Zeitschrift 

DeutschlanD & Europa

Das vereinigte Deutschland
in Europa
 

Heft 40/2000 , Hrsg.: LpB

 

Inhaltsverzeichnis



I. Deutsche Einheit und europäische Erwartungen: 
die Sicht der Nachbarn

1. Die französische Sicht: »Rettungsanker Europa«
Von Andrea Scheurlen 

Die deutsche Einigung stellte die Verlässlichkeit der deutsch-französischen Beziehungen auf die Probe, bedeutete sie doch das Ende der bisherigen französischen Deutschlandpolitik und veränderte fundamental die Rahmenbedingungen der politischen Zusammenarbeit. Trotz immer wieder auftretender Spannungen und Verstimmungen zwischen beiden Ländern hat sich Frankreich im Großen und Ganzen besser mit den Konsequenzen der Wiedervereinigung abgefunden als erwartet.

Le couple franco-allemand

Nach dem 2. Weltkrieg hatten sich die Beziehungen der einstigen Erbfeinde Deutschland und Frankreich zu einem Musterbeispiel für Versöhnung und Verständigung entwickelt. Nicht immer frei von Missverständnissen und Irritationen herrschte dennoch in beiden Ländern weitgehend Konsens darüber, dass es keine Alternative zum couple franco-allemand gäbe - eine Beziehung, die zuweilen als Liebesverhältnis, zuweilen als Vernunftehe charakterisiert wurde.

Man hat davon gesprochen, dass die deutsch-französische Freundschaft ihre entscheidende Voraussetzung in der Teilung und eingeschränkten Souveränität Deutschlands gehabt habe, in der viele Franzosen zusammen mit der force de frappe eine Garantie gegen eine potenzielle neue Übermacht der Deutschen sahen. Wenngleich die Einheit, solange sie noch im Bereich des Unmöglichen lag, als wünschenswert bezeichnet wurde, so galt doch unausgesprochen der viel zitierte Satz des französischen Schriftstellers, Literatur-Nobelpreisträgers und Résistancekämpfers François Mauriacs: »Ich liebe Deutschland so sehr, dass ich froh bin, dass es zwei davon gibt.«

Unter diesen Prämissen stellten die Ereignisse von 1989/90 die deutsch-französischen Beziehungen auf eine Probe. Gerade in Frankreich wurde seit der Maueröffnung besonders kontrovers über die deutsche Frage dis-kutiert. Umfragen zufolge waren zwar weite Teile der französischen Bevölkerung einer Wiedervereinigung wohlgesonnen: im September 1989 fast 4/5, im Februar 1990 noch mehr als 60% (Kolboom 1992, S. 30 f.). Doch standen der eher freundlichen Einschätzung der Bevölkerung ambivalentere Reaktionen von Medien und Politik gegenüber.

Paris und das »Ende von Jalta«

Wenn die »politische Klasse« mit Ausnahme der Kommunisten einer deutschen Wiedervereinigung zu keinem Zeitpunkt ausgesprochen feindlich gegenüberstand, so war sie doch wenig angetan von jeder Veränderung des Status quo in Europa. Frankreich hatte sich in der Nachkriegsordnung eingerichtet und deshalb Schwierigkeiten, sich auf die wandelnden Gegebenheiten einzustellen. Die französische Sicht der deutsch-französischen Kooperation als Ergänzung zwischen dem »wirtschaftlichen Riesen und dem politischen Zwerg Deutschland« einerseits und der politischen Führungsrolle Frankreichs andererseits musste revidiert, die eigene Rolle als Schutz- und Garantiemacht gegenüber Deutschland aufgegeben werden. Erstmals seit 1945 war man wieder mit einem gleichberechtigten, souveränen Nachbarn konfrontiert (Kolboom 1992, S. 56 f.). Die Probleme Frankreichs mit der deutschen Wiedervereinigung resultierten also zu einem Gutteil aus dem Verlust seiner Sonderrolle durch das »Ende von Jalta«, aber auch aus der Befürchtung, durch ein ins Zentrum Europas gerücktes Deutschland selbst die Existenz eines marginalisierten Kleinstaates fristen zu müssen. Bezeichnenderweise avancierte mit der zunehmenden Abschwächung des Ost-West-Konfliktes in Frankreich der Begriff des »Europäischen Gleichgewichts« wieder zu einer der meistgebrauchten Formeln im politischen Diskurs (Kolboom 1991, S. 48). Auch Mitterrand, der noch am 3. November 1989 offiziell erklärt hatte, die deutsche Wiedervereinigung nicht zu fürchten, sprach mit besonderem Nachdruck vom europäischen Gleichgewicht. Damit dieses nicht aus den Fugen gerate, wünschte er einen langsamen Vereinigungsprozess, sah die Einheit als ein das Jahrhundertende beherrschendes Thema und betonte den Vorrang der europäischen Einigung. Mit seinen demonstrativen Reisen in die Sowjetunion und in die DDR im Dezember enttäuschte er nicht nur die Deutschen, sie belegen (entgegen offizieller Verlautbarungen) die Vorbehalte Mitterrands gegen eine drohende Wiedervereinigung und seine Versuche, diese, wenn schon nicht zu verhindern, so wenigstens zu bremsen.

