Zeitschrift

Die Donau


Lebensader, Kulturräume, Erkundungen


  Die Donau
Inhaltsverzeichnis

 

4. Großreiche an der Donau


a) Die Donaumonarchie

Von Martin Kramer

Der Staat, den die Habsburger in langen Jahrhunderten im Südosten Europas schufen, war ein sehr heterogenes, multikulturelles Gebilde, das außer der Dynastie nur noch die Donau als einigende Klammer besaß.

Der Anfang
 

125378

König Ottokar II. v. Böhmen

125473

Interregnum

127391

König Rudolf von Habsburg

1278

Schlacht auf dem Marchfeld. Niederlage u. Tod Ottokars

1273 wurde Graf Rudolf von Habsburg von den Großen des Reiches in Frankfurt zum König gewählt. Der herrschende Adel hatte mehr an seine eigenen Machtinteressen gedacht und einen Habenichts ohne nennenswerte Hausmacht auf den Thron gehoben. Rudolf entpuppte sich jedoch als tatkräftiger Monarch und zielstrebiger Hausmachtpolitiker.
Er begann im Reich aufzuräumen, setzte den darniederliegenden Landfrieden mit Waffengewalt durch und verschaffte sich die fehlende Hausmacht, ohne die die Krone des Heiligen Römischen Reiches ein bloßer Zierrat war. Fündig wurde er dort, wo die Machtverhältnisse noch nicht zementiert waren: im Südosten, außerhalb der Reichsgrenzen. Er verlangte von seinem Gegenspieler Ottokar II. die Herausgabe der usurpierten Babenberger-Herzogtümer an der mittleren Donau zwischen Linz und Wien und er bekam sie nach Niederlage und Schlachtentod Ottokars, 1278 auf dem Marchfeld. Damit legte er den Grundstein für die spätere Donaumonarchie.

Die Grundlagen
 

14931519

Kaiser Maximilian I.

1515

Heirats- und Erbverträge Habsburgs mit Böhmen und Mähren

1526

Schlacht bei Mohács. Ungarn wird osmanisch

1529

Erste Belagerung Wiens durch die Osmanen.


Die Wiener Doppelhochzeit von 1515 begründete die Donaumonarchie wenigstens dem Anspruch nach. Maximilian I. verheiratete seine Enkelin Maria mit Ludwig, dem Sohn des ungarischen Königs, dessen Schwester Anna gleichzeitig Maximilians Enkel Ferdinand das Jawort gab. Die 10-jährige Maria wurde in Innsbruck auf ihre Rolle als Königin von Ungarn vorbereitet. Im Frühjahr 1521 fuhr sie in einem reich geschmückten Donauschiff von Linz nach Wien und weiter nach Buda, wo sich Ludwig wegen der akuten Türkengefahr aufhielt. 

 

 

 

 


Maria von Ungarn
© Archiv für Kunst und Geschichte


1526 verlor Ludwig II. in der Schlacht bei Mohács im Kampf gegen die Osmanen Leben und Land. Schwager Ferdinand, inzwischen Herr über das österreichische Kernland, erbte wenigstens den Anspruch auf die ungarische Krone. Drei Jahre später belagerten türkischen Truppen Wien. Die Hartnäckigkeit der Verteidiger Wiens und das schlechte Herbstwetter bewogen die Türken allerdings dazu, die Belagerung aufzugeben und sich hinter die nahe gelegene Grenze zurückzuziehen. Das Zentrum Ungarns, die Donau-Theiss-Tiefebene, blieb fast anderthalb Jahrhunderte fest in türkischer Hand. Nur einen schmalen Streifen, von der Slowakei bis zur Adria reichend, beherrschten die Habsburger (siehe Kapitel III.3.).

