Zeitschrift 

DeutschlanD & Europa

Das vereinigte Deutschland
in Europa
 

Heft 40/2000 , Hrsg.: LpB

 

Inhaltsverzeichnis



IV. Die deutsche Einheit im Spiegel der Literatur

Von Rüdiger Utikal

Literatur ist neben anderem immer auch Spiegel gesellschaftlicher Verhältnisse. Im folgenden Beitrag werden Aspekte der literarischen Gestaltung des Themas »Deutsche Einheit« dargestellt. Unterrichtliche Möglichkeiten werden für die Bereiche

  • Jugendbuch,
  • Literarische Blicke aus dem Ausland - exemplarisch an Cees Nooteboom gezeigt - und 
  • Projektunterricht mit den entsprechenden Materialien skizziert.

Zur Einführung

In einem SPIEGEL-Interview fünf Jahre nach der Wende formulierte der Schriftsteller Jurek Becker (1937-1997) zugespitzt und anschaulich: Heute - 1994 - »herrscht ein gewaltiger Erwartungsdruck. Seit drei Jahren sehe ich in Deutschland die Kritiker mit den Fingern auf den Tisch trommeln: Wo ist der deutsche Einheitsroman? Das kann den armen Hund, der sich hinsetzt vor ein leeres Blatt Papier, schon lähmen. In vielen Schriftstellerzimmern schwebt die Erwartung wie eine fürchterliche giftige Wolke.« Man sieht die Kritikerfinger noch immer trommeln, auch wenn seitdem viele Blätter zu Literatur mit dem Thema Wende und Einheit verarbeitet worden sind.

»Der Wenderoman, den die Literaturkritik immer wieder einfordert, ist allerdings nicht darunter« - konstatiert Hannes Krauss (DU 4/99, S. 37) und erläutert: »... und ich denke, das ist normal. Im Schlagschatten historischer Ereignisse entsteht selten große, dauerhafte Literatur. Wohl aber eine Vielzahl literarischer Äußerungen derer, die sich als Sprachrohr neuer oder als Hüter alter Verhältnisse verstehen - oder einfach nur ihre Verzweiflung, Hoffnung und Ratlosigkeit in Worte fassen wollen.«
Was hier ausdrücklich auf die Wende bezogen wird, gilt in ähnlicher Weise für eine mögliche Darstellung jener Jahre deutscher Geschichte, die seit dem Fall der Mauer im November 1989 bis heute vergangen sind. Das heißt freilich nicht, dass es an Versuchen der Darstellung und der Reflexion - auch in großen epischen und dramatischen Formen - gefehlt hätte. Wichtige deutsche Autoren wagten sich daran: Der Literatur-Nobelpreisträger von 1999, Günter Grass, musste aber mit seinem Roman »Ein weites Feld« (1995) - für Unterrichtszwecke wegen zahlreicher Verweise auf Fontanes Biographie und Werk problematisch - genauso die Prügel der rezensierenden Zunft einstecken wie der kaum weniger namhafte Rolf Hochhuth mit seinem Bühnenversuch »Wessis in Weimar«, der 1993 unter großem Pressegetöse auf deutschen Bühnen gezeigt wurde. Manche Beispiele lassen sich hier anschließen und im Projektunterricht untersuchen (vgl. Abschnitt: Auf der literarischen Suche ...), auch hinsichtlich der Berechtigung der zum Teil harschen Kritik. Andererseits ist die Vielstimmigkeit der Versuche und der Kritiken gewiss ebenso ein Indiz für das Interesse und die Empfindlichkeiten, die das Thema weckt. Literatur ist eben Spiegel deutscher Befindlichkeiten. Aber auch von ausländischen Autoren kann kein entscheidendes literarisches Werk vermeldet werden, das sich mit einem umfassenden Blick von außen zu Wort gemeldet hätte - immerhin ein interessanter Tatbestand, wenn man bedenkt, wie stark die europäische und die globale Öffentlichkeit von der deutschen Einigung berührt wurde (vgl. Kapitel I und II).

Auf diesem Hintergrund ist es eine angenehme Überraschung, dass es im Jugendbuch-Bereich gelungene Beispiele für eine Darstellung und Auseinandersetzung mit der jüngsten deutschen Geschichte gibt (vgl. Abschnitt: Die deutsche Einheit im Jugendbuch). Und mit Nootebooms Berlin-Roman »Allerseelen« (1999) ist zumindest ein bemerkenswerter Blick von außen einzufangen (Vgl. Abschnitt: »... und ich saß in der Loge«.)
Konkrete Beispiele und Fragestellungen für die unterrichtliche Arbeit liefern die folgenden Ausführungen und Materialien.

Die deutsche Einheit im Jugendbuch

Es besteht allgemein Konsens darüber, dass Jugendbücher deshalb so nutzbringend im Unterricht eingesetzt werden können, weil sie im besten Fall ein glaubwürdiges und literarisch qualitätvolles Identifikationsangebot für Schülerinnen und Schüler machen und durch ihre Perspektive den Jugendlichen einen altersgemäßen Zugang zu Themen der verschiedensten Art ermöglichen. Dabei sollten Lesegenuss und Erkenntnisgewinn in einem ausbalancierten Verhältnis zueinander stehen, das Lesen nicht allein instrumental auf unterrichtliche Themendurchleuchtung bezogen sein. In diesem Sinn sollten Jugendbücher über die deutsche Einheit sowohl Spannung als auch Einblicke in die entsprechende Lebensrealität vermitteln.

Der Überblick zeigt nun, dass die Autoren sich in ihrer Darstellung des Themas sicher wegen der Möglichkeit zu farbig-spannungsreichem Erzählen stark auf den Ausgangspunkt - auf den Mauerfall und die verwirrenden und erfreulichen Erfahrungen junger Menschen in der unmittelbaren Folge - konzentrieren. So beschreibt Karin Königs »Ich fühl mich so fifty-fifty« (1991) eher den Zeitraum vor dem Mauerfall und die schwierige Situation der Hauptfigur Sabine, die zwischen ihren Eltern in Leipzig und ihrem Bruder Mario steht. Ihr Bruder hat unerwartet eine Besuchserlaubnis bekommen und ist in Hamburg geblieben. Sabine ist hin- und hergerissen zwischen einem Vertrautheitsgefühl, das sie an die DDR bindet, und dem Freiheitsangebot der Bundesrepublik, das der Bruder ihr in Briefen schildert. Der Leser erfährt dabei viel über die Lebensbedingungen in der DDR sowie die Ereignisse rund um den 9. November 1989 und ist einbezogen in die Gedanken und Gefühle der Schülerin, die am Ende ihre Position mit den Worten umreißt: »Wohin gehöre ich? Bald wird es keine Grenzen mehr zwischen unseren beiden deutschen Ländern geben. Wir sind dann ein Land. Eigentlich muss ich mich dann gar nicht mehr entscheiden, in welchem Teil ich leben will, ob in Ost oder West.« (S. 122) [Für Klasse 7 oder 8 geeignet]

