Zeitschrift 

DeutschlanD & Europa

Das vereinigte Deutschland
in Europa
 

Heft 40/2000 , Hrsg.: LpB

 

Inhaltsverzeichnis



III. Die ostdeutsche Landwirtschaft und die EU-Agrarpolitik:
Gesunde Betriebe, krankes Land

Von Stefan Mann und Lothar Schaechterle

Die Einführung der DM am 1. Juli 1990 hatte den Eintritt der DDR in den Gemeinsamen Agrarmarkt und die deutsche Einheit die Übernahme einer gänzlich neuen Agrarverfassung für die Landwirtschaft in den neuen Bundesländern zur Folge. Damit wurden zum wiederholten Male die Rahmenbedingungen fundamental verändert - für Menschen, Betriebe und Produktion. Der tiefgreifende und umfassende Strukturwandel in den neuen Bundesländern lässt sich auch am seltener dargestellten Beispiel der Landwirtschaft aufzeigen - einem Wirtschaftsbereich, der entscheidend von den Vorgaben der europäischen Agrarpolitik und ihrem Zusammenwirken mit nationaler und regionaler Politik geprägt ist.

Struktur

Im Gegensatz zu den Industriebetrieben war die Landwirtschaft der DDR nur zu einem geringen Teil verstaatlicht. Im Zuge der Bodenreform wurde rund eine halbe Million Hektar, ein Zehntel der landwirtschaftlichen Fläche der DDR, in Volkseigene Güter umgewandelt, der Rest blieb stets in privater Hand. Durch die zunächst von interessierten Landwirten, dann massiv vom Staat initiierte Kollektivierung der Landwirtschaft Ende der fünfziger und Anfang der sechziger Jahre wurde jedoch das Nutzungsrecht am privaten Boden stark eingeschränkt. Die gegründeten Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG), die 1989 eine durchschnittliche Größe von rund 4000 ha erreicht hatten, produzierten nach Plan und nicht nach den Wünschen der Bodeneigentümer.

Im Zuge der Wiedervereinigung wurden zwei alternative Entwicklungsoptionen der DDR-Landwirtschaft diskutiert, wobei relativ schnell deutlich wurde, dass es sich im Ergebnis um ein »sowohl als auch« und nicht um ein »entweder oder« handeln würde. Auf der einen Seite stand der Fortbestand der großen, genossenschaftlich organisierten Betriebe, der insbesondere von Agrarökonomen und der landwirtschaftlichen Führungsschicht der DDR propagiert wurde, auf der anderen Seite die Bildung von Familienbetrieben nach westdeutschem Muster, eine Option, die nicht nur von konservativen Politikern, sondern auch von privatwirtschaftlich orientierten Landwirten Ostdeutschlands angestrebt wurde. 1990/91 gab es wenige Genossenschaften, in denen kein offener Streit zwischen denen entbrannte, die für den Weiterbestand des Betriebes kämpften, und denen, die ihr Land aus dem Betrieb lösen wollten, um es selbst zu bewirtschaften oder - weit öfter - mit höherem Gewinn zu verpachten.

Als Ergebnis dieses Konflikts wird heute gut die Hälfte der landwirtschaftlichen Fläche (LF) in den neuen Ländern von Nachfolgeunternehmen der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften bewirtschaftet, die zum Teil als Genossenschaften weiter bestehen (31% der LF), zum Teil aber auch als stärker hierarchisch organisierte GmbH (22%) oder Aktiengesellschaften (1%) umgestaltet wurden. Auf dem Rest der Fläche arbeiten die so genannten Wiedereinrichter, wobei nur 22% der Fläche (allerdings 81% aller Betriebe) von Einzelunternehmen bewirtschaftet werden. Weitere 22% werden von Personengesellschaften bestellt, d. h. von zwei oder mehreren Landwirten in mehr oder weniger losem Zusammenschluss.  zeichnet die Entwicklung der landwirtschaftlichen Betriebe nach und zeigt die Probleme auf, die sich vor allem im Einheitsprozess ergaben. Ein Überblick über unterschiedliche Betriebsgrößen und deren Verteilung lässt sich mit Hilfe von  gewinnen.

