Zeitschrift 

DeutschlanD & Europa

Das vereinigte Deutschland
in Europa
 

Heft 40/2000 , Hrsg.: LpB

 

Inhaltsverzeichnis



3. Russland: »Deutsche, wir beneiden euch!«
Von Dirk Lundberg

Mit diesen Worten endete ein ausführlicher Artikel der international beachteten russischen Wochenzeitung »Moscow News« vom 7. Oktober 1990. Der folgende Beitrag beschäftigt sich mit der Frage, wie die deutsche Wiedervereinigung in der russischen Öffentlichkeit aufgenommen wurde. Hat sich die Haltung Russlands in den vergangenen zehn Jahren verändert?

Moskau, am 2. Oktober 1990. Nach der üblichen Anfahrt mit Metro und Bus betrete ich das Gelände der Lomonossov-Universität, dessen Zentrum das imposante Hauptgebäude im Stalinschen Zuckerbäckerstil bildet. Wie jeden Morgen will ich am Außentor die Pforte passieren und lege der »Wachhabenden« meinen Universitätsausweis vor. Doch an diesem Morgen erhalte ich meine visitka nicht ohne weiteres zurück. Mein Kärtchen verschwindet hinter dem Tresen und wenige Sekunden später öffnet sich die Tür des Wachhäuschens. Eine ältere Frau in Uniform tritt heraus und streckt mir zu meiner Überraschung beide Hände entgegen: »Ich gratuliere Ihnen!« In Anbetracht meines verdutzten Gesichts erläutert sie ihre aufrichtige Anteilnahme: »Sie sind doch Deutscher. Ab morgen wird es wieder ein vereintes Deutschland geben, wie es sich gehört. Wir freuen uns mit Ihnen!« Die warmen, aufrichtigen Worte eines wildfremden Menschen beschämen mich ein wenig. Der Wachhabenden, die mich sonst jeden Morgen mürrisch und wortlos abfertigte, scheint es offenbar ein echtes Anliegen zu sein, ihre Freude über die deutsche Wiedervereinigung persönlich auszudrücken - kein Einzelfall in jenem Herbst 1990 in Russland. Wer immer uns Gäste als Deutsche identifiziert, gratuliert und beglückwünscht ohne Vorbehalt zur »Korrektur eines historischen Fehlers« - von Misstrauen, Argwohn oder Angst ist weder in persönlichen Begegnungen, noch in der veröffentlichten Meinung etwas zu spüren.
Die bereits oben zitierte Wochenzeitung Moscow News sprach von »einem der grandiosesten Ereignisse in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts«. Um etwaigen Bedenken vorzubeugen, wurde der in die Bundesrepublik emigrierte Schriftsteller und Historiker Lev Kopelev zitiert: Die Wiedervereinigung Deutschlands sei ein organischer und unvermeidbarer Prozess. Die Einheit einer Nation gelte schließlich für Jahrhunderte, gar für Jahrtausende. Die Gefahr eines »Vierten Reiches« sei zu vernachlässigen - in Deutschland würden die Neonazis »Ewiggestrige« genannt, ihr Einfluss sei minimal.
Auch die Literaturnaja Gazeta stand der Wiedervereinigung Deutschlands in den Wochen vor dem 3. Oktober 1990 positiv gegenüber (vgl. ). Natürlich spielte in zahlreichen Kommentaren der »Große Vaterländische Krieg« gegen Nazi-Deutschland eine wichtige Rolle. Doch obwohl die Sowjetunion größte Opfer im Kampf gegen Hitler zu beklagen hatte, scheinen viele Russen in der Wiedervereinigung Deutschlands keine Gefahr oder Bedrohung zu sehen. Diese Haltung überrascht umso mehr, weil zu Sowjetzeiten die offizielle Propaganda die Erinnerung an den Überfall Nazi-Deutschlands systematisch wach hielt und die Ängste gegenüber (West-)Deutschland schürte. Doch bereits im Frühjahr 1989, zu einer Zeit, in der die russischen Medien noch sehr vorsichtig mit Umfrageergebnissen umgingen, bekundeten über zwei Drittel der Befragten ihre kritische Haltung zur Teilung Deutschlands (). Aus  gehen einige Gründe für die überraschend positive Haltung vieler Russen Deutschland gegenüber hervor.
Ein weiterer Faktor für die zustimmende Haltung zur Wiedervereinigung mag die Tatsache sein, dass Russland im vereinigten Deutschland einen Partner sah und sieht, der besonderes Verständnis für die Nöte des Kreml entwickelt. Als Bestätigung für diese These weist Der Spiegel z.B. darauf hin, dass seit dem Fall der Mauer die deutsche Regierung die Hälfte aller westlichen Hilfsleistungen an das marode Riesenreich übernommen habe.
Allerdings spielen solche finanziellen Zuwendungen heute im Bewusstsein der russischen Öffentlichkeit eine untergeordnete Rolle. Zehn Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs fühlen sich die meisten Russen wirtschaftlich als Verlierer des tiefgreifenden Wandels, den Michail Gorbatschow einst mit der Perestroika eingeleitet hatte. Hat sich aufgrund dieser problematischen Entwicklung auch die russische Sicht der deutschen Wiedervereinigung verändert? Empfindet die russische Öffentlichkeit die Preisgabe der DDR, des ehemaligen sowjetischen Vorpostens, heute als historischen Fehler?
Ein Blick in die auflagenstarken überregionalen Zeitungen verrät, dass sich die grundsätzlich positive Haltung Russlands zum 3. Oktober 1990 nicht verändert hat. Allerdings ist das öffentliche Interesse am Thema Wiedervereinigung äußerst gering, was angesichts der katastrophalen wirtschaftlichen Lage des Landes wenig verwundert. Die Präsidentenwahlen und der Tschetschenienkonflikt sind die beherrschenden Themen - die zehnjährige Wiederkehr des Mauerfalls am 9. 11. findet in den russischen Medien nur mäßige Beachtung. Diesen Eindruck bestätigen persönliche Erfahrungen. »Was soll sich verändert haben an unserer Einstellung zur Wiedervereinigung?«, fragt  Il'ja  Medovoj, Redakteur der Wochenzeitung Obs?c?aja Gazeta auf Anfrage. »Wir freuen uns für euch, aber wir haben unsere eigenen Probleme. Leider.«
Kritische Stimmen sind aber auch hörbar (vgl .).