 
Umschlagbild von Haidrun Gschwind 1991 - Deutscher Taschenbuchverlag München

 

Noch stärker fokussiert Franziska Groszer in »Julia Augenstern« (1991) die Ereignisse auf Berlin und den Mauerfall, der hier aus der Perspektive der zwölfjährigen Protagonistin hautnah erlebt wird. Julia ist am 9. November und in den folgenden Wochen dabei, als sich für Berlin und Deutschland vieles ändert. Mick aus Ost-Berlin, der im Westteil der Stadt seinen Vater sucht, freundet sich mit Julia an, die sein Vorhaben tatkräftig unterstützt. Ihre Mutter und Großmutter erzählen gelegentlich  aus ihrer Vergangenheit und geben dem Geschehen wirkungsvoll, sprachlich unaufdringlich und kindgerecht historische Tiefenschärfe. Gegen Ende konstatiert Julia »aus tiefstem Herzen«: »Ich bin so froh, dass die Mauer verschwindet. Ich gehe jeden Tag hin, und wenn ich sehe, dass sie noch dünner und zerlöcherter geworden ist, bin ich richtig glücklich. Ich verstehe überhaupt erst jetzt, wie schrecklich die Mauer gewesen ist!« (S. 205) [geeignet für Klasse 6]
Mögliche Unterrichtsaspekte für beide Bücher wären auf der Ebene der Romanhandlung: 
Wie erlebt die Hauptfigur die Ereignisse? Welche Erfahrungen mit dem geteilten Deutschland werden geschildert? Was erfahren wir über das Leben und den Alltag der Menschen zu dieser Zeit? Was hat sich verändert?
Auf der Ebene des Themenhintergrunds könnten folgende Aspekte unterrichtsrelevant werden:

  • Leben mit der Mauer: Ein Rückblick
  • Leben mit einer Mauer: Vorstellungen und Bilder
  • »Erfahrungen« mit der deutschen Einheit: Eigene Erlebnisse
  • Eltern und Großeltern werden zum Thema interviewt. Vergleiche mit dem aktuellen Zustand: Was ist seither geschehen?

Das Interesse an diesem Thema kann und sollte also schon früh geweckt werden, Erlebnisse der Kinder können einfließen, Erfahrungen auf altersgemäße Weise und eventuell mit fächerübergreifenden Akzenten (Erdkunde, Geschichte, Kunst) sichtbar gemacht werden.
Einen für die Zusammenarbeit mit dem Fach Geschichte besonders tragfähigen Ansatz dafür vermittelt Klaus Kordons Jugendbuch »Paule Glück. Das Jahrhundert in Geschichten« (1985/99). Hier werden hundert Jahre deutscher Geschichte aus der Perspektive von Kindern und mit Kindern als Hauptfiguren nachgezeichnet (vgl. Infokasten). Die Geschichte »Test the West« beleuchtet den November 1989 und zeigt Marius, der mit »Kieke«, dem Freund seines älteren Bruders, den Westen Berlins erlebt und »Rennschuhe« kauft, was zu einem dramatischen Streit mit seinen Eltern führt. Mit seinem scharfen Blick auf die Lebensrealitäten Jugendlicher ermöglicht Kordons Buch eine Einbettung der deutschen Entwicklungen im letzten Jahrzehnt unseres Jahrhunderts in eine größere historische Dimension und damit ein vertieftes Verständnis der Geschehnisse. Wenn gleichzeitig in einem kreativen Vorgehen auch Schüler-Geschichten der Gegenwart als Schreibprojekt versucht werden (vgl. Infokasten), lassen sich Kontinuitäten und Brüche auch im Sinne einer Bilanz der Veränderungen - zumindest bezogen auf das Leben der Jugendlichen - schon in der Unterstufe ansatzweise erkennen.
 

INFOKASTEN zu Klaus Kordon »Paule Glück. 
Das Jahrhundert in Geschichten«
Inhalt (zum Überblick über gewählte Zeitpunkte der einzelnen Geschichten: Die Möglichkeit einer deutsch-deutschen Reihe - 
1948, 1953, 1961, 1989 - besteht.)

1904: Paule Glück
1917: Luise
1923: Jacobs Rettung
1932: Eisern, Emil, eisern!
1941: Hände hoch, Tschibaba!
1948: Trümmerkutte
1953: Fahren wir zum Alex
1961: Mach die Augen zu und spring
1969: Unsere Gegend
1974: Im 31. Stock
1981: Brief für Benno
1984: Ich bin keine Ente
1989: Test the West
1998: Pizza-Time

Vorschläge für ein Schüler-Schreibprojekt im 
Anschluss an den Kordon-Roman:
2001: Eine Reise in Deutschland - Ein Erlebnis in Berlin - Das ist in meinem Leben wichtig! - Ein typischer Tag in meinem Leben - ...
 

» ... und ich saß in der Loge«: Cees Nooteboom beobachtet den deutschen Einigungsprozess

Der deutsche Einigungsprozess ist für ausländische Schriftsteller bisher kaum zum literarischen Thema geworden. Zwar wird von Zeit zu Zeit bedauert, dass noch kein Roman über die deutsche Entwicklung seit 1989 vorliegt, zuletzt recht vehement von Tom Wolfe, dessen »Fegefeuer der Eitelkeiten« - ein breit angelegtes Panorama der New Yorker Gesellschaft - 1987 international für Furore gesorgt hatte und ihm selbst als Vorbild für ein deutsches Wende- und Einheitsszenario vorgeschwebt haben mag. Aber die Vorstellung, dass ein literarischer Blick von außen Sinn und Reiz haben könnte, tritt dabei nicht ins Blickfeld der Diskussion.

