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Die Donau


Lebensader, Kulturräume, Erkundungen


  Die Donau
Inhaltsverzeichnis

 

b) Unter dem Banner des Propheten ins Innere Europas


Von Dietrich Rolbetzki

Wie die Ungarn kamen die Türken als Eroberer und versetzten zunächst die Völker Europas in Angst und Schrecken. Aber anders als die Ungarn hielten sie an ihrer Religion fest und wuchsen nicht in die europäische Kultur hinein. Über Jahrhunderte waren sie die Herren Südosteuropas und hinterließen mannigfache Spuren. Am Ende aber wurden sie wieder fast ganz aus Europa hinausgedrängt. Die moderne Türkei schwankt heute zwischen der engeren Verbindung mit Europa und der Hinwendung nach Asien.

Von Mittelasien nach Anatolien

Nomadische Turkvölker aus Mittelasien kamen bei ihrem Vordringen nach Westen mit persischer und arabischer Kultur in Berührung und nahmen den Islam an. Der Stamm der Seldschuken ihrem Anführer wurde nach der Eroberung Bagdads im 11. Jahrhundert der Titel »Sultan« (»Herrscher über die Gläubigen«) vom Kalifen (Nachfolger Mohammeds) verliehen errichtete in Anatolien einen Staat, den die Mongolen im 13. Jahrhundert wieder zerstörten. Seine Nachfolge traten zahlreiche Kleinfürstentümer an.

Vom asiatischen Kleinstaat zur europäischen Großmacht

Eines dieser kleinen Fürstentümer, das osmanische um Bursa, benannt nach dem Stammesführer Osman (1281?1326), stieg im Laufe der nächsten Jahrhunderte zu einer Großmacht auf. Osman eroberte neue Gebiete, weil er den Islam ausbreiten und seine Krieger mit Beute versorgen wollte. Er förderte auch die Landwirtschaft und damit das Sesshaftwerden und nahm den Titel »Sultan« an.
Bürgerkriege und Thronkämpfe im Byzantinischen Reich in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts brachten die Osmanen nach Europa. Zunächst wurden sie als Hilfstruppen herbeigerufen, 1354 aber kamen sie unaufgefordert, eroberten Adrianopel und machten es zum neuen Mittelpunkt ihres Staates. Byzanz war jetzt vom westlichen Europa abgeschnitten, musste den Osmanen Tribut zahlen und erhielt dafür Getreide.
1389 wurden die Serben auf dem Amselfeld (Kosovo polje) geschlagen, wenig später wurde Bulgarien türkische Provinz und die Walachei tributpflichtig.
Die osmanischen Erfolge erklären sich aus einer straffen Führung, der Notwendigkeit Beute zu machen, um Militär und Verwaltung zu versorgen und dem Drang den Islam auszubreiten. Dabei profitierten die Türken davon, dass der Balkan politisch zersplittert war, wirtschaftlich am Boden lag (Pest) und die Bauern von großen Grundbesitzern ausgebeutet wurden. Gegen die Türken aufgebotene europäische Heere, Ausdruck eines Gefühls kollektiver Bedrohung, erlitten Niederlagen. 
1453 ließ Mehmet II., »der Eroberer«, seine Soldaten zum Sturm auf Konstantinopel antreten. Europa aber ließ die Stadt am Goldenen Horn in ihren letzten schweren Stunden allein. Als Istanbul (istan polis = in der Stadt) war sie fortan bis 1923 die neue Hauptstadt des Osmanischen Reiches, das sich endgültig als Großmacht etabliert hatte. Nichts schien in den folgenden Jahrzehnten die Osmanen daran zu hindern ihre Herrschaft weiter auszudehnen: auf dem Balkan, in Vorderasien und Nordafrika. In Kairo geriet der letzte Kalif in türkische Gefangenschaft und soll seine Würde als geistliches Oberhaupt der Sunniten auf Sultan Selim I. übertragen haben.

