Zeitschrift 

DeutschlanD & Europa

Das vereinigte Deutschland
in Europa
 

Heft 40/2000 , Hrsg.: LpB

 

Inhaltsverzeichnis



2. Großbritannien: 
»A Fourth German Reich?«
Von Michael Pates und Walter-S. Kircher

»Diese Ängste im Ausland von vor zehn Jahren erscheinen heute wie Schauerromane aus dem 18. Jahrhundert. (...) Zum ersten Mal in der modernen Geschichte gibt es keine ›deutsche Frage‹ mehr. (...) Deutschland hat größere Probleme, aber Deutschland stellt kein großes Problem dar.« (T. G. Ash 1999 im Independent)

Die Briten scheinen sich demnach mit einem vereinten Deutschland abgefunden zu haben. Es gibt jedoch Hinweise dafür, dass die Grundtendenz der englischen Deutschlandfeindlichkeit in den neunziger Jahren gestiegen ist. Wenn dies so wäre, muss dies sorgfältig analysiert werden. Und es gilt zu fragen, ob dabei die europäische Frage eine Rolle spielt.

Der zehnte Jahrestag des Falls der Berliner Mauer wurde in allen englischen Zeitungen kommentiert. Die meisten Artikel waren kurz, aber freundlich. lnhaltlich gaben sie einerseits zehn Jahre alte lnterviews von Ostberlinern, die in den Westteil geströmt waren, wieder, andererseits befassten sie sich mit der Auszeichnung von George Bush und Michail Gorbatschow und schließlich mit dem Gerichtsurteil zu Egon Krenz. Die allerwenigsten bemühten sich, die Auswirkungen auf Osteuropa oder die restliche Welt zu kommentieren. Die popular press, vertreten durch die Sun und die Daily Mail, schrieb nur eine Viertelseite, während die quality papers mehrseitige Kommentare abgaben. Interessant die Times, deren Leitartikel die Jahre 1989 und 1789 verglich, die Berliner Mauer als neue Bastille bezeichnete. Ein paar Seiten weiter fand sich gleichzeitig ein Artikel über den Ersten Weltkrieg mit dem Titel: »103-jähriger Veteran erinnert sich des Tages, an dem sein Schwert die Hunnen in die Flucht schlug.« Der Guardian zeigte sich äußerst freundlich (), positiv äußerte sich auch der Oxforder Politologe Timothy Garton Ash in einer ganzseitigen Analyse im Independent. ()

Die Politik

Nach der unmittelbaren Euphorie wegen des Falls der Berliner Mauer und des bevorstehenden Zusammenbruchs des sowjetischen Imperiums empfanden manche britische Politiker eine neue Angst vor Deutschland, das jetzt 80 Millionen zählte statt der bequemeren 50 bis 60 Millionen anderer westeuropäischer Staaten. So gab die damalige Premierministerin Margaret Thatcher Erklärungen gegen die deutsche Vereinigung ab (obwohl sie 1987 noch behauptet hatte, die sowjetische Macht sei gefährlich, solange die Berliner Mauer noch stünde1). Ein weiteres Moment der Unsicherheit begleitete die neuen Versuche zur europäischen Integration, die als deutsches Komplott gesehen wurden, Mitteleuropa wirtschaftlich und politisch zu unterwerfen; als denselben Plan schließlich, der seit dem Kaiserreich (und natürlich im Dritten Reich) galt.

Bezeichnend ist ein Artikel im Guardian vom 16. 7.1990, der die ihm zugespielten Protokollnotizen einer Kabinettsitzung unter Margarat Thatcher im Regierungslandhaus Chequers veröffentlichte. () Die Ängste dieses damals maßgebenden Teils der politischen Meinung (vgl. auch die Karikatur ) spiegelten sich in der alphabetischen Auflistung der Untugenden der Deutschen: das alte Bild von Aggressivität und Sentimentalität. Auch wenn heute und morgen keine Gefahr von Deutschland ausginge, wie würde es übermorgen sein? Russen und Amerikaner sollten Truppen in Mitteleuropa beibehalten. Die Briten wünschten sich kein vereintes Deutschland, da dies eine neue wirtschaftliche und politische Dominanz über Ost- und Mitteleuropa bedeute. Schon jetzt benütze die Bundesrepublik die Überlegenheit ihrer wirtschaftlichen Position, um in der EG Ziele durchzusetzen. Alles in allem solle England doch »nett sein zu den Deutschen.«