So ist es umso interessanter, dass mit dem renommierten Niederländer Cees Nooteboom - Jahrgang 1933 - wenigstens ein Autor zu benennen ist, der sich mit besonderer Intensität der deutschen Geschichte annimmt. Dabei ist für ihn die deutsche Entwicklung gerade in Berlin wie durch eine Lupe sichtbar - vergrößert, überdeutlich. Nooteboom, der Berlin immer wieder seit Anfang der sechziger Jahre besucht und hier auch eine Zeit lang (1989 bis 1993) gelebt hat, beobachtet neuerdings (SPIEGEL 36/1999), dass »ein metonymischer Gebrauch dieses zweisilbigen Wortes« Berlin für Deutschland in der internationalen Presse einsetze, und konstatiert: »Es war also so weit. Berlin war wieder ganz Deutschland geworden und Deutschland Berlin.« Mit dieser Betrachtung verbindet er eine Vision für Europa: »Der Traum von einem wirklich vereinten Europa wird erst in Erfüllung gehen, wenn diese Stadt, ohne sich vom Fleck zu rühren, weiter in die Mitte rutscht.« In diesem Zusammenhang wird klar, dass seine Berlin-Sicht immer den Blick auf Deutschland und sogar auf Europa einschließt.

Eine Rede, später unter dem Titel »Rückkehr nach Berlin« veröffentlicht, zeigt das noch deutlicher. Gehalten wurde sie am 7. Dezember 1997 in Berlin auf Einladung der Bertelsmann AG in einer Reihe »Berliner Lektionen«. Er betont hier die Faszination, die für ihn von Berlin und der deutschen Geschichte ausgeht. Seine Lebensgeschichte hat »eine Faszination für Vergangenheit, für Vergänglichkeit, für Memoiren und Ruinen erzeugt, für die Antike, für alles, was in dem Wort Geschichte zusammengefasst ist.« (S. 31) Berlin löst dementsprechend ein Echo in ihm aus, das die deutsche Geschichte mit hörbar macht.

Nooteboom beschreibt in dieser Rede den fast mythischen Eindruck von der Mauer im Jahr 1963, als sie Zeichen für ein geteiltes Deutschland, für ein zerschnittenes Europa in einer Welt konkurrierender Machtblöcke war. Er zeichnet die Situation im November 1989 nach, als er den Mauerfall »nicht als zufälliger Besucher, sondern als Einwohner Berlins« (S. 39) erlebt. 1997 nimmt er in der gigantischen Bautätigkeit »eine Vision künftiger Macht« (S.18) wahr. Die Bauten am Potsdamer Platz erinnern ihn gar an den Turm von Babel. So spiegelt sich im Blick des niederländischen Schriftstellers auf Berlin immer ein Stück deutscher Geschichte wider.

Dies muss man wissen, um seinen Roman »Allerseelen« (1999) in diesem Kontext richtig würdigen zu können. »Allerseelen« handelt von Arthur Daane, einem Holländer, der Mitte der neunziger Jahre in Berlin lebt. Der Dokumentarfilmer hat neun Jahre zuvor seine Frau und den kleinen Sohn Thomas bei einem Flugzeugabsturz verloren und beginnt in Berlin eine Affäre mit der Historikerin Elik. Die Beziehung führt zu Verwicklungen und schließlich zur Selbsterkenntnis. Daane wird in Berlin auch von einer Gruppe holländischer und russischer Freunde umgeben, die an seinen Projekten und seinem Leben intensiv teilnehmen, insbesondere an seinem Vorhaben, die alltäglichen Dinge in ihrer Vergänglichkeit und Unauffälligkeit mit seiner allgegenwärtigen Kamera einzufangen. Auf der Suche nach Motiven oder nach Zufällen, die zur Verarbeitung reizen, durchstreift er Berlin. Nooteboom lässt uns teilhaben an diesen Streifzügen Daanes und vermittelt durch die Augen seines Protagonisten und in seinen Gesprächen mit den anderen Romanfiguren zugleich literarische Bilder von Berlin, die als Spiegelungen deutscher Befindlichkeiten wirken und den Zustand Deutschlands aus der Sicht des Beobachtenden, nicht des Beteiligten, vermitteln.
 

Nootebooms Sicht der deutschen Einheit lässt zusammenfassend folgende Tendenzen und Motive erkennen:

»Diese Stadt hatte mal einen Schlaganfall erlitten ...« (S. 35)
Nooteboom betont immer wieder, wie stark Berlin und Deutschland durch den »Riss, der durch die Welt ging und hier mehr als irgendwo sonst sichtbar war als versteinerter Herzinfarkt« (Rede S. 34), geprägt wurden. Sehr genau beschreibt er stets, dass die Geschehnisse des Jahres 1989 im Kontext der deutschen Geschichte zu sehen sind, dass die Zusammenhänge präsent bleiben müssen, um die »rasend schnelle Pirouette« (SPIEGEL 36/1999, S. 50) richtig zu würdigen. So ist die Nachkriegsgeschichte in beiden deutschen Staaten häufig sein Thema, ihre Spuren finden sich im Roman wie in seinen anderen Veröffentlichungen. Ein Beispiel aus seinem SPIEGEL-Essay mag dies illustrieren: »Es ist nicht immer von Vorteil, so lange zu leben, dass man das alles noch weiß, vor allem nicht, weil es später so unvorstellbar wird: Ulbricht, Grotewohl, die freudigen Gesichter der an den Ehrentribünen Vorbeimarschierenden auf der einen Seite, die nackten Studentinnen auf dem Podium bei Adorno, die Berufsverbote, Baader/Meinhof, Morde und Geiselnahmen auf der anderen.« Man sieht, er schont keine Seite; erst aus der Unterschiedlichkeit der Entwicklung, die wie ein Krankheitszustand über Deutschland lastete, erwächst ein Verständnis für die Bedeutung der Zeit nach 1989.
Im Roman »Allerseelen« wird dies auf der Ebene von Erinnerungen und Beobachtungen reflektiert. Es wird nicht an bildhaften, einprägsamen Formulierungen gespart, die diesen Zustand auch für Oberstufenschüler fassbar machen können:
Nooteboom spricht von einem »Schlaganfall«, von einer »Narbe«, dem »Bruch«, der »fast körperlich« spürbar ist. Er blickte vor der Wende vom »Holzpodest« »in die andere Welt«; heute scheint dies alles ihm manchmal »als Produkt einer krankhaften Phantasie«.

»Erinnerst du dich noch an die Euphorie?« (S. 161)
Die euphorische Stimmung der Wochen und Monate nach jenem 9. November 1989 fängt Nooteboom aus nächster Nähe ein: »... schon bald fand ich es wunderbar und begann die Stadt zu lieben. Die geschichtlichen Ereignisse überstürzten sich, und ich saß in der Loge.« (SPIEGEL 36/1999, S. 48)

Diese Nähe merkt man den entsprechenden Szenen im Roman (vgl. ) durchaus an. Der ausgewählte Gesprächsausschnitt holt die »Bananen am Checkpoint Charlie« ebenso wie das Brüder-und-Schwester-Pathos zurück. Die Frage »Und hast du sie in letzter Zeit gehört?« leitet eine schonungslose Analyse des Zerfallens jener Einheitsstimmung ein, deren Merkmale herausgearbeitet werden können und wieder mit der deutschen Geschichte - »zwei, drei, vier Vergangenheiten« - verknüpft werden. Von außen beobachtet wirkt manches in diesem neuen deutschen Staat wie kleinliches Gezänk. Die eindringliche Interpretation dieser Entwicklung durch die Romanfigur Victor, »der ... aus Amsterdam stammte, jetzt aber in Berlin lebte« (»Allerseelen«, S. 17), ist dabei natürlich zu hinterfragen und an der jeweiligen Gegenwart zu prüfen.

