Zeitschrift

Die Donau


Lebensader, Kulturräume, Erkundungen


  Die Donau
Inhaltsverzeichnis

 

5. Ulmer Schachteln und Donauschwaben


Von Jakob Huff

»Ulmer Schachteln« und »Kelheimer Pletten« beförderten vor allem im 18. Jahrhundert rund 200 000 meist deutsche Kolonisten in den Südosten des von den Habsburgern beherrschten und nach den Türkenkriegen in weiten Teilen entvölkerten Königreichs Ungarn. Dort fanden sie in sechs Hauptsiedlungsgebieten dem Bergland im Donauknie, der Schwäbischen Türkei, in Syrmien/Slawonien, der Batschka, dem Banat und dem Sathmar-Theißgebiet in über 1000 Städten und Gemeinden und oft unter beträchtlichen Mühen (»Den Ersten der Tod, den Zweiten die Not, den Dritten das Brot«) letztendlich doch eine neue Heimat. Diese Orte und Gebiete wurden für rund eine Million Donauschwaben (gegenwärtig etwas mehr als 1,5 Millionen) die »alte« Heimat, weil der von Hitler und den Nationalsozialisten entfesselte Zweite Weltkrieg und das Verhalten der Sieger sie zur Flucht und Vertreibung zwangen. Nur gut 500 000 Menschen versuchten, oft unter beispiellosen Entsagungen, der räumlichen Verpflanzung und geistig-kulturellen Entwurzelung vor allem in Ungarn und Rumänien zu widerstehen. Doch der Exodus hält an und auch die Suche nach einer neuen Heimat, hauptsächlich in Deutschland.

Das verlorene »a«

Im Wintersemester 1965/66 saß ich mit etwa 20 Studentinnen und Studenten in einem landesgeschichtlichen Proseminar von Professor Decker-Hauff in Tübingen. Am Ende der ersten Sitzung ging der Professor die Namensliste der Seminarteilnehmer durch. Als ich an der Reihe war, verblüffte er mich mit einem: »Donauschwabe, gell?« und lokalisierte mich als schwäbischen Namensvetter, dessen Vorfahren auf dem Weg nach Südosteuropa wohl das »a« aus dem Namen abhanden gekommen war. Es stimmte tatsächlich. Mein Geburtsort ist Bukin, ein 1941 knapp 4000 Menschen zählender und zu 90 % von Deutschen bewohnter Ort an der Donau etwa 60 km oberhalb von Neusatz/Novisad gelegen. Tiefere Wurzeln konnte ich in meinem Geburtsort nicht schlagen, weil ich mit vielen anderen Donauschwaben das Schicksal und die Folgen der Vertreibung teile; eine gewisse Prägung besteht jedoch darin, dass ich den Dialekt meines Geburtsortes noch vor anderen Dialekten und Sprachen gelernt habe. Meine schwäbischen Wurzeln sprossen dagegen erst seit 1947 mit der Einschulung in der einklassigen Zwergschule in Bühlenhausen auf der Schwäbischen Alb. Eine gut zweieinhalbjährige Odyssee hatte mich und einen Teil meiner Familie mütterlicherseits aus der Batschka über Ungarn, die Tschechoslowakei, Schlesien in die SBZ nach Salzwedel und von dort auf abenteuerliche Weise über zwei Zonengrenzen hinweg im Mai 1947 nach Süddeutschland zu den Amerikanern gebracht. Zunächst bei Bauern in Treffensbuch auf der Schwäbischen Alb einquartiert zog ich 1951 mit meiner Mutter nach Ulm, das für sie Wohn- und Arbeitsort, für mich aber zur eigentlichen »Heimat« wurde.
Mit meinen donauschwäbischen Wurzeln und deren historischen Bedingungen wurde ich umständehalber mehrfach in meinem Leben konfrontiert. Besondere Situationen waren beispielsweise: die Rolle als »Reigschmeckter« auf der Alb oder die Suche nach meiner Familie väterlicherseits infolge der Anträge auf Lastenausgleich, die viele Todesurkunden erbrachte z. B. die meines Vaters, gefallen an der Ostfront, meines Großvaters, erschossen auf einem Marsch in ein serbisches »Lager«, von Onkel und Tante mit Kindern, vermisst oder im »Lager« verhungert etc. Nur meine Großmutter konnte sich lebend nach Wien zu ihrer Schwester und deren Familie durchschlagen. Sie ist wieder eingebürgerte Österreicherin geworden, was unsere historischen Vorfahren ja eigentlich schon einmal gewesen sind.