So nett war man vorübergehend doch nicht. Die Unterstützung Amerikas unter Präsident Bush, der einen Zusammenhang zwischen der weiteren Existenzberechtigung der NATO und dem deutschen Wunsch nach Vereinigung sah, kontrastierte während der entscheidenden Verhandlungen stark mit der zögerlichen Haltung des britischen Außenministers Nicholas Ridley. Allerdings nicht nur England: »Die Verbündeten in London und Paris, Den Haag und Rom opponierten und monierten, tricksten und finassierten, um die Einheit zu hintertreiben. (...) Zunächst standen Thatchers Chancen, die Wiedervereinigung zu verhindern, nicht schlecht (...) und die meisten Europäer teilten die britische Haltung. «Kohl an Bush: »Wenn alle unsere Freunde so zu uns stehen würden wie der amerikanische Präsident, würde ich weniger Probleme haben.«

Der Kommentator John Eisenhammer schreibt: »Die Auswirkungen für das Englandbild in Deutschland waren und sind katastrophal. (...) Die Ereignisse des Jahres 1990 zeigen vielen Deutschen, dass man England weitgehend ignorieren könne. «Aber gleichzeitig »empfindet Deutschland Unbehagen in Bezug auf Frankreichs wirkliche Absichten ihm gegenüber (...). Wie England hat Frankreich im entscheidenden Moment den Lackmustest der Freundschaft mit Deutschland nicht bestanden. «Die Situation war natürlich eine völlig andere, da man wusste, dass Frankreich zur europäischen Integration und zum Sonderverhältnis mit Deutschland stand.

Die Verhältnisse hatten schon einen Tiefpunkt erreicht, wie z. B. bei der »Königswinterkonferenz« im März 1990 in Oxford, wo es sogar als zu riskant angesehen wurde, Helmut Kohl direkt neben Margaret Thatcher sitzen zu lassen, und wo Thatcher äußerte: »Die Briten brauchen mindestens noch 40 Jahre, bis sie den Deutschen wieder Vertrauen schenken können. «Jahre später erinnerte sich Thatcher noch an dieses Gespräch: »Deutschland ist nicht in Europa verankert, nein, Europa ist an Deutschland angekettet, welches schon wieder vorherrscht.  Deshalb nenne ich es ein deutsches Europa. «Vorübergehend hinterließ auch die Rüstungspolitik einen bitteren Beigeschmack, als zum Beispiel Thatcher Mitterrand fragte, ob er nicht daran denke, französische Mittelstreckenraketen einzusetzen, falls die Russen Köln einnähmen.

Nachdem John Major Margaret Thatcher als Parteivorsitzender und Premierminister abgelöst hatte, wurden die Töne aus Regierungskreisen weniger schrill. Trotzdem war ein tiefgreifendes Misstrauen auf beiden Seiten zu spüren (). Es wirkt fast verkrampft, wenn 1996 in Oxford der damalige deutsche Außenminister Klaus Kinkel, den früheren Minister Tony Baldry zitierend, Gemeinsamkeiten auflistete (). Mit dem Regierungswechsel in Westminster und Bonn Ende der 90er-Jahre gehören misstrauische Äußerungen, zumindest vorläufig, fast zur Vergangenheit. Fast: Denn der deutsche Staatsminister für Kultur und Medien Naumann reagiert immer noch entsetzt (»reduced to near-apoplectic rage«) angesichts britischen »Mythologisierens« des Weltkrieges in der Presse.

