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Zeitschrift DeutschlanD & Europa Das vereinigte Deutschland
Heft 40/2000 , Hrsg.: LpB |
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II. Die Rolle Deutschlands in der Außenpolitik: zwischen Kontinuität und Neubestimmung Von Wolf-Rüdiger Größl Der Beitrag will zeigen, dass das vereinte Deutschland noch immer auf der Suche nach einer Definition seiner Außenpolitik ist. Deutschland ist ökonomisch eine Großmacht, an die einerseits Forderungen nach mehr politisch-militärischem Engagement gestellt werden (USA), die andererseits aber von den Nachbarn alter »großdeutscher« Bestrebungen verdächtigt wird (Großbritannien). Beidem muss Deutschland Rechnung tragen. Das vereinigte Deutschland wird auch weiterhin Motor der europäischen Integration sein. Aber Weltmacht will Deutschland nicht sein und es kann diese Rolle auch nicht spielen, darin sind sich Regierung und Opposition einig. Standortbestimmung Seit dem Ende des Ost-West-Konflikts wird auch unter Fachwissenschaftlern über eine neue Außen- und Sicherheitspolitik Deutschlands gestritten. 1995 wies Konrad Jarausch auf mögliche Gefahren für das europäische Gleichgewicht durch die Vereinigung beider deutscher Staaten hin1 und Michael Staack stellte 1998 die Frage nach dem Status Deutschlands: »Großmacht oder Handelsstaat?«. Man kann diese Frage so beantworten, dass Deutschland zehn Jahre nach der Vereinigung beide Rollen spielen muss. Zunächst schien sich nach der Wende für die deutsche Außenpolitik nicht die Notwendigkeit einer Veränderung zu ergeben. Man hielt an zentralen Grundlagen »eines integrierten, kooperativen Handelsstaates fest«, die schon bislang die Außenpolitik bestimmt hatten: Man verzichtete auf außenpolitische Autonomie und betonte die Integration in eine gesamtwestliche Politik sowie die enge Kooperation mit den EG- und NATO-Partnern. Gleichzeitig bestand man darauf, zivile Strategien und nichtmilitärische Instrumente zu bevorzugen (»sanfte Macht«). Dieser außenpolitische Konsens war in Deutschland unter den großen politischen Parteien seit den 60er-Jahren nie wirklich umstritten. Doch mit dem Ende des auch die deutsche Außenpolitik bestimmenden Ost-West-Konflikts musste die Außenpolitik neu definiert werden, was nicht durch eine bloße »Umakzentuierung innerhalb des vorgegebenen Prioritätenfächers« ging, worauf die Bundesrepublik aber schlecht vorbereitet war, denn jahrzehntelang konnte sie sich hinter ihren Verbündeten »verstecken«. Veränderte Rahmenbedingungen verlangen Konsequenzen Die Bundesrepublik musste sich nun an die geänderten internationalen
Rahmenbedingungen anpassen, vor allem erklärte sie sich bereit, sich
mit der Bundeswehr im Rahmen des kollektiven Sicherheitssystems der UNO
zu beteiligen (Kambodscha, Somalia, Bosnien). Gleichzeitig ergab sich mit
der Vereinigung 1990 ein verstärkter Zwang zu mehr außenpolitischer
Eigenständigkeit. Wie diese neue Rolle aber gestaltet werden soll,
darüber herrscht noch keine Klarheit. Daran sind meines Erachtens
nicht nur die noch immer existierenden psychologischen und sozialen wie
materiellen Belastungen durch die Vereinigung schuld, vielmehr »sind
es mentale Hemmnisse, die uns hindern, mit uns selbst und den realen Weltverhältnissen
ins Reine zu kommen.« Doch die Bundesregierung kann sich nun nicht
mehr hinter echten oder vermeintlichen Zwängen durch den Ost-West-Konflikt
verstecken. Sie muss nun Entscheidungen treffen, ohne sich hinter den USA
oder Frankreich verbergen zu können, und sie muss ihre nationalen