Der Griff nach dem »Goldenen Apfel«:
die Türken vor Wien

Die neuen Eroberungen gaben Sultan Suleiman II. (1520 1566), »dem Prächtigen«, die Mittel zum Vorstoß auf Wien an die Hand, den »Goldenen Apfel«, wie die Stadt seit langem in osmanischen Militärkreisen genannt wurde: 1521 fiel Belgrad, 1526 wurden die Ungarn bei Mohács an der Donau geschlagen, 1529 war erstmals die österreichische Kaiserstadt bedroht.
Zwar scheiterte die Eroberung Wiens, doch war das Osmanische Reich unter Suleiman II. »stärkste militärische und politische Macht der Erde« (Josef Matuz) geworden. Innerhalb seiner Grenzen wohnten mehr Völker als in irgendeinem anderen damaligen Staat. Ihnen gegenüber waren die Osmanen, sieht man von der Eroberungszeit und bei Widerstand ab, recht tolerant: Juden und Christen mussten nur die Herrschaft des Islam anerkennen und die Kopfsteuer zahlen (deshalb blieb der Balkan im Wesentlichen christlich); auch die Roma wurden nicht verfolgt.
Regiert wurde dieses Reich von einem Sultan mit unumschränkter Macht, der seit dem 15. Jahrhundert durch Erbfolge ins Amt gelangte. Dem Großwesir unterstand die Verwaltung, der Diwan war Beraterrunde und oberstes Gericht. Ein Gegengewicht gegen die Macht des Sultans bildete die Geistlichkeit. Bei der Besetzung von Ämtern spielten Herkunft und Nationalität jahrhundertelang keine Rolle. Das eroberte Land wurde in Militärbezirke aufgeteilt und von Paschas regiert bzw. ausgebeutet. Solange die Bewohner gehorchten und Steuern zahlten, hatten sie ihre Ruhe. So arrangierten sie sich mit den Eroberern.

 

 

 

 

 

Sultan Suleiman II. (15201566).
Aus: Varga Domokos: Magyarország Virágzása ... (o. J.)

 

Die Donau im Osmanischen Reich

Ende des 14. Jahrhunderts hatten die Türken den Unterlauf der Donau erreicht. Doch der Strom bildete nur für kurze Zeit die Nordgrenze ihres Reiches, die durch eine Reihe von Sperrfestungen am südlichen Flussufer gesichert wurde.
In den folgenden drei Jahrhunderten wurde der Fluss überschritten und lag nun innerhalb des Osmanischen Reiches. Er bildete auch das Rückgrat des Vorstoßes auf Wien und diente dem Transport von Nachschub.
Solange sie innerhalb ihres Reiches dahinströmte, benutzten die Türken die Donau immer auch als »Straße« für Handel und Verkehr. Als im 19. und 20. Jahrhundert ihr Kolonialbesitz in Südosteuropa Stück um Stück verloren ging, wurde der Fluss für den Kontinent wieder zum übernationalen Handels- und Verkehrsweg.

 

 

 

 


Der europäische Teil des Osmanisches Reiches im 17. Jahrhundert
Zeichnung: Peter Steinheisser

 

Jahrhunderte des Niedergangs

Seit der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts leiteten eine Reihe unfähiger Herrscher, Korruption und Ämterkauf, wirtschaftliche Probleme, militärische Misserfolge und zunehmende Stärke der Armeen des christlichen Europa den Niedergang des Osmanischen Reiches ein.
1683 raffte man sich in Istanbul noch einmal zu einem Kraftakt auf: Kara Mustafa befehligte den zweiten Angriff auf Wien. Der Feldzug endete mit einer schweren Niederlage (siehe Kapitel III.4.a)).
Das Gesetz des Handelns ging nun an Habsburg über, das in den Auseinandersetzungen mit dem Osmanischen Reich zur Großmacht aufstieg.
Zwischen 1684 und 1699 (Friede von Karlowitz) verloren die Türken mit Ungarn, Siebenbürgen, dem größten Teil Kroatiens und Slawoniens fast die Hälfte ihrer europäischen Besitzungen und außerdem die wirtschaftlich wertvollsten. Russland erkämpfte sich im 18. Jahrhundert den Zugang zum Schwarzen Meer und fasste auch auf dem Balkan Fuß.


Schlacht am Kahlenberg. Gemälde von Franz Gaffels
© Historisches Museum der Stadt Wien.

