2. Großbritannien:
»A Fourth German Reich?«
Von Michael Pates und Walter-S. Kircher
»Diese Ängste im Ausland von vor zehn Jahren erscheinen heute
wie Schauerromane aus dem 18. Jahrhundert. (...) Zum ersten Mal in der
modernen Geschichte gibt es keine ›deutsche Frage‹ mehr. (...) Deutschland
hat größere Probleme, aber Deutschland stellt kein großes
Problem dar.« (T. G. Ash 1999 im Independent)
Die Briten scheinen sich demnach mit einem vereinten Deutschland abgefunden
zu haben. Es gibt jedoch Hinweise dafür, dass die Grundtendenz der
englischen Deutschlandfeindlichkeit in den neunziger Jahren gestiegen ist.
Wenn dies so wäre, muss dies sorgfältig analysiert werden. Und
es gilt zu fragen, ob dabei die europäische Frage eine Rolle spielt.
Der zehnte Jahrestag des Falls der Berliner Mauer wurde in allen englischen
Zeitungen kommentiert. Die meisten Artikel waren kurz, aber freundlich.
lnhaltlich gaben sie einerseits zehn Jahre alte lnterviews von Ostberlinern,
die in den Westteil geströmt waren, wieder, andererseits befassten
sie sich mit der Auszeichnung von George Bush und Michail Gorbatschow und
schließlich mit dem Gerichtsurteil zu Egon Krenz. Die allerwenigsten
bemühten sich, die Auswirkungen auf Osteuropa oder die restliche Welt
zu kommentieren. Die popular press, vertreten durch die Sun und die Daily
Mail, schrieb nur eine Viertelseite, während die quality papers mehrseitige
Kommentare abgaben. Interessant die Times, deren Leitartikel die Jahre
1989 und 1789 verglich, die Berliner Mauer als neue Bastille bezeichnete.
Ein paar Seiten weiter fand sich gleichzeitig ein Artikel über den
Ersten Weltkrieg mit dem Titel: »103-jähriger Veteran erinnert
sich des Tages, an dem sein Schwert die Hunnen in die Flucht schlug.«
Der Guardian zeigte sich äußerst freundlich (), positiv äußerte
sich auch der Oxforder Politologe Timothy Garton Ash in einer ganzseitigen
Analyse im Independent. ()
Die Politik
Nach der unmittelbaren Euphorie wegen des Falls der Berliner Mauer und
des bevorstehenden Zusammenbruchs des sowjetischen Imperiums empfanden
manche britische Politiker eine neue Angst vor Deutschland, das jetzt 80
Millionen zählte statt der bequemeren 50 bis 60 Millionen anderer
westeuropäischer Staaten. So gab die damalige Premierministerin Margaret
Thatcher Erklärungen gegen die deutsche Vereinigung ab (obwohl sie
1987 noch behauptet hatte, die sowjetische Macht sei gefährlich, solange
die Berliner Mauer noch stünde1). Ein weiteres Moment der Unsicherheit
begleitete die neuen Versuche zur europäischen Integration, die als
deutsches Komplott gesehen wurden, Mitteleuropa wirtschaftlich und politisch
zu unterwerfen; als denselben Plan schließlich, der seit dem Kaiserreich
(und natürlich im Dritten Reich) galt.
Bezeichnend ist ein Artikel im Guardian vom 16. 7.1990, der die ihm
zugespielten Protokollnotizen einer Kabinettsitzung unter Margarat Thatcher
im Regierungslandhaus Chequers veröffentlichte. () Die Ängste
dieses damals maßgebenden Teils der politischen Meinung (vgl. auch
die Karikatur ) spiegelten sich in der alphabetischen Auflistung der Untugenden
der Deutschen: das alte Bild von Aggressivität und Sentimentalität.
