4. Die Beziehungen zwischen Deutschland und der
Tschechischen Republik - ein schwieriges Kapitel
Von Wolf-Rüdiger Größl
Deutschland und die CR nähern sich an, tun dies auch die Menschen?
Prag hatte Verständnis für die Vereinigung beider deutscher Staaten,
und Deutschland hat dies immer gewürdigt, indem es sich für einen
EU-Beitritt der CR stark macht. Schwierigkeiten bereitet die Aufarbeitung
der Vergangenheit. Dennoch ist das Deutschlandbild in der CR überwiegend
positiv.
Das Verhältnis zu Deutschland und den Deutschen war immer ein bestimmender
Faktor für tschechische Politik gewesen. Václav Kural bezeichnete
diese Beziehungen bis in die 20er-Jahre als konfliktreich und doch produktiv.
Die negativen Erfahrungen der 30er-Jahre mit dem nationalsozialistischen
Unrechtsstaat der Deutschen prägen das tschechische Denken bis heute
sehr stark. Noch immer übertragen viele Tschechen ihre historischen
Erfahrungen auf die heutigen Deutschen. Besonders in den Grenzgebieten
zu den neuen Bundesländern blühen auf beiden Seiten alte Vorurteile.
Während des Ost-West-Konflikts kam eine echte Verständigung
zwischen der damaligen Tschechoslowakei und der Bundesrepublik nicht zustande.
Die Annäherung erfolgte nur langsam und das Verhältnis der beiden
Staaten blieb im Wesentlichen bestimmt von den internationalen Rahmenbedingungen
sowie von den innenpolitischen Konstellationen. Auch zur DDR blieb das
Verhältnis der CSSR eher distanziert, u. a. deshalb, weil die DDR
zwar die gemeinsame sozialistische Zukunft beider Staaten herausstellte,
zugleich aber eigene Interessen auch gegenüber dem »Brudervolk«
durchsetzen wollte. »Das gipfelte in ihrer aggressiven Haltung gegenüber
der tschechoslowakischen Reformpolitik des Jahres 1968 und trug zur Invasion
der Warschauer-Pakt-Staaten in die [CSSR] bei.« Dies führte
in der breiten Öffentlichkeit der CSSR zu einer starken Abneigung
gegenüber dem Regime in der DDR und bestätigte das »negative
Bild der Deutschen im kollektiven tschechischen Bewusstsein.«
Im Zuge der neuen Ostpolitik der sozialliberalen Koalition kam es zu
ersten Schritten einer Annäherung und Verständigung. Voraussetzung
war, dass die Bundesregierung das Münchner Abkommen von 1938 von Anfang
an für »nichtig« erklärte. Dennoch wurde eine Verständigung
stark behindert, nicht nur durch den Ost-West-Gegensatz, sondern auch durch
die revisionistische Politik der Landsmannschaften und durch die Weigerung
Prags, die Vertreibung der Deutschen aus ihrer Heimat als Unrechtsakt anzuerkennen.
»Eine offene Diskussion über die gemeinsame [deutsch-tschechoslowakische]
Vergangenheit war [in der CSSR] nur unter Dissidenten möglich; sie
gipfelte im Plädoyer für die Vereinigung beider deutscher Staaten
(›Prager Aufruf‹ von 1985)«, während die kommunistische Regierung
in Prag die angebliche Gefahr eines bundesdeutschen »Revanchismus«
an die Wand malte.
Die friedlichen Revolutionen in der DDR und der CSSR 1989/90 brachten
die Verständigung zwischen Deutschen und Tschechen voran. Entscheidend
war dafür, dass die CSSR ihre Grenzen für die DDR-Flüchtlinge
in der bundesdeutschen Botschaft in Prag öffnete und dass die Regierung
in Prag Verständnis für die Vereinigung der beiden deutschen
Staaten zeigte. Präsident Václav Havel brachte diese Haltung
in zahlreichen öffentlichen Reden und Briefen zum Jahreswechsel 1989/90
zum Ausdruck. Gleichzeitig bedauerte er die Vertreibung der Sudetendeutschen,
und im März 1990 erklärte er: »Wir sind uns darin einig,
dass die Grundvoraussetzung für die wirkliche Freundschaft unserer
Völker die Wahrheit ist. Wie hart auch immer, soll sie doch gesagt
werden.« Der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker
erklärte umgekehrt in einer Rede in Prag am 15. 3. 1990, die Deutschen
hätten den Tschechen und Slowaken in der Vergangenheit viel Unrecht
zugefügt, und er betonte die besondere Verantwortung der Deutschen
für den Frieden. Jetzt stand weiteren Schritten zur Verständigung
nichts mehr im Wege. Zahlreiche Aktivitäten entfalteten sich. So wurde
1990 eine Gemeinsame Deutsch-tschechische Historikerkommission ins Leben
gerufen und am 27. Februar 1992 regelte ein Nachbarschafts- und Freundschaftsvertrag
die Zusammenarbeit zwischen Deutschland und der noch (bis 1993) existierenden
Tschechoslowakei.
