a) Die Donaumonarchie
Von Martin Kramer
Der Staat, den die Habsburger in langen Jahrhunderten im Südosten
Europas schufen, war ein sehr heterogenes, multikulturelles Gebilde,
das außer der Dynastie nur noch die Donau als einigende Klammer
besaß.
Der Anfang
1253–78 |
König Ottokar II. v.
Böhmen |
1254–73 |
Interregnum |
1273–91 |
König Rudolf von Habsburg |
1278 |
Schlacht auf dem Marchfeld.
Niederlage u. Tod Ottokars |
1273 wurde Graf Rudolf von Habsburg von den Großen
des Reiches in Frankfurt zum König gewählt. Der herrschende
Adel hatte mehr an seine eigenen Machtinteressen gedacht und einen
Habenichts ohne nennenswerte Hausmacht auf den Thron gehoben. Rudolf
entpuppte sich jedoch als tatkräftiger Monarch und zielstrebiger
Hausmachtpolitiker. Er begann im Reich aufzuräumen, setzte
den darniederliegenden Landfrieden mit Waffengewalt durch und verschaffte
sich die fehlende Hausmacht, ohne die die Krone des Heiligen Römischen
Reiches ein bloßer Zierrat war. Fündig wurde er dort,
wo die Machtverhältnisse noch nicht zementiert waren: im Südosten,
außerhalb der Reichsgrenzen. Er verlangte von seinem Gegenspieler
Ottokar II. die Herausgabe der usurpierten Babenberger-Herzogtümer
an der mittleren Donau zwischen Linz und Wien und er bekam sie nach
Niederlage und Schlachtentod Ottokars, 1278 auf dem Marchfeld. Damit
legte er den Grundstein für die spätere Donaumonarchie.
Die Grundlagen
1493–1519 |
Kaiser Maximilian I. |
1515 |
Heirats- und Erbverträge
Habsburgs mit Böhmen und Mähren |
1526 |
Schlacht bei Mohács.
Ungarn wird osmanisch |
1529 |
Erste Belagerung Wiens durch
die Osmanen. |
Die Wiener Doppelhochzeit von 1515 begründete die Donaumonarchie
wenigstens dem Anspruch nach. Maximilian I. verheiratete seine Enkelin
Maria mit Ludwig, dem Sohn des ungarischen Königs, dessen Schwester
Anna gleichzeitig Maximilians Enkel Ferdinand das Jawort gab. Die
10-jährige Maria wurde in Innsbruck auf ihre Rolle als Königin
von Ungarn vorbereitet. Im Frühjahr 1521 fuhr sie in einem
reich geschmückten Donauschiff von Linz nach Wien und weiter
nach Buda, wo sich Ludwig wegen der akuten Türkengefahr aufhielt.
Maria von Ungarn © Archiv für
Kunst und Geschichte
1526 verlor Ludwig II. in der Schlacht bei Mohács
im Kampf gegen die Osmanen Leben und Land. Schwager Ferdinand, inzwischen
Herr über das österreichische Kernland, erbte wenigstens
den Anspruch auf die ungarische Krone. Drei Jahre später belagerten
türkischen Truppen Wien. Die Hartnäckigkeit der Verteidiger
Wiens und das schlechte Herbstwetter bewogen die Türken allerdings
dazu, die Belagerung aufzugeben und sich hinter die nahe gelegene
Grenze zurückzuziehen. Das Zentrum Ungarns, die Donau-Theiss-Tiefebene,
blieb fast anderthalb Jahrhunderte fest in türkischer Hand.
Nur einen schmalen Streifen, von der Slowakei bis zur Adria reichend,
beherrschten die Habsburger (siehe Kapitel III.3.).
Die Entscheidung
1683 |
Großwesir Kara Mustafa
belagert Wien |
1687 |
Prinz Eugen v. Savoyen wird
Oberbefehlshaber der kaiserlichen Armee |
1717 |
Eroberung Belgrads |
1718 |
Friede von Passarowitz.
