Zeitschrift

Die Donau


Lebensader, Kulturräume, Erkundungen


  Die Donau
Inhaltsverzeichnis

 

6. Linz und Mauthausen: Repräsentationsarchitektur und Menschenvernichtung


a) Linz: die »Heimatstadt« Adolf Hitlers

Von Erika und Helmuth Kern
 

Berlin lag längst in Trümmern,
aber noch im Bunker unter der Reichskanzlei
saß er immer wieder vor den Linzer Modellbauten,
seinem Lieblingsprojekt

Peter Reichel: Der Schöne Schein des Dritten Reiches

Seit 1939 gehörte Linz zu den fünf »Führerstädten«, die zum Vorbild künftiger nationalsozialistischer Architektur umgestaltet werden sollten. Die »Jugendstadt des Führers« sollte zum »europäischen Kunstzentrum« werden, Wien, die »Phäakenstadt«1, damit übertrumpfend. Gewaltige Kriegsgewinne waren zur Finanzierung des »deutschen Budapest« vorgesehen. Schon während des Krieges sollte massenhafter Kunstraub in den besetzten Gebieten die Ausstattung des »Führermuseums« sicherstellen.

Aus den Granitsteinbrüchen des nahe gelegenen Mauthausen (siehe 6.b)), aus denen vor 1938 die meisten in Wien verarbeiteten Pflastersteine stammten, wurde das Baumaterial für »Hitropolis«2 unter unvorstellbaren Leiden gebrochen. 1945 waren die Vorstellungen der Neugestaltung von Linz jäh zu Ende, was blieb, waren Modelle und Pläne.
Zwei repräsentative Stadtzentren sollten das neugestaltete Linz bestimmen: am Donauufer ein monumentales über zwei Kilometer sich erstreckendes Verwaltungsforum, um die Macht des Staates zu repräsentieren: Partei, Wehrmacht, Wissenschaft, Freizeit. Südlich an die Innenstadt anschließend, zwischen der Blumau und dem Niernharter Rücken, die neue »Kunstmetropole« Linz, in der typischen Achsenplanung nationalsozialistischer Großprojekte. Die ehemalige »Landstraße« sollte auf 36 m verbreitert werden und die beiden Zentren miteinander verbinden. Sie sollte damit zur Hauptverkehrsachse werden, östlich dazu verliefen parallel zwei zusätzliche Ringstraßen. Alle drei Hauptverkehrsachsen sollten über drei neu zu gestaltende Stadtbrücken nach Urfahr verlaufen. Am diesseitigen Donauufer waren die über 450 m langen Gauanlagen geplant, mit einer Gaufesthalle für 35 000 Besucher. Die Anlage sollte einen Aufmarschplatz für 100 000 Menschen umschließen, das Ganze sollte ein 167 m hoher Glockenturm (mit dem Grabmal der Eltern Hitlers) überragen, der Donauturm, höher als der Stephansdom (137 m).


Modell der Uferbebauung, Blick nach Urfahr: Im Hintergrund (v.l.n.r.) Stadthaus mit Hochhaus für Kreisleitung, Gauanlage mit Donauturm und Gauhalle, Ausstellungsgelände. Vorne: Basar, KdF-Hotel, Stahlhängebrücke, Verwaltungsgebäude der Herman-Göring-Werke, Technische Hochschule. 


Das Modell der Uferbebauung; rechtes Ufer: Hitlers Alterssitz, Brückenkopfgebäude, Nibelungenbrücke, Hotel Donauhof, Basar, KdF-Hotel, Stahlhängebrücke. Linkes Ufer: Rathausanlage mit Stadthaus, Hochhaus für Kreisleitung und Kepplerdenkmal. Nibelungenbrücke, Gauanlage mit Donauturm (jeweils v.l.n.r.) 

Auf dem Spatzenberg über Urfahr sollte die Adolf-Hitler-Schule, eine nationalsozialistische Erziehungsanstalt (NAPOLA), stehen3. Hermann Giesler (1898-1987), zuletzt freischaffender Architekt in Düsseldorf, wurde 1940 von Hitler mit der Neugestaltung von Linz beauftragt. Seit 1924 bereits aktives Mitglied der nationalsozialistischen Bewegung, hatte er die Ordensburg in Sonthofen geplant, war 1937 zum Professor und stellvertretenden Leiter der Bauabteilung der DAF und 1939 zum Generalbaurat der »Hauptstadt der Bewegung« ernannt worden. 1944/45 wurde er Leiter der »OT-Einsatzgruppe Deutschland VI« (Organisation Todt), zuständig für Bayern und die Donau-Gaue, und Generalbevollmächtigter für das dortige Bauwesen.4


Neugestaltung von Linz - Linzer Achse mit Opernplatz, Prachtstraße »In den Lauben« und Verkehrsplatz. Im Vordergrund links das Kunstmuseum 