Die Presse

Denn dort bleibt krautbashing ein Volkssport. Tageszeitungen, vor allem die vielen, die Richard Murdoch gehören, bringen regelmäßig Artikel, die man eindeutig als deutschfeindlich bezeichnen muss, und bedienen sich dabei des Wortschatzes aus den Propagandakampagnen des Ersten Weltkrieges zusammen mit Bildmaterial aus dem Zweiten. »Hun« (= »Hunne«) wird der Deutsche genannt nach einem Satz aus der berüchtigten so genannten Hunnenrede des deutschen Kaisers Wilhelm II. Vom 27. Juli 1990, als dieser deutsche Truppen anlässlichdes chinesischen Boxeraufstandes nach Ostasien verabschiedete.
Deutsche Botschafter in London reagieren regelmäßig allergisch auf die deutschfeindlichen Artikel in der britischen Presse, zum Beispiel 1990 von Richthofen. Und wieder 1999 von Moltke, der »tief enttäuscht« resigniert: »Man hat manchmal den Eindruck, dass hier der Geschichtsunterricht im Jahre 1945 aufhört.«11 Vielleicht waren beide überempfindlich, denn immerhin gab es dann einen Aufruf zum Boykott ausgerechnet französischer, nicht aber deutscher Importe, als in den neunziger Jahren der »beef war« ausbrach, nachdem vor allem schottische Rinderherden sich mit BSE infiziert hatten. Wiederholter Zwist wegen der Währungspolitik war vielleicht ernster zu nehmen.
Und es gibt bewusste Bemühungen, nationalistische Ausbrüche der Presse in Frage zu stellen. 1999 brachte der Independent täglich eine wohlwollende Kurzinformation zu Deutschland: »Wussten Sie, dass ...?« An der Universität Oxford geht manches College dazu über, die Namen der deutschen Gefallenen der beiden Weltkriege, die dort studiert hatten, doch noch auf ihren Ehrentafeln zu erwähnen. Die jährlich stattfindende deutsch-britische »Königswinterkonferenz« bringt Spitzenpolitiker und Journalisten zu offenen Gesprächen zusammen. Ein Trost: Im Grunde verhält sich die Bevölkerung Englands Deutschland gegenüber, wie der französische Schriftsteller André Maurois die Haltung der Engländer gegenüber fremden Nationen bereits 1918 charakterisierte: gleichgültig und uninteressiert.
Das ist eine Erklärung, die den Briten und insbesondere den Engländern jedoch Stillstand bescheinigt.

Ein Zeithistoriker und Publizist

Eine andere, differenziertere Erklärung gibt der britische Deutschlandkenner und Zeithistoriker, der in Cambridge lehrende Richard J. Evans. Fünf Hypothesen enthält der Auszug aus seinem in Stuttgart Ende 1999 gehaltenen Robert Bosch Stiftungsvortrag innerhalb der Reihe »Europa vor neuen Aufgaben«.  Der Wissenschaftler, angesehene Publizist und Schriftsteller (»Tales from the German Underworld«, 1998) bettet die Deutschlandfeindlichkeit besonders der Engländer unter den Briten ein in die mit Margaret Thatcher gewachsenen antideutschen Ressentiments, dem stärker gewordenen englischen Nationalismus innerhalb der Konservativen Partei und den von britischen Politikern und Massenmedien oft gezogenen Parallelen zwischen Deutschland und der Europäischen Union auf der einen und dem Dritten Reich auf der anderen Seite. Im »elektronischen Zeitalter« setzt der Verfasser seine Hoffnung auf die Bildung eines positiveren englischen Deutschlandbilds. 

Anmerkungen
 1 Parteitag der Konservativen in Blackpool, 9. 10. 1987.
 2 Eine Anspielung auf ein satirisches Lied der 30er-Jahre gegen Chamberlains Politik der Annäherung ans Dritte Reich: »Let's not be beastly to the Germans!«
 3 Der Spiegel 50/1999
 4 Worse still, the events of 1990 have proved to many Germans that Britain can largely be ignored.
 5 Independent 3. 10. 1990
 6 Thomas Kielinger, Crossroads and Roundabouts: junctions in German-British relations. London: Foreign & Commonwealth Office, 1997, S. 216 - Deutsche Ausgabe: Die Kreuzung und der Kreisverkehr. Deutsche und Briten im Zentrum der europäischen Geschichte. Bonn 1997.
 7 Die Zeit, 8. 3. 1996
 8 Hans-Dietrich Genscher, Erinnerungen. Berlin 1995, S. 540
 9 The Sunday Times, 21. 02. 1999
10 »The then German ambassador (...) decided to fight prejudice with knowledge. A meeting was arranged with one of the editors. It was the ambassador's misfortune to be a relative of the World War One flying ace, ›the Red Baron‹ Manfred von Richthofen. (...) The following day he opened his newspaper to read (...) the headline THE HUN TALKS TO THE SUN.« Zitiert in: Jeremy Paxman, The English. London 1998, p. 131.
11 Beitrag im Magazin »Initiative« der Deutsch-Britischen Handelskammer, zitiert in den Stuttgarter Nachrichten, 14. 10. 1999
12 Papier zu einer Verwaltungssitzung des Merton College Oxford, 1999
13 »The only feeling inspired (in England) by foreign nations is one of immense indifference.« André Maurois: Three Letters of the English. 1918. Zitiert in: J. Paxmann, The English.