»Du wirst schon ein richtiger Deutscher« (S. 18)
Was ist ein »richtiger Deutscher«? Wie werden die Deutschen von außen her wahrgenommen? Welches Bild von Deutschland existiert im Ausland? Welche Eigenschaften prägen die deutsche Mentalität? Gibt es überhaupt eine deutsche Mentalität? Dies sind Fragen, die sich jeder stellen kann, zu denen jeder - auch die Schülerinnen und Schüler - Erfahrungen beisteuern kann. Die Antworten werden notwendigerweise die Entwicklungen der Zeit nach 1989 einbeziehen müssen; die neue, die »Berliner Republik« definiert sich ja erst aus diesem Zusammenhang.
Im »Allerseelen«-Roman bietet das Verhalten der Fußgänger an einer roten Ampel (vgl. ) den Ausgangspunkt für die in den obigen Fragen angeregten Überlegungen: »In Amsterdam war man verrückt, wenn man als Fußgänger bei Rot nicht losging, hier war man verrückt, wenn man es tat, was man auch deutlich zu hören bekam.« Die Frage nach Klischees, nach Vorurteilen wird gestellt. Aber eben: »Man durfte nicht verallgemeinern. Und trotzdem besaßen bestimmte Völker bestimmte Charaktereigenschaften. Woher kamen die? ›Aus der Geschichte‹, hatte Erna gesagt.« Damit schließt sich der Kreis der Betrachtungen.

Hinweise für eine unterrichtliche Behandlung:

Vollkommen zu Recht wird neuerdings mehr Mut für die Behandlung aktueller, auch ungewöhnlicher Texte im Deutsch-Unterricht angemahnt, zuletzt in DU 4/1999. Hierbei gilt, was Clemens Kammler in DU 4/99 so formuliert: »Wer neuere und neueste Literatur in der Schule behandelt, verlässt die scheinbar sicheren Pfade kanonisierten Wissens, entscheidet sich für eine Didaktik des Experiments. Bei allem Risiko des Scheiterns ... eröffnet ein solches Experiment besondere Chancen: Aufseiten der Lehrenden kann es zu erhöhter Aufmerksamkeit gegenüber dem Lerngegenstand führen, ein Erstarren in Routine verhindern. Den Lernenden kann es zu der Erkenntnis verhelfen, dass Literatur kein totes Medium ist ...« (S. 5).

Nootebooms Roman könnte in einem Grundkurs Deutsch der Klassenstufe 12 oder 13 zum Gegenstand werden, im Leistungskurs - gekoppelt mit anderen Werken - sowieso. Die melancholische Liebesgeschichte zwischen Daane und Elik im Roman ist durchaus reizvoll und spannend realisiert. Daneben präsentiert Nooteboom die Einheits-Problematik und ein vielschichtiges Berlin-Bild, dem man auf sicher wieder häufiger werdenden Exkursionen in die Bundeshauptstadt nachgehen kann, das man aber auch kreativ und aus deutscher Sicht ergänzen kann. Der Roman bietet, zusätzlich, einen weiteren möglichen Baustein zu einer unterrichtlichen Behandlung, die Wertungsfragen, Referate zu anderen aktuellen Deutschland-Texten, fächerübergreifende Aspekte und kreative Aufgaben einschließen kann.

Auf der literarischen Suche nach der deutschen Einheit - Vorschläge zur Projektarbeit

Projekttage und Projektunterricht eignen sich besonders gut dazu, einmal größere Zusammenhänge in deutlicher Eigentätigkeit der Schülerinnen und Schüler erkunden zu lassen. Warum nicht einmal ein Projekt anbieten, das sich mit dem Thema »Deutsche Einheit in der Literatur« beschäftigt?

Einige mögliche Fragestellungen könnten sein:

  • Mauer, Mauerfall ... und die Mauer in den Köpfen. Eine Entwicklungsgeschichte in literarischen Beispielen
  • Deutsch-deutsche Einsichten. Wie Deutsche Deutsche sehen
  • Das neue Deutschland. Literarische Darstellungen seit 1989
  • verFlLMungEn: Deutsche Geschichte im Film. »Sonnenallee«, »Helden wie wir« und andere.

Bewusst wird im Folgenden nur auf einige Konturen verwiesen, die solch ein Projekt haben kann. Die Recherche-Tätigkeit der Schülerinnen und Schüler in Bibliotheken, Buchhandlungen, Internet usw., das Auswählen, Lesen und Vorstellen einzelner Werke, die Präsentation der Ergebnisse samt einem Vergleich der Darstellungsarten könnte und müsste sich in der Projektarbeit gruppengerecht entwickeln.

Drei Beispielblöcke sollen die mögliche Spannweite der Erkundungen, auch was die Gattungen anbelangt, verdeutlichen:
Natürlich wird man am ehesten im Bereich des Romans und der Kurzgeschichte fündig. Die vom Umfang her schmale, vom Inhaltlichen her sehr ergiebige Erzählung »Die Birnen von Ribbeck« (1991) von Friedrich Christian Delius und Ingo Schulzes komplexe »Simple Storys« (1998), der endlich auch einmal Geschichten »aus der ostdeutschen Provinz« erzählt, sind hier ebenso interessant wie Wolfgang Hilbigs Erzählungen »Grünes, grünes Grab« (1993) oder Stefan Heyms »Auf Sand gebaut« (1990), sieben zornige »Geschichten aus der unmittelbaren Vergangenheit«, und mögen stellvertretend für viele andere Möglichkeiten stehen.