Auch wenn heute und morgen keine Gefahr von Deutschland ausginge, wie würde
es übermorgen sein? Russen und Amerikaner sollten Truppen in Mitteleuropa
beibehalten. Die Briten wünschten sich kein vereintes Deutschland, da dies eine neue wirtschaftliche und politische Dominanz über
Ost- und Mitteleuropa bedeute. Schon jetzt benütze die Bundesrepublik
die Überlegenheit ihrer wirtschaftlichen Position, um in der EG Ziele
durchzusetzen. Alles in allem solle England doch »nett sein zu den
Deutschen.«
So nett war man vorübergehend doch nicht. Die Unterstützung
Amerikas unter Präsident Bush, der einen Zusammenhang zwischen der
weiteren Existenzberechtigung der NATO und dem deutschen Wunsch nach Vereinigung
sah, kontrastierte während der entscheidenden Verhandlungen stark
mit der zögerlichen Haltung des britischen Außenministers Nicholas
Ridley. Allerdings nicht nur England: »Die Verbündeten in London
und Paris, Den Haag und Rom opponierten und monierten, tricksten und finassierten,
um die Einheit zu hintertreiben. (...) Zunächst standen Thatchers
Chancen, die Wiedervereinigung zu verhindern, nicht schlecht (...) und
die meisten Europäer teilten die britische Haltung. «Kohl an
Bush: »Wenn alle unsere Freunde so zu uns stehen würden wie
der amerikanische Präsident, würde ich weniger Probleme haben.«
Der Kommentator John Eisenhammer schreibt: »Die Auswirkungen für
das Englandbild in Deutschland waren und sind katastrophal. (...) Die Ereignisse
des Jahres 1990 zeigen vielen Deutschen, dass man England weitgehend ignorieren
könne. «Aber gleichzeitig »empfindet Deutschland Unbehagen
in Bezug auf Frankreichs wirkliche Absichten ihm gegenüber (...).
Wie England hat Frankreich im entscheidenden Moment den Lackmustest der
Freundschaft mit Deutschland nicht bestanden. «Die Situation war
natürlich eine völlig andere, da man wusste, dass Frankreich
zur europäischen Integration und zum Sonderverhältnis mit Deutschland
stand.
Die Verhältnisse hatten schon einen Tiefpunkt erreicht, wie z.
B. bei der »Königswinterkonferenz« im März 1990 in
Oxford, wo es sogar als zu riskant angesehen wurde, Helmut Kohl direkt
neben Margaret Thatcher sitzen zu lassen, und wo Thatcher äußerte:
»Die Briten brauchen mindestens noch 40 Jahre, bis sie den Deutschen
wieder Vertrauen schenken können. «Jahre später erinnerte
sich Thatcher noch an dieses Gespräch: »Deutschland ist nicht
in Europa verankert, nein, Europa ist an Deutschland angekettet, welches
schon wieder vorherrscht. Deshalb nenne ich es ein deutsches Europa.
«Vorübergehend hinterließ auch die Rüstungspolitik
einen bitteren Beigeschmack, als zum Beispiel Thatcher Mitterrand fragte,
ob er nicht daran denke, französische Mittelstreckenraketen einzusetzen,
falls die Russen Köln einnähmen.
Nachdem John Major Margaret Thatcher als Parteivorsitzender und Premierminister
abgelöst hatte, wurden die Töne aus Regierungskreisen weniger
schrill. Trotzdem war ein tiefgreifendes Misstrauen auf beiden Seiten zu
spüren (). Es wirkt fast verkrampft, wenn 1996 in Oxford der damalige
deutsche Außenminister Klaus Kinkel, den früheren Minister Tony
Baldry zitierend, Gemeinsamkeiten auflistete (). Mit dem Regierungswechsel
in Westminster und Bonn Ende der 90er-Jahre gehören misstrauische
Äußerungen, zumindest vorläufig, fast zur Vergangenheit.
Fast: Denn der deutsche Staatsminister für Kultur und Medien Naumann
reagiert immer noch entsetzt (»reduced to near-apoplectic rage«)
angesichts britischen »Mythologisierens« des Weltkrieges in
der Presse.
Die Presse
Denn dort bleibt krautbashing ein Volkssport. Tageszeitungen, vor allem
die vielen, die Richard Murdoch gehören, bringen regelmäßig
Artikel, die man eindeutig als deutschfeindlich bezeichnen muss, und bedienen
sich dabei des Wortschatzes aus den Propagandakampagnen des Ersten Weltkrieges
zusammen mit Bildmaterial aus dem Zweiten. »Hun« (= »Hunne«)
wird der Deutsche genannt nach einem Satz aus der berüchtigten so
genannten Hunnenrede des deutschen Kaisers Wilhelm II. Vom 27. Juli 1990,
als dieser deutsche Truppen anlässlichdes chinesischen Boxeraufstandes
nach Ostasien verabschiedete.