Zwar sind die deutsch-tschechischen Beziehungen heute gut, nicht erst
seit der deutsch-tschechischen Erklärung über die gegenseitigen
Beziehungen vom Januar 1997, welche die gemeinsame Verantwortung für
Partnerschaft und Frieden sowie für den Ausbau Europas betont und
in der beide Seiten sich zu ihrer Verantwortung gegenüber der Vergangenheit
bekennen und sie die Rechte der deutschen Minderheit in der CR bekräftigen
(). So hat Bundeskanzler Schröder bei seinem Besuch in Prag am 30.
September 1999 enge Beziehungen zur Tschechischen Republik als eine »Herzensangelegenheit«
bezeichnet. Trotzdem bleiben zahlreiche Probleme offen, nicht nur die immer
noch unzureichende Aufarbeitung der Vergangenheit (), sondern hauptsächlich
die nationalistischen bzw. revisionistischen Tendenzen in der tschechischen
bzw. deutschen Öffentlichkeit. Wenn es sich dabei auch um Minderheiten
handelt, darf ihr Einfluss auf die Politik nicht unterschätzt werden.
Die sudetendeutsche Frage ist noch ungelöst, und die CDU/CSU-Bundestagsfraktion
will den EU-Beitritt Prags daran knüpfen, dass die Regierung in Prag
zunächst die »Benes-Dekrete« für ungültig erklärt,
durch die die Enteignung der Deutschen in der Tschechoslowakei nach dem
Zweiten Weltkrieg festgelegt worden war. Dies weckt in der tschechischen
Öffentlichkeit alte Ängste davor, dass das vereinte Deutschland
seine wirtschaftliche Macht letztlich dazu nutzen könnte, eine Revision
der Ergebnisse des Zweiten Weltkrieges zu erreichen.
Eine Zunahme antideutscher Ressentiments ist bei aller deutsch-tschechischer
Zusammenarbeit auf wirtschaftlichem Gebiet - man denke an die erfolgreiche
Integration der Skoda-Werke in den VW-Konzern - in der tschechischen Öffentlichkeit
spürbar. Obwohl die sudetendeutsche Frage eine »psychologische
Hürde« in den deutsch-tschechischen Beziehungen darstellt, bemerkt
die tschechische Öffentlichkeit mit großem Wohlwollen, dass
Deutschland die treibende Kraft für die Integration ihres Landes in
die EU ist, und Václav Havel, der tschechische Staatspräsident,
betonte in seiner Rede vor dem Bundestag am 24.4.1997, Heimat schlage eine
Brücke zwischen den Menschen. Viele Tschechen stellen sich aber die
Frage, wie das vereinte Deutschland seine starke ökonomische Kraft
innerhalb Europas einsetzen wird: im Dienste des vereinten Europas oder
zur Beherrschung Europas. Für die Tschechen ist die Beantwortung dieser
Frage von erheblicher Bedeutung und man beobachtet die deutsche Politik
daher mit großer Aufmerksamkeit. Die breite Öffentlichkeit in
der CR bewertet die deutsche Politik überwiegend positiv und hofft,
dass diese sich auch in Zukunft integrierend entwickelt, denn für
Prag sind die Integration des Landes in die NATO und die EU vorrangige
Ziele. Auch daher sind die Beziehungen zwischen der C?R und Deutschland
für Prag von vitaler Bedeutung. Der tschechische Ministerpräsident
beschrieb in diesem Zusammenhang Deutschlands Rolle in der Welt zehn Jahre
nach der Vereinigung als »eine bestimmende Weltkraft in durchaus
positivem Sinn«.