Linz sollte die schönste Donaumetropole werden. Hitler entwarf Teile der Donauuferbebauung, auch die Linzer Achse mit ihrer 60 m breiten Prachtstraße »In den Lauben« war nach seinen Wünschen und Skizzen geplant. An deren nördlichem Ende sollte im Osten das »Führermuseum« stehen, gedacht als Gegenstück zu den Uffizien in Florenz. Der »Sonderauftrag Linz« diente zur Beschaffung von Kunstwerken, die den Grundstock für eine der größten Kunstgalerien der Welt bilden sollte, Schwerpunkt der Sammlung: die so genannte »germanische Klassik«. Dafür wurde im besetzten Europa hemmungslos beschlagnahmt und geplündert, meist waren es Werke aus jüdischem Besitz. Die am stärksten vom Kunstraub betroffenen Staaten waren Polen und Frankreich und ab September 1943 ltalien. ln den besetzten Zonen im Westen, in Frankreich, Belgien und Holland, wurde nichtjüdischen Besitzern gegenüber der Schein des legalen Kaufs gewahrt, im Osten wurde einfach requiriert. Am 26. Juni 1939 erließ Hitler den »Sonderauftrag Linz«, der Linz zur Hauptstadt der Künste machen sollte. Kunst-Einkäufer war Hans Posse, ein ehemaliger Dresdner Museumsdirektor, nach seinem Tod 1942 H. Voss. Zunehmend gewann dann allerdings der »Fotograf des Führers«, Heinrich Hoffmann, als Kunstberater Hitlers an Einfluss, bis zuletzt Martin Bormann 1944 alleiniger Berater in Sachen Kunst für Linz wurde.
In den Luftschutzräumen unter dem Münchner »Führerbau« wurden zunächst die Kunstwerke deponiert, als dann der Platz nicht mehr ausreichte, wurde SchIoss Neuschwanstein zusätzlich belegt. 1944, nach der alliierten Invasion in Frankreich, wurden die gehorteten Kunstschätze nach Alt-Aussee (Bayern) gebracht. Nach Kriegsende entdeckten die Alliierten im dortigen Salzbergwerk 10 000 Gemälde, die Hälfte davon alte Meister. Infamer Zug der Aktion: Sollte der Feind siegen, mussten die Werke allesamt vernichtet werden. Der Plan wurde nicht ausgeführt. Viele Kunstwerke sind jedoch bis heute verschwunden.6
Neben der Linzer Gemäldegalerie, dem »Führermuseum«, sollten noch ein »Pantheon der Bildhauerkunst« sowie eine Sammlung für Kunsthandwerk und Münzen entstehen. In der der Gemäldegalerie gegenüber liegenden Bibliothek sollten eine Million Bände Platz finden, als Gegenstück zur Wiener Urania gedacht. Und was in Bayreuth Wagner war, das sollte für Linz der von Hitler ebenfalls geschätzte Linzer Komponist Anton Bruckner werden: In der Brucknerhalle mit Brucknerorchester und Brucknerchor sollten die jährlichen Festspiele zelebriert werden. Dazu Schauspielhaus, Operettenhaus, Künstlerhaus und Freiluftausstellungsgelände bis hin zu einem Uraufführungskino der Ufa - sie sollten nationalsozialistisch geprägte Kunst und Kultur auf dem »idealsten Bummel der Welt« erleben lassen.
Mitte Februar 1945 war das Modell fertig gestellt und Giesler übergab es Hitler in der Berliner Reichskanzlei, dort wurde es allen Besuchern gezeigt. Das Linzer Modell scheint für Hitler in den letzten Wochen vor seinem Selbstmord zum Linz-Traum geworden zu sein, zum Ort der Flucht.7

Anmerkungen/Literaturhinweise

1 Bezeichnung Hitlers für Wien, das er verachtete. Die Phäaken waren in der »Odyssee« ein Seefahrervolk, das Odysseus half nach Ithaka zu kommen.

2 lngo Sarlay: Hitropolis, in: Bazon Brock, Achim Preiß: Kunst auf Befehl?, Klinkhardt & Biermann, München, 1990, S. 187 (Alle Bilder sind diesem Buch entnommen.)

3 Ingo Sarlay: Hitropolis, S. 187-199

4 CaroIine Schönemann: 50 Biographien, in: 1945 Krieg-Zerstörung- Aufbau: Architektur und Stadtplanung 1940-1960: Schriftenreihe der Akademie der Künste, Henschel Verlag, Berlin, 1995, S. 367

5 Ingo Sarlay: Hitropolis, S. 188

6 lngo Sarlay: Hitropolis, S. 195

7 Reinhard Merker: Die bildenden Künste im Nationalsozialismus, DuMont Köln, 1983, S. 177

 

Alle Abbildungen: Stadtbauamt Linz

 


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