Im Bereich der Lyrik sei insbesondere auf den 1939 in Dresden geborenen Volker Braun verwiesen. Seine Gedichte - so auch neuerdings in dem Bändchen »Tumulus« (1999) - zeigen immer wieder in faszinierenden Bildern die Sichtweise eines Menschen, der sich nirgends mehr recht heimisch fühlt. Mit intensivem Blick beobachtet er die deutsche Entwicklung nach 1989, seine kritischen Wortpfeile gelten u. a. der westlichen Lebensart. So auch in dem Gedicht »MARLBORO IS RED. RED IS MARLBORO« aus den frühen neunziger Jahren (vgl. ). Im Jahrbuch der Lyrik 1996/97 steht zu dem Gedicht zu lesen: »Als Symbol des internationalen sozialistischen Aufbruchs hat die Farbe Rot ausgedient; was bleibt, ist ein proletarischer Internationalismus ganz eigener Art: die klassenlose Gesellschaft der Marlboro-Raucher. ... Kein Traum einer vernünftigen Gesellschaftsordnung findet hier mehr Platz, soziale Aktivität vollzieht sich als besinnungsloser Konsum: Der Wohlstand ist eine Wüste.« (S. 59f.)
Das Thema deutsche Einheit im Drama - offenbar eine schwierige, sperrige Allianz! Immerhin haben sich Rolf Hochhuth mit »Wessis in Weimar. Szenen aus einem besetzten Land« (1993/94) und Botho Strauß mit »Schlusschor« (Uraufführung 1991) daran versucht. Beide Stücke lösten ein großes Presseecho aus, beide gelten auch als problematisch und sind trotz vielschichtiger Handlungsstränge merkwürdig undifferenziert und eindimensional in ihrer Aussage.

Vielleicht hat es das Theater wirklich am schwersten, die Thematik darzustellen: Den Alltag erfassen filmische Möglichkeiten eventuell besser und präziser, andererseits sind symbolische Überhöhungen wie der Adler in dem Strauß-Drama - auf der Bühne realisiert - doch schwer verdaulich. (Diesen Fragen nachzugehen, könnte übrigens im Rahmen eines Projekts eine lohnende Aufgabe sein.) Von solchen besonderen Schwierigkeiten für die Gattung Drama gibt die Charakterisierung der Bühnenfigur »Abgewickelte« aus »Wessis in Weimar« einen kleinen Eindruck.

Materialien

»Alles Ostler, die den Westen ›testen‹ wollen ...«: Ein Ost-Berliner Junge erlebt kurz nach dem Fall der Mauer den Kudamm

»Warte, bis wir auf'm Kudamm sind«, flüstert Kieke, als gäbe es irgendeinen Grund dafür, von nun an leiser zu sprechen. »Da gehen dir die Augen über.«
Wie sie zum Kurfürstendamm gelangen, weiß Kieke von seinem Vater: Mit dem Bus bis zur Osloer Straße und von dort aus mit der U-Bahn bis zu den Stationen Bahnhof Zoo oder Kurfürstendamm. Zwei Katzensprünge nur noch, wo bisher ein ozeanweiter Abgrund klaffte.
Die Busse und U-Bahnen sind überfüllt. Alles Ostler, die den Westen »testen« wollen. Test the West wird auf einem U-Bahnhof für eine Zigarettenmarke geworben. Betrifft das nicht genau ihre Situation? Kieke muss lachen, als er zum ersten Mal diesen Werbespruch liest. Und er findet es ganz normal, dass sie als Ostler in den Bussen und Bahnen kein Fahrgeld bezahlen müssen. »Das ist der Westen uns schuldig«, erklärt er Marius. »Schließlich haben nicht nur wir im Osten den Krieg verloren.« Und als Marius das nicht gleich versteht, verrät er ihm, was sein Vater immer sagt: »Vierzig Jahre lang haben wir die armen Russen zu ›Freunden‹ gehabt, die im Westen die reichen Amerikaner, Engländer und Franzosen. Allein auf westdeutschem Mist ist das Wirtschaftswunder nicht gewachsen.«
Die Ostler um sie herum, die das gehört haben, nicken. »Ab jetzt wird jeteilt«, sagt ein älterer Mann mit schütterem Haar. »Halbe-halbe und nich anders!«
Wieder beifälliges Gemurmel. Vorsichtig sieht Marius zu den Leuten hin, die er für Westler hält. Sind die mit dem, was eben gesagt wurde, denn einverstanden?
[...] Kauend machen sie sich darüber lustig, dass sie nun keinen einzigen Westpfennig mehr besitzen, und schlendern dabei gemütlich den Kurfürstendamm rauf und runter, diesen langen, breiten Boulevard mit all den vielen Geschäften, Restaurants, Cafés, Kinos und Theatern. Und nun gehen Marius wirklich die Augen über: Was in den Schaufenstern für schicke Klamotten liegen! Wie viele verschiedene Fernseher, Phonotürme, Fotoapparate und CDs es hier gibt! Welche Mengen verschiedenster Süßigkeiten! Was für Schmuck! Was für Autos! Was für Urlaubsreisen! Und überall Schilder, die das Neueste, Schönste, Beste, Teuerste und Billigste anpreisen. Jetzt erst versteht Marius das Wort vom »goldenen Westen«. »Kann sich das denn hier jeder kaufen?«, flüstert er Kieke zu. »Haben die alle so viel Geld?«
Der zuckt die Achseln. »Alle sicher nicht! Aber 'ne ganze Menge. Sonst würden die Geschäfte ja Pleite machen.«
So muss es sein. So ist es ja auch im Osten. Die einen haben mehr Geld, die anderen weniger. Aber zu Hause sind die Leute froh, wenn sie überhaupt bekommen, was sie gerade suchen. Da gibt es keine große Auswahl, da locken die Schaufenster nicht so. Hier wünscht sich bestimmt jeder, ganz viel Geld zu haben. Und wer nicht so viel verdient, ist sicher sehr traurig und vielleicht auch wütend darüber, sich nicht den teuersten Fernseher, das beste Auto oder die schönste Urlaubsreise leisten zu können.
Aus: Klaus Kordon: Paule Glück. Das Jahrhundert in Geschichten. Beltz&Gelberg, Weinheim und Basel 1999, S. 292f. und 300f.