Anmerkungen
1 Kural,Václav: Die Tschechische Republik vor
historischen Weichenstellungen. In: Europabilder in Mittel- und Osteuropa.
Neue Herausforderungen für die politische Bildung. Schriftenreihe
der Bundeszentrale für politische Bildung Bd. 337, Bonn 1996, S. 111
2 Sächsische Landeszentrale für politische
Bildung (Hrsg.): Deutsch-tschechische Beziehungen. Arbeitstexte zur politischen
Bildung, Dresden 1998, S. 33
3 V. Kural, Tschechische Republik, S. 111
4 Vgl. Sächsische Landeszentrale (Hrsg.): Deutsch-tschechische
Beziehungen, S. 33
5 V. Kural, Tschechische Republik, S. 112
6 Vgl. DER SPIEGEL Nr. 45 vom 8. 11. 1999, S. 33
Materialien
Die deutsch-tschechischen Beziehungen, ein »schwieriges
Kapitel«

Aus der deutsch-tschechischen Erklärung vom 21.
Januar 1997
Die Regierungen der Bundesrepublik Deutschland und der Tschechischen
Republik - eingedenk des Vertrags vom 27. Februar 1992 zwischen der Bundesrepublik
Deutschland und der Tschechischen und Slowakischen Föderativen Republik
über gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit, mit
dem Deutsche und Tschechen einander die Hand gereicht haben, in Würdigung
der langen Geschichte fruchtbaren und friedlichen Zusammenlebens von Deutschen
und Tschechen, in deren Verlauf ein reiches kulturelles Erbe geschaffen
wurde, das bis heute fortwirkt, in der Überzeugung, dass zugefügtes
Unrecht nicht ungeschehen gemacht, sondern allenfalls gemildert werden
kann, und dass dabei kein neues Unrecht entstehen darf, im Bewusstsein,
dass die Bundesrepublik Deutschland die Aufnahme der Tschechischen Republik
in die Europäische Union und die Nordatlantische Allianz nachdrücklich
und aus der Überzeugung heraus unterstützt, dass dies im gemeinsamen
Interesse liegt, im Bekenntnis zu Vertrauen und Offenheit in den beiderseitigen
Beziehungen als Voraussetzung für dauerhafte und zukunftsgerichtete
Versöhnung erklären gemeinsam:
Beide Seiten sind sich ihrer Verpflichtung und Verantwortung bewusst,
die deutsch-tschechischen Beziehungen im Geiste guter Nachbarschaft und
Partnerschaft weiterzuentwickeln und damit zur Gestaltung des zusammenwachsenden
Europas beizutragen. [...]
Beide Seiten sind sich zugleich bewusst, dass der gemeinsame Weg in
die Zukunft ein klares Wort zur Vergangenheit erfordert, wobei Ursache
und Wirkung in der Abfolge der Geschehnisse nicht verkannt werden dürfen.
II
Die deutsche Seite bekennt sich zur Verantwortung Deutschlands für
seine Rolle in einer historischen Entwicklung, die zum Münchner Abkommen
von 1938, der Flucht und Vertreibung von Menschen aus dem tschechoslowakischen
Grenzgebiet sowie zur Zerschlagung und Besetzung der Tschechoslowakischen
Republik geführt hat. Sie bedauert das Leid und das Unrecht, das dem
tschechischen Volk durch die nationalsozialistischen Verbrechen von Deutschen
angetan worden ist. Die deutsche Seite würdigt die Opfer nationalsozialistischer
Gewaltherrschaft und diejenigen, die dieser Gewaltherrschaft Widerstand
geleistet haben.
Die deutsche Seite ist sich auch bewusst, dass die nationalsozialistische
Gewaltpolitik gegenüber dem tschechischen Volk dazu beigetragen hat,
den Boden für Flucht und Vertreibung und zwangsweise Aussiedlung nach
Kriegsende zu bereiten.