Nach ernsten Spannungen im deutsch-französischen Verhältnis brachte erst das Ergebnis der DDR-Volkskammerwahlen am 18. März 1990 auch in Paris die Wende. Seitdem fügte sich Mitterrand ins Unvermeidliche und trug die westlichen Positionen mit.

Alte Ängste - neue Befürchtungen

Nach der zunächst freudig begrüßten Maueröffnung wurden in der französischen Presse recht bald Stimmen laut, die sich sorgten, Deutschland könne durch eine Wiedervereinigung wieder alte Pfade aggressiver Großmachtpolitik betreten - eine Angst, die in  thematisiert wird. In dieser Sicht erschien die »Annexion« der DDR nur als Anfang. In der Presse wurde nun gelegentlich von einer Rückkehr der alten Dämonen gesprochen. Unübersetzt verwendete Begriffe wie »Reich«, »Anschluss«, »Blitzangriff« (im Zusammenhang mit Kohls 10-Punkte-Plan), aber auch »Teutomanie«, »Pangermanisme« und »espace vital« machen die Assoziationen mit der Vergangenheit überdeutlich.

Die in Frankreich ohnehin beneidete und bewunderte Wirtschaftskraft der Bundesrepublik ließ das wiedervereinigte Deutschland außerdem allein schon auf Grund seines demographischen Übergewichts und seines wirtschaftlichen Potenzials äußerst bedrohlich erscheinen. Das Schreckgespenst eines großdeutschen, ganz Europa dominierenden Wirtschaftsimperiums wurde heraufbeschworen. Zum Teil sprach man von der zukünftigen superpuissance teutonne und glaubte bald in einem deutschen Europa leben zu müssen. Im Vergleich zu dieser angeblichen Übermacht konnten in Frankreich leicht Unterlegenheitsgefühle aufkommen. In  wird dagegen die Einheit als Herausforderung für Frankreich gesehen und für die Mobilisierung französischer Energien geworben.

»Rettungsanker« Europa

Angesichts dieser Ängste, die - was in der Natur der Medien liegt - augenfälliger sind, darf jedoch die wachsende Zahl von Kommentaren nicht übersehen werden, die französische Befürchtungen durch einen realitätsnäheren Blick auf Deutschland zu zerstreuen suchten (vgl. ). Sei es, dass aus dem Einigungsprozess resultierende wirtschaftliche Schwierigkeiten Deutschlands vorausgesehen wurden (), sei es, weil die Hoffnung gehegt wurde, auch Frankreich könne in wirtschaftlicher Hinsicht vom Einigungsprozess profitieren.

Auch die traditionelle Angst Frankreichs vor einem Abdriften Deutschlands nach Osten und einer Loslösung von westeuropäischen Strukturen - man antizipierte nach dem Ende von Jalta ein neues Rapallo - hat sich im Laufe des Vereinigungsprozesses mit der geforderten und dann auch vollzogenen Verstärkung der westeuropäischen Integration abgeschwächt. Wie bereits in der Vergangenheit, kam somit Europa die Rolle eines »Rettungsankers« zu, der den deutschen Dynamismus einbinden und bremsen sollte (Höhne, S. 115). Um dieses Zieles willen opferte auch Frankreich bereitwillig nationalstaatliche Rechte.

Regierungs- und Generationswechsel

Seit dem Regierungswechsel 1998, auf den sich in Frankreich viele Hoffnungen gerichtet hatten, befinden sich die deutsch-französischen Beziehungen auf einem Tiefpunkt. Doch mehren sich neuerdings die Stimmen beiderseits des Rheins, die eine Wiederbelebung des deutsch-französischen Tandems fordern und seit dem Treffen im September 1999 von Schröder und Jospin in Genshagen und dem deutsch-französischen Gipfel im Juni 2000 in Mainz sieht man nun auch allenthalben eine neue Annäherung.

Zwar kam es auch schon unter Kohl zu Divergenzen, die aber, durch Freundschaftserklärungen beider Regierungen übertüncht, nicht in dem Maß das öffentliche Bewusstsein erreichten, wie es bislang der Fall ist.