Deutsche Botschafter in London reagieren regelmäßig allergisch
auf die deutschfeindlichen Artikel in der britischen Presse, zum Beispiel
1990 von Richthofen. Und wieder 1999 von Moltke, der »tief enttäuscht«
resigniert: »Man hat manchmal den Eindruck, dass hier der Geschichtsunterricht
im Jahre 1945 aufhört.«11 Vielleicht waren beide überempfindlich,
denn immerhin gab es dann einen Aufruf zum Boykott ausgerechnet französischer,
nicht aber deutscher Importe, als in den neunziger Jahren der »beef
war« ausbrach, nachdem vor allem schottische Rinderherden sich mit
BSE infiziert hatten. Wiederholter Zwist wegen der Währungspolitik
war vielleicht ernster zu nehmen.
Und es gibt bewusste Bemühungen, nationalistische Ausbrüche
der Presse in Frage zu stellen. 1999 brachte der Independent täglich
eine wohlwollende Kurzinformation zu Deutschland: »Wussten Sie, dass
...?« An der Universität Oxford geht manches College dazu über,
die Namen der deutschen Gefallenen der beiden Weltkriege, die dort studiert
hatten, doch noch auf ihren Ehrentafeln zu erwähnen. Die jährlich
stattfindende deutsch-britische »Königswinterkonferenz«
bringt Spitzenpolitiker und Journalisten zu offenen Gesprächen zusammen.
Ein Trost: Im Grunde verhält sich die Bevölkerung Englands Deutschland
gegenüber, wie der französische Schriftsteller André Maurois
die Haltung der Engländer gegenüber fremden Nationen bereits
1918 charakterisierte: gleichgültig und uninteressiert.
Das ist eine Erklärung, die den Briten und insbesondere den Engländern
jedoch Stillstand bescheinigt.
Ein Zeithistoriker und Publizist
Eine andere, differenziertere Erklärung gibt der britische Deutschlandkenner
und Zeithistoriker, der in Cambridge lehrende Richard J. Evans. Fünf
Hypothesen enthält der Auszug aus seinem in Stuttgart Ende 1999 gehaltenen
Robert Bosch Stiftungsvortrag innerhalb der Reihe »Europa vor neuen
Aufgaben«. Der Wissenschaftler, angesehene Publizist und Schriftsteller
(»Tales from the German Underworld«, 1998) bettet die Deutschlandfeindlichkeit
besonders der Engländer unter den Briten ein in die mit Margaret Thatcher
gewachsenen antideutschen Ressentiments, dem stärker gewordenen englischen
Nationalismus innerhalb der Konservativen Partei und den von britischen
Politikern und Massenmedien oft gezogenen Parallelen zwischen Deutschland
und der Europäischen Union auf der einen und dem Dritten Reich auf
der anderen Seite. Im »elektronischen Zeitalter« setzt der
Verfasser seine Hoffnung auf die Bildung eines positiveren englischen Deutschlandbilds.
Anmerkungen
1 Parteitag der Konservativen in Blackpool, 9.
10. 1987.
2 Eine Anspielung auf ein satirisches Lied der
30er-Jahre gegen Chamberlains Politik der Annäherung ans Dritte Reich:
»Let's not be beastly to the Germans!«
3 Der Spiegel 50/1999
4 Worse still, the events of 1990 have proved to
many Germans that Britain can largely be ignored.
5 Independent 3. 10. 1990
6 Thomas Kielinger, Crossroads and Roundabouts:
junctions in German-British relations. London: Foreign & Commonwealth
Office, 1997, S. 216 - Deutsche Ausgabe: Die Kreuzung und der Kreisverkehr.
Deutsche und Briten im Zentrum der europäischen Geschichte. Bonn 1997.
7 Die Zeit, 8. 3. 1996
8 Hans-Dietrich Genscher, Erinnerungen. Berlin
1995, S. 540
9 The Sunday Times, 21. 02. 1999
10 »The then German ambassador (...) decided to
fight prejudice with knowledge. A meeting was arranged with one of the
editors. It was the ambassador's misfortune to be a relative of the World
War One flying ace, ›the Red Baron‹ Manfred von Richthofen. (...) The following
day he opened his newspaper to read (...) the headline THE HUN TALKS TO
THE SUN.« Zitiert in: Jeremy Paxman, The English. London 1998, p.
131.
