Zeitschrift

Die Donau


Lebensader, Kulturräume, Erkundungen


  Die Donau
Inhaltsverzeichnis

 

III. Schauplatz europäischer Geschichte


1. Die Donau:
ein römischer Grenzfluss

Von Martin Kramer

Obere Donau
 

17-16

v. Chr. Noricum wird Klientelfürstentum

1512

v. Chr. Zentralalpen und Alpenvorland bis zur Donau

139

v. Chr. Pannonien; Vorstoß zur Elbe

7/6

v. Chr. Siegesdenkmal bei Monaco

6

n. Chr. Aufstand in Pannonien

9

n. Chr. Niederlage im Teutoburger Wald

Die obere Donau wurde unter Augustus Reichsgrenze. In den Jahren 1512 v. Chr. unterwarfen die Stiefsöhne des Augustus Tiberius (von Gallien aus) und Drusus (von Süden durch das Tal der Etsch) in einer groß angelegten Zangenbewegung die Zentralalpen und das Alpenvorland bis zur oberen Donau: Die Provinz Raetien wurde geschaffen. Sie war als südliche Aufmarschbasis gegen die Germanen vorgesehen. Tiberius entdeckte auf seinem Feldzug die Donauquellen in den Bergen des Schwarzwaldes. Bereits 17/16 v. Chr. war das Königreich Noricum kampflos römisches Klientelfürstentum geworden. Parallel dazu (13 9 v. Chr.) unterwarf Agrippa (nach dessen Tod 12 v. Chr. Tiberius) die Pannonier an der mittleren Donau (Provinz 10 bzw. 33 n. Chr.). Auch dieser Vorstoß verfolgte weiter gehende strategische Ziele. Im Jahrhundert zuvor war Rom in einen erbitterten Kleinkrieg mit illyrischen Korsaren verstrickt worden, die die adriatische Seefahrt permanent bedrohten. Aus der militärisch gesicherten pannonischen Ebene heraus wurde das schwer zugängliche gebirgige balkanische Binnenland bis zur Adriaküste befriedet und zugleich die Verbindung zwischen oberer und unterer Donau hergestellt. Nach einem Aufstand in Pannonien und der vernichtenden Niederlage im Teutoburger Wald wurde die Eroberung Germaniens aufgegeben. Die römischen Legionen zogen sich hinter Rhein und Donau zurück.

Untere Donau
 

146

v. Chr. Provinz Makedonien

80/70

v. Chr. Vorstöße zur unteren Donau

44

n. Chr. Provinz Mösien

46

n. Chr. Provinz Thrakien

107

n. Chr. Provinz Dacien

Die untere Donau war als Grenze bereits ins Auge gefasst worden, als Makedonien Provinz wurde (146 v. Chr.). Zwischen 80 und 70 v. Chr. erreichten mehrere makedonische Statthalter im Kampf mit den Thrakern den Unterlauf der Donau. Aber erst nach den Bürgerkriegswirren gelang es, zunächst ein thrakisches Klientelfürstentum (etwa dem heutigen Bulgarien entsprechend) zu errichten. Unter den Nachfolgern des Augustus wurden die Provinzen Mösien (44 n. Chr.) und Thrakien (46 n. Chr.) eingerichtet. Rom hatte damit die Herrschaft über den Balkan gesichert und die untere Donau zur Reichsgrenze gemacht. Zu Beginn des 2. Jahrhunderts errichtete Trajan die Provinz Dacien als weit über die Donau hinaus nach Norden vorgeschobenen Vorposten. Mit 60 000 Soldaten, die im Donauraum zusammengezogen worden waren, überschritt Trajan beim heutigen Turnu Serverin die Donau auf einer über einen Kilometer langen Holzbrücke, die auf 20 steinernen Pfeilern ruhte. Überreste sind heute noch am Donauufer zu sehen.

»Nasser« Limes
 

1. Jahrhundert:

Sicherung der Donaugrenze durch Holz-Erde-Lager/Kastelle

2. Jahrhundert:

Aus- und Neubau von Grenzkastellen aus Stein

3. Jahrhundert:

Nach Aufgabe des obergermanisch/rätischen Limes Reorganisation und Ausbau des Donau-Limes