Abschied von der Donau

Ungeniert rissen dann im 19. Jahrhundert europäische Großmächte türkische Gebiete an sich. Der »kranke Mann am Bosporus« blieb nur am Leben, weil kein Staat im Falle seines Dahinscheidens dem anderen große Vorteile gönnen mochte. Neue Ideen aus dem Westen und der Mitte Europas leiteten das »nationale Erwachen« der Balkanvölker ein. Russland propagierte die Vereinigung aller Slawen unter seiner Führung und stand, wie auch andere Großmächte, zum Eingreifen auf dem Balkan bereit. Als Erste erkämpften die Serben 1817 ihre Autonomie. 1830 wurde Griechenland unabhängig; 1878 folgten Serbien, Montenegro und Rumänien. Zur Ruhe kam der Balkan dadurch freilich nicht: Die neuen Staaten waren instabil und voller ungelöster Probleme und das dahinsiechende Osmanische Reich, 1908 auch noch von innen erschüttert durch die sich an die Macht putschende Reformbewegung der »Jungtürken«, weckte allerorten neue Begehrlichkeiten. Österreich-Ungarn nutzte die Gunst der Stunde, drängte Bulgarien zur Unabhängigkeit und annektierte selbst Bosnien und die Herzegowina. In den Balkankriegen 1912/13 konnte das Osmanische Reich gerade noch einen Zipfel Europas für sich retten, der der Türkei bis heute geblieben ist. 


Pécs (Ungarn): Innerstädtische Pfarrkirche auf dem Széchenyi tér, erbaut 1585 als Moschee. Auf dem Denkmal Türkenbezwinger János Hunyadi.
Foto: Dietrich Rolbetzki 

Was blieb vom Halbmond in Europa?

Die sichtbarsten Spuren sind heute noch Moscheen und Minarette, Bäder und Grabmäler. Einflüsse türkischer Architektur lassen sich auch in der heimischen Baukunst nachweisen, etwa in Bulgarien. Millionen Menschen in Albanien und Bosnien folgen täglich dem Ruf des Muezzins und verneigen sich gen Mekka: Moslems, deren Vorfahren unter der Türkenherrschaft zum Islam übergetreten sind. Die Musik Südosteuropas weist orientalische Anklänge auf, doch ist nicht sicher, ob das eine Folge der langen Besetzung ist. Von den Musikkapellen der Janitscharen übernahmen europäische Orchester im 18. Jahrhundert die große Trommel, das Becken, Triangel und die Piccoloflöte, Preußen auch den Schellenbaum, der zum Wahrzeichen seines Militärs wurde. Und während ihr Reich in die Defensive ging, eroberten die Türken die Opernbühnen ihrer Gegner, z. B. mit Mozarts »Die Entführung aus dem Serail« (1782).
Den Türken verdankt Europa auch mehr als nur den Kaffee. »Wo immer man gewürzte Hackfleischwürstchen über glimmender Holzkohle grillt und Fleisch in bunten Gemüsetöpfen gart, ist Balkan.«: eine Küche, die den »unverwechselbaren Hauch des Orients« (Marion Schwedt) aufweist, und den haben die Türken eingebracht.
Im Bewusstsein der unterworfenen Völker hat die Türkenherrschaft tiefe Narben hinterlassen. Die Serben sehen sich seit der Schlacht auf dem Amselfeld in der Rolle von Opfern und Märtyrern für Europa; in Ungarn wirkt das Trauma des ewigen Verlierers nach. In den Ländern des ehemaligen Osmanisches Reiches blieben türkische Minderheiten zurück, die immer wieder für ihr Mutterland büßen mussten. 1922 wurden sie aus Griechenland vertrieben. Ende der 80er-Jahre führten Zwangsbulgarisierungen zu einer weiteren Fluchtwelle. Als einstige Kolonialmacht hat es die Türkei bis heute schwer mit ihren ehemaligen Kolonien. Misstrauen und Feindschaft sind vielfach geblieben.

Literaturhinweise

Wolfgang Gust: Das Imperium der Sultane. Eine Geschichte des Osmanischen Reichs. München/Wien 1995

Josef Matuz: Das Osmanische Reich. Grundlinien seiner Geschichte. 3. Auflage, Darmstadt 1996

Alan Palmer: Verfall und Untergang des Osmanischen Reiches. München 1997

Michael W. Weithmann: Balkan-Chronik. 2000 Jahre zwischen Orient und Okzident. 2. Auflage, Regensburg/Graz/Wien/Köln 1997

 


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