11 Beitrag im Magazin »Initiative« der Deutsch-Britischen
Handelskammer, zitiert in den Stuttgarter Nachrichten, 14. 10. 1999
12 Papier zu einer Verwaltungssitzung des Merton College
Oxford, 1999
13 »The only feeling inspired (in England) by foreign
nations is one of immense indifference.« André Maurois: Three
Letters of the English. 1918. Zitiert in: J. Paxmann, The English.
Internet-Adressen für Texte und Abbildungen
zum Thema in der englischen Presse:
www.guardian.co.uk/
www.independent.co.uk/
www.spectator.co.uk/
www.thetimes.co.uk/
Materialien
Der Fall der Mauer und das vereinigte Deutschland
»... a gamble of freedom«
»Not the end of history; more a launch-pad. [...] The uncertainties
of ideological polarisation and mutually assured destruction have been
exchanged for the vexatious, exhilarating, often confusing gamble of freedom.
We would not have wanted it any other way.«
(c) The Guardian, 9. 11. 1999
»... a Fourth Reich« oder
»no major problem with Germany«?
»Ten years ago [...] Germany's European neighbours [...], and
especially their political leaders, watched with mixed feelings. Mrs Thatcher
was the most outspoken, articulating doubts and fears, but she was by no
means alone. [...] All were worried about what a liberated, united Germany
would do. Would it dominate Central Europe, not militarily of course, but
economically, creating a new and unhappy Mitteleuropa? And remember those
commentaries in the British press about the emergence of a ›Fourth Reich‹?
Now, by contrast, it's the Germans [...] who are full of doubts and
worries, and their neighbours who flock to Berlin to celebrate. And those
foreign fears of 10 years ago now read like Gothic tales from the 18th
century. If today you ask policymakers in Rome, London, Paris or Warsaw
what the main problems in Europe are at the beginning of the 21st century,
few of them will mention ›the German Problem‹ at all. And if they do, it
will not be high on their list. For the first time in modern history, there
is no longer a ›German Question‹. (Instead, we have an ›English Question‹.
And, of course, several very large European ones.) This is a fantastic
outcome, a tribute to the peaceful and responsible ways in which Germany
was united and united Germany has so far used its power.
There are major problems in Germany, but there is no major problem
with Germany, no German with a capital P - as there was, not just from
1945 until German unification, but throughout most of modern history.«
Timothy Garton Ash im Independent, 9. 11. 1999. (c) 2000
Die Politik: Protokoll einer Kabinettsitzung unter
Thatcher
»lt was easier and more pertinent to the present discussion to
think of the less happy (German characteristics): their insensitivity to
the feelings of others (most noticeable in their behaviour over the Polish
border), their obsession with themselves, a strong inclination to self-pity
and a longing to be liked. Some even less flattering attributes were also
mentioned as an abiding part of the German character: in aIphabetical order,
angst, aggressiveness, assertiveness, bullying, egotism, inferiority complex,
sentimentality.
Two further aspects of German character were cited as reasons for concern
about the future. First a capacity for excess, to overdo things [...].
Second, a tendency to over-estimate their own strengths and capabilities.
An example of that, which has influenced much of Germany's subsequent history,
was the conviction that their victory over France in 1870 stemmed from
a deep moral and cultural superiority rather than as in fact from a modest
advance in military technology.
Several speakers felt all of this was out of date, relating to German
history from Bismarck until 1945. This was the phase of imperial Germany,
characterised by neurotic self-assertiveness, a high birth-rate, a closed
economy, a chauvinist culture.
After 1945 there was no longer a sense of historic mission, no ambitions
for physical conquest, no more militarism. Education and the writing of
history had changed. There was an innocence of mind about the past on the
part of the new generation of Germans. We should have no real worries about
them.
This view was not accepted by everyone. lt still had to be asked how
a cultured and civiIised nation had allowed itself to be brainwashed into
barbarism. If it had happened once, could it not happen again? The way
in which the Germans currently used their elbows and threw their weight
about in the European Community suggested that a lot had still not changed.
In sum, no one had serious misgivings about the present leaders or
political elite of Germany. But what about 10, 15, or 20 years from now?
Could some of the unhappy characteristics of the past re-emerge with just
as destructive consequences? [...]
We could not assume that a united Germany would fit quite so comfortably
into Western Europe as the FRG. There would be a growing inclination to
resurrect the concept of Mittel-Europa with Germany's role being that of
broker between East and West. [...]
