Zeitschrift

Die Donau


Lebensader, Kulturräume, Erkundungen


  Die Donau
Inhaltsverzeichnis

 

2. Christianisierung im Donauraum


Von Martin Kramer

64 n. Chr.

Christenverfolgung unter Nero (5468)

ca. 64/65

Tod des Petrus und Paulus in Rom

303305

Christenverfolgung unter Diokletian (284305)

312

»Bekehrung« Konstantins (306/312337)

380

Toleranzedikt des Theodosius (375395)

476

Ende Westroms

716

Beginn der Mission des Winfried-Bonifatius

Trotz mehrerer Verfolgungswellen die schlimmste, zugleich aber auch die letzte, fand unter Diokletian statt hatte sich das Christentum zu Beginn des 4. Jahrhunderts vor allem in der Osthälfte des Römischen Reiches ausgebreitet. In Kleinasien bekannte sich fast die Hälfte der Bevölkerung dazu. In der Westhälfte des Reiches hingegen konnte das Christentum nur in wenigen Gebieten, vor allem in den Städten, Fuß fassen.
Von der Prinzipatszeit bis in die Spätantike waren die römischen Städte Umschlagplatz für Handel und Gewerbe und zugleich kulturelles Zentrum. Sie waren die Träger der hellenistischen Mischkultur, während das Land noch stark an regionalen, vorrömischen Kulturen orientiert war.
Deshalb entstanden christliche Stadtgemeinden umgeben von ländlichen Gebieten mit den verschiedensten Kulten. Vor allem unter Legionären und Hilfstruppen an Donau und Rhein verbreitete sich der aus Persien stammende Kult des Sonnengottes Mithras. Zahlreiche Mithrasheiligtümer lassen sich in den Kastellen und Legionslagern entlang der Donau und des Limes nachweisen, ebenso Abbildungen des Sol invictus, Jupitersäulen und Darstellungen verschiedener anderer Götter.
Frühe christliche Zentren an der Donau sollen während der 2. Hälfte des 3. Jahrhunderts in Singidunum (Belgrad), Carnuntum, (zwischen Deutsch-Altenburg und Petronell in Niederösterreich), Lauriacum (Lorch) und Castra Regina (Regensburg) entstanden sein. Versuche, die Größe dieser Gemeinden und das Zahlenverhältnis zu den Nichtchristen bestimmen zu wollen, bleiben allerdings hypothetisch, weil es kaum schriftliche Quellen gibt und die archäologischen Befunde äußerst dürftig sind.
In Carnuntum, dem größten Legionslager an der Donau, konnte bisher keine Kirche nachgewiesen werden. Auch Grabsteine mit christlichen Inschriften fehlen. In Aalen, dem größten Reiterkastell nördlich der Alpen, wurde die erste Kirche erst nach der Aufgabe des Limes gebaut. Wahrscheinlich waren Berufssoldaten, ob nun Legionäre mit römischem Bürgerrecht oder Hilfstruppen, die es erst durch ihren 25-jährigen Dienst erwerben wollten, für die christliche Botschaft nicht sehr empfänglich.
Überliefert sind zwei Heiligenlegenden aus jener Zeit, die zeigen, dass das Christentum nur von Einzelnen oder kleinen Gruppen übernommen wurde. 304, während der diokletianischen Verfolgung, soll der Kanzleibeamte Florian in Lauriacum (Lorch) den Märtyrertod gestorben sein. Man stürzte ihn mit einem um den Nacken gebundenen Mühlstein von einer Brücke in die Enns. 

Albrecht Altdorfer, Die Bergung der Leiche des Hl. Florian, um 1520

Germanisches Nationalmuseum Nürnberg Gm 315

 