Die Störungen im deutsch-französischen Verhältnis werden einerseits auf den Generationswechsel zurückgeführt, auf ideologische Differenzen und das bis vor kurzem gezeigte Desinteresse Schröders an Frankreich sowie auf seinen demonstrativen »anglomanisme«. Andererseits gewöhnt man sich nur schwer an die neue Rolle Deutschlands, das nun verstärkt seine eigenen Interessen verteidigt. Insofern resultieren die gegenwärtigen Störungen zu einem Teil indirekt aus der deutschen Einheit und belegen, dass eine grundsätzliche Neudefinition des deutsch-französischen Verhältnisses unter den veränderten Rahmenbedingungen nicht stattgefunden hat.

Einige Stränge der Deutschlandwahrnehmung, die 1989/90 vertreten waren, sind immer noch zu beobachten:

  • So kann das sehr polemische Buch Yvonne Bollmanns (La tentation allemande, Paris 1998) als Beleg dafür herangezogen werden, dass die Angst vor Deutschland immer noch geschürt wird. Dieses Buch vertritt die These, was Deutschland in zwei Weltkriegen nicht gelang, wolle es nun mit subtileren Mitteln erreichen: ein deutsches Europa. Die Deutschen verfolgen nach Bollmann mit einer Politik des Minderheitenschutzes und der regionalen Identität das Ziel, ihre Nachbarländer zu destabilisieren, die dann »als Reste der zerfallenen Nationalstaaten trabantenartig um die Großmacht Deutschland kreisen« (Hartweg, S. 130). Diese »Germanophobie« scheint aber eher eine Randerscheinung zu sein, der in der deutschen Presse eine größere Bedeutung beigemessen wird als in Frankreich.
     
  • Wenn Deutschland im Zusammenhang mit Europa thematisiert wird, dann geschieht dies heute weniger, um sich gegen ein deutsches Übergewicht zu schützen. Vielmehr äußern sich einige Kommentatoren anerkennend über die Leistungen Deutschlands beim Aufbau Europas. ()
     
  • Was aber überwiegt, ist ein nüchterner, realistischer Blick auf Deutschland. Die ökonomischen Probleme Deutschlands werden in Frankreich (manchmal mit Genugtuung) zur Kenntnis genommen, im Gegenzug wird anerkannt, dass sich Frankreich Deutschland zu lange politisch überlegen gefühlt hat und immer wieder wird darauf hingewiesen, dass die Franzosen nun endlich zur Kenntnis nehmen müssten, in Deutschland einen ebenbürtigen und souveränen Partner zu haben. () Die französischen Pressestimmen speziell zum 9. November sind durchweg freundlich. Sie würdigen die Wende als positives Ereignis, das aber fast ausschließlich aus deutscher Sicht dargestellt wird. Vor allem die Probleme, die die Einheit Deutschland beschert hat, die mangelnde innere Einheit werden thematisiert.
     
  • Im Großen und Ganzen wird die Richtigkeit der deutschen Wiedervereinigung nicht in Frage gestellt, sondern das Vertrauen zum Ausdruck gebracht, das man dem heutigen Deutschland entgegenbringt. Frankreich schickt sich an, mit seinem politisch »erwachsen gewordenen« Nachbarn leben zu lernen.

Doch trotz der überwiegend wohl wollenden französischen Stimmen über Deutschland, ist dennoch nicht zu übersehen, dass die Exklusivität der deutsch-französischen Sonderbeziehungen nicht mehr in dem Maße besteht, wie ehedem (vgl. ). Diese gehen vielmehr in der Vision eines »multipolaren« Europas auf, d. h. eines Europas, das von der gleichberechtigten und gleichwertigen Kooperation aller seiner Mitglieder lebt (). Dem erlahmenden deutsch-französischen Engagement auf politischer Ebene entspricht ein schwindendes Interesse der Bevölkerung am Nachbarn, das seit einigen Jahren zu beobachteten ist und das sich nicht zuletzt darin äußert, dass Deutsch bzw. Französisch immer seltener als Fremdsprache gewählt wird.

So wird die Zukunft zeigen, ob die Wiedervereinigung - eher unabsichtlich und beiläufig als gewollt - zwar nicht das Ende der deutsch-französischen Beziehungen, wohl aber den unspektakulären Niedergang von deren Sonderstellung eingeläutet hat. (vgl. auch Streitgespräch Joschka Fischer contra J.-P. Chevènement, in: DIEZEIT/Le Monde, 21.6.2000, S. 13-18)

Literaturhinweise

Grosser, Alfred: Es könnte doch viel schlimmer sein. Ei-ne kritische Betrachtung aus Paris. In: Angst vor Deutschland. Hrsg. von Ulrich Wickert. Hamburg 1990, S. 141 - 152.