Auch heute gibt es daher noch Betriebe, die ihre Größe seit der Wende nicht wesentlich verändert haben und auf 4000 ha wirtschaften. Durch die Aufteilung vieler Genossenschaften und die Entstehung von Nebenerwerbsbetrieben liegt die durchschnittliche Größe landwirtschaftlicher Betriebe in den neuen Ländern inzwischen bei 223ha, verglichen mit 24 ha für Westdeutschland. Zwischen den einzelnen Bundesländern sind die Unterschiede zum Teil noch größer, wenn man etwa Baden-Württemberg mit einer durchschnittlichen Betriebsgröße von 19 ha mit Sachsen-Anhalts Durchschnittsgröße von 323 ha vergleicht. Einen Ost-West-Vergleich dieser Angaben stellt  her.

Diese enormen Größenunterschiede zwischen Ost und West können für die Gewinnsituation der Landwirtschaft nicht ohne Konsequenz bleiben. Die ostdeutschen Betriebe können es sich aufgrund ihrer Größe leisten, extensiver zu wirtschaften, d. h. sie holen pro Hektar weniger Gewinn heraus als ihre westdeutschen Kollegen. Aber  zeigt, dass die Betriebe in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern einen doppelt so hohen Gewinn ausweisen wie bayerische und baden-württembergische Betriebe.

Dabei sollte es selbstverständlich sein, dass es auch innerhalb der ostdeutschen Agrarbetriebe große Unterschiede in Bezug auf die Gewinnsituation gibt. Von 63 zufällig ausgewählten Haupterwerbsbetrieben in Mecklenburg-Vorpommern wurden in einer ökonometrischen Untersuchung der Universität Rostock zehn als besonders erfolgreich, 14 dagegen als akut gefährdet eingestuft. Die besonders gefährdeten Betriebe, so ergab die Analyse, waren bereits zum Zeitpunkt der Wiedervereinigung überdurchschnittlich verschuldet, hatten dennoch hohe Kredite aufgenommen und wiesen zudem unterdurchschnittliche Erträge auf. Besonders erfolgreich dagegen konnte seit der Wiedervereinigung die Geflügel- und Eierproduktion in den neuen Ländern aufgebaut werden, da hier die einzelnen Marktpartner gut aufeinander abgestimmt waren. Aufgrund starker politischer Unterstützung wies auch die Mutterkuhhaltung in Ostdeutschland enorme Zuwachsraten auf.

Agrarpolitik

Das zentrale Instrument der Gemeinsamen Agrarpolitik der EU (GAP) ist der Europäische Ausrichtungs- und Garantiefonds der Landwirtschaft (EAGFL). Wie bereits im Namen angedeutet, untergliedert sich der EAGFL in die Abteilung Ausrichtung, die für Strukturpolitik zuständig ist, und die Abteilung Garantie, von der die Ausgaben für die Agrarmarktpolitik getragen werden. Den grundsätzlichen, mit dieser Politik verbundenen Paradigmenwechsel zeigt .

Eine Aufgliederung der 40 Mrd. Euro, des jährlichen Budgets der Abteilung Garantie, auf Ostdeutschland ist weder möglich noch sinnvoll. Wenn die Milch sächsischer Kühe in Bayern zu Butter verarbeitet wird und diese Butter dann in die staatliche Intervention verkauft wird, wären diese Mittel dann Ost- oder Westdeutschland zuzuordnen? Die Entwicklung innerhalb der Abteilung Garantie kommt jedoch der ostdeutschen Betriebsstruktur entgegen: Es werden immer weniger Agrarprodukte vergütet, dafür aber immer mehr Hektarbeihilfen gezahlt. Während es für den 15-Hektar-Betrieb in Süddeutschland wenig interessant ist, wenn er für seinen Weizen zwar immer weniger bekommt, jeder seiner acht Hektar Weizen jedoch mit 800 DM vergütet wird, bedeutet die gleiche Regelung für die 1500 Hektar-Genossenschaft mit 800 Hektar Weizen eine staatliche Beihilfe von 640000 DM, ohne auch nur eine Tonne Weizen verkauft zu haben.

