V. Kunst nach der deutschen Einheit
Von Hartmut Wille
Die folgenden Materialien (Abbildungsnachweise S. 46) sollen einem differenzierten
Verständnis der Kunstentwicklung im Deutschland der letzten zehn Jahre
dienen. Während sich Kunst und Kunstbetrieb in den alten Bundesländern
nach dem Mauerfall mit der Aufnahme der deutschen Einheit als ein Thema
unter vielen kontinuierlich entwickelte, gab es für die ostdeutschen
Künstler einen deutlichen Bruch. »Möglicherweise ist die
nationale Einigung der Deutschen ein [...] verspäteter Gegenläufer
zur wirtschaftlichen und kulturellen Globalisierung.«
Derzeitige Reaktionen von Künstlern und Kunstinteressierten auf
die vielfältigen Tendenzen in West und Ost sind nur verständlich,
wenn sie in die geschichtlichen Zusammenhänge seit den frühen
70er-Jahren eingeordnet werden können.
In Folge des Grundlagenvertrags von 1972 hatten die Staatsfunktionäre
in der DDR verstärkt Interesse an einem differenzierten und humanen
Bild der sozialistischen Gesellschaft in den Köpfen der BRD-Bürger.
»Dazu brauchte man künstlerische Ausdrucksformen, die qualitativ
im westlichen Ausland Akzeptanz finden konnten.« Damit verbunden
war eine Öffnung des sozialistischen Realismus zur Weite und Vielfalt
von DDR-Kunst, das Etablieren des Staatlichen Kunsthandels4 sowie die Schaffung
größerer Ausstellungsmöglichkeiten für westliche Künstler.
Die Staats- und Kulturfunktionäre gefielen sich als Gönner und
Förderer von Kunst. Eine Verurteilung von Künstlern mit Begriffen
wie Staatstreue oder Systemnähe passierte genauso oberflächlich
wie mancher Künstler vorschnell als oppositionell galt.
In der Kunstzeitschrift »art« sind zu diesem Thema für
eine chronologische Sicht auf die vergangenen zehn Jahre deutsche Kunstentwicklung
informative Artikel zu finden.
Begegnen - Angela Hampel und Gudrun Trendafilov
In den Jahren kurz vor der Wende konnten immer mehr DDR-Bürger
in die Bundesrepublik reisen. Gerade Künstler hatten so Gelegenheit,
die Kunst im Westen, also westdeutsche und westeuropäische Kunst,
kennen zu lernen. Die Staats- und Kulturfunktionäre gaben dem innerdeutschen
Druck politischer Normalisierung nach. Dem einen wurden private Besuche
zu Familienjubiläen erlaubt, anderen wurden Ausstellungen gestattet
oder es gab offiziell genehmigte Studienaufenthalte. Die wiederkamen hatten
viel zu erzählen. In Freundeskreisen traf man sich und tauschte Meinungen,
Vorstellungen und Neuigkeiten aus. Bereits im Sommer nach der Wende waren
viele Interessierte in die deutschen Zentren westeuropäischer Kunst
gereist. Wieder traf man sich und teilte Freude, Erlebnisse und Erfahrungen.
Oft war die Begegnung mit den Originalen von Antes, Beuys und den vielen
anderen wie ein Treffen mit langjährigen Brieffreunden: man kannte
die Werke recht genau und Vertrautsein war zu spüren, aber richtig
erlebt man Kunst sinnlich konkret.
Es waren Monate intensiver Gesprächskultur. Die vielen großen
Reisen im ersten Jahr nach dem Mauerfall waren durch die Vergünstigungen
seitens der alten Bundesländer möglich - Reisen und Begegnungen.
Zwei Dresdner Künstlerinnen konnten sich 1991 in Stuttgart treffen.
Die Galeristin Hedwig Döbele, die sich schon Jahre zuvor um eine gemeinsame
Ausstellung beider bemühte, richtete ihnen eine Ausstellung ein.