Spurensuche

Der Raum um Donau, Theiß und Karpaten verzeichnet eine sehr wechselvolle Siedlungsgeschichte. Völker und Volksgruppen kamen, gingen, wurden vertrieben, erobert, assimiliert, beherrscht und wieder befreit. Germanen, Römer, Hunnen, Awaren, Slawen, Ungarn, Türken, Deutsche u. a. m. haben ihre Spuren hinterlassen.
Die Ansiedlung von Menschen in diesem Raum ist eng verbunden mit der historischen Rolle der Habsburger, die in einer feudalistischen Welt seit dem 15. bzw. 16. Jahrhundert gleichzeitig als Kaiser an der Spitze des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation standen und u. a. als Könige die Herrschaft über Ungarn und ein Gemisch aus vielen Völkern innehatten.
Mit der erfolgreichen Zurückdrängung der Türken (Prinz Eugen) begann der eigentliche Prozess der »Landnahme« durch die Vorfahren der später so genannten Donauschwaben, im Verein mit ungarischen, slawischen und anderen Siedlern. Kaiser und feudale Grundherren begannen schon nach 1686 die ersten befreiten, oft fast menschenleeren Gebiete zu besiedeln, denn die Abgaben an den Lehensherrn bildeten eine wesentliche Grundlage des ganzen Systems.
So intensivierte sich ein vielschichtiger, etwa 150 Jahre (16861829) währender Prozess der Besiedlung und Kolonisation von Gebieten, die der teilweise verwilderten Natur und vor allem dem Wasser zur wirtschaftlichen Nutzung abgerungen werden mussten. Die Besiedlung von Städten, hauptsächlich in Ungarn, ist nur ein Teilaspekt, die Kolonisation des Landes durch Bauern und Handwerker ein parallel dazu verlaufender, ergänzender Vorgang. Das persönliche und wirtschaftliche Wohl der Siedler hing zudem sehr davon ab, ob private Grundherren (ungarische und deutsche Adelige) oder der Kaiser (Kameralherrschaft) die Siedlungstätigkeit betrieben. So reichten die Formen der Abhängigkeit von einer annähernden Leibeigenschaft bis hin zur »persönlichen Freiheit« im Rahmen der kaiserlichen Grundherrschaft. Aus dem Zuzug von Menschen sind drei Phasen besonders hervorzuheben (drei große »Schwabenzüge«: 17221727, 17631773, 17821787), in denen Menschen meist aus Süddeutschland (ein Drittel war fränkischer, pfälzischer, ein Drittel bayerischer, österreichischer, sudetendeutscher und ein Viertel schwäbischer, elsässischer, badensischer Herkunft) oft angeworben und in großer Zahl planmäßig, mit einer Erstausstattung für Hof und Feld versehen, angesiedelt wurden.
Der relativ starke Bevölkerungsdruck in südwestdeutschen Gebieten ließ viele Menschen daran denken, als Kolonisten die Chance wahrzunehmen, ihre wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse zu verbessern, mit der Aussicht, als freie Bauern in Erbpacht die zurückgebliebenen Gebiete erschließen zu können. Obwohl sich die Siedler i.d.R. verpflichten mussten, fünf bzw. sieben Freijahre und weitere fünf Jahre unter Entrichtung von Zehnt und Neunt sesshaft zu bleiben, verlieren sich die Spuren der meisten ersten Siedler der ländlichen Gebiete. Harte Arbeit, ein früher Tod, Seuchen und die Hoffnung auf ein leichteres Leben an einem anderen Ort waren die Hauptgründe dafür. Doch bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts wurde die Ansiedlung der Menschen in diesen Gebieten allmählich zu einer Erfolgsgeschichte für sie persönlich und vornehmlich für Ungarn, das von der entstehenden Kornkammer vor allem wirtschaftlich profitierte. Die Siedlungen mit überwiegend deutscher Bevölkerung bildeten ein Archipel in einer zunehmend von Nationalismus geprägten Umwelt. Dieser Herausforderung konnte 1848 und danach noch mit Mühe begegnet werden. Die Donauschwaben entwickelten in dieser Zeit ihre unverkennbare kulturelle Eigenart mit vielfältigen lokalen und regionalen Ausprägungen hinsichtlich Dialekt, Brauchtum, religiöser Verankerung im Rahmen dessen, was politisch möglich war.

 

 

 

 

 

 

»lnsellandschaft«
Skizze: Jakob Huff

 

 

Revolution und Nationalismus

In ihrem Selbstverständnis empfanden sich die Donauschwaben zunehmend als Verteidiger ihrer kulturellen Eigenart und ihrer wirtschaftlichen Erfolge. Es ging ihnen um Freiheit, um Recht und Ordnung in Stadt und Land; nationale Forderungen kamen ihnen in ihrer Streulage erst gar nicht in den Sinn, obwohl sie sich diesen andauernd ausgesetzt sahen. Die Niederschlagung der Revolution von 1848 und die reaktionäre Zeit danach brachte für die politisch macht- und sorglosen Donauschwaben eher günstige Entwicklungsmöglichkeiten. Mit der Schwächung der Donaumonarchie und dem Ausgleich mit Ungarn 1867 kamen sie unter den Druck der Magyarisierung, dem im Laufe der Zeit vor allem viele deutsche Stadtbewohner nachgaben.
Die Donauschwaben waren mehrheitlich ein konservatives und eher unpolitisches Bauernvolk, das sich, anders als die Siebenbürger Sachsen, erst viel später organisierte, um in den entstehenden Nationalstaaten als Minderheiten überdauern zu können. So wurden beispielsweise 1906 die Ungarländische Deutsche Volkspartei und 1920 der Schwäbisch-Deutsche Kulturbund in Jugoslawien gegründet sowie nach der Jahrhundertwende ein Presse- und Genossenschaftswesen entwickelt.