Vor dem Hintergrund dieser Überlegungen wurde in den vergangenen Jahren von der Europäischen Kommission vorgeschlagen, für staatliche Direktzahlungen Obergrenzen einzuführen. Dies scheiterte nicht zuletzt am parteiübergreifenden Widerstand ostdeutscher Landwirtschaftsminister.

Aus der Abteilung Ausrichtung, die mit etwa einem Achtel der Mittel der Abteilung Garantie auskommen muss, wird in Form etwa fünfjähriger Rahmenprogramme Strukturpolitik betrieben. Im letzten Rahmenprogramm 1994-1999 flossen etwa fünf Mrd. DM nach Deutschland, von denen gut die Hälfte in den neuen Ländern verwendet wurde. Die (gemessen an der LF) ungleich höhere Förderdichte in den neuen Ländern erklärt sich dadurch, dass diese im Unterschied zu den alten Ländern ein so genanntes Ziel-1-Gebiet sind. Als Ziel Nr. 1 der Strukturpolitik der EU wurde seinerzeit die »Förderung der Entwicklung und der strukturellen Anpassung in den Regionen mit Entwicklungsrückstand« definiert. Die entsprechenden Regionen definieren sich durch ein Bruttoinlandsprodukt je Einwohner, das unter 75 % des Durchschnittseinkommens der EU liegt.

Für die Verteilung der Mittel aus der Abteilung Ausrichtung, angereichert mit Geldern aus Bundes- und Landeshaushalt, hat jedes Bundesland - in Abstimmung mit der Europäischen Kommission - eigene Kriterien erlassen. Grundsätzlich teilen sich die Mittel jedoch relativ gleichmäßig zwischen zwei Bereichen auf. Einerseits werden einzelbetriebliche Investitionen unterstützt, die entweder die traditionelle Produktion z. B. durch Bau neuer Ställe unterstützen oder aber eine Diversifizierung der Agrarbetriebe z. B. in Richtung Tourismus oder Direktvermarktung ermöglichen. Weitere Beispiele gibt  wieder. Andererseits werden Maßnahmen des Landes oder der Kommunen unterstützt, z.B. ländlicher Wegebau, Dorferneuerung oder Gewässersanierung. In diesen  Bereich öffentlicher Investitionen fließen auch Mittel des Bundes ein, die in Form des Investitionsförderungsgesetzes jährlich unabhängig von der EU an die neuen Länder gehen.
Eine weitere Besonderheit ostdeutscher Agrarpolitik ist die fortgesetzte Privatisierung ehemals volkseigener Flächen. Allein im Jahr 1998 wurden über 100000 Hektar privatisiert, wobei es sich bei über der Hälfte der Flächen um Wald handelte. Bis 1998 verkaufte die beauftragte Bodenverwertungs- und -verwaltungs GmbH die Flächen bevorzugt an ehemalige DDR-Bürger und Opfer von Enteignungen. Diese Praxis wurde von der Europäischen Kommission als wettbewerbswidrig angesehen. Mittlerweile wurde zwischen EU-Kommission und Bundesregierung ein Kompromiss gefunden, der ehemals staatliche Flächen einer breiteren Allgemeinheit zugänglich macht.

Ländliche Räume

Während 1989 noch eine Million Personen in der  Landwirtschaft Ostdeutschlands beschäftigt waren, waren es 1998 nur noch 166000. Ein solcher Arbeitskräfteabbau, der sich beschleunigt in der ersten Hälfte der neunziger Jahre vollzog, kann nicht ohne Konsequenzen für den ländlichen Raum bleiben. Die Arbeitslosigkeit in ländlichen Gebieten liegt heute fast durchweg oberhalb des Durchschnittes der neuen Länder von rund 15 Prozent; einschließlich der verdeckten Arbeitslosigkeit wird sie stellenweise auf fünfzig Prozent beziffert. In der Landwirtschaft und daher auch im ländlichen Raum ist darüber hinaus auch die saisonale Arbeitslosigkeit besonders ausgeprägt. Bildungseinrichtungen haben jährliche Winterkurse für Traktoristen, die erst im Sommer wieder in »ihrem« Betrieb benötigt werden, fest im Programm.