Die Entscheidung
 

1683

Großwesir Kara Mustafa belagert Wien

1687

Prinz Eugen v. Savoyen wird Oberbefehlshaber der kaiserlichen Armee

1717

Eroberung Belgrads

1718

Friede von Passarowitz. Ungarn wird habsburgisch


Im Sommer 1683 standen die Türken mit 250000 Mann erneut vor Wien. Kaiser Leopold I. hatte fluchtartig die Stadt verlassen und sich donauaufwärts in Passau in Sicherheit gebracht. Rund 20000 Wiener waren ihm in Panik gefolgt. Die zurückgebliebenen Verteidiger Wiens wurden durch Hunger und Seuchen dezimiert.
Überraschend brachen die Türken die Belagerung ab, als in ihrem Rücken das rund 80000 Mann starke Entsatzheer unter dem Befehl des polnischen Königs Johann Sobieski aufmarschierte. Es brachte den desorientierten Türken eine vernichtende Niederlage bei und bannte damit die Türkengefahr ein für alle Mal. Mehr noch: Die Gegenoffensive begann und jetzt erst nahm die »Donaumonarchie« Konturen an. Innerhalb von wenigen Jahren wurde Belgrad den Türken entrissen. In vorderster Linie der »edle Ritter« Prinz Eugen, der als kaiserlicher Feldherr die Osmanen ein halbes Jahrhundert lang immer weiter nach Südosten zurückdrängte. Der kleingewachsene savoyische Prinz gewann die entscheidenden Schlachten und handelte die Friedensbedingungen aus. Er sicherte Österreich nach dem Sieg über das Osmanische Reich außer Ungarn den größeren Teil von Serbien, einen Teil Bosniens und die kleine Walachei und für ein Jahrzehnt bis zum Frieden von Rastatt 1714 dehnte er Österreich entlang der Donau nach Westen aus und besetzte Bayern. Prinz Eugen machte Österreich zur »Donaumonarchie« und für zwei Jahrhunderte zu einer der unbestrittenen Großmächte Europas.

Öffnung nach Europa
 

174080

Kaiserin Maria Theresia

178090

Joseph II. (seit 1765 Mitregent seiner Mutter in Österreich)

1806

Franz II. verzichtet auf die deutsche Krone.
Ende des HI. Römischen Reiches Deutscher Nation


Zu Beginn des 18. Jahrhunderts war die »Donaumonarchie« ein bunt zusammengewürfeltes Gebilde, das nur durch die gemeinsame Dynastie zusammengehalten wurde. Sie umfasste über ein Dutzend ethnischer Gruppen in verschiedenen Stadien ihrer nationalen Entwicklung, zwar eine Großmacht, aber eine gegenüber Westeuropa zurückgebliebene. Maria Theresia leitete eine Politik der vorsichtigen Modernisierung ein. Frühzeitig von ihrem Sohn Joseph unterstützt und, seitdem er 1765 als Mitregent eingesetzt worden war, regelrecht getrieben.
Als Joseph nach dem Tod seiner Mutter 1780 Alleinherrscher wurde, versuchte er in atemberaubendem Tempo innerhalb eines Jahrzehnts aus dem amorphen Vielvölkerstaat einen zentralisierten, bürokratischen Einheitsstaat zu schmieden. Innerhalb kürzester Zeit machte er sich dadurch alle gesellschaftlichen und politisch relevanten Gruppen zu erbitterten Feinden: den Adel, vor allem den ungarischen, die Kirche und selbst die durch seine Reformen begünstigten Bauern.
Einen Teil seiner Reformen musste bereits Joseph selbst zurücknehmen. Auch unter dem Eindruck der revolutionären Entwicklung in Frankreich wurden sie unter seinem Nachfolger vollständig rückgängig gemacht. Dennoch war Josephs radikaler Reformismus nicht umsonst gewesen. Wien, immerhin die zweitgrößte Stadt des Kontinents, entwickelte sich sehr schnell zu einem Zentrum der europäischen Aufklärungskultur.