Internet-Adressen für Texte und Abbildungen 
zum Thema in der englischen Presse:
www.guardian.co.uk/
www.independent.co.uk/
www.spectator.co.uk/
www.thetimes.co.uk/

Materialien

Der Fall der Mauer und das vereinigte Deutschland
  »... a gamble of freedom«

»Not the end of history; more a launch-pad. [...] The uncertainties of ideological polarisation and mutually assured destruction have been exchanged for the vexatious, exhilarating, often confusing gamble of freedom. We would not have wanted it any other way.«

(c) The Guardian, 9. 11. 1999

»... a Fourth Reich« oder 
»no major problem with Germany«?

»Ten years ago [...] Germany's European neighbours [...], and especially their political leaders, watched with mixed feelings. Mrs Thatcher was the most outspoken, articulating doubts and fears, but she was by no means alone. [...] All were worried about what a liberated, united Germany would do. Would it dominate Central Europe, not militarily of course, but economically, creating a new and unhappy Mitteleuropa? And remember those commentaries in the British press about the emergence of a ›Fourth Reich‹?
Now, by contrast, it's the Germans [...] who are full of doubts and worries, and their neighbours who flock to Berlin to celebrate. And those foreign fears of 10 years ago now read like Gothic tales from the 18th century. If today you ask policymakers in Rome, London, Paris or Warsaw what the main problems in Europe are at the beginning of the 21st century, few of them will mention ›the German Problem‹ at all. And if they do, it will not be high on their list. For the first time in modern history, there is no longer a ›German Question‹. (Instead, we have an ›English Question‹. And, of course, several very large European ones.) This is a fantastic outcome, a tribute to the peaceful and responsible ways in which Germany was united and united Germany has so far used its power.
There are major problems in Germany, but there is no major problem with Germany, no German with a capital P - as there was, not just from 1945 until German unification, but throughout most of modern history.«

Timothy Garton Ash im Independent, 9. 11. 1999. (c) 2000

Die Politik: Protokoll einer Kabinettsitzung unter Thatcher

»lt was easier and more pertinent to the present discussion to think of the less happy (German characteristics): their insensitivity to the feelings of others (most noticeable in their behaviour over the Polish border), their obsession with themselves, a strong inclination to self-pity and a longing to be liked. Some even less flattering attributes were also mentioned as an abiding part of the German character: in aIphabetical order, angst, aggressiveness, assertiveness, bullying, egotism, inferiority complex, sentimentality.
Two further aspects of German character were cited as reasons for concern about the future. First a capacity for excess, to overdo things [...]. Second, a tendency to over-estimate their own strengths and capabilities. An example of that, which has influenced much of Germany's subsequent history, was the conviction that their victory over France in 1870 stemmed from a deep moral and cultural superiority rather than as in fact from a modest advance in military technology.
Several speakers felt all of this was out of date, relating to German history from Bismarck until 1945. This was the phase of imperial Germany, characterised by neurotic self-assertiveness, a high birth-rate, a closed economy, a chauvinist culture.
After 1945 there was no longer a sense of historic mission, no ambitions for physical conquest, no more militarism. Education and the writing of history had changed. There was an innocence of mind about the past on the part of the new generation of Germans. We should have no real worries about them.
This view was not accepted by everyone. lt still had to be asked how a cultured and civiIised nation had allowed itself to be brainwashed into barbarism. If it had happened once, could it not happen again? The way in which the Germans currently used their elbows and threw their weight about in the European Community suggested that a lot had still not changed.
In sum, no one had serious misgivings about the present leaders or political elite of Germany. But what about 10, 15, or 20 years from now? Could some of the unhappy characteristics of the past re-emerge with just as destructive consequences? [...]
We could not assume that a united Germany would fit quite so comfortably into Western Europe as the FRG. There would be a growing inclination to resurrect the concept of Mittel-Europa with Germany's role being that of broker between East and West. [...]
There was a strong pacifist, neutralist, anti-nuclear constituency in Germany, which could have a considerable effect on the views of a united Germany. That effect would be to make Germany both less ›Western‹ and less politically stable than the FRG. At worst the extremes at both ends of the political spectrum could grow in influence, leading to a return of Weimar politics. [...]
Germany was likely to dominate Eastern and Central Europe economically. But that did not necessarily equate to subjugation. Nor did it mean that a united Germany would achieve by economic means what Hitler had failed to achieve militarily. German help was probably the only way to revive Eastern Europe. [...]
We wanted Germany to be constrained within a security framework which had the best chance of avoiding a resurgence of German militarism. We wanted a continuing American presence in Europe as a balance to Germany's power. We would want to see limits, preferably self-imposed [...] on the size of Germany's armed forces. [...]
Germany's behaviour in the EC ›we pay so we must have our way‹ was seen as the harbinger of Germany's economic dominance over Western Europe.
The overall message was unmistakable: we should be nice to the Germans. But even the optimists had some unease, not for the present or the immediate future, but for what might lie further down the road than we can yet see.«