Im Umfeld großer Städte wie Leipzig oder Berlin profitiert der ländliche Raum vom Entstehen wohlhabender und wirtschaftlich dynamischer »Speckgürtel«. Aus dem Wegfall landwirtschaftlicher Erwerbsmöglichkeiten und fehlenden alternativen Arbeitsplätzen in Industrie und Mittelstand peripher gelegener ländlicher Räume resultiert eine aus regionalökonomischer Sicht problematische Abwanderungsbewegung. Studien aus der Bundesforschungsanstalt für Landwirtschaft Braunschweig prognostizieren, dass alleine 1990-2000 in ländlichen, peripher gelegenen Landkreisen Ostdeutschlands die Bevölkerung um zwölf Prozent abnimmt, wobei sich die Faktoren Abwanderung und Geburtenschwäche im Effekt weitgehend die Waage halten. Dabei wird der Anteil der Achtzehn- bis Fünfundzwanzigjährigen an den Migranten auf über 50 Prozent geschätzt. Es handelt sich hierbei um Landkreise, die mit durchschnittlich 54 E/km2 weit dünner besiedelt sind als entsprechend periphere Kreise Westdeutschlands mit 95 E/km2.

Die Soziologen Brauer, Ernst und Willisch haben in einer Studie über die Gemeinde Tranlin in Brandenburg versucht, ein soziologisches Bild der Dorfentwicklung vor und nach der Wiedervereinigung zu zeichnen.  enthält Ausschnitte aus dieser Studie.

Gerade weil sich die landwirtschaftlichen Betriebe Ostdeutschlands seit der Wiedervereinigung zu hocheffizienten (und damit arbeitssparenden) Produktionseinheiten entwickelt haben, ist die volkswirtschaftliche Rolle der entlegenen ländlichen Räume hier neu zu definieren. Beispielhaft beleuchtet  die beiden Seiten der Medaille. Ein allmähliches Ausbluten der ländlichen Regionen gerade im Norden der neuen Länder mit entsprechendem Zusammenbruch der notwendigen Infrastruktur ist nur zu verhindern, wenn etwa aus dem Bereich des Handwerks oder der Dienstleistungen neue Betriebe geschaffen werden können, die den Regionen ein neues wirtschaftliches Profil zu geben vermögen.  bietet Anregung zur Diskussion über diese Fragen.

Materialien

Mecklenburg-Vorpommerns Landwirtschaft als Exempel

Pufahl ist Landwirt. Er lebt in Ducherow, einem 3000-Seelen-Dorf bei Anklam - dort, wo Mecklenburg langsam zu Pommern wird. Pufahls Geschichte beginnt eigentlich schon mit der politischen Wende, als die Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) mit dem Wegfall der Subventionen zu zerfallen begannen. Damals wurde aus der einst zwangskollektivierten LPG Ducherow die marktwirtschaftlich sogar erfolgreiche Agrar-GmbH & Co. KG Ducherow. Erfolgreich waren die Ducherower Bauern, weil sie zum einen ihr Handwerk verstehen, zum anderen rechnen können. Die Agrar-GmbH musste nämlich auch sämtliche Schulden übernehmen, die die LPG gegenüber den SED-Planwirtschaftlern machen musste. (...)

Fast alle LPG und ihre Nachfolger haben heute Millionen-Schulden, die mit der Landwirtschaft rein gar nichts zu tun haben. Sie stammen zum Beispiel aus Krediten für die von oben befohlene »Energieträgerumstellung« - eine Kampagne der DDR-Wirtschaftslenker, bei der Ende der 80er-Jahre alle Öl-Heizhäuser für den Betrieb mit stinkender, aber heimischer Braunkohle umgerüstet werden mussten. Andere Schuldbeträge stammen aus der Finanzierung von Bauarbeiten für den neuen Dorf-Konsum, der Einrichtung eines Kreiskulturhauses, des Gemeindebüros oder des Jugendklubs des Dorfes.