Stagnation und Fortschritt
 

1814/15

Wiener Kongress. Neuordnung Europas

1815

Heilige Allianz

180948

Ära Metternich

181566

Deutscher Bund


Wohl kaum ein Politiker wurde so sehr mit den Schattenseiten des Ancien régime identifiziert wie Österreichs Staatskanzler Metternich. Er stand für die europaweite Unterdrückung jeder liberalen und nationalen Bewegung, für die rücksichtslose Knebelung der Meinungsfreiheit.
Dabei verfolgte er im Dienste seines Monarchen nur ein Ziel: in der »Donaumonarchie« Sicherheit und inneren Frieden zu garantieren. Er setzte die vom russischen Zaren aus dem Geist christlicher Romantik ins Leben gerufene »Heilige Allianz« der Fürsten in nüchterne, praktikable Politik um. Sie stemmte sich gegen alle modernen Tendenzen der Gegenwart, gegen Parlamentarismus und Selbstbestimmungsrecht der Völker. Andererseits konstituierte sie ein europäisches Friedens- und Sicherheitssystem, wie es seit dem Westfälischen Frieden nicht
mehr bestanden hatte. Es bewahrte Europa das ganze 19. Jahrhundert hindurch vor dem großen Waffengang und zerbrach erst im Ersten Weltkrieg. Der Preis für diesen Frieden hieß Unfreiheit, von Metternichs Gegnern als Friedhofsruhe empfunden. Vor allem aber wurde die von Joseph II. eingeleitete Öffnung nach Europa nicht fortgeführt. Österreich zog sich auf sein altes Kerngebiet an der mittleren Donau zurück, orientierte sich zum Balkan hin.

Untergang

1848/49

Revolutionen in Europa

18481916

Kaiser Franz Joseph I.

1863

Fürstentag in Frankfurt

1866

Preußisch-Österreichischer Krieg

1867

Ausgleich Österreich Ungarn Franz Joseph König von Ungarn

1871

Zweites Deutsches Kaiserreich

1914

Beginn des Ersten Weltkrieges


Mitten in den Revolutionswirren von 1848 trat der 18-jährige Erzherzog Franz Joseph auf Betreiben seiner Mutter Sophie die Nachfolge seines regierungsunfähigen Vaters an. Mit Hilfe seiner eigenen und der russischen Armee unterdrückte er die Revolution und suchte den Status quo zu bewahren und doch einen modernen Zentralstaat zu schaffen.
Der Schwerpunkt seiner frühen Aktivitäten lag in der Bewahrung der österreichischen Führungsrolle im Deutschen Bund und der Integration seines gemischt nationalen Staates in ein Großdeutschland. Diese Deutschlandpolitik scheiterte auf dem Fürstentag zu Frankfurt 1863 an der ablehnenden Haltung Preußens. Es war der letzte Versuch, die Donaumonarchie nach Westen hin zu orientieren. Der preußische Sieg bei Königgrätz 1866 schloss Österreich aus dem Deutschen Bund aus und verlagerte das Machtzentrum der Doppelmonarchie endgültig in den Donauraum.
Mit dem Ausgleich zwischen Österreich und Ungarn im Jahr 1867 (siehe Kapitel III.3.) begann eine lange Friedenszeit, gekennzeichnet durch wirtschaftlichen Aufschwung und bürgerliche Sicherheit, allerdings auf Kosten der kleineren Nationalitäten im Vielvölkerstaat. Die Reichsteilung in einen westlichen, von Österreich dominierten und einen östlichen, von Ungarn dominierten Teil, nach dem Grenzflüsschen Leitha Cis- und Transleithanien genannt, war ein mühsam austarierter Kompromiss. Dieser Dualismus hielt bis zum Ende der Monarchie 1918, obwohl niemand mit ihm zufrieden war und die unterdrückten Minderheiten, die seit der Annexion Bosniens 1908 zusammengenommen eine Mehrheit ausmachten, verbissen um mehr Autonomie stritten.