Auswanderung und Erster Weltkrieg

Die Magyarisierung und die gestiegene Bevölkerungszahl brachten vor dem Ersten Weltkrieg rund 150 000 Donauschwaben dazu vor allem nach Nordamerika auszuwandern. Mit ihren Nachkömmlingen und den Auswanderern nach 1945 bilden sie heute etwa ein Drittel aller Menschen mit einem donauschwäbischen Hintergrund. Im Ersten Weltkrieg dienten die schwäbischen Soldaten im k.u.k. Heer und bei der ungarischen Landwehr. Er brachte das Ende des habsburgischen Vielvölkerstaates und die Aufteilung des donauschwäbischen Siedlungsgebietes unter den neuen Vaterländern Ungarn, Jugoslawien und Rumänien. Andererseits wurde aber der Existenz dieser deutschen Volksgruppe und ihren Problemen (Minderheitenschutz) national (in Deutschland) und international (im Völkerbund) eine gewisse Beachtung geschenkt. Die Entwicklung des Schulwesens und die kulturelle Arbeit im Allgemeinen verstärkten das donauschwäbische Element und das Selbstbewusstsein der Menschen.

Das »Reich« und die Donauschwaben

Das Mutterland Deutschland erstarkte als mögliche neue Hilfs- und Schutzmacht zusehends. Und sehr bald wurden auch die volksdeutschen Menschen und ihre Einrichtungen zu nationalsozialistischen Zwecken gebraucht und dann auch missbraucht. Nicht alle waren mit dieser Einmischung einverstanden, auch nicht mit Hitlers Umsiedlungsplänen. Doch ein Bauernvolk, das Recht und Ordnung liebt, gehorcht. Und so gerieten die Donauschwaben endgültig zwischen die Mahlsteine von Rassismus, Ideologie und Machtpolitik. Nur wenige wollten oder konnten widerstehen und die oft mühsam behauptete Heimat und Eigenständigkeit halten. Das Ende war für viele Donauschwaben tragisch. Es folgten: Evakuierung, Zwangsverschleppung auch in die UdSSR , Entrechtung, Enteignung, Vertreibung, Internierung und Ermordung in Arbeitslagern.
Bei der Frage nach Schuld und Verantwortung darf nicht vergessen werden, dass Hitler und die Nazis die Schleusen für die Flut geöffnet haben, in der die »Inselwelt« der Donauschwaben letztlich unterging. Der einzelne geschädigte Mensch empfand jedes Leid, gleich ob es ihm nun im Namen des Rassismus, einer Ideologie, einer »ethnischen« Säuberung oder infolge persönlicher Rache zugefügt wurde, wenn er es denn physisch überlebte, als Unrecht.

Die neue Heimat

Nach 1945 waren neben den Donauschwaben in aller Welt besonders die katholische und evangelische Kirche, das Rote Kreuz und andere Hilfsorganisationen bemüht, die materielle und seelische Not zu lindern. Heute leben die Donauschwaben in der Zerstreuung, auch wenn sich in manchen Ländern Siedlungsschwerpunkte feststellen lassen: In Nord- und Südamerika, Australien, in Ungarn (noch rund 270 000 hier waren die Vertreibungsmaßnahmen nicht so umfangreich und brutal wie in anderen osteuropäischen Ländern), in Österreich und Deutschland zusammen nicht ganz die Hälfte von rund 1,5 Millionen Menschen. Die meisten haben sich durch persönliches Bemühen und auch mit Hilfe des Lastenausgleiches zumindest äußerlich schnell integriert. Sie leisteten ihren Beitrag zum Wiederaufbau Deutschlands. Viele der älteren Heimatvertriebenen müssen mit dem Trauma der Entwurzelung leben.
Eine große Zahl Donauschwaben hat in der »alten« Heimat nicht nur die neue Heimat gefunden, sondern versucht auch, durch nationale Institutionen und Organisationen und durch internationale Kontakte ihr kulturelles Erbe zu bewahren. Dies ist einerseits eine historische Notwendigkeit, wird aber künftig immer schwieriger aufrechtzuerhalten und umzusetzen sein.

Literaturhinweise

Innenministerium Baden-Württemberg (Hg.): Die Donauschwaben, Deutsche Siedlung in Südosteuropa. Sigmaringen 1987

Annemarie Roeder: Deutsche, Schwaben, Donauschwaben. Marburg 1998

Ingomar Senz: Die Geschichte der Donauschwaben. 2. Auflage, München 1994

 

 

 

 

 

 

 

 


 

Donauschwaben-Denkmal in Ulm
Foto: Jakob Huff

 


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