Angela Hampel und Gudrun Trendafilov opponierten mit rigorosen künstlerischen
Aussagen gegen gesellschaftliche Zwänge in der DDR. Sie wandten sich
mit ihrer Kunst nicht gegen etwas oder jemanden, sondern lebten ihre eigenen
Empfindungen und Vorstellungen in Bildern aus. Hoch expressiv, authentisch
wirksam durch intensives Selbsterleben, mit künstlerischer Leidenschaft
und virtuosem Beherrschen ihres Metiers zeichneten sie von sich, ihrer
Beziehung, ihrem Nachspüren des Kreatürlichen im Menschen, seine
Tierverwandtschaften, die Kraft des Ursprünglichen im Leben. Um solches
bildkünstlerisch umzusetzen bedarf es stärkster Ausdrucksformen,
wie sie die Brücke-Künstler kultiviert hatten. Doch obwohl der
deutsche Expressionismus in der offiziellen DDR-Kunst und Kunstgeschichte
seine Tradition hatte, war so viel Selbstbehauptung und sinnliche Lebenskraft
Grund genug die Ausstellungsmöglichkeiten für beide Künstlerinnen
zu beschränken.
Die Ausstellung zu Beginn des Jahres 1991 in der Galerie Döbele
in Stuttgart war Begegnung beider Künstlerinnen, Begegnung der Künstlerinnen
mit einer Galerie, die sich schon vor der Wende für DDR-Kunst stark
machte und Begegnung freier selbstständiger Kunst aus beiden Teilen
Deutschlands. Gerade die Farbzeichnungen Angela Hampels kamen in der DDR
in breiten Umlauf. Diese Bild gewordene Kraft und Lust am Leben war es
vielen Menschen wert eine Zeichnung zu erwerben (immerhin vertrieb der
staatliche Kunsthandel ihre Zeichnungen für mehr als ein halbes durchschnittliches
Monatseinkommen).
Atelierfoto von Angela Hampel und Gudrun Trendafilov
Bewahren - Liz Bachhuber und Christoph Rihs
Seit mehr als zehn Jahren leben die Amerikanerin Liz Bachhuber und der
Schweizer Christoph Rihs in Deutschland und haben unser Volk sowohl in
West und Ost als auch vor und nach der Wende erlebt. In vielen ihrer Kunstwerke
bewahren sie, was sich offizieller Geschichtsschreibung entzieht und im
Alltag schnell vergessen wird: verbindende Gemeinsamkeiten von Menschen
in einem Land und ihr historisches Erbe. Beide vorgestellten Installationen
sind wie Sichten von außen auf uns Deutsche im Kontext europäischer
Geschichte. Künstlerisch verdichtet und pointiert haben beide ihre
Reflexionen umgesetzt.
Liz Bachhuber: Conference, Entwurfszeichnung 1998
Liz Bachhubers »Conference I+II« lässt sich mit
ein paar Stühlen leicht »nachspielen« und schnell findet
man Zugang zu künstlerischen Inhalten. Der erläuternde Text
eignet sich dabei zur Bestätigung selbst gewonnener Einsichten.
Christoph Rihs' Werk »Maikäfer flieg ...« verlangt
intensivere gedankliche Arbeit. Allein der Titel ist nur zu verstehen,
wenn man von diesem alten Kinderlied weiß. Der Text ist als
Rezeptionshilfe nützlich.
Zeigen - Norman Foster und Georg Baselitz
»Für alle Bundestagsbauten ... war der Kunstbeirat des Bundestags
zuständig. Das Gremium aus neun Parlamentariern unter der Leitung
von Rita Süssmuth (CDU) wurde von einer Gruppe von Künstlern,
Kunsthistorikern und Museumsdirektoren beraten, darunter Götz Adriani,
Kunsthalle Tübingen; Klaus Werner, Galerie für zeitgenössische
Kunst Leipzig; Arnim Zweite, Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen Düsseldorf;
Manfred Schneckenburger, Kunstakademie Münster.
Für die Ministerien schlug der Kunstbeirat der Bundesregierung
die Künstler vor. Tätig waren unter anderem Klaus Bußmann,
Westfälisches Landesmuseum Münster; Peter-Klaus Schuster, Bayerische
Staatsgemäldesammlungen München und Wilfried Wang, Deutsches
Architekturmuseum Frankfurt am Main.