Ungarn wird habsburgisch |
Im Sommer 1683 standen die Türken mit 250000 Mann erneut
vor Wien. Kaiser Leopold I. hatte fluchtartig die Stadt verlassen
und sich donauaufwärts in Passau in Sicherheit gebracht. Rund
20000 Wiener waren ihm in Panik gefolgt. Die zurückgebliebenen
Verteidiger Wiens wurden durch Hunger und Seuchen dezimiert.
Überraschend brachen die Türken die Belagerung ab, als
in ihrem Rücken das rund 80000 Mann starke Entsatzheer unter
dem Befehl des polnischen Königs Johann Sobieski aufmarschierte.
Es brachte den desorientierten Türken eine vernichtende Niederlage
bei und bannte damit die Türkengefahr ein für alle Mal.
Mehr noch: Die Gegenoffensive begann und jetzt erst nahm die »Donaumonarchie«
Konturen an. Innerhalb von wenigen Jahren wurde Belgrad den Türken
entrissen. In vorderster Linie der »edle Ritter« Prinz
Eugen, der als kaiserlicher Feldherr die Osmanen ein halbes Jahrhundert
lang immer weiter nach Südosten zurückdrängte. Der
kleingewachsene savoyische Prinz gewann die entscheidenden Schlachten
und handelte die Friedensbedingungen aus. Er sicherte Österreich
nach dem Sieg über das Osmanische Reich außer Ungarn
den größeren Teil von Serbien, einen Teil Bosniens und
die kleine Walachei und für ein Jahrzehnt bis zum Frieden von
Rastatt 1714 dehnte er Österreich entlang der Donau nach Westen
aus und besetzte Bayern. Prinz Eugen machte Österreich zur
»Donaumonarchie« und für zwei Jahrhunderte zu einer
der unbestrittenen Großmächte Europas.
Öffnung nach Europa
1740–80 |
Kaiserin Maria Theresia |
1780–90 |
Joseph II. (seit 1765 Mitregent
seiner Mutter in Österreich) |
1806 |
Franz II. verzichtet auf
die deutsche Krone. Ende des HI. Römischen
Reiches Deutscher Nation |
Zu Beginn des 18. Jahrhunderts war die »Donaumonarchie«
ein bunt zusammengewürfeltes Gebilde, das nur durch die gemeinsame
Dynastie zusammengehalten wurde. Sie umfasste über ein Dutzend
ethnischer Gruppen in verschiedenen Stadien ihrer nationalen Entwicklung,
zwar eine Großmacht, aber eine gegenüber Westeuropa zurückgebliebene.
Maria Theresia leitete eine Politik der vorsichtigen Modernisierung
ein. Frühzeitig von ihrem Sohn Joseph unterstützt und,
seitdem er 1765 als Mitregent eingesetzt worden war, regelrecht
getrieben. Als Joseph nach dem Tod seiner Mutter 1780 Alleinherrscher
wurde, versuchte er in atemberaubendem Tempo innerhalb eines Jahrzehnts
aus dem amorphen Vielvölkerstaat einen zentralisierten, bürokratischen
Einheitsstaat zu schmieden. Innerhalb kürzester Zeit machte
er sich dadurch alle gesellschaftlichen und politisch relevanten
Gruppen zu erbitterten Feinden: den Adel, vor allem den ungarischen,
die Kirche und selbst die durch seine Reformen begünstigten
Bauern. Einen Teil seiner Reformen musste bereits Joseph selbst
zurücknehmen. Auch unter dem Eindruck der revolutionären
Entwicklung in Frankreich wurden sie unter seinem Nachfolger vollständig
rückgängig gemacht. Dennoch war Josephs radikaler Reformismus
nicht umsonst gewesen. Wien, immerhin die zweitgrößte
Stadt des Kontinents, entwickelte sich sehr schnell zu einem Zentrum
der europäischen Aufklärungskultur.