Interessen auch gegen den Widerstand anderer durchsetzen können. Das
gilt auch angesichts eines mit der Vereinigung wiederaufgelebten Misstrauens
gegenüber den Deutschen. So erklärte DER SPIEGEL in seiner Ausgabe
vom 8. November 1999 (S. 30): »Zehn Jahre nach dem Mauerfall verbreitet
sich wieder die Furcht vor deutscher Macht und Größe in ganz
Europa.« Veränderungen in Mitteleuropa waren schon immer - nicht
erst nach 1945 - eine gesamteuropäische Angelegenheit. Und die Furcht
vor einem Streben Deutschlands nach Vorherrschaft in Europa war nicht nur
in Großbritannien unter Margaret Thatcher zu spüren, sondern
ist auch heute noch latent.(vgl. Kapitel I,2) Der Regierung Kohl gelang
es, die Wende in Europa ohne Störung des außenpolitischen Machtsystems
zu vollziehen. Deutschland versteht sich heute als ein europäischer
Staat, der keine »imperialen« Ambitionen hat. Es akzeptiert
seine geopolitische Lage, die eben keinen deutschen »Sonderweg«
zulässt, und der Kosovo-Konflikt zeigt beispielhaft, wie sehr die
Bundesrepublik bemüht ist, keine eigenen Wege zu gehen. Wie Kohl bemüht
sich auch die Regierung Schröder »um den Nachweis, dass sie
ihre wiedergewonnene nationale Souveränität sofort wieder aufzugeben
und in die multinationalen Bündnisse einzubringen bereit war.«
»Kurswechsel« unter Rot-Grün? 1999 vollzog die rot-grüne Koalition unter Bundeskanzler Schröder
eine Abkehr von bislang geltenden Normen, sich nur auf der Basis der Charta
der Vereinten Nationen an militärischen Maßnahmen zu beteiligen,
indem sie sich ohne UNO-Mandat an den NATO-Aktionen gegen Jugoslawien zur
Verhinderung einer »humanitären Katastrophe« im Kosovo
u. a. mit Kampfjets beteiligte. Auf die völkerrechtliche Diskussion
in Bezug auf den Jugoslawien-Einsatz der Bundeswehr soll hier aber nicht
eingegangen werden, zumal das BVG einen Antrag der PDS gegen den Einsatz
abgewiesen hat. Insgesamt gesehen aber war der Regierungswechsel vom Oktober
1998 in Bezug auf die Außenpolitik »am ehesten eine gleiten-de
Zäsur. Wenn z.B. Bundeskanzler Gerhard Schröder auf der Münchner
Sicherheitskonferenz am 6. Februar 1999 vom deutschen Beitrag zur globalen
Zukunftssicherung ›als Export politischer Stabilität‹ sprach, benutzte
er ein zuvor von Helmut Kohl, Klaus Kinkel und Volker Rühe häufig
benutztes Sprachbild.« Außenminister Joschka Fischer ging in
einem Zeitungsinterview im April 1999 sogar so weit zu erklären: »Helmut
Kohl hatte Recht, als er die europäische Integration als eine Frage
von Krieg und Frieden beschrieben hat. Der Kosovo-Konflikt ist auch und
vor allem eine Frage der europäischen Sicherheit.«
Der Druck der Vergangenheit erschwert die Globalisierung Allerdings ist die deutsche Außenpolitik noch immer europazentriert,
eine echte globale Perspektive steht noch aus - man bekennt sich relativ
pauschal zur Mitverantwortung für eine Weltinnenpolitik, so dass die
Bundesrepublik »eine angemessene Rolle in Europa und der Welt noch
nicht gefunden hat.« Zwar kann man für die Außenpolitik
vom Ende einer ldentitätsneurose sprechen, aber die Begrenztheit der
deutschen Möglichkeiten vor allem finanzieller Art sprechen für
die Ansicht von Hans-Adolf Jacobsen, der schon 1992 in Bezug auf die Bundeswehr
davon sprach, dass die Bundesrepublik ihre Zukunft eher im Rahmen einer
kollektiv verantworteten Sicherheit sehen müsse. Diese Position wird
auch von den ehemaligen Regierungsparteien CDU/CSU und FDP vehement vertreten,
da diese Haltung einerseits in der Kontinuität der bisherigen Außenpolitik
steht, andererseits aber auch den Kurs einer vorsichtigen Öffnung
ermöglicht.