Für das Kanzleramt hat nach der Wahl [d. i. = Bundestagswahl 1998]
Michael Naumann, Kulturbeauftragter der Bundesregierung, die Zuständigkeit
an sich gezogen. Er ließ sich beraten von Peter-Klaus Schuster und
Christoph Stölzl vom Deutschen Historischen Museum in Berlin.«
Hiermit sind die für alle künstlerischen und kunstmarktwirtschaftlichen
Entscheidungen verantwortlichen Männer neben Frau Süssmuth genannt.
Immerhin war über 70 Millionen Mark zu entscheiden. Nur 55 Millionen
gab der amerikanische Staat laut New York Times in den vergangenen 35 Jahren
aus. In Deutschland gilt eine Richtlinie, bis zu zwei Prozent der Bausumme
für Kunst auszugeben.
Der Reichstag in Berlin rückte spätestens seit seiner Verhüllung
durch Christo und Jean Claude in öffentliches Interesse. Aber seine
Ausgestaltung mit deutscher zeitgenössischer Kunst erregte trotz riesiger
finanzieller Aufwendungen kaum jemanden. Entweder stört so was niemanden,
keiner versteht Kopf stehende Bilder oder anderes ist wichtig. Christo
wurde vorgeworfen, riesige Geldsummen verschwendet zu haben.
Der Kunstbeirat entschied, dass auch aus den einst alliierten Staaten
je ein Künstler sich beteiligen sollte. Sir Norman Foster aus Großbritannien
ist derjenige, der den Umbau des Reichstages gestaltete und allem »eine
Krone« aufsetzte: die Reichstagskuppel.
Interessant ist die Entwicklung seiner Idee. Am Anfang betrachtete
Norman Foster den Reichstag als »... ein Institut, das die Kräfte
nährte, die die Demokratie zerstörten.« Er wollte das riesige
Gebäude mit einem Schleppdach zu einem historisch ungefährlichen
Kleinod werden lassen. Wallots Kuppel mit Laterne wäre jegliches Triumphieren
genommen . Aber letztlich wären die alten Formen aus alter Zeit mit
viel Aufwand wieder hergerichtet und lieb gewonnen worden.
Heute betrachtet der Stararchitekt den Reichstag als Ort mit »...
parlamentarischer Tradition und stiftender Bedeutung.« Dazu entschied
er sich zu einer Überformung in betont heutiger Technologie. Mit der
nun vollendeten Kuppel lebte er seine Methodik, seinen technischen Faible
und die kühle Perfektion aus. Schick und trendy schließt sie
sichtlich ein historisches Kapitel deutscher Geschichte ab.
Reichstagskuppel - Architekt: Norman Forster
Die Kuppel ist eine eigenständige Architektur »auf«
dem Reichstag und wirkt dabei als Silhouette und wie eine Skulptur. Sir
Norman Foster hatte offensichtlich poetische Dimensionen von Architektur
im Sinn. Die Proportionen nehmen Bezug auf die historischen Formen, haben
aber bescheidenere Ausmaße. Die Transparenz als offensichtliche Philosophie
des Gebäudes vermittelt im Innern Größe, von außen
wird das viele Glas zu einem Juwel in der Dachlandschaft. Begeht man die
Kuppel (seit den ersten Tagen nach der Eröffnung muss man dafür
Schlange stehen), eröffnen sich einem fantastische Sichten nach außen
über die Stadt. Der unter der Kuppel liegende Plenarsaal ist für
das Publikum aber nicht direkt einsehbar. Wie eine Skulptur in der Skulptur
führt die innere verspiegelte Säule von oben tief in den Plenarsaal.
Diese Säule in ihrer klaren Form wirkt bedeutungsvoll und ist das
Herzstück einer genialen ökologischen Funktion. Sie dient einem
ausgeklügelten Belüftungssystem, mit der Verspiegelung dringt
Tageslicht tief in das Innere, der Blick von oben auf den Ort der Demokratie
wird vervielfacht und es gehen »Signale vom demokratischen Prozess«
nach außen.