Materialien

Umfrage in Moskau zur Berliner Mauer 1989

Bereits im Juni 1989 wurde im Auftrag der Moscow News eine telefonische Umfrage durchgeführt, deren Ergebnisse damals aus politischen Gründen nicht veröffentlicht wurden. Auf die Frage »Dient die Berliner Mauer dem Frieden und Fortschritt?«, antworteten die Befragten:

»JA« (8%), »Eher Ja als Nein« (6%), »Eher Nein als JA« (19%), »Nein« (52%), »Weiß nicht« (15%).

Aus: »Moskovskie Novosti« 47/1989

Vjaceslav Kondratev: Vor einem wiedervereinigten Deutschland habe ich keine Angst

[...] Die Nachricht über den Krieg gegen Hitler erhielt ich in Fernost. Ich muss zugeben, dass sie mich nicht besonders überraschte: Allen war bereits klar, dass der Kampf gegen den Faschismus bevorsteht. [...] Gegen die deutschen Soldaten an sich empfand ich, wie viele andere auch, keinen Hass. Wir wussten gut, dass die deutsche Armee nicht aus Freiwilligen bestand, sondern mobilisiert worden war, und dass ein einberufener Soldat seine Befehle ausführen muss.
[...] Als der Weltkrieg beendet war, wurde vielen klar, dass ein geteiltes Deutschland ein Zankapfel sein werde, ein ungelöschter Brand im Zentrum Europas. Durfte man denn ein großes Volk in zwei Teile reißen? [...] 
Was heute in Deutschland passiert, ist ein natürlicher Prozess. Endlich wird dieses große und bedeutende Land wieder ein einheitlicher Staat. Ich habe diesbezüglich keine Angst, da Deutschland sich innerhalb der letzten 40 Jahre in ein wirklich demokratisches Land verwandelt hat und man einzelne Auftritte von Nazis meiner Meinung nach nicht als ernsthafte Gefahr ansehen sollte. Die Deutschen haben mit dem Faschismus wesentlich entschiedener abgerechnet als wir mit dem Stalinismus.
Überraschend ist die Unruhe der Ostdeutschen und der Westdeutschen angesichts eines möglicherweise sinkenden Lebensstandards in einem wiedervereinigten Staat. Offenbar haben sich die Bürger der Bundesrepublik so sehr an ein luxuriöses Leben gewöhnt, dass bereits die Gefahr kleinerer Einschnitte bei ihnen Angst hervorruft. Aber selbst diese Haltung beweist, dass heute niemand mehr über ein Großdeutsches Reich bis zum Ural nachdenkt, dass während der letzten 40 Jahre dieses Gedankengut verschwunden ist - nicht zuletzt durch den Prozess gegen führende Naziverbrecher, eine Auseinandersetzung, die es bei uns mit den Ideologen der Stalinzeit nicht gegeben hat. [...]
Ein vereintes Deutschland wird die Gewähr sein für Stabilität in jenem großen Europa, über das wir heute so oft sprechen und zu dem wir gehören wollen. [...]

Aus: »Literaturnaja Gazeta« 40I1990

»Zum Nachteil unseres Landes«

[...] Die Implosion der DDR und die nachfolgende Entwicklung in Deutschland haben Gorbatchow und sein Team mit extrem komplizierten Aufgaben konfrontiert. Ihre Handlungsfähigkeit wurde durch die innere Krise in der Sowjetunion äußerst beschränkt, was sich auch außenpolitisch auswirkte. Die Situation der sowjetischen Führung während der Verhandlungen mit dem Westen über die deutsche Vereinigung war denkbar ungünstig. Trotzdem hätte das Ergebnis dieser Verhandlungen für die Sowjetunion weniger katastrophal ausfallen können. Verhängnisvoll wirkte sich der »menschliche Faktor« aus. Die westlichen Politiker erwiesen sich in professioneller Hinsicht als stärker als ihre sowjetischen Partner. Im Unterschied zu Gorbatschow und Schewardnadse waren sie vor allem bemüht, die nationalen Interessen ihrer Länder zu sichern, und das gelang ihnen zum Nachteil unseres Landes.

Iwan N. Kusmin: Zum Nachteil unseres Landes. Die Sowjetunion und der deutsche Vereinigungsprozess. In: Deutschlandarchiv 2/2000, S. 269 


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