Deutschlands aktive Rolle in der Frage der Osterweiterung der EU Besonders aktiv ist Deutschland in Bezug auf die lntegration der osteuropäischen Staaten in NATO und EU. Dies hängt auch damit zusammen, dass vor allem Ungarn und Polen wesentlich zur Öffnung des Eisernen Vorhangs beigetragen haben, andererseits sprechen die »geopolitischen Gegebenheiten« dafür, »dass sich die deutsche Außenpolitik zu einer entschiedenen Fürsprecherin« für die Osterweiterung von NATO und EU macht. Diese Politik diente natürlich auch der Beruhigung der Nachbarn, andererseits entsprach sie der veränderten Sicherheitslage, denn der Beitritt der osteuropäischen Staaten ist geeignet, den Frieden in Europa auch durch wirtschaftliche Kooperation zu sichern und »er würde die Zwischenlage dieser Region beenden, die mit dem Rückzug und dem Zerfall der Sowjetunion entstand und die schon in der Zwischenkriegszeit für Spannungen sorgte.« Dabei hat das vereinigte Deutschland ein berechtigtes Interesse an einer sicheren Grenze im Osten, die zwar zum einen durchlässig sein soll für Waren, Informationen, Touristen, andererseits aber geschlossen für »unberechtigte Personen«. Zum anderen hat Deutschland auch ein Interesse an stabilen Verhältnissen bei seinen Nachbarn im Osten. Eine EU-Mitgliedschaft soll diese politisch, wirtschaftlich und sozial stabilisieren und, für den Fall, dass eine neue Gefährdung aus dem Osten entstehen sollte, an den Westen binden. Und für Polen z. B. ist Deutschland »in seiner Bedeutung, ob in Wirtschaft, Politik oder Kultur, ein nicht zu ersetzender Partner«, wie Janusz Reiter, der erste Botschafter Polens in Bonn nach der Wende, 1999 erklärte. Mit dem deutsch-polnischen Vertrag vom 14.11.1990 über die zwischen beiden Staaten existierende Grenze wurde ein neues Kapitel in den deutsch-polnischen Beziehungen aufgeschlagen, dessen symbolischer Höhepunkt der Händedruck zwischen den Präsidenten Rau und Kwasniewski am 1. September 1999 auf der Danziger Westerplatte war. Die Festschreibung der Grenze gab den Polen endgültig die Sicherheit ihrer Westgrenze. Die Menschen sehen in Deutschland nicht mehr eine Bedrohung, sondern den entscheidenden Fürsprecher für den angestrebten EU-Beitritt, zumal beide Länder seit März 1999 NATO-Partner sind. (Vgl. Heft 37 in dieser Reihe: »Polen in Europa«). Während CDU/CSU die deutsch-polnische Annäherung begrüßen, tun sie sich mit dem neuen Verhältnis zur Tschechischen Republik weitaus schwerer. (Vgl. Kapitel I,4). Anmerkungen 1 Jarausch, Konrad: Die unverhoffte Einheit 1989-1990,
ed. Suhrkamp NF 877, Frankfurt 1995
Materialien Vereinigung Deutschlands - Stimmung im Ausland Der Marsch des Vierten Reiches
Daily Star (20. Februar 1990). Bill Caldwell (Großbritanien)
Die deutsche Außenpolitik 1999 -
So sieht sich die Bundesrepublik Deutschland [...] am 1.Januar 1999,
50 Jahre nach ihrer Gründung, in einer Situation, die der des Jahres
1949 zumindest in einer Hinsicht vergleichbar ist: Außenpolitisch
ist sie, wenn auch aus anderen Gründen als ein halbes Jahrhundert
zuvor, nur eingeschränkt handlungsfähig. So gesehen hat sich
für die jetzt wieder in Berlin residierende Macht in der Mitte Europas
- trotz des Zusammenbruchs der alten Weltordnung, des Falls der Deutschland
teilenden Mauer, der Wiedererlangung der staatlichen Souveränität
und der ungewollten Übernahme der Rolle einer europäischen Großmacht
mit weltpolitischem Gewicht - wenig geändert.
Aus: Schöllgen, Gregor: Die Außenpolitik der Bundesrepublik Deutschland. C. H. Beck, München 1999, S. 16 f. Wo steht Deutschland?
Nie wieder Auschwitz - Außenpolitik und Moral Die Mehrzahl der Deutschen hat - skeptisch und bedrückt - dem Kampfeinsatz
[der Bundeswehr] im Kosovo zugestimmt. [...] »Der Krieg verändert
vieles«, verhöhnen Kritiker den »Kriegskanzler«.
In der Tat, sie hat sich verändert, unsere abgeschirmte deutsche Welt,
in der wir unsere Gewissheiten und unsere Moral pflegten. Die vertraute
Wirklichkeit aus 50 Friedensjahren ist dahin.
Aus: Hartung, Klaus: Nie wieder? In: DIE ZEIT Nr. 16/15. 04.1999, S. 1 In der deutschen Außenpolitik fehlt bislang eine lnteressendefinition Es gilt allgemein als zentrales Merkmal nationaler Souveränität,
seine eigenen Interessen zu definieren und eine Politik zu entwerfen, die
einer an nationalen Interessen ausgerichteten Ziel-Mittel-Relation entspricht.
Unter demokratischen Staaten ist es gute Sitte, diese Interessen [...]
auch für andere Staaten transparent zu machen. Eben dies ist jedoch
auch acht Jahre nach der Wiedervereinigung in Deutschland noch immer nicht
der Fall. Eine Tatsache, die bei unseren Partnern [...] Irritationen und
Unsicherheit auslöst.
Aus: Theile, Olaf: Deutsche Interessen in der internationalen Politik. In: Reader Sicherheitspolitik, VI.3, S. 18-20 (1999).
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