Cees Nooteboom schildert 1997 Eindrücke von seinem Berlin-Aufenthalt 1963 
(Berliner Rede 7. 12. 1997)

Doch mir war nicht nach Lachen zumute. Was hatte ich damals gedacht? Daß man sich diese Situation in der griechischen oder in welcher Antike auch immer vorstellen könne: eine Stadt, die zweigeteilt war durch eine Mauer. Von Legenden und Geschichten umwoben, ein fast vergessenes Sprichwort, eine Komödie von Tirso de Molina, wiederentdeckt in einer Ecke der Bibliothek von Salamanca, eine Bearbeitung von Molière, eine Oper von Salieri, und später natürlich eine gute Stunde erhabenen süßen Videoschaums, eine Anekdote, auf der die Symbole wachsen wie fliegendes Gras, Kulturbesitz. Wir aber haben es meist mit Altertümern zu tun, die nur ein paar tausend Jahre alt sind, dasselbe Alter wie wir in der ineinanderverschachtelten Reihe der Zivilisationen haben, zu der wir noch immer gehören. Vielleicht ist das der Grund, weshalb trotz des Nukleararsenals, das zur Welt gehört wie eine Ozonschicht, unserem Tun und Lassen noch immer etwas hoffnungslos Altertümliches anhaftet, eine Antiquiertheit, die keine Reise zum Mars oder Jupiter beseitigen kann. Denn so sah es aus, man brauchte sich nur vor diese Mauer zu stellen, die Augen ein Stück weit zuzukneifen, und man sah ein tölpelhaftes Herumgewusel mittelalterlicher Landsknechte, die die Stadtmauer des Landes der Anderen bewachten. Dieselbe Gattung, die Millionen von Kilometern in wenigen Tagen zurücklegen, die Planeten im eigenen Haus besuchen und Atome spalten konnte wie ein Stück Tau, konnte jetzt auch schon eine zwei, drei Meter hohe Mauer bauen - und nicht mehr darübersteigen, genauso wie ein Ägypter oder Babylonier nicht über sie hätte steigen können, wie ein Mensch im Mittelalter seine Waffen am Tor hätte abgeben müssen, wie ein Athener in der Spree ertrinkt, wie ein Niederländer sich an dieser Mauer den Kopf einrennt und Jahrzehnte später auf der anderen Seite der Erde aufwacht und sieht, wie ein Priester und ein Diplomat ein Tuch von einem Stück Beton mit kindischen Zeichnungen wegziehen, das nun für immer dort stehen bleiben muß, um die Menschen an etwas zu erinnern, das sich nie und nimmer in einem Atemzug nennen läßt, und sei es nur deswegen, weil die Geschichte einen Januskopf hat, der in zwei Richtungen blickt: in die Vergangenheit und, paradoxerweise, auch in die Zukunft.
Aus: Cees Nooteboom: Rückkehr nach Berlin. (c) Suhrkamp, 
Frankfurt a. M. 1998, S. 12-14

Cees Nooteboom 1997 über 1989: »... und hier wurde nicht nur ein Land wieder aneinandergeschmiedet, sondern ein ganzer 
Kontinent.« (Berliner Rede 7. 12. 1997)

Es war das Jahr 1989, und alles, was in diesem Jahr passierte, erlebte ich nicht als zufälliger Besucher, sondern als Einwohner Berlins. Mochte ich auch kein Deutscher sein, so war ich doch Europäer, und hier wurde nicht nur ein Land wieder aneinandergeschmiedet, sondern ein ganzer Kontinent. Einst, im Jahr 1962, als auf Deutschland bereits wieder 45% der Gesamtproduktion Europas entfielen, hatte ich Adenauer und de Gaulle auf einem Balkon in Stuttgart gesehen, ein wunderliches Paar, älter als das Jahrhundert. De Gaulle hatte diese merkwürdigen langen Arme hochgereckt und gerufen: EZ LEBBE DOIZLAANT! EZ LEBBE DIE DOITZFRANZÖZISCHE VROINDZAVT!! Er hatte an dem großen Gebilde vom Atlantik bis zum Ural zu wirken begonnen - auf einer der Kreuzwegstationen dorthin sollte Willy Brandt in Warschau niederknien, und noch später sollten Mitterrand und Kohl Hand in Hand auf dem Schlachtfeld von Verdun stehen, um auch dort den Krieg für immer zu begraben. Alte Ängste lassen sich jedoch nicht so leicht begraben, nicht in Moskau, nicht in Paris und auch nicht in London, ganz zu schweigen von den anderen, kleineren Ländern im Schatten dieses einen großen Reichs der Mitte. Mag die Geschichte auch ein paar blitzschnelle Pirouetten drehen und ein Fait accompli aus dem Hut zaubern - das uralte Gespenst des Gleichgewichts hält die betagte Familie Europa in Atem, die Unvermeidlichkeit des Laufs der Geschichte wird hingenommen, als säße eine Klasse gehorsamer Marxisten auf den Schulbänken. Doch sowohl in Mitterrands wie auch in Thatchers Memoiren schimmert das alte Mißtrauen durch, wie eifersüchtige alte Schauspielerinnen sitzen England, Frankreich, Deutschland und Rußland in ihren Logen und lassen sich gegenseitig nicht aus den Augen: Wer gluckt zuviel mit wem zusammen, wer bekommt die meisten Blumen, warum wedelt die da so viel mit ihrem Fächer herum, wer bekommt gleich die Hauptrolle, warum ist die so nett zu dieser doch gar nicht so wichtigen Nebenrolle, warum bin ich nicht eingeladen - Intrigen und Argwohn im Theater Europa.
Aus: Cees Nooteboom: Rückkehr nach Berlin. (c) Suhrkamp, 
Frankfurt a. M. 1998, S. 39-41

Cees Nooteboom über sein aktuelles Bild von Berlin:
»Eine Vision künftiger Macht« 
(Berliner Rede 7. 12. 1997)

Wenn das, was ich hier sah, kein Potemkinsches Dorf war, dann mußte es doch einfach sein, was meine Augen sahen: eine Vision künftiger Macht. Hier wurde mit der donnernden Gewalt einer Ramme eine Seite umgeblättert, hier wurden nicht weniger als drei Vergangenheiten zugleich verschüttet, in dieser Zauberlandschaft orgiastischer Arbeit wurde die Geschichte untergegraben wie ein Maulwurf, eine Million Bilder pro Sekunde, Straßenbahnen, Moden, Armeen, Bunker, Sperren, Mauern, Vopos, alles verschwand unter den Fundamenten der Tempel der neuen Mächte, wieder war ich auf diesem selben Platz gelandet zwischen etwas, das viel mehr bedeutete, als was in diesem Augenblick zu sehen war. Irgendwo in einer Ecke standen, wie beiseite geschobene Kulissenteile nach einer verunglückten Vorstellung, noch ein paar armselige Mauerstücke herum.
Aus: Cees Nooteboom: Rückkehr nach Berlin. (c) Suhrkamp, 
Frankfurt a. M. 1998, S. 18

Berliner Bilder in Nootebooms »Allerseelen«: 
»Diese Stadt hatte mal einen Schlaganfall erlitten ...« 

