Zeitschrift 

DeutschlanD & Europa

Das vereinigte Deutschland
in Europa
 

Heft 40/2000 , Hrsg.: LpB

 

Inhaltsverzeichnis


 

Einleitung
von Lothar Schaechterle

»It's the kid that worries me«, lässt der Karikaturist der Jerusalem Post, Meir Ronnen, den damaligen US-Präsidenten George Bush zu Michail Gorbatschow im Frühjahr 1990 sagen. Bei der Feierstunde des Deutschen Bundestages zum zehnten Jahrestag des Mauerfalls sind beide Ehrengäste und Festredner im Reichstagsgebäude in Berlin.

Zu Recht, denn es waren diese beiden Politiker, die dem am 12. September 1990 in Moskau unterzeichneten Vertrag über die abschließende Regelung in Bezug auf Deutschland, dem so genannten 2 + 4-Vertrag, den Weg ebneten: George Bush als Erster durch seine frühzeitige Unterstützung des Bonner Kurses, nachdem er sich Ende Februar 1990 mit Bundeskanzler Helmut Kohl in Camp David verständigt hatte, und Gorbatschow, der bereits der amerikanischen Befürwortung einer frei zu wählen-den Mitgliedschaft des vereinigten Deutschlands in der NATO - eine zentrale Frage des Einheitsprozesses - am 31. Mai 1990 zum großen Erstaunen seiner Washingtoner Gesprächspartner zugestimmt hatte, durch sein berühmtes Ja in dieser Frage gegenüber Kanzler Kohl im Kaukasus Mitte Juni 1990. Gegen beträchtliche Unterstützung der Sowjetunion seitens der Bundesrepublik, politisch und finanziell.

Diese Begebenheiten verdeutlichen, dass eine ausschließlich deutsche Betrachtungsweise nicht ausreicht, den zurückgelegten Weg zu reflektieren. Nicht zuletzt die beiden anderen an den Vertragsverhandlungen beteiligten Mächte, Großbritannien und Frankreich, machten durch ihre Vorbehalte klar, dass Deutschland nach den schrecklichen Kriegen des 20. Jahrhunderts zu vereinen auch hätte misslingen können. Misstrauen, Skepsis, Unsicherheit und Unbehagen entstanden, alte Ängste wurden wach, auch bei unseren Nachbarn im Osten, die großen Anteil an der Veränderung Europas haben.

Denn die Gestalt Europas begann sich nicht erst mit dem Mauerfall zu wandeln. Wegbereiter des Wandels waren bereits die in den 80er-Jahren sich formierende Solidarnosc-Bewegung und die Politik des Runden Tisches in Polen. Glasnost und Perestroika in der Sowjetunion schufen die Voraussetzungen für die Wende. Katalysatoren der Revolution in der DDR waren das Öffnen des Grenzzaunes von Ungarn nach Österreich im Sommer 1989 anlässlich eines Paneuropäischen Festes mit der sich anschließenden Massenflucht von DDR-Bürgern und die Ausreise der DDR-Bürger, die in die Bonner Botschaft in Prag geflüchtet waren.

Das vereinigte Deutschland musste und muss seine nationalen Interessen definieren, seine neue Rolle klären und im Konzert mit Verbündeten, neuen und alten Partnern in Europa und international diesen Interessen Rechnung tragen.

Ängste der Weltmächte

Europa, die Europäische Gemeinschaft bzw. Union im Besonderen, hat seinerseits auch großen Einfluss auf die Entwicklung in Deutschland und die Gestaltung der inneren Einheit genommen. Das gilt vor allem für die neuen Bundesländer und lässt sich an deren Landwirtschaft absehen - einem Wirtschaftsbereich, der ohne EU-Politik nicht mehr vorstellbar ist; das gilt gleichermaßen auch für die den Vereinigungsprozess begleitende Vertiefung der europäischen Integration.

Was ist nach nunmehr fast zehn Jahren aus dem Kind geworden, das damals in der Sicht des Karikaturisten die Welt ängstigte? Wie sehen es Menschen und Regierungen in Europa heute? Welche Interpretationen des Weges gibt es, auch in Kunst und Literatur bei uns und im Ausland? Was bedeutet der Wandel für die Menschen in Europa? Wie hat die Europäische Union diese Entwicklung begleitet? Mit solchen Fragen, die exemplarisch an einigen ausgewählten Bereichen aufgezeigt werden, beschäftigt sich das vorliegende Heft, das, der thematischen Ausrichtung der Reihe folgend, sich auf Europa konzentriert und zu fächerverbindendem Arbeiten anregen will.


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