There was a strong pacifist, neutralist, anti-nuclear constituency
in Germany, which could have a considerable effect on the views of a united
Germany. That effect would be to make Germany both less ›Western‹ and less
politically stable than the FRG. At worst the extremes at both ends of
the political spectrum could grow in influence, leading to a return of
Weimar politics. [...]
Germany was likely to dominate Eastern and Central Europe economically.
But that did not necessarily equate to subjugation. Nor did it mean that
a united Germany would achieve by economic means what Hitler had failed
to achieve militarily. German help was probably the only way to revive
Eastern Europe. [...]
We wanted Germany to be constrained within a security framework which
had the best chance of avoiding a resurgence of German militarism. We wanted
a continuing American presence in Europe as a balance to Germany's power.
We would want to see limits, preferably self-imposed [...] on the size
of Germany's armed forces. [...]
Germany's behaviour in the EC ›we pay so we must have our way‹ was
seen as the harbinger of Germany's economic dominance over Western Europe.
The overall message was unmistakable: we should be nice to the Germans.
But even the optimists had some unease, not for the present or the immediate
future, but for what might lie further down the road than we can yet see.«
(c) The Guardian, 16. 7. 1990
Vorurteile auf beiden Seiten
»Several negative stereotypes have established themselves in one
nation's perception of the other. In Germany, the idea of Britain dragging
its feet over European unification; in Britain, the view that the Germans,
blinded by their love of abstract concepts, have lost sight of the natural
limits to the institutional integration of potentially 400 million Europeans.
[...] The German-British dialogue has developed into a fundamental debate
about diverging views.«
Thomas Kielinger: Crossroads and Roundabouts: junctions
in German-British relations. London und Bonn 1997
Gemeinsamkeiten?
»Together we are committed to a liberal world trading system and
opposed to protectionism in Europe and world-wide.
Together we are fighting for the structural renewal of our economies
in order to solve our unemployment problems. We reject dirigisme in our
industrial policies.
Together we are in favour of opening up our Euroatlantic institutions
to the young democracies in central and Eastern Europe soon.
Together we are changing the development of the vital bridge across
the Atlantic. Peace and stability in Europe without America is inconceivable
to us.
Together we have drawn up a successful peace settlement for Bosnia.
[...] Together our troops are now safeguarding peace there.«
Klaus Kinkel, Rede in Oxford, 19. 1. 1996
Deutschlandfeindlichkeit in der englischen Kultur?
Fünf Hypothesen
Es gibt vielleicht fünf Gründe, weshalb die Deutschlandfeindlichkeit
in der britischen und vor allem in der englischen Kultur in den neunziger
Jahren und nicht schon vorher eine starke Wiederbelebung erfahren hat.
Dies sind mehr Hypothesen als Tatsachen, denn das Phänomen ist nicht
so ganz leicht zu erklären.
Erstens hängt [...] der Anstieg der Deutschlandfeindlichkeit mit
dem Aufstieg eines neuen, hauptsächlich von der Konservativen Partei
vertretenen, englischen Nationalismus zusammen, der deutliche Parallelen
mit dem Aufstieg des schottischen und walisischen Nationalismus aufweist.
Erst seit Frau Thatchers allergischer Reaktion gegenüber der Deutschen
Einigung ist es wieder akzeptabel geworden, in der Öffentlichkeit
vom Nationalcharakter zu sprechen und spezifisch vom vermeintlich unveränderten
deutschen Nationalcharakter zu reden. Der Mythos des Zweiten Weltkriegs,
des Widerstandes gegen die fremde Diktatur, der einst in den achtziger
Jahren als rhetorische Unterstützung für den Falkland-Krieg und
gleich danach für Thatchers Kampf gegen den so genannten inneren Feind,
gegen die Gewerkschaften, diente, dient nun dem Kampf gegen die Europäische
Union.
Eben deshalb, weil namhafte britische Politiker nun ganz offen Parallelen
zwischen der Bundesrepublik und der Europäischen Union auf der
einen Seite und dem Dritten Reich auf der anderen Seite ziehen, ist es
für die Massenmedien akzeptabel geworden, auch in ihrer eigenen Art
und Weise ähnliche Parallelen zu ziehen. [...] Dazu kommt eine zweite
Entwicklung, nämlich die starke Senkung des moralischen und intellektuellen
Niveaus der britischen Presse unter dem Einfluss eines sich immer mehr
verstärkenden wirtschaftlichen Wettbewerbs im Zeitalter der elektronischen
Massenmedien. [...] [S]elbst die so genannte Qualitätspresse, die
unter großen finanziellen Problemen leidet, räumt immer mehr
Platz für Meinungen ein, je kontroverser, desto besser, und immer
weniger für seriöse Berichterstattung. So ist es leichter geworden,
aufsehenerregende Kommentare, seien sie noch so extrem, selbst in den liberaleren
englischen Zeitungen zum Druck zu bringen. Auch die Qualitätspresse
teilt jetzt die Tendenz der Deutschlandfeindlichkeit in der Sprache.