Aufnehmen traditioneller Bezüge innerhalb moderner Kunst ist auch
für Georg Baselitz Gestaltungsprinzip gewesen, als er zwei Bilder
für den Reichstag nach Motiven des Romantikers Caspar David Friedrich
malte. Zwei Selbstzeugnisse des Künstlers erhellen seine Absichten:
»Ich stand vor dem Problem, was ich als gegenständlicher
Maler in einem solchen Gebäude zeigen kann. Zum Glück fiel mir
Caspar David Friedrich ein, mit dessen Grafik ich mich damals gerade beschäftigte.
Von Friedrichs Bruder gibt es vier ganz wichtige Holzschnitte, die er nach
Arbeiten Caspar Davids geschnitten hat - die ›Melancholie‹, die ›Frau am
Abgrund‹, ›Der schlafende Knabe am Grabe‹ und das ›Selbstporträt‹.
Diese Holzschnitte sind so etwas wie Manifeste der deutschen Romantik.
Es gibt in Deutschland, ja in Europa nichts Vergleichbares, was das Gefühl
jener Zeit ausdrückt und gleichzeitig die Beziehung zum Heute darstellt.
[...]
Caspar David Friedrich steht für ein bestimmtes Deutschland und
für eine bestimmte Malerei [...] er besitzt etwas sehr Menschliches,
Vergeistigtes, das nichts mit Zeitgeist oder Stil zu tun hat. Ich habe
versucht, durch enorme Vergrößerung dieser sehr kleinen Holzschnitte
die Hermetik Friedrichs und damit das Gehäuse der deutschen Romantik
zu sprengen.«
Das Bild »Friedrichs Melancholie« zeigt als Bildrahmen
den »Schlafenden Knaben« von 1802 steigend, liegend und
fallend - etwa wie die Gedankenschwere romantischer Verklärung, die
mit den Wahrheiten über das Leben und die Natur sich verflüchtigt?!
Man muss schon den Holzschnitt kennen, um Bezüge zur deutschen Romantik
wahrzunehmen.
Erneuern - Coop Himmelblau
»In Dresden zeigt sich, dass der visuelle Krach einer anarchischen
Pop-Architektur segensreich sein kann.«
Die Sprache von Architekten hat oft genug eine Grammatik, die sich
am Umfeld im Sinne einer Aufnahme bereits Vorhandenem orientiert. Nicht
so bei COOP HIMMELB(L)AU. Die Entwürfe dieser Architektengemeinschaft
setzen Kontraste wie
UfA-Palast in Dresden, Glasfassade
Aufschreie, und entsprechend erhitzen sich die Gemüter. Mit ihren
von Statik und Baunormen frei erscheinenden Bauten sorgen sie dafür,
dass Architektur in die Nähe bildnerischer Kunst gerät - ganz
im Sinne Gottfried Sempers, dessen Wirken mit Oper und Gemäldegalerie
in Dresden gegenwärtig ist.
Gegenwärtig sind auch die stur orthogonalen Bauten aus den 70er-Jahren
in der Prager Straße. Gerade mal vorgehängte Fassaden am Kaufhaus,
ein unförmiges Kupferdach auf dem Kulturpalast oder das Panoramakino
in seiner logischen Zylinderform brechen diese Langeweile auf. Da konnte
man nicht behutsam etwas gleichartiges hinzu setzen. Der »visuelle
Krach« wurde zwingend, um dem barocken Elbflorenz auch aus diesem
Jahrhundert bleibende Formen mitzugeben.
Architekturgeschichtlich ist der neue UfA-Palast (s. Foto auf dieser
Seite) eine Reaktion von COOP HIMMELB(L)AU auf »Neo«, »Post«
und »De«. »Ihre Architektur bricht stets splitternd über
die Stadt herein, zerfetzt den Raum mit der brachialen Energie eines Stones-Songs.
Wo Frank O'Gehry symphonisch schwingt und wo dessen Bauten computergesteuerte
Pirouetten drehen als gelte es Le Corbusiers Wallfahrtskirche von Ronchamp
in Grund und Boden zu tanzen, da krachen die Wiener mit steilen Keilen
einher.« Die Transparenz der Konstruktion steigert das Chaotische.
Passanten schimpfen und sind gleichzeitig stolz auf das Besondere in
ihrer Stadt. Heftig gestikulieren Besucher und suchen nach ausgefallenen
Wortverbindungen, um anderen den Weg zu den Kassen, Kinos oder verwunschenen
Nischen mit schwindelndem Freiblick in die Stadt zu weisen. Der Palast
liegt etwas abseits, aber »es« spricht sich rum wie ein lieb
gewonnener Skandal.