4. Jahrhundert:

Verstärkung der bestehenden Anlagen, Neuanlage von Wachtürmen und Kleinkastellen

Abhängig vom Bedrohungspotenzial wurde die Donaugrenze seit der Mitte des 1. Jahrhunderts durch Legionslager, Kastelle und Straßen befestigt. So befindet sich beispielsweise auf der Strecke zwischen Oberstimm und Linz weder Lager noch Kastell, weil auf der gegenüberliegenden Seite Wälder und Sumpfgebiete lagen bzw. durch Verträge germanische »Pufferstaaten« gebildet wurden. Dagegen wurde im strategisch wichtigen Wiener Becken ein Legionslager in Carnuntum und wenig später auch ein Reiterlager in Vindobona (Wien) angelegt. Hier verlief die alte Bernsteinstraße von der Ostsee nach Süden, die eine ideale Einbruchslinie bildete.
Erst Ende der 60er-Jahre wurden in Carnuntum (zwischen Deutsch-Altenburg und Petronell in Niederösterreich) systematische Ausgrabungen vorgenommen, die zeigten, dass das Legionslager zunächst als einfaches Holz-Erde-Lager angelegt worden war: tiefer Graben, Erdwall, Innen-bauten und Tore aus Holz. Im Laufe der Zeit entwickelte sich Carnuntum zu einem militärischen und politischen Zentrum. Im Heerlager war die gesamte XIV. Legion stationiert (ca. 6000 Fußsoldaten und 120 Reiter), in der Garnisons- und Zivilstadt dürften bis zu 50 000 Bewohner gelebt haben: Rom an der Donau. Unter Trajan zu Beginn des 2. Jahrhunderts wurde entlang der Donau eine dichte Kette von steinernen Grenzkastellen angelegt. In Bulgarien wird seit einigen Jahren das Donau-Kastell Iatrus bei Swischtow freigelegt. Diese Grabung ist vor allem deshalb interessant, weil Iatrus nach der Aufgabe der Donau-Grenze auch als Siedlung aufgegeben wurde. Deshalb ist es als Gesamtanlage wenn auch in Ruinen noch vorhanden und nicht wie zahlreiche andere Kastelle und Legionslager unter späteren Siedlungen verschwunden.
An der oberen Donau war Regensburg das einzige Legionslager der Provinz Rätien (Ausdehnung ca. 25 ha). Teile des Nordtores, der Porta Prätoria zur Donau hin, und große Teile der Umfassungsmauer sind noch erhalten. Augustus und seine Nachfolger arrondierten die Grenzen des Römischen Reiches, indem sie sie an die geographisch günstigen, natürlichen Grenzen von Rhein und Donau (im Osten an den Euphrat) heranschoben. Zum Schutz der offenen »Germanenflanke« zwischen Rhein und Donau planten und errichteten sie den Limes, der einen Teil des Neckars mit einbezog, aber sonst ohne Rücksicht auf landschaftliche Gegebenheiten Rhein und Donau verband.

Romanisierung

Nach Eroberung und Besetzung ermöglichte der stetige Ausbau der Donaugrenze eine ruhige innere Entwicklung. Ausgangspunkt dieser »Romanisierung« waren die Legionslager und Garnisonsstädte. Zunächst blieben die eroberten Gebiete Besatzungsland. Der Provinzstatus und damit eine zivile Verwaltung folgte oft erst Jahre später. Die Besatzungstruppen stammten vorwiegend aus weit entfernten, neu eingerichteten Provinzen. In Noricum waren z.B. Britannier, Bataver und Legionäre aus Kleinasien stationiert. Auf zahllosen Grabsteinen sind nicht nur Name und militärische Einheit überliefert, sondern auch persönliche Ruhmestaten. Ein batavischer Reiter rühmt sich: »Ich bin der Mann, berühmt an den Ufern Pannoniens, tapfer und der erste unter tausend Batavern, der unter den Augen Hadrians es fertig brachte, die breiten Gewässer der Donau in voller Rüstung zu durchschwimmen.«
Die Legionäre brachten die römische Lebensweise mit, aber auch ihre eigenen Kulte, Moden und Traditionen. Dem Militär folgten römische Kolonisten, die sich ihre Gutshöfe und Landsitze bauten und das Land erschlossen.
Im 2. und 3. Jahrhundert standen die illyrischen und pannonischen Legionen, inzwischen zum großen Teil aus Einheimischen rekrutiert, im Ruf besonders einsatzfreudig und schlagkräftig zu sein. Wann immer das Reich in Not geriet, wurden sie gerufen. Schließlich griffen sie direkt in die Reichspolitik ein und riefen mehrere Kaiser aus: die Soldatenkaiser, die oft aus diesen Provinzen stammten. Ihre Regierungszeit war meist kurz und kaum einer starb eines natürlichen Todes, aber dennoch gelang es ihnen immer wieder das krisengeschüttelte Reich zu stabilisieren und vor allem die Donaugrenze gegen die Welt der Barbaren zu sichern.
Die Römer fanden an der Donau eine gut funktionierende Schifffahrt vor. Aus der schriftlichen Überlieferung und Reliefdarstellungen weiß man, dass die Donau durch eine Kriegsflottille gesichert und kontrolliert wurde. Es handelte sich um kleine, schnelle und wendige, meist mit zwei Ruderdecks ausgestattete Schiffe. Auch für Transporte wurde der Fluss benutzt: für Truppen, Baumaterial und Nachschubgüter. 1994 wurden beim Kastell Oberstimm in Österreich zwei Patrouillenboote freigelegt: 15 Meter lang, für 25 Mann Besatzung, aus der Zeit zwischen 90 und 112 n. Chr. Diese Schiffe werden in einem aufwendigen und langwierigen Verfahren im neu eröffneten Mainzer »Museum für Antike Schifffahrt« konserviert. Dort sind auch zahlreiche Funde der Rheinflotte ausgestellt, sowie Nachbauten in Originalgröße.