Als die Grenze an der Donau Mitte des 4. Jahrhunderts bereits brüchig geworden war und die römischen Truppen sich ins Hinterland zurückzogen, tauchte in den Provinzen Pannonien und Ufernoricum ein Römer unbekannter Herkunft namens Severinus auf. Er wanderte an der Donau von einer Stadt zur anderen und avancierte nicht nur zu einer moralischen Autorität, die zur Unterstützung der Armen aufrief und das Horten von Getreide anprangerte, sondern auch zu einer lokalen politischen Größe, die nach dem Zusammenbruch des Hunnenreiches mit den untereinander rivalisierenden Barbaren-Königen und Stammeshäuptlingen verhandelte. In Passau soll er der Legende nach eine kleine Mönchszelle gegründet haben.
Dieses spärliche provinzialrömische Christentum, das sich in den ersten vier Jahrhunderten südlich der Donau im Gefolge der Romanisierung entwickelt hatte, ging durch die germanische Völkerwanderung (4./5. Jahrhundert) und die awarisch-slawische Landnahme (um 600) völlig unter. Erst nach über zwei Jahrhunderten setzten christliche Missionare wieder ihren Fuß in die ehemaligen römischen Provinzen. Der gesamte Balkan wurde im 9. und 10. Jahrhundert in Konkurrenz zu römischen Missionaren, die von der Adriaküste und vom germanischen Westen aus operierten, von Byzanz aus für das Christentum gewonnen. Die Brüder Konstantin und Methodius drangen seit 863 über Bulgarien und Serbien bis nach Mähren vor. Sie entwickelten eine an der Volkssprache orientierte Schriftsprache, das Kirchenslawisch, in das Bibel und Schriften der Kirchenväter übersetzt wurden, im Gegensatz zur römischen Kirche, die in Gottesdienst und Schrift am Lateinischen festhielt.
In Pannonien stieß Methodius nach dem Tod seines Bruders 870 auf die kirchenpolitischen Ansprüche des Erzbistums Salzburg, das für die Missionierung und kirchliche Erschließung des Alpenraums zuständig war und sich gegen die griechische Konkurrenz durchsetzte.
In den folgenden Jahrhunderten entstand an der Drina, die einst die Grenze zwischen westlicher und östlicher Reichshälfte markiert hatte, eine neue Strukturgrenze, die bis in die Gegenwart hinein besteht. Sie trennt lateinisch-katholische und griechisch-orthodoxe Christen und seit der Osmanenzeit auch Christentum und Islam. An der oberen Donau wurde das Herzogtum Baiern zum missionarischen Ausgangspunkt des frühmittelalterlichen Christentums. Regensburg wurde zum ersten christlichen Zentrum. Träger der Mission war das Mönchtum, das unter dem Schutz und im Auftrag der adligen Grundherren Klöster als geistliche Brückenköpfe und landwirtschaftliche Musterbetriebe gründete. Erst danach folgte der Auf- und Ausbau der Kirchenorganisation: Kirchen und Kapellen wurden gebaut, Bistümer eingerichtet und abgegrenzt.

Kloster Weltenburg
Foto: Helga Glasner

Von Regensburg aus wurde flussaufwärts, am Donaudurchbruch, bereits zu Beginn des 7. Jahrhunderts das bairische »Urkloster« Weltenburg gegründet. Flussabwärts stifteten ein Jahrhundert später die Agilolfinger das Kloster Niederalteich. Zur gleichen Zeit entstand das Donaubistum Passau, abhängig von Salzburg. Von Passau aus wurden bis zum Ausgang des 10. Jahrhunderts die Gebiete donauabwärts bis nach Pannonien missioniert und kirchlich erschlossen (siehe oben). Die Übernahme des Christentums durch die bäuerliche Bevölkerung Städte gab es in den ehemaligen Donauprovinzen des untergegangenen Römischen Reiches im Unterschied zum italischen Kernland nicht mehr war eine Frage der Gefolgschaftstreue, keine Glaubensentscheidung.
Massenübertritte und Massentaufen in Flüssen waren nicht selten. Oft blieb die Übernahme des Christentums deshalb ein dünner Firnis, unter dem heidnische Riten und Götter als Volksbräuche weiterlebten.
Der Übertritt heidnischer Herrscher oder ganzer Völker zum Christentum war nicht nur ein religiöser, sondern auch ein politischer und kultureller Akt. Vielleicht noch schwerer aber wog die kulturelle Attraktivität des Christentums, denn die christliche Kirche »repräsentierte mit ihrer systematischen Theologie und Hierarchie ein letztes Stück antiker Strukturen« (Imanuel Geiss, S. 21). Sie bewahrte und überlieferte die letzten Reste der zertrümmerten und weitgehend untergegangenen griechisch-römischen Kultur. Christentum bedeutete Schriftlichkeit, die Kirche zivilisierte das halbbarbarische Europa bis weit ins Mittelalter hinein: »Europas Weg in die Moderne führte nur durch das Nadelöhr der Kirche und ihres Lateins.« (Geiss, S. 21)

Literaturhinweise

Carl Andresen: Geschichte des Christentums I. Von den Anfängen bis zur Hochscholastik. Stuttgart usw. 1975

Peter Brown: Die Entstehung des christlichen Europa. München 1999

Imanuel Geiss: Europa Vielfalt und Einheit. Eine historische Erklärung. Mannheim 1993

Adolf v. Harnack: Die Mission und Ausbreitung des Christentums in den ersten drei Jahrhunderten. 4. Auflage, Leipzig 1924

Christina Lutter/Helmut Reinitz (Hrsg.): Römer und Barbaren. Ein Lesebuch zur deutschen Geschichte von der Spätantike bis 800, München 1997

Bernd Moeller: Geschichte des Christentums in Grundzügen. 6. Auflage, Göttingen 1996

Friedhelm Winkelmann: Geschichte des frühen Christentums. München 1996

 


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