Als dritter Grund für die Zunahme der Deutschlandfeinlichkeit
in der britischen und spezifisch der englischen Öffentlichkeit in
den neunziger Jahren ist die strukturelle Entwicklung des öffentlichen
Diskurses im allgemeinen Sinne zu nennen, vor allem die neue Emotionalität,
die sich am deutlichsten in der Trauer um Prinzessin Diana zeigte.
[...] Diese Emotionalität erlaubt es auch, deutschlandfeindliche Emotionen
direkt auszudrücken, was in den achtziger Jahren so nicht an der Tagesordnung
war.
Viertens, in der multikulturellen Gesellschaft Großbritanniens
ist der Rassismus heutzutage nicht nur gesetzlich verboten, er wird nun
auch, viel mehr als in den achtziger Jahren, zumindest in der Öffentlichkeit
gesellschaftlich geächtet. Das offene Aussprechen rassistischer Ressentiments
ist nicht mehr in dem gleichen Maße möglich, wie noch zu Zeiten
der Thatcher-Regierung. Das gleiche gilt für Homosexuellen-Feindlichkeit
und andere Vorurteile. Solche Vorurteile sind in einem Teil der englischen
Öffentlichkeit und vor allem innerhalb der Konservativen Partei nun
auf den äußeren Feind projiziert worden, und zwar auf die Deutschen.
Die New Labour bietet tatsächlich sehr wenige Angriffsflächen,
die alten Sündenböcke der Tories, [...] sind längst
nicht mehr da. Insofern, als die politische Mobilisierung einen Feind braucht,
richtet sie sich innerhalb der Konservativen Partei gegen die Deutschen
und deren vermeintlich landesverräterische Handlanger innerhalb der
europafreundlicheren Labour-Regierung.
Schließlich bildet die Europa- und Deutschlandfeindlichkeit einen
Ersatz für Antikommunismus, der jahrzehntelang in Verbindung mit dem
Antisozialismus eine große Rolle in der ideologischen Festigung des
britischen Konservativismus spielte. [...] Die Konservativen brauchen einen
äußeren Feind, um ihre Partei zusammenzuhalten. [...] Der Feind
steht nicht mehr links, er steht auf der anderen Seite des Ärmelkanals.
Und tatsächlich hat die Konservative Partei augenblicklich durch ihre
Europa- und Deutschlandfeindlichkeit ein neues Einheitsgefühl gefunden.
Es wäre also verfehlt, diese spezifische Entwicklung der öffentlichen
Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg auf allgemeine Bestandteile der englischen
Kultur oder Politik oder gar des englischen Nationalcharakters zurückzuführen.
[...] Die öffentliche Erinnerung ist auch nie stabil oder unveränderbar.
In England ist der Mythos des Zweiten Weltkriegs [...] hauptsächlich
ein Produkt spezifischer politischer und gesellschaftlicher Entwicklungen
der neunziger Jahre. [...]
Im elektronischen Zeitalter, einem Zeitalter des immer schneller werdenden
sozialen und kulturellen Wandels, ändert sich die öffentliche
kollektive Erinnerung immer kurzfristiger und bezieht sich in den meisten
Ländern auf immer gegenwartsnähere historische Ereignisse. [...]
Es ist also zu erwarten, dass das englische Deutschlandbild der neunziger
Jahre, sicherlich das negativste seit Jahrzehnten, bald einem anderen,
positiveren Platz machen wird. Das zumindest ist meine Hoffnung.
Aus: Richard. J. Evans: Mythen in den deutsch-britischen
Beziehungen seit 1945 (Stuttgart 1999). Vortragsreihe der Robert Bosch
Stifung »Umbrüche und Aufbrüche. Europa vor neuen Aufgaben«.
Stuttgart. Gedruckt im März 2000. S. 28-34.
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