Die Agrar-GmbH & Co. KG Ducherow startet mit runden 3,4 Millionen Mark solcher Schulden in die Marktwirtschaft. Und: Die Ducherower  Bauern arbeiten größtenteils auf Bodenreformland, das jetzt in Händen der Treuhandtochter Bodenverwertungs- und -verwaltungs GmbH (BVVG) liegt und bisher immer nur für ein Jahr an seine Nutzer verpachtet wird.
»Treuhandflächen« - so nennen die Bauern die Wiesen, Weiden und Äcker, die sie bewirtschaften - sind jene Ländereien, die zwischen 1945 und 1949 enteignet wurden. (...) Die einstigen Besitzer setzten sich zumeist in den Westen ab. Verteilt wurde das Land unter Landarbeitern und zugewanderten Neubauern, die es später als Anteile in die zwangskollektivierten LPG einbrachten. (...)

Die einjährigen Pachtverträge für die Treuhandflächen nützen den Bauern nur wenig. Sie müssen investieren, brauchen die langfristigen, 12-jährigen Verträge, um bei den Banken bestehen zu können. (...)

Für die Treuhand beginnt ein Regelspiel, mit dem sie mit den unterschiedlichen Forderungen fertig zu werden versucht. Eine der Regeln: Vorrang bei den langfristigen Verpachtungen haben ortsansässige Einzelbauern. Die Mitglieder der Ducherower Agrar-GmbH ziehen Ende 1992 die Konsequenz daraus. Sie lösen ihren Gesellschaftsvertrag. Der Preis: Sechs Bauern, unter ihnen Manfred Pufahl, können sich nicht nur die verschlissene Technik und die maroden Gebäude der LPG teilen, sondern sie müssen auch die Altschulden der LPG unter sich aufteilen und dafür aufkommen. Manfred Pufahl vertraut auf seine Fähigkeiten: Er übernimmt eine Million Schulden.

Die andere Treuhandregel: Ein tragbares Wirtschaftskonzept muss vorgelegt werden. Auch hier kommt Pufahl schnell zur Sache. Im März 1993 liegt sein Konzept vor, für das er 763 Hektar Treuhandflächen benötigt.

Aus: Das Parlament vom 21. 1. 1994

Landwirtschaftliche Betriebe nach Größenklassen 1997

Aus CD-ROM zum Agrarbericht 1999

Landwirtschaftliche Einzelunternehmen 1997

Aus CD-ROM zum Agrarbericht 1999
Haupterwerbsbetriebe sind alle Betriebe mit 1,5 und mehr Arbeitskräften oder Betriebe mit 0,75 bis 1,5 Arbeitskräften, die mindestens 50% ihres Einkommens aus land- und forstwirtschaftlicher Tätigkeit erzielen. Haupterwerbsbetriebe verfügen in der Regel über deutlich größere Produktionskapazitäten als Nebenerwerbsbetriebe.

Planwirtschaft - Marktwirtschaft

Im Januar 1990 war in der damals noch meistgelesenen Zeitung der DDR, dem Neuen Deutschland (ND) auf der Titelseite ein Foto zu sehen, das das Unterpflügen von Porree (in Westdeutschland auch: Lauch) in einer LPG zeigte. Aus der Tatsache, dass kein Abnehmer für das Gemüse gefunden werden konnte, entspann sich eine empörte Diskussion unter den ND-Lesern über die Vernichtung hochwertiger Lebensmittel.

Was für den »gelernten DDR-Bürger« eine Ungeheuerlichkeit war, ist selbstverständlicher Bestandteil der EU-Agrarpolitik. Aus Gründen der Marktentlastung, also Preisstützung, werden insbesondere Obst und Gemüse regelmäßig vernichtet. Spitzenreiter sind griechische Pfirsiche, von denen mittlerweile 60 Prozent der Ernte dem »Marktentzug« zugeführt werden. Professor C. Ritson, einer der führenden Agrarökonomen Europas, verteidigt die Vernichtung von Lebensmitteln: Die Produzenten würden davon profitieren, die Konsumenten nicht wesentlich darunter leiden.

