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Zeitschrift DeutschlanD & Europa Das vereinigte Deutschland
Heft 40/2000 , Hrsg.: LpB |
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5. Görlitz - Brücke zwischen Ost und West Von Wolf-Rüdiger Größl und Dietrich Rolbetzki Im vergangenen Jahrzehnt hat sich Görlitz vom Grenzort zur Stadt mit Brückenfunktion entwickelt. Das fängt beim Verkehr an und setzt sich fort in der Zusammenarbeit der offiziellen Stellen, den Aktivitäten im Rahmen einer Euroregion und der Niederlassung vieler Firmen auf beiden Seiten der Neiße. Es ist nur ein scheinbarer Widerspruch, dass all das erst die Anerkennung der Grenze durch Deutschland ermöglicht hat, da bislang »Grenze« auch immer »Abgrenzung« bedeutet hat. Görlitz, über Jahrhunderte in einer Mittellage in Deutschland, wurde 1945 zur Grenzstadt im Osten und verlor auch noch die jenseits der Neiße gelegenen Stadtteile. Fortan gab es neben dem deutschen Görlitz das polnische Zgorzelec.
Die neue Grenze trennte Menschen, die unendliches Leid erfahren hatten:
die Polen Unterdrückung, Versklavung und Ausrottung, die Deutschen
aus Pommern, Schlesien und Ostpreußen Rache, Flucht und Vertreibung.
Die Sieger des Zweiten Weltkriegs bestätigten aber in Potsdam nur
den vorläufigen Charakter der Grenze, über die erst ein Friedensvertrag
endgültig befinden sollte, obwohl die geschaffenen Fakten kaum mehr
korrigierbar waren. So konnten viele Deutsche davon ausgehen, dass das
letzte Wort noch nicht gesprochen sei, und auch viele neu angesiedelte
Polen fürchteten, zumindest in den ersten Jahren, dass die neue Heimat
keine endgültige sei.
Das Ende des Sozialismus machte die trostlose Bausubstanz einer einzigartigen Stadtarchitektur weithin sichtbar. Der hohe Sanierungsbedarf bedeutet ein enormes Auftragspotenzial für die Bauwirtschaft. Dabei sind enge Kooperationen über den Grenzfluss hinweg schon Alltag. Hersteller von Baumaterialien wie die Müller Dachziegelwerke GmbH orientieren sich nicht nur am deutschen, sondern auch am polnischen Markt. Junge polnische Handwerker arbeiten im Rahmen von Euro-Projekten bei Görlitzer Betrieben. Besonders gefördert wird die Zusammenarbeit von Architekten und Bauexperten von Görlitz und Zgorzelec, und die Stadtverwaltungen beider Städte hoffen, dass sich die Brückenstadt mit ihrem deutsch-polnischen Flair zu »einem der meistbesuchten Orte Mitteleuropas entwickeln wird.« Basis dieser Beziehungen zwischen den beiden Städten bildet der am 22.4.1991 ratifizierte Partnerschaftsvertrag, der in den folgenden Jahren allmählich mit Leben gefüllt wurde. So gibt es seit September 1991 eine Stadtbuslinie zwischen den beiden Städten, Schulen tauschen Lehrer aus, polnische und deutsche Kinder besuchen die Kindergärten in der jeweils anderen Stadt. 1991 wurde der Aufbau eines »Europäischen Bildungs- und lnformationszentrums« beschlossen. Die ehemalige Synagoge soll kulturelles Zentrum, eine Begegnungsstätte zwischen Ost und West werden. Die Wiedervereinigung hat der übrigen Görlitzer Wirtschaft hart zugesetzt. Vor allem der Waggonbau, bis dahin größter Arbeitgeber der Stadt, konnte nur mühsam am Leben erhalten werden. Inzwischen aber haben sich neue Firmen angesiedelt, die zum Teil von der Grenzlage profitieren. Betriebe der Textilbranche - zum Beispiel die Görlitz Fleece GmbH - und der Energiewirtschaft wie Siemens sind auf beiden Seiten der Grenze tätig.
Einerseits ist die Grenze Außengrenze der EU, an der besonders genau kontrolliert werden muss und wird und die polizeiliche Zusammenarbeit zwischen Deutschen und Polen besonders eng ist. Andererseits hat mit der Errichtung der Euroregion die Grenze ihren trennenden Charakter bereits weitgehend eingebüßt. Über 30 Firmen mit deutschem Kapital sind in Zgorzelec unter dem Motto »Mit einem Fuß in Deutschland, mit dem anderen in Polen« ansässig. In den Görlitzer Läden fallen die vielen polnischsprachigen Einkaufsschilder auf, denn die Kaufhäuser der Stadt machen rund 50 Prozent ihres Umsatzes mit Kunden aus Polen. Bei einer Kundenbefragung durch Schüler des Annengymnasiums (Klasse 10.2) gaben 14,2% der befragten polnischen Kunden an, regelmäßig in Görlitz einzukaufen, 23,2% kamen einmal die Woche zum Einkaufen, 11,8% einmal im Monat und 26,5% sporadisch. Und auf den Märkten und in den Kaufhäusern Zgorzelecs wird wegen der zahlreichen deutschen Kundschaft deutsch gesprochen. »Die beiden Grenzstädte sind Einkaufsziel für über 1,5 Mio. Einwohner zwischen Deutschland, Polen und Tschechien.« Beide Städte erhoffen sich, dass sie zu Sprungbrettern für die Märkte in Ost- und Südosteuropa werden.
Es ist zu hoffen, dass die notwendige Zusammenarbeit rasch zu einem neuen Denken führt, denn noch gibt es auf deutscher Seite Abneigung und Fremdenfeindlichkeit auch gegenüber den Polen. Zudem ist die Grenze zu Polen eine Grenze zwischen Reichtum und Armut, was echte Partnerschaft behindert und zu hoher Kriminalität (vor allem Diebstahl) führt. Der von Polen angestrebte Beitritt zur EU weckt polnische Befürchtungen, dass deutsche Vertriebene einen Rechtsanspruch auf Rückgabe ihres Eigentums erhalten und reiche Deutsche Land und Firmen in Polen aufkaufen könnten, während die Deutschen eher Angst davor haben, dass billigen Arbeitskräften und Konkurrenten für deutsche Unternehmen Tür und Tor geöffnet werden (vgl. Heft 37 der Zeitschrift »Deutschland und Europa« der Landeszentrale: Polen in Europa. Stuttgart 1998, S. 9-13). Auch Institutionen auf beiden Seiten tun sich nicht leicht. So versuchten schon 1991 Vertreter von Touristikunternehmen, Kommunalpolitiker und Vertreter der Verwaltungen in Sachsen und Polen gemeinsame Projekte zu entwickeln, doch bislang wurde nur wenig realisiert. Man hat einige Wanderwege im Grenzgebiet markiert und grenzüberschreitende Wanderkarten auf den Markt gebracht, sonst gibt es kaum etwas Konkretes, da auf der polnischen wie auf der tschechischen Seite Organisationen, die den deutschen Touristikverbänden entsprechen, noch fehlen. Anmerkungen
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