III
Die tschechische Seite bedauert, dass durch die nach dem Kriegsende
erfolgte Vertreibung sowie zwangsweise Aussiedlung der Sudetendeutschen
aus der damaligen Tschechoslowakei, die Enteignung und Ausbürgerung
unschuldigen Menschen viel Leid und Unrecht zugefügt wurde, und dies
auch angesichts des kollektiven Charakters der Schuldzuweisung. Sie bedauert
insbesondere die Exzesse, die im Widerspruch zu elementaren humanitären
Grundsätzen und auch den damals geltenden rechtlichen Normen gestanden
haben, und bedauert darüber hinaus, dass aufgrund des Gesetzes Nr.
115 vom 8. Mai 1946 ermöglicht wurde, diese Exzesse als nicht widerrechtlich
anzusehen, und dass infolgedessen diese Taten nicht bestraft wurden.
IV
Beide Seiten stimmen darin überein, dass das begangene Unrecht
der Vergangenheit angehört und werden daher ihre Beziehungen auf die
Zukunft ausrichten. Gerade deshalb, weil sie sich der tragischen Kapitel
ihrer Geschichte bewusst bleiben, sind sie entschlossen, in der Gestaltung
ihrer Beziehungen weiterhin der Verständigung und dem gegenseitigen
Einvernehmen Vorrang einzuräumen, wobei jede Seite ihrer Rechtsordnung
verpflichtet bleibt und respektiert, dass die andere Seite eine andere
Rechtsauffassung hat. Beide Seiten erklären deshalb, dass sie ihre
Beziehungen nicht mit aus der Vergangenheit herrührenden politischen
und rechtlichen Fragen belasten werden.
V
Beide Seiten bekräftigen ihre Verpflichtungen aus den Artikeln
20 und 21 des Vertrags über gute Nachbarschaft und freundschaftliche
Zusammenarbeit vom 27. Februar 1992, in denen die Rechte der Angehörigen
der deutschen Minderheiten in der Tschechischen Republik und von Personen
tschechischer Abstammung in der Bundesrepublik Deutschland im Einzelnen
niedergelegt sind. [...]
VI
Beide Seiten sind überzeugt, dass der Beitritt der Tschechischen
Republik zur Europäischen Union und die Freizügigkeit in diesem
Raum das Zusammenleben von Deutschen und Tschechen weiter erleichtern wird.
In diesem Zusammenhang geben sie ihrer Genugtuung Ausdruck, dass aufgrund
des Europaabkommens über die Assoziation zwischen der Tschechischen
Republik und den Europäischen Gemeinschaften und ihren Mitgliedstaaten
wesentliche Fortschritte auf dem Gebiet der wirtschaftlichen Zusammenarbeit
einschließlich der Möglichkeiten selbstständiger Erwerbstätigkeit
und unternehmerischer Tätigkeit gemäß Artikel 45 dieses
Abkommens erreicht worden sind. [...]
VIII
Beide Seiten stimmen darin überein, dass die historische Entwicklung
der Beziehungen zwischen Deutschen und Tschechen insbesondere in der ersten
Hälfte des 20.Jahrhunderts der gemeinsamen Erforschung bedarf und
treten daher für die Fortführung der bisherigen erfolgreichen
Arbeit der deutsch-tschechischen Historikerkommission ein.
Beide Seiten sehen zugleich in der Erhaltung und Pflege des kulturellen
Erbes, das Deutsche und Tschechen verbindet, einen wichtigen Beitrag zum
Brückenschlag in die Zukunft. [...]
Nach: Presse- und Informationsamt der Bundesregierung,
Bulletin Nr. 7 vom 24. Januar 1997
Der deutsche Einfluss auf die Wirtschaft der C?R: eine
Umfrage
Wie wird in der CR der Einfluss Deutschlands auf die
Wirtschaft bewertet?
Ergebnis einer Umfrage des Instituts für Meinungsforschung.
Nach Lidove novini (Die Volkszeitung) vom 10.03.1995. Abgedruckt in: Europabilder
in Mittel- und Osteuropa. Neue Herausforderungen für die politische
Bildung, Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung
Bd. 337, Bonn 1996, S. 112
Die Rolle Deutschlands in Mitteleuropa in den Augen
der tschechischen Öffentlichkeit
Abgedruckt in: Europabilder in Mittel- und Osteuropa.
Neue Herausforderungen für die politische Bildung, Schriftenreihe
der Bundeszentrale für politische Bildung Bd. 337, Bonn 1996, S.114
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