Materialien
»... ist nicht zu übersehen, dass sich die Zahl freischaffender
Künstler in den neuen Bundesländern reduziert hat, weil viele
dem Zwang zu Eigeninitiativen, zur Findung neuer Sinnhorizonte der kreativen
Arbeit und zur qualitativen Bewahrung auf dem freien Markt nicht gewachsen
waren.
[...] Wie wenig man sich im Westen noch 1996/97 über die vergangene
und gegenwärtige Entwicklung in der ostdeutschen Kunstszene informiert
hat, entnehmen die Künstler in den neuen Bundesländern mit einiger
Enttäuschung der Tatsache, dass im Unterschied zu fünf Künstlern
aus den alten Bundesländern keiner einen repräsentativen Kunst-am-Bau-Auftrag
für die Renovierung des Reichstagsgebäudes, dem zukünftigen
Sitz des Bundestages in Berlin, erhalten hat.
Was bis heute gefehlt hat, ist eine Kulturpolitik der Dialoge zwischen
Künstlern, Kulturschaffenden und Kunstvermittlern aller Generationen
aus Ost und West im Sinne einer wechselseitigen Geschichtserzählung.
Wenn Künstler aus dem Osten mit Blick auf die Marktzwänge des
Kunsthandels gegen den Autonomieanspruch westdeutscher Künstler polemisieren,
dann verbirgt sich dahinter ein falsch verstandener Begriff von Subjektivitätsansprüchen,
und wenn man andererseits im Westen immer noch die Tatsache ignoriert,
dass die Übergänge zwischen den staatlich organisierten Kulturformen
in der DDR fließend waren, dann werden die Mythenbildungen des einseitigen
Blicks auf beiden Seiten fortgeschrieben.«
Karin Thomas: Kultur. In: Handbuch zur deutschen Einheit
1949-1989-1999, Bonn 1999, S. 521
Artikel zum Thema Kunst nach der Einheit:
Angela Hampel: Frau mit Ziegenbock, 1990
art 10/1998 Peter M. Bode: Berlin-Architektur ..., S. 40 / Gedenkstätten
... (Mahnmal für die Maueropfer), S. 136
art 11/1998 Tim Sommer: Werkleitz Biennale in Sachsen-Anhalt, S.135
/ Haus am Horn von Georg Muche in Weimar rekonstruiert, S. 140
art 12/1998 Tim Sommer: Aus alten Mauern in eine neue Zeit (Burg Giebichenstein
Halle), S. 54 l Tim Sommer: Schrill und bunt in die neue Zeit, S. 80 /
Peter M. Bode: Theatralische Effekte im transparenten Baukörper (Bürogebäude
in Leipzig), S. 121
art 1/1999 Peter M. Bode: Neue Kunst für die Stadt der Klassiker
(Sammlung Maenz in Weimar), S. 28
art 2/1999 Axel Hecht und Heinz Peter Schwerfel interviewten Georg
Baselitz, S. 11/ Christian Tröster: Die Avantgarde wird Staatskunst,
S. 22 / Tim Sommer: 25 Jahre galerie oben in Chemnitz, S. 119
art 3/1999 Peter M. Bode: Daniel Libeskind Jüdisches Museum in
Berlin, S. 115 / Tim Sommer: Streit um den Augustusplatz in Leipzig, S.