(c) The Guardian, 16. 7. 1990

Vorurteile auf beiden Seiten

»Several negative stereotypes have established themselves in one nation's perception of the other. In Germany, the idea of Britain dragging its feet over European unification; in Britain, the view that the Germans, blinded by their love of abstract concepts, have lost sight of the natural limits to the institutional integration of potentially 400 million Europeans. [...] The German-British dialogue has developed into a fundamental debate about diverging views.«

Thomas Kielinger: Crossroads and Roundabouts: junctions in German-British relations. London und Bonn 1997

Gemeinsamkeiten?

»Together we are committed to a liberal world trading system and opposed to protectionism in Europe and world-wide.
Together we are fighting for the structural renewal of our economies in order to solve our unemployment problems. We reject dirigisme in our industrial policies.
Together we are in favour of opening up our Euroatlantic institutions to the young democracies in central and Eastern Europe soon.
Together we are changing the development of the vital bridge across the Atlantic. Peace and stability in Europe without America is inconceivable to us.
Together we have drawn up a successful peace settlement for Bosnia. [...] Together our troops are now safeguarding peace there.«

Klaus Kinkel, Rede in Oxford, 19. 1. 1996

Deutschlandfeindlichkeit in der englischen Kultur? 
Fünf Hypothesen

Es gibt vielleicht fünf Gründe, weshalb die Deutschlandfeindlichkeit in der britischen und vor allem in der englischen Kultur in den neunziger Jahren und nicht schon vorher eine starke Wiederbelebung erfahren hat. Dies sind mehr Hypothesen als Tatsachen, denn das Phänomen ist nicht so ganz leicht zu erklären. 
Erstens hängt [...] der Anstieg der Deutschlandfeindlichkeit mit dem Aufstieg eines neuen, hauptsächlich von der Konservativen Partei vertretenen, englischen Nationalismus zusammen, der deutliche Parallelen mit dem Aufstieg des schottischen und walisischen Nationalismus aufweist. Erst seit Frau Thatchers allergischer Reaktion gegenüber der Deutschen Einigung ist es wieder akzeptabel geworden, in der Öffentlichkeit vom Nationalcharakter zu sprechen und spezifisch vom vermeintlich unveränderten deutschen Nationalcharakter zu reden. Der Mythos des Zweiten Weltkriegs, des Widerstandes gegen die fremde Diktatur, der einst in den achtziger Jahren als rhetorische Unterstützung für den Falkland-Krieg und gleich danach für Thatchers Kampf gegen den so genannten inneren Feind, gegen die Gewerkschaften, diente, dient nun dem Kampf gegen die Europäische Union.
Eben deshalb, weil namhafte britische Politiker nun ganz offen Parallelen zwischen der Bundesrepublik und der  Europäischen Union auf der einen Seite und dem Dritten Reich auf der anderen Seite ziehen, ist es für die Massenmedien akzeptabel geworden, auch in ihrer eigenen Art und Weise ähnliche Parallelen zu ziehen. [...] Dazu kommt eine zweite Entwicklung, nämlich die starke Senkung des moralischen und intellektuellen Niveaus der britischen Presse unter dem Einfluss eines sich immer mehr verstärkenden wirtschaftlichen Wettbewerbs im Zeitalter der elektronischen Massenmedien. [...] [S]elbst die so genannte Qualitätspresse, die unter großen finanziellen Problemen leidet, räumt immer mehr Platz für Meinungen ein, je kontroverser, desto besser, und immer weniger für seriöse Berichterstattung. So ist es leichter geworden, aufsehenerregende Kommentare, seien sie noch so extrem, selbst in den liberaleren englischen Zeitungen zum Druck zu bringen. Auch die Qualitätspresse teilt jetzt die Tendenz der Deutschlandfeindlichkeit in der Sprache. 
