand die Ampel auf Rot. Er schaute nach links
und nach rechts, sah, daß keine Autos kamen, wollte die Straße
überqueren und blieb doch stehen, spürte, wie sein Körper
diese beiden widersprüchlichen Befehle verarbeitete, ein Art merkwürdiger
Wellenschlag, der ihn auf dem falschen Bein hatte landen lassen, ein Fuß
auf dem Bürgersteig, der andere auf der Straße. Durch den Schnee
hindurch sah er zu der schweigenden Gruppe der Wartenden auf der anderen
Seite. Wenn man je den Unterschied zwischen Deutschen und Niederländern
feststellen wollte, so war das in solchen Momenten möglich. In Amsterdam
war man verrückt, wenn man als Fußgänger bei Rot nicht
losging, hier war man verrückt, wenn man es tat, was man auch deutlich
zu hören bekam.
Die »klassenlose Gesellschaft der Marlboro-Raucher«
- Kritik an westlicher Lebensart
Nun schlafen, ruhen ... Und liegst lächelnd wach.
»Diese Frau steht für viele DDR-Bürger ...« - Charakterisierung der Bühnenfigur »Abgewickelte« in Hochhuths »Wessis in Weimar«: »Die Frau, Mitte fünfzig, die hier auf einer Bank wartet,
bis ihre Wäsche fertig ist, hat den Mantel neben sich gelegt und liest
und raucht. Sie liest in einem Buch, nicht Zeitung! Das charakterisiert
sie. Buchleser werden ja mehr und mehr zu den eigentlichen Aristokraten
- im gleichen Maß, in dem aus den Hauptgeschäftsstraßen
unserer Großstädte die Buchhandlungen verschwinden in Nebengassen,
weil sie die Mieten nicht mehr aufbringen ... Diese Frau steht für
viele DDR-Bürger auch dadurch, dass sie stets viel gelesen hat, nicht
erst, seit sie zur »Abgewickelten« degradiert worden ist. In
der BRD entspricht die Zahl der Nichtleser proportional ziemlich genau
der Überzahl von Autobesitzern, während vor der Wende in der
DDR nur relativ wenige privat ein Auto fuhren ... und sehr viele gelesen
haben.«
Literaturhinweis
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