Hartweg, Frédéric: Schwanengesang oder fröhliche Urständ? oder noch: Wie Deutschland heimtückisch nach Frankreichs Seele trachtet. In: Dokumente II (1998), S. 128 - 133.

Höhne, Roland: Frankreich und die deutsche Einheit. Die Reaktion der Öffentlichkeit auf den Wiedervereinigungsprozess im Jahre 1989/90. In: Lendemains, nr. 62, été 1991, S. 106 - 119.

Kolboom, Ingo: Deutsche Frage und Europäisches Gleichgewicht. In: Anmerkungen zu den Grenzen eines historischen Paradigmas. In: Ingo Kolboom (Hrsg.): Deutschland und Frankreich im neuen Europa. Europa Union Verlag, Bonn 1991, S. 47 - 53.

Kolboom, Ingo: Vom geteilten zum vereinten Deutschland. Deutschland-Bilder in Frankreich. Europa Union Verlag, Bonn 1992.

Ziebura, Gilbert: Die deutsch-französischen Beziehungen seit 1945. Mythen und Realitäten. Stuttgart 1997.

Materialien1

Herausforderungen

üssen wir Angst vor Deutschland haben? Nachdem Frankreich zu seiner Wiedervereinigung applaudiert hat, betrachtet es Deutschland mit anderen Augen. [...] Es ist an Deutschland in Zukunft zu beweisen, dass es trotz seiner wiedergewonnenen Souveränität immer noch europäisch gesinnt ist. Es ist an Frankreich gleichzeitig zu zeigen, dass es fähig ist, die deutsche Herausforderung anzunehmen, indem es seine Energien mobilisiert. [...] Alle Experten kündigen an, dass die Wiedervereinigung in Kürze ein neues deutsches Wirtschaftswunder bewirkt. Aber warum nicht auch ein französisches Wirtschaftswunder? Es hängt nur von uns ab. Die Prahlerei der Deutschfeindlichen wird uns wie immer nirgendwohin führen. Angesichts dieses Deutschlands im Werden, das wieder lernen wird mit Inflation und Arbeitslosigkeit zu leben, gibt es nur einen Weg für Frankreich die anderen »abzuhängen«: seinerseits ein für alle Mal Klassenbester zu werden.

Franz-Olivier Giesbert in: Le Figaro, 1. 10. 1990
1 Die Französischen Texte sind abgedruckt hinten S. 47

France-Allemagne: à nous de jouer!

In Wirklichkeit ist diese privilegierte Beziehung (die deutsch-französische Freundschaft), die darauf beruhte, dass die Deutschen implizit der diplomatischen Führungsrolle Frankreichs zustimmten, seit fast zehn Jahren tot, seit Kohls Entschluss, sich mit rascher und sicherer Hand dieses Ostdeutschlands zu bemächtigen, [...] ohne jemanden zu benachrichtigen, nicht einmal seinen Freund François Mitterrand. [...] Indem er Deutschland vom doppelten Stigma des Nazismus und des Kommunismus befreite, hatte er aus ihm ein Land wie die anderen gemacht. Aus Geschicklichkeit, aber auch aus europäischer Überzeugung, hütete sich dieser große Staatsmann davor, seinen Erfolg hinauszuposaunen. Besser: Er verstand, dass je deutscher Deutschland wieder wurde, umso europäischer musste Europa werden. Als Pfand dieser unwiderruflichen Überzeugung gestand er François Mitterrand den Vertrag von Maastricht zu und zögerte nicht, die Mark auf dem gemeinsamen Altar der deutschen Wiedervereinigung und dem Aufbau Europas zu opfern. [...] Müssen wir Angst vor Deutschland haben? Diese rituelle Frage muss mit einem Nein beantwortet werden. Seit zwanzig Jahren haben wir mehr Probleme mit dem deutschen Pazifismus als mit deutscher Kriegstreiberei. Und trotz des Traumas der Wiedervereinigung hält Deutschland seine extreme Rechte auf einem niedrigeren Niveau als wir. Schließlich zeigen die deutsche Demographie und Ökonomie Elemente struktureller Schwäche.