Stagnation und Fortschritt
1814/15 |
Wiener Kongress. Neuordnung
Europas |
1815 |
Heilige Allianz |
1809–48 |
Ära Metternich |
1815–66 |
Deutscher Bund |
Wohl kaum ein Politiker wurde so sehr mit den Schattenseiten
des Ancien régime identifiziert wie Österreichs Staatskanzler
Metternich. Er stand für die europaweite Unterdrückung
jeder liberalen und nationalen Bewegung, für die rücksichtslose
Knebelung der Meinungsfreiheit. Dabei verfolgte er im Dienste
seines Monarchen nur ein Ziel: in der »Donaumonarchie«
Sicherheit und inneren Frieden zu garantieren. Er setzte die vom
russischen Zaren aus dem Geist christlicher Romantik ins Leben gerufene
»Heilige Allianz« der Fürsten in nüchterne,
praktikable Politik um. Sie stemmte sich gegen alle modernen Tendenzen
der Gegenwart, gegen Parlamentarismus und Selbstbestimmungsrecht
der Völker. Andererseits konstituierte sie ein europäisches
Friedens- und Sicherheitssystem, wie es seit dem Westfälischen
Frieden nicht mehr bestanden hatte. Es bewahrte Europa das ganze
19. Jahrhundert hindurch vor dem großen Waffengang und zerbrach
erst im Ersten Weltkrieg. Der Preis für diesen Frieden hieß
Unfreiheit, von Metternichs Gegnern als Friedhofsruhe empfunden.
Vor allem aber wurde die von Joseph II. eingeleitete Öffnung
nach Europa nicht fortgeführt. Österreich zog sich auf
sein altes Kerngebiet an der mittleren Donau zurück, orientierte
sich zum Balkan hin.
Untergang
1848/49 |
Revolutionen in Europa |
1848–1916 |
Kaiser Franz Joseph I. |
1863 |
Fürstentag in Frankfurt |
1866 |
Preußisch-Österreichischer
Krieg |
1867 |
Ausgleich Österreich
Ungarn Franz Joseph König von Ungarn |
1871 |
Zweites Deutsches Kaiserreich |
1914 |
Beginn des Ersten Weltkrieges |
Mitten in den Revolutionswirren von 1848 trat der 18-jährige
Erzherzog Franz Joseph auf Betreiben seiner Mutter Sophie die Nachfolge
seines regierungsunfähigen Vaters an. Mit Hilfe seiner eigenen
und der russischen Armee unterdrückte er die Revolution und
suchte den Status quo zu bewahren und doch einen modernen Zentralstaat
zu schaffen. Der Schwerpunkt seiner frühen Aktivitäten
lag in der Bewahrung der österreichischen Führungsrolle
im Deutschen Bund und der Integration seines gemischt nationalen
Staates in ein Großdeutschland. Diese Deutschlandpolitik scheiterte
auf dem Fürstentag zu Frankfurt 1863 an der ablehnenden Haltung
Preußens. Es war der letzte Versuch, die Donaumonarchie nach
Westen hin zu orientieren. Der preußische Sieg bei Königgrätz
1866 schloss Österreich aus dem Deutschen Bund aus und verlagerte
das Machtzentrum der Doppelmonarchie endgültig in den Donauraum.
Mit dem Ausgleich zwischen Österreich und Ungarn im Jahr 1867
(siehe Kapitel III.3.) begann eine lange Friedenszeit, gekennzeichnet
durch wirtschaftlichen Aufschwung und bürgerliche Sicherheit,
allerdings auf Kosten der kleineren Nationalitäten im Vielvölkerstaat.
Die Reichsteilung in einen westlichen, von Österreich dominierten
und einen östlichen, von Ungarn dominierten Teil, nach dem
Grenzflüsschen Leitha Cis- und Transleithanien genannt, war
ein mühsam austarierter Kompromiss. Dieser Dualismus hielt
bis zum Ende der Monarchie 1918, obwohl niemand mit ihm zufrieden
war und die unterdrückten Minderheiten, die seit der Annexion
Bosniens 1908 zusammengenommen eine Mehrheit ausmachten, verbissen
um mehr Autonomie stritten.

Franz Joseph I. im Alter von 18 Jahren Zeitgenöss.
Lithographie © ZEIT-Archiv
1854 heiratete Franz Joseph I. seine bayerische Cousine Elisabeth.