118
art 4/1999 Tim Sommer: Streit um den Brunnen vor der Leipziger Nicolaikirche
(zum zehnten Jahrestag der Wende), S. 130
art 5/1999 Tim Sommer: Kulturstadt Weimar sagt zentrale Ausstellung
»... - wer hat Angst vor Schwarzrotgold« ab S. 191 / Peter
M. Bode: Norman Fosters Umbau des Berliner Reichstages, S. 125
art 6/1999 Heinz Peter Schwerfel: Große Bilder für Berlin
(Kunst im Reichstag), S. 126 I Ulrich Clewing:
Ausstellungsprojekt in Slubice und Frankfurt an der Oder, S. 129
art 7/1999 Tim Sommer: Künstlerproteste gegen Weimarer Ausstellung
von DDR-Kunst, S. 123
art 8/1999 Tim Sommer: DDR-Kunst in deutschen Museen, S. 113
art 9/1999 Wolfgang Kemp: Suche der Deutschen nach dem Deutschen in
der deutschen Kunst, S. 32
art 10/1999 Rolf Schneider: Die Kunst der DDR kollabierte zusammen
mit dem Staat - verdientermaßen, S. 54 / Ulrich Clewing: Droht jetzt
die Rückkehr der preußischen Generale? (Streit um die Neue Wache
in Berlin), S. 122 / Günter Kowa: Spaßarchitektur am Domplatz
(Hundertwasser-Haus in Magdeburg), S. 126
art 11/1999 Peter M. Bode: Ein Berliner Haus für Bedienstete des
Bundes, S. 213
art 12/1999 Frank Nicolaus: Carsten Niclai, S. 78
art 12/1999 Tim Sommer: Millionenspritze für die Ost-Kultur, S.
118
Gudrun Trendafilov: Sitzende vor roter Mauer, 1990
Liz Bachhuber: Conference I+II, 1998

»Liz Bachhubers Installation »Conference« meint die
Kommunikationsstrukturen einer ehemals abgeriegelten Gesellschaft, die
bis heute noch untergründig weiterwirken. Die beiden Stuhlkreise -
mit Stühlen aus der DDR-Einheitsproduktion, wie sie in der gesamten
Republik in öffentlichen Einrichtungen zu finden waren - sind jeweils
in ein Nest eingeflochten. In dem einen sind die Sitzflächen nach
innen, in dem anderen nach außen gerichtet. Die Kreise zeigen die
vorhandenen Möglichkeiten einer Kultur, die durch die gemeinsame Geschichte
verbunden ist: entweder weltoffen oder hermetisch abgeriegelt gegen Einflüsse
von außen. Zwischen beiden Positionen befänden sich heute Gesellschaft
und Kultur, so die amerikanische Künstlerin, die jahrelang zwischen
West und Ost gependelt ist.«
Katalog zur Ausstellung »As the world turns«
von Liz Bachhuber und Christoph Rihs in der Kunsthalle Erfurt im Haus zum
Roten Ochsen 1998, Katalogteil Bachhuber, S. 30. »DDR-Fundstücke«
/ Anne Hoormann.
und Christoph Rihs: Maikäfer flieg..., 1998

Die Installation von Christoph Rihs besteht aus acht als Kreisel ausgeformten
Skulpturen, in deren Außenmantel die Namen blutiger Gefechtsschauplätze
des Dreißigjährigen Krieges (z. B. Wolgast 1628) eingeprägt
sind. Im Inneren der metallenen, glatten Kreisel sind dagegen Panoramafotos
angebracht, die der Künstler 1998 an den Originalschauplätzen
aufgenommen hat. Die Fotos idyllischer Landschaften lassen ohne Gedächtnisarbeit
kaum mehr ahnen, was sich dort vor Jahrhunderten abgespielt hat. Dreht
man die Kreisel, so erzeugen sie durch ihre Schwere ein Rumpeln und Kollern
und man meint Geschützdonner zu hören. Dazu der Titel der Installation,
der erste Vers des wohl trostlosesten Kinderliedes aus der Zeit des Dreißigjährigen