Jacques Juillard in: Le Nouvel Observateur 4.-10. März 1999, S. 25

Die Karten sind neu gemischt

Einige im Parlament und in universitären Kreisen ängstigen sich davor, Deutschland seinen Machtstatus wiedererlangen zu sehen. Vielleicht, weil Frankreich, wie es ein deutscher Diplomat ausdrückt, größere Schwierigkeiten hat seine Rolle angesichts eines »erwachsen gewordenen Deutschlands« zu definieren? Wir haben lange mit dieser Vorstellung gelebt, dass wir Franzosen bei den Großen mitspielen und nicht sie und dass wir, trotz ihrer wirtschaftlichen Macht, auf politischer Ebene auf sie herabschauen können. Mit der Wiedervereinigung sind die Karten neu gemischt worden, kommentiert ein Experte. Sie hat auch diese Angst vor dem Ungleichgewicht verstärkt, die eine Konstante im französischen Denken seit den sechziger Jahren und dem deutschen Wirtschaftswunder ist. [...] Die Angst ist fast immer schon Bestandteil der deutsch-französischen Beziehungen gewesen. Der Fall der Mauer und die Wiedervereinigung, mit der die französischen Intellektuellen schlecht fertig geworden sind, haben neue Fragen aufgeworfen: Wird Deutschland nicht versucht sein, von seiner wiedererlangten Macht zu profitieren, um ein Solo zu spielen? Heutzutage hat der von Komplexen befreite Diskurs der neuen politischen Verantwortlichen in Bonn - und morgen in Berlin - manchmal Schwierigkeiten diesseits des Rheins anzukommen. Zweifellos, weil wir in, wie Joschka Fischer es nennt, das »Zeitalter nach der Versöhnung« eingetreten sind und es dieses noch zu erfinden gilt. Im Bewusstsein, dass uns die Deutschen weniger Höflichkeiten erweisen werden.

Dominique Lagarde in: L'Express 25. 2. 1999, S. 45

Deutschland in Europa

Das vereinigte Deutschland feiert die Öffnung der Mauer vor zehn Jahren in seiner neuen Hauptstadt. Es begeht diese Feierlichkeiten mit einer gewissen Bescheidenheit, so als wolle es den Ängsten keinen Nährboden bieten, die das vereinigte Deutschland traditionell bei seinen Nachbarn ausgelöst hat, und das nicht immer zu Unrecht. [...]

Die Befürchtungen Margaret Thatchers und anderer, die glaubten, das erste Opfer des Mauerfalls in Berlin sei die europäische Integration, haben sich als haltlos erwiesen. Das vereinigte Deutschland ist ein engagierter Partner im Aufbau Europas geblieben und ein verlässlicher Verbündeter der westlichen Gemeinschaft. [...] Deutschland ist nicht mehr verleitet auf eigene Faust zu handeln anstatt in der Mannschaft zu spielen, sondern ist eine treibende Kraft Europas geblieben. Gerade die letzten zehn Jahre waren jene der Verträge von Maastricht, von Amsterdam und des Euros, jene, in denen Deutschland dem Verzicht auf die Deutsche Mark zugestimmt hat, was ein enormes finanzpolitisches Zugeständnis darstellt. Während vierzig Jahren haben die Westdeutschen es verstanden, eine Demokratie zu entwickeln, die ihren Nachbarn in nichts nachsteht und die sogar in vielen Bereichen beispielhaft ist. Nach 1989 hat man ihnen vorgeworfen ihren Mitbürgern im Osten ihre Auffassung von Demokratie aufgezwungen zu haben. Der Vorwurf ist nicht völlig unberechtigt, aber man muss beachten, dass weder den einen noch den anderen viele andere Modelle zur Verfügung standen.

Le Monde, 10. 11. 1999, Editorial

La nouvelle Allemagne: puissance centrale de l'Europe? - Der französische Außenminister antwortet

Comment interprétez-vous la métaphore géopolitique, «l'Allemagne puissance centrale de l'Europe»?

Je ne l'interprète pas, ce sera bientôt une évidence géographique. Quant à la transformer en concept géopolitique, je serais plus prudent. Car la géopolitique est d'un maniement délicat. Dans la réalité de la guerre froide, l'Allemagne représentait l'enjeu principal de l'Europe - au moins dans la perspective des états-majors otaniens et autres. Depuis, elle a perdu cette position, par ailleurs peu enviable. L'Europe puissance, pour peu que le concept ait un jour une validité - ce que j'espère et ce à quoi je m'efforce -, ne pourra être que «multipolaire». Elle ne reposera pas sur la domination de l'une ou l'autre de ses composantes, car elle ne pourra être fondée que sur la coopération de tous ses partenaires.

La relation franco-allemande. Entretien avec Hubert Védrine, ministre des Affaires étrangères. In: La nouvelle Allemagne. La revue internationale et stratégique. Automne 1999. Paris, p. 61


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