Was hier aufeinanderprallt, sind zwei unterschiedliche Prinzipien. Grundlage der Lebensmittelvernichtung in der EU ist letztendlich das utilitaristische Prinzip, wonach jede Maßnahme gerechtfertigt ist, solange sie die Summe des Nutzens der Beteiligten erhöht. In der DDR dagegen waren Lebensmittel stets etwas, was als Ernährungsgrundlage der Gesellschaft einen Wert an sich darstellte und daher nicht missbraucht werden durfte. Erst langsam haben sich Ostdeutsche an die neuen Prämissen europäischer Agrarpolitik gewöhnen können.
Stefan Mann (eigener Text)

Verarbeitung im Wandel

Im Bereich der Agrarforschung investiert die Bundesregierung seit Beginn der neunziger Jahre einen Großteil ihrer Mittel in den Bereich »Nachwachsende Rohstoffe«. Aus den hier erzielten Forschungsergebnissen kommen mittlerweile einige Non-Food-Produkte auf den Markt.
1996 wurde beispielsweise im thüringischen Donndorf die Compopure Stärke AG gegründet, die sich ebenfalls auf die Weiterverarbeitung von Agrarprodukten im Nichtnahrungsbereich spezialisiert hat. Die Firma, in der mittlerweile 15 Mitarbeiter in Produktion und Vertrieb beschäftigt sind, bietet folgende Produktpalette an:

  • Besteck und Geschirr für den Imbissbereich
  • Beutel und Folien
  • Pflanzenbänder und anderer Floristenbedarf
  • Verpackungsclips
  • Sitzkissen

Die Besonderheit dieser Produkte ist, dass sie alle aus Kartoffeln oder Weizen hergestellt wurden. Sie können nach Gebrauch kompostiert werden und leisten somit einen nachhaltigen Beitrag zum Prinzip der Kreislaufwirtschaft.
Auch das wäre zu DDR-Zeiten nicht möglich gewesen: Die Gewinnung von Verpackungsmaterialien aus Agrarprodukten.
Stefan Mann (eigener Text)

Dörfer im Wandel

Die LPG »Frischer Wind« Tranlin dominierte »ihre« Gemeinde. Wie groß die Bedeutung der LPG in der Alltagswelt der Tranliner war, wird bei der Thematisierung der Zukunftsaussichten beider Institutionen deutlich. Dieses kann zunächst anhand eines kurzen Interviewausschnittes expliziert werden. So fragten wir Frau Singler am Tag der Deutschen Einheit 1990:
»Was denken Sie nun, wie es so weiter geht in Tranlin, jetzt?«. Darauf sie:
Nüscht! Die Tranl... - äh LPG, macht bald Pleite .... das glaub ich ganz bestimmt. Es geschieh nichts, da wird nichts gemacht, es ist alles noch ... wie gehabt, es wird nichts verändert.

Unter den verschiedensten Lesarten dieser Passage wird zunächst eine festgehalten. Da ist zum einen der Versprecher, Die Tranl... - äh LPG. Hier wird schon eine, noch zufällig erscheinende Gleichsetzung der LPG mit dem Ort verbalisiert. Aber ist das Zufall? Die Frage zielte doch eindeutig auf den Ort: Wie es so weitergeht in Tranlin? (jetzt?). Vieles hätte an dieser Stelle zur Sprache kommen können: bei einer positiven Sicht, die Freude den eigenen Besitz zurückzubekommen, die höhere Rente, Genugtuung für erlittenes Unrecht usw. Oder enger auf den Ort bezogen, dass sie nun die Straße bekämen, auf die sie schon so lange gehofft hatten oder dass der Gemeinderat endlich demokratisch gewählt werden kann. Sie wählt eine skeptische Variante (wie übrigens viele andere auch). Sie thematisiert, obwohl sie Rentnerin ist und unter der LPG eher gelitten hat, das für sie Naheliegendste: Der Ort lebt und stirbt mit der LPG, hier wird nüscht, weil die LPG ja auch nüscht macht, und nun auch noch Pleite geht. Also ist der Versprecher doch nicht so zufällig, sie meint beides in einem: Tranl... äh LPG. Trotz ihrer ablehnenden Haltung gegenüber (»... wie gehabt ...«) der LPG bindet sie das Schicksal des Ortes an diese Institution, und steht damit nicht allein. Wie konnte eine derart starke Bindung zwischen der Bevölkerung der Gemeinde und dem Betrieb zustande kommen, wenn der doch unter Zwang entstanden war?