 

 

 

 

 

Franz Joseph I. im Alter von 18 Jahren
Zeitgenöss. Lithographie © ZEIT-Archiv

1854 heiratete Franz Joseph I. seine bayerische Cousine Elisabeth. Populär beim Volk als »Sisi«, am Hof jedoch bald als »hübsches Dummerl« verrufen, gebar sie pflichtgemäß den erwünschten Thronfolger und ging ihre eigenen Wege, auch politisch. Sie hatte entscheidenden Anteil am Ausgleich von 1867. Persönlicher und politischer Höhepunkt ihres Lebens war die feierliche Krönung zur Königin von Ungarn in Budapest. Bis heute ist Erzsébet dort eine schwärmerisch verehrte Kultfigur geblieben. Ihr gewaltsamer Tod 1898 auf der Genfer Uferpromenade entrückte sie vollends ins Reich des Mythos.
Kronprinz Rudolf verkörperte einen verbreiteten deutsch-österreichischen Typus: Obwohl überzeugter Repräsentant der Monarchie, wollte er ihre völlig verkrusteten und erstarrten Strukturen aufbrechen, nicht um sie zu zerstören, sondern um sie zu retten. Politisch kaltgestellt, ohne reale Macht, blieb ihm jedoch die politische Reformarbeit verwehrt. Er sympathisierte mit den Liberalen und veröffentlichte seine oppositionellen Ideen in der nationalen und internationalen Presse unter einem Pseudonym.
Ende Januar 1889 erschoss der 30-Jährige sich und seine Geliebte, die 17-jährige Baroness Vetsera, im Jagdschlösschen Mayerling. Der Skandal erschütterte die ohnehin krisengeschüttelte k.u.k. Monarchie bis in ihre Grundfesten. Zeitgenossen deuteten den Tod des Kronprinzen als ein Mentekel des Untergangs. Nach Rudolfs Tod regierte Franz Joseph in der Hofburg weiter, bis schließlich nur noch er selbst die auseinanderdriftende Monarchie zusammenhielt. Die Nationalitätenprobleme verlangten nach einer Lösung. Thronfolger Franz Ferdinand, Neffe des Kaisers, forderte deshalb schon seit Jahren eine Föderalisierung der »Donaumonarchie«, die insbesondere dem slawischen Bevölkerungsteil mehr Autonomie bringen sollte. Vor allem bei den Ungarn und den großserbischen Nationalisten war er deshalb verhasst.
Im Sommer 1914 waren wohl auch zur Einschüchterung der Serben österreichische Manöver an der Drina geplant, direkt an der serbischen Grenze. Sie wurden kommandiert von Franz Ferdinand persönlich. Dort trafen ihn und seine Gemahlin die Kugeln eines Attentäters tödlich. Generalstabschef Conrad von Hötzendorf sah endlich seine Stunde gekommen. Seitdem er im Amt war, hatte er sich dafür eingesetzt, die internen Nationalitätenprobleme der »Donaumonarchie« durch einen Präventivkrieg gegen Serbien und Italien gewaltsam zu lösen. Die österreichische Kriegserklärung an Serbien läutete das Ende der Donaumonarchie ein, zugleich aber auch das Ende des alten Europa.

 

 

 

 

 

 



Kaiserin Elisabeth 1865
Fotografie von Emil Rabending
© Historisches Museum der Stadt Wien

Literaturhinweise

Rolf Bauer: Österreich. Ein Jahrtausend Geschichte im Herzen Europas. München 1994

Brigitte Hamann: Elisabeth. Kaiserin wider Willen. München 1989

Robert A. Kann: Geschichte des Habsburgerreiches 15261918. Graz 1977

Walter Pohl/Brigitte Vacha: Die Welt der Babenberger. Graz 1995

Roman Sandgruber: Ökonomie und Politik. Österreichische Wirtschaftsgeschichte vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Wien 1995

Brigitte Vacha (Hrsg.): Die Habsburger. Eine europäische Familiengeschichte. Graz 1992

Adam Wandruzka/Peter Urbanitsch: Die Habsburgermonarchie 18481918 (6 Bde.).Wien 1973ff.

Erich Zöllner: Geschichte Österreichs. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. 8. Auflage 1990

 


Copyright ©   2000  LpB Baden-Württemberg   HOME

Kontakt / Vorschläge / Verbesserungen bitte an: lpb@lpb-bw.de