Er ging in Richtung Schillerstraße. Es gab nur zwei Städte, die einen so zum Laufen herausforderten, Paris und Berlin. Das stimmte natürlich auch wieder nicht, er war sein ganzes Leben lang überall viel zu Fuß gegangen, doch hier war es anders. Er fragte sich, ob das durch den Bruch kam, der durch beide Städte lief, wodurch das Zufußgehen den Charakter einer Reise, einer Pilgerfahrt bekam. Bei der Seine wurde dieser Bruch durch Brücken gemildert, und dennoch wußte man immer, daß man irgendwo anders hinging, daß eine Grenze überschritten wurde, so daß man, wie so viele Pariser, auf seiner Seite des Flusses blieb, wenn keine Notwendigkeit bestand, das eigene Territorium zu verlassen. In Berlin war das anders. Diese Stadt hatte mal einen Schlaganfall erlitten, und die Folgen waren noch immer sichtbar. Wer von der einen Seite in die andere ging, durchquerte einen merkwürdigen Riktus, eine Narbe, die noch lange zu sehen sein würde. Hier war das trennende Element nicht das Wasser, sondern jene unvollständige Form der Geschichte, die Politik genannt wird, wenn die Farbe noch nicht ganz trocken ist. Wer dafür empfänglich war, konnte den Bruch fast körperlich spüren.
Er trat auf die endlose Fläche des Ernst-Reuter-Platzes, sah, daß die hohen Metallampen in der Bismarckstraße (»das einzige, was von Speer übriggeblieben ist« - Victor) brannten, so daß die dahintreibenden, sich selbst nachjagenden Schneeböen dort kurzzeitig zu Gold wurden. Ihn fröstelte, aber nicht vor Kälte. Wie lange war es jetzt her, daß er zum erstenmal in Berlin war? Als Praktikant mit einem Team vom niederländischen Sender NOS, das über einen Parteitag im Osten berichten sollte. So etwas konnte man schon jetzt nicht mehr erklären. Wer es nicht miterlebt hatte, konnte es nie mehr nachempfinden, und wer es mitgemacht hatte, wollte nichts mehr davon wissen. So etwas gibt es, Jahre, in denen die Ereignisse dahinrasen, in denen Seite 398 Seite 395 schon längst vergessen hat und die Wirklichkeit von vor ein paar Jahren eher lächerlich als dramatisch wirkt. Es war ihm aber noch bewußt, die Kälte, die Bedrohung. Brav hatte er zusammen mit den anderen auf einem Holzpodest gestanden, um über das Niemandsland hinweg in die andere Welt zu blicken, in der er am Tag zuvor noch gedreht hatte. Selbst das war ihm damals unmöglich erschienen. Nein, darüber konnte man nichts Vernünftiges sagen, auch heute noch nicht. Wenn die steinernen Zeichen, Ruinen, Baugruben, leeren Flächen nicht gewesen wären, hätte man noch am besten alles als Produkt einer krankhaften Phantasie abtun können.
Aus: Cees Nooteboom: Allerseelen. (c) Suhrkamp, 
Frankfurt a. M. 1999, S. 35f.

Berliner Bilder in Nootebooms »Allerseelen«: 
»Erinnerst du dich noch an die Euphorie?« 

»Alles ist voll davon. Es sitzt in ihren Augen. Darum sehen sie nicht gut. Jetzt auch wieder nicht. Wiedervereinigung, es will ihnen nicht in den Kopf. Sie bekommen ein ganzes Land geschenkt und wissen nichts damit anzufangen. Erinnerst du dich noch an die Euphorie? Wie sie mit Bananen am Checkpoint Charlie standen? Brüder und Schwestern? Und hast du sie in letzter Zeit gehört? Wie die aussehen, wie die sich benehmen? Rassistische Witze über Leute mit derselben Hautfarbe. Was die alles nicht können, wofür die zu faul sind. ›Wir konnten auch nicht gleich nach dem Krieg nach Mallorca, aber die hocken da schon.‹ ›Die eine Hälfte hat die andere bei der Stasi angezeigt, und die haben wir jetzt dazubekommen.‹ ›Meinetwegen hätten sie die Mauer nicht abzureißen brauchen.‹ ›Mit denen kann man doch nicht in einem Land leben, diese vierzig Jahre kriegst du nie wieder raus, das ist ein anderes Volk.‹ Und so weiter, die ganze Leier.«
»Und die andere Seite?«
»Die fühlt sich verarscht, wundert dich das? Erst offene Arme und hundert Mark, aber jetzt: Wollen wir uns doch mal unser altes Haus anschauen, und: Verkauf diese Fabrik lieber an uns, wir können das besser. Auf beiden Seiten Groll, Argwohn, Neid, Abhängigkeit, Puder, der sich überall festsetzt. Hast du deine aufgeklärten Berliner Freunde schon gehört? Die hatten so eine schöne Enklave. Subventionen für den Fall, dass du bereit warst zu kommen, Theaterparadies, Ateliers für Künstler, keine Wehrpflicht. Alles vorbei. Die Mauer können sie ruhig abreißen, sie bleibt trotzdem stehen. Und dann gibt's noch die im Westen, die verabscheuen sich selbst so sehr, die sagen, man hätte es so belassen müssen, weil es doch soviel Schönes und soviel Solidarität gab. Schon möglich, dann mußt du dir nur die Jagdreviere der obersten Parteibonzen anschauen, die Apotheose des kleinbürgerlichen Parvenüstaats. Das mußt du dir mal vorstellen, ein angeblich unabhängiges Land, eingeklemmt zwischen Polen und dem dicken Westen. Siehst du, wie es leerströmt, wie es demontiert wird? Dann wären sie erst richtig kolonisiert gewesen, jetzt muß der Westen zumindest noch zähneknirschend für den Traum bezahlen. Und jeder weiß genau, wie der andere sich hätte verhalten müssen, in jedem Keller liegen Leichen, alle Berichte, Listen, Prozesse sind aufbewahrt und schlummern irgendwo weiter mitsamt allen Namen und Decknamen. Du mußt dich mal auf dieser Seite in die U-Bahn setzen und bis zur Endhaltestelle im Osten fahren. Du glaubst, du halluzinierst, noch immer. Und dann mußt du wirklich alten Leuten ins Gesicht schauen, Köpfe mit Brennesseln und Spinnweben, die alles überlebt haben. Viele gibt es nicht mehr davon, aber immerhin noch welche. Vergleich das Jahrhundert dieser Menschen mit dem eines Amerikaners. Kaiserreich, Revolution, Versailles, Weimar, Wirtschaftskrise, Hitler, Krieg, Besetzung, Ulbricht, Honecker, Wiedervereinigung, Demokratie. Doch eine eigenartige Wegstrecke, würde man sagen. Und noch immer in derselben Stadt, mitgemacht oder nie mitgemacht, auf der richtigen Seite, auf der falschen Seite, zwei, drei, vier Vergangenheiten, die in sich zusammengebrochen sind, ein ganzes Geschichtsbuch hat sich in diese Gesichter gekerbt, Kriegsgefangenschaft in Rußland, im Widerstand gewesen oder mitgelaufen, Scham und Schande, und dann wieder alles weg, verschwunden, Fotos in einem Museum, Fähnchen schwenkend, Erinnerungen, Puder, nichts mehr, nur noch die anderen, die nichts davon begreifen. Und was haben wir jetzt? Sag nicht, daß das keine schöne Arie war.«
»Warum wohnst du hier eigentlich noch?« fragte Arthur.
»Dann hast du nichts verstanden. Weil ich hier wohnen will. Hier passiert es, merk dir meine Worte.«
Aus: Cees Nooteboom: Allerseelen. (c) Suhrkamp, 
Frankfurt a. M. 1999, S. 161-163