Der erste Grund dafür muss in der immensen Verflechtung des Betriebes als Arbeitgeber mit dem Wohnort gesucht werden. In den 50er- und 60er-Jahren arbeiteten 2/3, später die Hälfte aller Einwohner in der LPG. Alle betrieblichen Entscheidungen betrafen somit auch unmittelbar das Zusammenleben in der Gemeinde. Schon der Umstand, dass man fortan tagtäglich die Kollegen auf dem Feld oder im Stall traf, war eine entscheidende Veränderung zur bäuerlichen Organisation. Dies umso mehr, als alle Mitglieder den Brigaden zugeordnet waren. Den Nachbarn oder den Schwager, Onkel oder Cousin traf man jetzt nicht mehr nur nach Feierabend, an Geburtstagen oder kleineren Anlässen, sondern man war kollegial miteinander verbunden. Dazu kommt, dass zwar im Großen und Ganzen eine Trennung von Wohnung und Arbeitsstätte herbeigeführt wurde, dass aber auf Gemeindeebene diese Einheit weiter bestand. Solange die Tier- und Pflanzenproduktion verbunden waren und später besonders für die weiter bestehende Tierproduktion bildete die Wohngemeinde auch den Arbeitsraum. Insofern knüpfte die dörfliche Organisationsform der LPG an bäuerliche Traditionen an. Die LPG war auf vielfältige Weise in die Gemeindepolitik eingebunden. Auf staatliche Anweisungen hin hatte sie Kommunalverträge (»Tier« und »Pflanze« gleichermaßen) mit der Gemeinde abzuschließen, in denen die Erbringung bestimmter Leistungen der Gemeinde zugesichert wurden. Das betraf Finanz- und Arbeitsleistungen. So baute die LPG Ortsverbindungsstraßen, den Festplatz und Fußwege. Sie finanzierte die Aufwendungen der freiwilligen Feuerwehr und unterstützte die »Kameraden« mit ihrer Technik. In anderen Dörfern errichtete die LPG Kulturhäuser oder betrieb die Gemeindebibliothek usw. Die LPG sorgte für den Wohnraum ihrer Beschäftigten, half beim Aus- und Umbau der Wohnungen und stellte nicht selten das Material dafür zur Verfügung, das ja in der DDR meist nur sehr schlecht zu besorgen war.

Abschließend möchten wir auf die Zusammenhänge der beiden großen politischen Umgestaltungen der Landwirtschaft in Ostdeutschland hinweisen. In beiden Fällen wurden politische Ziele mit »wirtschaftlichen Notwendigkeiten« begründet und zum Teil durchgesetzt. Die Kollektivierung sollte den vermeintlichen »politischen Widerstand der Bauern« brechen (die nichts weiter als ihre Selbstständigkeit bewahren wollten), um die Alleinherrschaft der SED auf dem Lande auszubauen. Begründet wurde dies mit der angeblichen  wirtschaftlichen Überlegenheit der kollektiven Landbewirtschaftung. Die Dekollektivierung wurde ebenfalls mit der wirtschaftlichen Notwendigkeit bestimmter Betriebsformen begründet. Letztendlich sollten die LPGen aber wohl auch deswegen geschliffen werden, weil in ihnen der Hort kommunistischer Unfreiheit auf dem Land vermutet wurde. Eine Modernisierungspolitik aber, die sich nicht von ideologischen Vorurteilen trennen kann, entwickelt sich entgegen den eigenen Intentionen oder kann (wie im Fall der Kollektivierung) nur mit Gewalt und Unterdrückung durchgesetzt werden. Im Fall der Privatisierung wurden nun aber weder die angestrebten Betriebsformen und -größen durchgesetzt, noch die Funktionäre der LPG effektiv entmachtet, dafür aber ein beispielloser Stellenabbau vorgenommen.
Aus: Brauer, K. / Ernst, F. / Willisch A.: Industriearbeiter aufs Land - Landleben in der DDR zwischen Kollektivierung und Transformation (unveröffentlicht, 1998)

Blühende Landschaften?

Nur die Agrarwirtschaft des einstigen Arbeiter- und Bauernstaates brachte es zu den von Kohl versprochenen blühenden Landschaften. Die wenigen verbliebenen Landwirte haben von der Wende profitiert, sie können mit ihren durchschnittlich 126 Hektar großen Vollerwerbsbetrieben höchst rationell und zu Weltmarktpreisen wirtschaften, der Zwangskollektivierung sei Dank.