Krieges. [...] In ›Maikäfer flieg ...!‹ klingt nicht nur die Frage
›Warum heute noch?‹ an, sondern auch die pessimistische Erkenntnis, dass
der moderne Mensch bereit ist, Aggressionen und Kriege als unabänderliche
Bestandteile seiner Existenz zu akzeptieren. [...] Längst vergessen
beim Singsang des Liedes ist, dass einst der Maikäfer als Bote ins
Jenseits galt. In den Versen ist er der Bote zu den toten Eltern. Rihs
Kombination von Kinderlied und Spielzeugkreisel, unbeschwerten Fotos und
blutigen Ortsnamen mischt so verschiedene Bewusstseinsschichten zu irritierender
sinnlicher Einheit.«
Wendelin Zimmer: Irritierende Erinnerung. Aus: Neue
Osnabrücker Zeitung vom 23. 5. 1998. Vgl. auch Katalogteil Rihs/14/
S. 17 ff.
Wallots Reichtag
Ansicht um 1930
Reichstagskuppel im Inneren I
Verspiegelte Säule
[Wallot] »... suchte und fand das Schöne überall, in
den Werken aller Zeiten, aller Stile; eben dadurch ist er in so hohem Maße
ein moderner Künstler, ein echter Sohn seiner Zeit, die alles Vergangene
kennt und mit noch nie da gewesener ästhetischer Gerechtigkeit genießt
und beurteilt. [...] Freilich - manch strenger Verfechter einer archäologisch
abgeleiteten Stilreinheit mag bedenklich den Kopf geschüttelt haben,
als er sah, wie Wallot Altes und Neues, Klassisches und Romantisches, Gotisches
und Barockes, Römisches, Deutsches, Altfranzösisches und Spanisches
kühn vermengte. [...] Alle Architektur ist bisher an der ausdrücklich
gestellten Aufgabe gescheitert, der staatlichen Repräsentation des
Volkes angemessen Ausdruck zu geben.«
Streiter, R.: Der Deutsche Reichstag. Berlin 1894;
gefunden in Kammerlohr: Epochen der Kunst, Band 4, München und Wien
1994, S. 138
Im Inneren II
Aussichtsplattform
[...] gibt es in Deutschland ein soziales Gewissen jenseits der grünen
Parteien und man diskutiert alle Fragen der Umweltverträglichkeit
von Architektur auf hohem Niveau.
Die Elemente, die wir hier sehen, die wir gestaltet haben, respektieren
die Vergangenheit, aber sie sind kompromisslos modern.
Die Silhouette des Gebäudes kann etwas anderes gar nicht sein
als ein Symbol des Reichstages. [...] Der Symbolgehalt der Kuppel kann
nicht getrennt werden von der Entwurfsidee, dass in ihr Tageslicht tief
in das Herz des Gebäudes hineingezogen wird, dass sie den Blick von
oben in den Plenarsaal ermöglicht, dass sie umgekehrt wie ein Leuchtturm
wirkt und Signale aussendet vom Prozess der Demokratie.
Aus: Blickpunkt Bundestag, Sonderheft zur Eröffnung
des Bundestages 1999, S. 29
Georg Baselitz: Friedrichs Melancholie, 1998.
(im Original - etwa 5 x 4 m)
Caspar David Friedrich: Schlafender Knabe, um 1802
(im Original 7,7 x 11,3 cm)
UfA-Palast in Dresden

Anmerkungen
1 Vgl. hierzu Johannes Heisig:
Nun wird zur Vernissage ein bunter Hut getragen; in: /7/ S. 55
2 Ebenda
3 Karin Thomas: Kultur; in: /1/
S. 514
4 »Das Streben nach Prestige-
und Valutagewinn wurde ein immer mächtigerer Gegenpol zu aller Ideologie,
ja, es geriet zur eigentlichen neuen Staatsideologie. Die Mächtigen
griffen lieber nach der Kohle, als lange Formalismusdebatten zu führen.«
Aus: Johannes Heisig, Vernissage, in: /7/ S. 55
5 Foto: Werner Lieberknecht, Dresden;
aus /13/ S. 7
6 art 2/1999, S. 25
7 Christian Tröster: Die Avantgarde
wird Staatskunst, in: art 2/1999, S. 22
8 /5/
9 Gerwin Zohlen: Rationalität
und Präzision, Porträt des Architekten Sir Norman Foster; aus:
/2/ oder Blickpunkt Bundestag, Sonderheft zur Eröffnung des Bundestags
1999, S. 28.
10 Paul Wallot: Frankfurter Architekt,
erhielt nach einem 1882 wiederholt ausgeschriebenen Wettbewerb den Auftrag
für den Reichstagsbau, dessen Grundsteinlegung am 9. 6. 1884 in Anwesenheit
von Kaiser Wilhelm I. und Reichskanzler Otto von Bismarck erfolgte; vgl.
/12/ Bd. 4, S. 138 f.