Als dritter Grund für die Zunahme der Deutschlandfeinlichkeit in der britischen und spezifisch der englischen Öffentlichkeit in den neunziger Jahren ist die strukturelle Entwicklung des öffentlichen Diskurses im allgemeinen Sinne zu nennen, vor allem die neue Emotionalität, die sich am deutlichsten in der Trauer um Prinzessin  Diana zeigte. [...] Diese Emotionalität erlaubt es auch, deutschlandfeindliche Emotionen direkt auszudrücken, was in den achtziger Jahren so nicht an der Tagesordnung war.
Viertens, in der multikulturellen Gesellschaft Großbritanniens ist der Rassismus heutzutage nicht nur gesetzlich verboten, er wird nun auch, viel mehr als in den achtziger Jahren, zumindest in der Öffentlichkeit gesellschaftlich geächtet. Das offene Aussprechen rassistischer Ressentiments ist nicht mehr in dem gleichen Maße möglich, wie noch zu Zeiten der Thatcher-Regierung. Das gleiche gilt für Homosexuellen-Feindlichkeit und andere Vorurteile. Solche Vorurteile sind in einem Teil der englischen Öffentlichkeit und vor allem innerhalb der Konservativen Partei nun auf den äußeren Feind projiziert worden, und zwar auf die Deutschen. Die New Labour bietet tatsächlich sehr wenige Angriffsflächen, die alten Sündenböcke der Tories,  [...] sind längst nicht mehr da. Insofern, als die politische Mobilisierung einen Feind braucht, richtet sie sich innerhalb der Konservativen Partei gegen die Deutschen und deren vermeintlich landesverräterische Handlanger innerhalb der europafreundlicheren Labour-Regierung.
Schließlich bildet die Europa- und Deutschlandfeindlichkeit einen Ersatz für Antikommunismus, der jahrzehntelang in Verbindung mit dem Antisozialismus eine große Rolle in der ideologischen Festigung des britischen Konservativismus spielte. [...] Die Konservativen brauchen einen äußeren Feind, um ihre Partei zusammenzuhalten. [...] Der Feind steht nicht mehr links, er steht auf der anderen Seite des Ärmelkanals. Und tatsächlich hat die Konservative Partei augenblicklich durch ihre Europa- und Deutschlandfeindlichkeit ein neues Einheitsgefühl gefunden.
Es wäre also verfehlt, diese spezifische Entwicklung der öffentlichen Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg auf allgemeine Bestandteile der englischen Kultur oder Politik oder gar des englischen Nationalcharakters zurückzuführen. [...] Die öffentliche Erinnerung ist auch nie stabil oder unveränderbar. In England ist der Mythos des Zweiten Weltkriegs [...] hauptsächlich ein Produkt spezifischer politischer und gesellschaftlicher Entwicklungen der neunziger Jahre. [...]
Im elektronischen Zeitalter, einem Zeitalter des immer schneller werdenden sozialen und kulturellen Wandels, ändert sich die öffentliche kollektive Erinnerung immer kurzfristiger und bezieht sich in den meisten Ländern auf immer gegenwartsnähere historische Ereignisse. [...] Es ist also zu erwarten, dass das englische Deutschlandbild der neunziger Jahre, sicherlich das negativste seit Jahrzehnten, bald einem anderen, positiveren Platz machen wird. Das zumindest ist meine Hoffnung.

Aus: Richard. J. Evans: Mythen in den deutsch-britischen Beziehungen seit 1945 (Stuttgart 1999). Vortragsreihe der Robert Bosch Stifung »Umbrüche und Aufbrüche. Europa vor neuen Aufgaben«. Stuttgart. Gedruckt im März 2000. S. 28-34.


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