[...] »Die Landwirtschaft«, sagt Dietmar Ehrenholz, 41, Vorsitzender der Agrargenossenschaft Minzow nahe der Müritz stolz, »ist der einzige Wirtschaftszweig im Osten, der besser funktioniert als im Westen.«
Ehrenholz war vor der Wende Chef der Landwirtschaftlichen Genossenschaft (LPG) »Rosa Luxemburg«, gründete mit Kollegen die Genossenschaft und übernahm große Teile der LPG. Mit Millionenkrediten wurde der Maschinenpark komplett ausgetauscht; 20 Mitarbeiter bewirtschaften heute rund 1000 Hektar Land, lassen 300 Stück Vieh grasen und mästen etwa 4000 Schweine.
Aus: Der Spiegel 45 / 1999, S. 41

Akzeptanz im Wandel

Aufgrund ungesicherter Märkte und nicht etablierter Absatzkanäle hatte sich die Schweinehaltung in Mecklenburg-Vorpommern zwischen 1991 und 1997 halbiert. Die Landesregierung versuchte daraufhin, auswärtige Investoren mit großen (8000 Mastschweine) und modernen Anlagen in geeigneten Dörfern anzusiedeln. Doch in den Gemeinden organisierte sich Widerstand. [...]

Die Universität Rostock ermittelte nun in einer Befragung, welche Faktoren für die Meinung der Bewohner und für die Entscheidung der Gemeinderäte ausschlaggebend waren.

Betrachtet man die Antworten auf die einzelnen Fragen, so ist festzustellen, dass der Durchschnitt der Befragten eine »eher negative« Einstellung zur großbetrieblichen Schweineproduktion in der eigenen Gemeinde hatte. Fragen nach einer möglichen Geruchsbelästigung durch Schweinehaltung und der Bevorzugung regional erzeugter Lebensmittel wurden überwiegend bejaht, während das Statement, auswärtige Investoren könnten mehr für die Region tun als einheimische, im Großen und Ganzen abgelehnt wurde.

[...] Eine statistische Analyse der Fragebögen zeigte, dass die Einstellung  zu  Arbeitsplatz- und Einkommenseffekten, die Bevorzugung regional erzeugter Nahrung sowie die Akzeptanz auswärtiger Investoren einen weit größeren  Einfluss auf die Einstellung zur Schweineproduktion hat als etwa die Frage nach der Umweltwirkung oder der Erhöhung des Verkehrsaufkommens durch Schweinehaltung. Einzig die Beurteilung großer Haltungseinheiten im Vergleich zur kleinbetrieblichen Schweinehaltung vermochte unter den Negativargumenten einen Beitrag zur Gesamteinstellung zu leisten. Gerade aufgrund des Arbeitsplatzarguments waren es neben den Landwirten auch die Arbeitslosen, die einer derartigen Investition in ihrer Gemeinde positiver gegenüberstanden als die sonstigen Befragten.

Fast noch interessanter war die Untersuchung der nach Gemeindegruppen geordneten Fragebögen. Man sollte meinen, dass die Einstellung der Bevölkerung zur geplanten Investition in den Gemeinden, die dem Bau zugestimmt hatten, positiver war. Dies war jedoch nicht der Fall. Zwischen der Einstellung der Bevölkerung und der Entscheidung der Gemeinde bestand kein statistisch signifikanter Zusammenhang. Wohl aber zwischen dem Informationsstand der Gemeinde und der dortigen Entscheidung. Je besser die Einwohner über die geplante Investition informiert waren, desto unwahrscheinlicher war es, dass in der Gemeinde zugestimmt wurde. Für eine Entscheidung zugunsten der Schweineproduktionsanlage scheinen Hinterzimmergespräche förderlicher gewesen zu sein als Bürgerversammlungen.

Alles in allem zeigte die Befragung Demokratiedefizite im ländlichen Raum Ostdeutschlands auf, aber auch die Bedeutung des Arbeitsplatzarguments. Vermutete ökonomische Potenziale können unter der derzeitigen Situation des ländlichen Raumes offensichtlich einige Bedenken in den Schatten stellen.
Stefan Mann (eigener Text)


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