Populär beim Volk als »Sisi«, am Hof jedoch bald
als »hübsches Dummerl« verrufen, gebar sie pflichtgemäß
den erwünschten Thronfolger – und ging ihre eigenen Wege, auch
politisch. Sie hatte entscheidenden Anteil am Ausgleich von 1867.
Persönlicher und politischer Höhepunkt ihres Lebens war
die feierliche Krönung zur Königin von Ungarn in Budapest.
Bis heute ist Erzsébet dort eine schwärmerisch verehrte
Kultfigur geblieben. Ihr gewaltsamer Tod 1898 auf der Genfer Uferpromenade
entrückte sie vollends ins Reich des Mythos. Kronprinz
Rudolf verkörperte einen verbreiteten deutsch-österreichischen
Typus: Obwohl überzeugter Repräsentant der Monarchie,
wollte er ihre völlig verkrusteten und erstarrten Strukturen
aufbrechen, nicht um sie zu zerstören, sondern um sie zu retten.
Politisch kaltgestellt, ohne reale Macht, blieb ihm jedoch die politische
Reformarbeit verwehrt. Er sympathisierte mit den Liberalen und veröffentlichte
seine oppositionellen Ideen in der nationalen und internationalen
Presse unter einem Pseudonym. Ende Januar 1889 erschoss der
30-Jährige sich und seine Geliebte, die 17-jährige Baroness
Vetsera, im Jagdschlösschen Mayerling. Der Skandal erschütterte
die ohnehin krisengeschüttelte k.u.k. Monarchie bis in ihre
Grundfesten. Zeitgenossen deuteten den Tod des Kronprinzen als ein
Mentekel des Untergangs. Nach Rudolfs Tod regierte Franz Joseph
in der Hofburg weiter, bis schließlich nur noch er selbst
die auseinanderdriftende Monarchie zusammenhielt. Die Nationalitätenprobleme
verlangten nach einer Lösung. Thronfolger Franz Ferdinand,
Neffe des Kaisers, forderte deshalb schon seit Jahren eine Föderalisierung
der »Donaumonarchie«, die insbesondere dem slawischen
Bevölkerungsteil mehr Autonomie bringen sollte. Vor allem bei
den Ungarn und den großserbischen Nationalisten war er deshalb
verhasst. Im Sommer 1914 waren – wohl auch zur Einschüchterung
der Serben – österreichische Manöver an der Drina geplant,
direkt an der serbischen Grenze. Sie wurden kommandiert von Franz
Ferdinand persönlich. Dort trafen ihn und seine Gemahlin die
Kugeln eines Attentäters tödlich. Generalstabschef Conrad
von Hötzendorf sah endlich seine Stunde gekommen. Seitdem er
im Amt war, hatte er sich dafür eingesetzt, die internen Nationalitätenprobleme
der »Donaumonarchie« durch einen Präventivkrieg
gegen Serbien und Italien gewaltsam zu lösen. Die österreichische
Kriegserklärung an Serbien läutete das Ende der Donaumonarchie
ein, zugleich aber auch das Ende des alten Europa.

Kaiserin Elisabeth 1865 Fotografie
von Emil Rabending © Historisches Museum der Stadt Wien
Literaturhinweise
Rolf
Bauer: Österreich. Ein Jahrtausend Geschichte im Herzen Europas.
München 1994
Brigitte
Hamann: Elisabeth. Kaiserin wider Willen. München 1989
Robert
A. Kann: Geschichte des Habsburgerreiches 1526–1918. Graz 1977
Walter
Pohl/Brigitte Vacha: Die Welt der Babenberger. Graz 1995
Roman
Sandgruber: Ökonomie und Politik. Österreichische Wirtschaftsgeschichte
vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Wien 1995
Brigitte
Vacha (Hrsg.): Die Habsburger. Eine europäische Familiengeschichte.
Graz 1992
Adam
Wandruzka/Peter Urbanitsch: Die Habsburgermonarchie 1848–1918 (6
Bde.).Wien 1973ff.
Erich
Zöllner: Geschichte Österreichs. Von den Anfängen
bis zur Gegenwart. 8. Auflage 1990
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