Niedergang
 

176

n. Chr. Markomannen, Quaden und Sarmaten durchbrechen die Donaugrenze im Wiener Becken

260/70

n. Chr. Aufgabe des obergermanischrätischen Limes. Sarmaten u. Goten fallen in die Provinz Mösien ein.

Ende 4. Jh.

Ansiedlung von Ost- und Westgoten in Pannonien und Thrakien. Reichsteilung

Ende 5. Jh.

Untergang Westroms

Fast ein halbes Jahrtausend hielt die Rhein-Donaugrenze, auch nachdem die römischen Truppen den obergermanischen und rätischen Limes aufgaben und sich hinter die beiden Grenzflüsse zurückzogen. Sie war die vielleicht längste und beständigste Grenze Europas und eine, die noch lange nachwirkte. Die Gebiete diesseits nahmen teil an der zivilisatorischen Entwicklung und am Wohlstand des Römischen Reiches. Jenseits dieser Strukturgrenze stagnierte die Entwicklung jahrhundertelang bzw. blieb abhängig von der römischen Hochkultur, erkennbar an den reichen Importen römischer Erzeugnisse, denen keine gleichwertigen einheimischen Produkte entgegenstanden. Die allmähliche Auflösung der Donaugrenze erfolgte im 3. Jahrhundert unter dem Druck der Barbaren und aufgrund einer krisenhaften ökologischen und ökonomischen Entwicklung im Inneren des Römischen Reiches. Die Erschöpfung der Böden durch intensive Landwirtschaft und der Raubbau am Wald für Bauten aller Art, Heizmaterial und Produktion von Eisen, Ton und Glas führte zu einer schweren Agrarkrise.
Die Einfälle der Germanen trugen dazu bei, das militärische Sicherungssystem zu durchlöchern. Kastelle wurden eingenommen und zerstört, Garnisonsstädte verfielen, aber auch die Truppenstärke wurde kontinuierlich reduziert. Die romanische Bevölkerung verlor zunehmend den Rückhalt. Aufgegeben von der zentralen Reichsverwaltung und ohne Schutz des Militärs blieben Städte und Dörfer sich selbst überlassen. Und nun zeigte sich, dass es einen Unterschied zwischen Romanen und einheimischer Bevölkerung nach wie vor gab. Ein Teil der Romanen, vor allem Angehörige der Oberschicht, zog sich über die Alpen in die Sicherheit des Kernreiches zurück oder wurde vertrieben. Zurück blieb eine ausgedünnte einheimisch-romanische Mischbevölkerung, die sich mit den eindringenden Barbaren arrangieren musste. 

 

Literaturhinweise

Wolfgang Czysz: Die Römer in Bayern. Stuttgart 1995

Kurt Genser: Der Donaulimes in Österreich. Winnenden 1990

Hans-Peter Kuhnen (Hrsg.): Gestürmt Geräumt Vergessen?
Der Limesfall und das Ende der Römerherrschaft in Südwest-deutschland. Stuttgart 1992

Dieter Maier/Erich Lessing: Die Donau. München 1982

Ulmer Museum (Hrsg.): Römer an Donau und Iller. Sigmaringen 1996

Leo Weber: Als die Römer kamen. Landsberg 1975

Michael W. Weithmann: Balkan-Chronik. 2000 Jahre zwischen Orient und Occident. Regensburg 1995


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