Berliner Bilder in Nootebooms »Allerseelen«: 
»Du bist schon ein richtiger Deutscher ...« - Nachdenken über eine deutsche Mentalität 

An der Kantstraße stand die Ampel auf Rot. Er schaute nach links und nach rechts, sah, daß keine Autos kamen, wollte die Straße überqueren und blieb doch stehen, spürte, wie sein Körper diese beiden widersprüchlichen Befehle verarbeitete, ein Art merkwürdiger Wellenschlag, der ihn auf dem falschen Bein hatte landen lassen, ein Fuß auf dem Bürgersteig, der andere auf der Straße. Durch den Schnee hindurch sah er zu der schweigenden Gruppe der Wartenden auf der anderen Seite. Wenn man je den Unterschied zwischen Deutschen und Niederländern feststellen wollte, so war das in solchen Momenten möglich. In Amsterdam war man verrückt, wenn man als Fußgänger bei Rot nicht losging, hier war man verrückt, wenn man es tat, was man auch deutlich zu hören bekam.
»Der will wohl Selbstmord begehen.«
Er hatte Victor, einen Bildhauer, der wie er aus Amsterdam stammte, jetzt aber in Berlin lebte, gefragt, was er tat, wenn wirklich nichts kam.
»Dann geh ich rüber, außer, es sind Kinder in der Nähe. Mit gutem Beispiel vorangehen, du weißt schon.«
Er selbst hatte beschlossen, diese eigenartigen leeren Augenblicke für das zu nutzen, was er »Instantmeditation« nannte. In Amsterdam fuhren alle Radfahrer aus Prinzip ohne Licht, bei Rot und auch gegen die Verkehrsrichtung. Niederländer wollten immer selbst entscheiden, ob eine Regel auch für sie galt oder nicht, eine Mischung aus Protestantismus und Anarchie, die so etwas wie ein eigensinniges Chaos ergab. Bei seinen letzten Besuchen hatte er gemerkt, daß Autos, und manchmal auch Straßenbahnen, mittlerweile schon bei Rot losfuhren.
»Du wirst schon ein richtiger Deutscher. Ordnung muß sein. Hör dir nur mal an, wie sie in der U-Bahn schreien. Einsteigen bitte! ZURÜCKBLEIBEN!! Na, wir haben ja gesehen, wozu dieser ganze Gehorsam geführt hat.« Niederländer ließen sich nicht gern etwas sagen. Deutsche straften gern. Die Kette der Vorurteile hatte offenbar nie ein Ende.
»Ich finde den Verkehr in Amsterdam lebensgefährlich.«
»Ach, hör doch auf. Sieh dir doch mal an, wie die Deutschen über die Autobahn jagen. Ein einziger großer Wutanfall. Aggression pur.«
Die Ampel sprang auf Grün. Die sechs verschneiten Gestalten gegenüber setzten sich gleichzeitig in Bewegung. Man durfte nicht verallgemeinern. Und trotzdem besaßen Völker bestimmte Charaktereigenschaften. Woher kamen die?
»Aus der Geschichte«, hatte Erna gesagt.
Aus: Cees Nooteboom: Allerseelen. (c) Suhrkamp, 
Frankfurt a. M. 1999, S. 17f.

Die »klassenlose Gesellschaft der Marlboro-Raucher« - Kritik an westlicher Lebensart 
(Volker Braun, »MARLBORO IS RED. RED IS MARLBORO«):

Nun schlafen, ruhen ... Und liegst lächelnd wach. 
Das ist mein Leib nur, der noch unterwegs ist
Auf irgendwelchen Straßen, ah wohin. 
Das Unbekannte wolltest du umfangen. 
Jetzt kenn ich alles das. Es ist die Wüste. 
Die Wüste, sagst du. Oder sag ich Wohlstand. 
Genieße, atme, iß. Öffne die Hände. 
Nie wieder leb ich zu auf eine Wende.
Aus: Michael Braun, Christoph Buchwald, Michael Buselmeier (Hg.): Jahrbuch der Lyrik 1996/97. Welt, immer anderswo. Verlag C. H. Beck, München 1996, S. 59, (c) Suhrkamp Verlag, Frankfurt.

»Diese Frau steht für viele DDR-Bürger ...« - Charakterisierung der Bühnenfigur »Abgewickelte« in Hochhuths »Wessis in Weimar«:

»Die Frau, Mitte fünfzig, die hier auf einer Bank wartet, bis ihre Wäsche fertig ist, hat den Mantel neben sich gelegt und liest und raucht. Sie liest in einem Buch, nicht Zeitung! Das charakterisiert sie. Buchleser werden ja mehr und mehr zu den eigentlichen Aristokraten - im gleichen Maß, in dem aus den Hauptgeschäftsstraßen unserer Großstädte die Buchhandlungen verschwinden in Nebengassen, weil sie die Mieten nicht mehr aufbringen ... Diese Frau steht für viele DDR-Bürger auch dadurch, dass sie stets viel gelesen hat, nicht erst, seit sie zur »Abgewickelten« degradiert worden ist. In der BRD entspricht die Zahl der Nichtleser proportional ziemlich genau der Überzahl von Autobesitzern, während vor der Wende in der DDR nur relativ wenige privat ein Auto fuhren ... und sehr viele gelesen haben.«
(kursiv im Original)
Aus Rolf Hochhuth: Wessis in Weimar. Szenen aus einem besetzten Land. Verlag Volk und Welt, Berlin, 1. Aufl. 1993

Literaturhinweis
Volker Wehdeking: Die deutsche Einheit und die Schriftsteller. Literarische Verarbeitung der Wende seit 1989. Kohlhammer, Stuttgart 1995.


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