11 Zohlen, Rationalität, Anm. 18
12 Axel Hecht und Heinz Peter Schwerfel:
Vorwärts in die Erinnerung, ein Interview mit Georg Baselitz. In:
art 2/1999, S. 17f.
13 /19/ S. 52
14 Konsequenter als die dekorativ überfrachtete
Architektur von Hundertwasser, z. B. in Wien.
15 Gottfried Semper (1803-1879), Architekt
und Kunstwissenschaftler, populärer Vertreter des Historismus, schrieb
1884 sein Hauptwerk »Der Stil«, bekannte Bauwerke: Opernhaus
und Galerie Alte Meister in Dresden (ihm zu Ehren: Semperoper und Sempergalerie),
Burgtheater in Wien, Bahnhof und Polytechnikum in Zürich (aus Unterrichtsnotizen
des Autors).
16 Niklas Maak: Bizarre Gehäuse
(UfA-Palast in Dresden), In: ZEITPunkte 6/1999, S. 53
Literaturnachweis
/1/ Werner Weidenfeld und Karl-Rudolf
Korte (Hrsg.): Handbuch zur deutschen Einheit 1949-1999, Bonn 1999
/2/ http://www.bundestag.de
/3/ Begleittext zum Kunstkalender
der Deutschen Bank AG, Köln 1993
/4/ Christian Bahr. Der neue
Bundestag im alten Reichstag, Berlin 1999
/5/ Christo und Jean Claude:
Verhüllt - Der Reichstag in Berlin; art Spezial, Beilage zum Heft
art 7/1995
/6/ DER SPIEGEL 45/1999
/7/ Frankfurter Allgemeine Zeitung
vom 30. 11. 1999
/8/ Hans Belting: Identität
im Zweifel - Ansichten der deutschen Kunst, Köln 1999
/9/ http://www.capek.com
/10/ http://www.ufakino.de
/11/ info-ROM 1997, CD-Rom der Bertelsmann
Electronic Publishing GmbH, München 1997
/12/ Kammerlohr: Epochen der Kunst,
Band 4+5, München und Wien 1994/95
/13/ Katalog zur Ausstellung »Angela
Hampel und Gudrun Trendafilov - Neue Bilder«, Galerie Döbele
GmbH, Stuttgart 1991
/14/ Katalog zur Ausstellung »As
the world turns« von Liz Bachhuber und Christoph Rihs in der Kunsthalle
Erfurt im Haus zum Roten Ochsen 1998
/15/ Katalog zur Ausstellung TORTÜR
von Steffen Volmer in Chemnitz 1992
/16/ Klant, Walch: Grundkurs Kunst
1, Hannover 1990
/17/ Willi Geismeier: Caspar David
Friedrich, Leipzig 1973
/18/ Werner Hofmann: Wie deutsch ist
die deutsche Kunst? Eine Streitschrift, Leipzig 1999
/19/ ZEITPunkte 6
/20/ alle unter M2 zitierten Artikel
Abbildungsnachweis
Atelierfoto von Werner Lieberknecht: Angela Hampel und
Gudrun Trendafilov vor der Wandinstallation »Wiederbegegnung«,
Dezember 1990. Aus: /13/ S. 7 H Bachhuber: Conference I+II, aus:
/14/ Katalogteil Liz Bachhuber, S. 30 H Friedrich: Schlafender
Knabe, 7,7 x 11,3 cm, Staatliche Kunstsammlungen Dresden. H Hampel:
Frau mit Ziegenbock, Mischtechnik auf Papier, 56,5 x 44,5 cm, aus: /13/
S. 23, (c) VG Bild-Kunst, Bonn 2000 H Trendafilov: Sitzende vor roter
Mauer, Mischtechnik auf Papier, 73,0 x 61,0 cm, aus: /13/ S. 40, (c) VG
Bild-Kunst, Bonn 2000 H Reichtagskuppel von Wallot, aus: /12/
S. 138 H Baselitz: Friedrichs Melancholie, Öl auf Leinwand,
485 x 395 cm, aus: art 2/99, S. 13 (c) Georg Baselitz, Derneburg, Courtesy
Galerie, M. Werner, Köln und New York H alle weiteren Abbildungen
sind Fotos des Autors
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