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Die Donau


Lebensader, Kulturräume, Erkundungen


  Die Donau
Inhaltsverzeichnis

 

b) Das Konzentrationslager Mauthausen


Von Wolf-Rüdiger Größl

Das Konzentrationslager Mauthausen war ein ganzer Komplex bestehend aus einem Haupt- und 62 Nebenlagern und Außenkommandos, der offiziell am 8. August 1938 eröffnet wurde. Nach der Annexion Österreichs verkündete am 28. März 1938 Gauleiter August Eigruber, »wegen seiner Verdienste [!] um den Nationalsozialismus werde Oberösterreich ein Konzentrationslager bekommen«1, und er kündigte an, dass darin alle Gegner und »Verräter« eingesperrt würden.
Bereits am 7. April 1938 wurde der Linzer Stadtverwaltung mitgeteilt, »dass in Mauthausen ein staatliches Konzentrationslager für 3000 bis 5000 Leute errichtet werden soll.«2 Am 16. Mai 1938 nahm dann die SS mit 30 Zivilarbeitern die Produktion in den Steinbrüchen auf und am 26. August trafen die ersten 600 Häftlinge, zumeist Kriminelle, aus Dachau in Mauthausen ein. Mit weiteren 480 Häftlingen,  die bis November aus Sachsenhausen kamen, errichteten sie bis 1939 im späteren Hauptlager 19 Baracken, in denen auf je 52,6 m x 8,2 m 300 Häftlinge »leben« sollten, dazu die Versorgungsgebäude und die SS-Unterkünfte. Die Steine mussten sie unter lebensgefährlichen Bedingungen aus dem nahe gelegenen Steinbruch über »eine unebene Stiege mit 186 Stufen heraufschleppen«.3
Ab Mai 1939 wurden die ersten politischen Häftlinge nach Mauthausen gebracht; »das Lager für weibliche Häftlinge wurde am 5. Oktober 1943 eingerichtet.«4 Erster Kommandant des Lagers wurde SS-Sturmbannführer Franz Ziereis. Die SS hatte sich für das Lager Mauthausen wegen des abbauwürdigen Granits entschieden. Bereits im Juni 1938 verhandelte der »Generalbauinspekteur für die Reichshauptstadt« Albert Speer über die Lieferung von Baumaterial für einen Zeitraum von zehn Jahren. »Millionen von Quadern, Gehsteigkanten, Grundbausteinen, Treppenstufen, Granitsockel [...], viele Tausende Waggonladungen von Pflastersteinen und Granitwürfeln wurden in den Jahren 1938 bis Herbst 1943 in Mauthausen und den Gusener Steinbrüchen [unter ständiger Lebensgefahr] erzeugt.«5 


Todesstiege Sommer 1941
Aus: Katalog Mauthausen

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Todesstiege heute
Foto: Wolf-Rüdiger Größl  

Ihre heute gleichmäßig und normal hohen Stufen waren zur Zeit des Konzentrationslagers willkürlich aneinandergereihte, ungleich große Felsbrocken der verschiedensten Formen. Die oft einen halben Meter hohen Felsbrocken erforderten beim Steigen größte Kraftanstrengung. Die SS vergnügte sich unter anderem damit, die letzten Reihen der abwärts gehenden Kolonne durch Fußtritte und Kolbenhiebe zum Ausgleiten zu bringen, so dass sie im Sturze, ihre Vordermänner mitreißend, in einem wüsten Haufen die Stufen hinunterkollerten. Am Ende eines Arbeitstages, wenn der Aufmarsch ins Lager mit einem Stein auf der Schulter begann, trieben die den Abschluss bildenden SS-Leute Nachzügler mit Schlägen und Tritten an. Wer nicht mitkonnte, endete auf dieser Todesstiege.  (Text der Gedenktafel)   

Ab 1941/42 entschloss sich dann Himmler, auch das Lager Mauthausen für den verstärkten Rüstungsbedarf nutzbar zu machen, weil Österreich wegen seiner damals noch luftgeschützten Lage zum Schwerpunkt der deutschen Rüstung gemacht wurde (Steyr, Linz, Wels, St. Valentin). Dennoch waren 1942 erst etwa acht Prozent der Häftlinge im Rüstungsbereich tätig. Pläne, die im Zusammenhang mit der »Neugestaltung der Gauhauptstadt Linz« zu einer Großziegelei in einem Außenlager bei Bachmanning in Oberösterreich führen sollten, wurden 1942 auf Anordnung Speers eingestellt. 1943 schufteten von den rund 12 000 Häftlingen 8000 in den Steinbrüchen, 4000 in den verschiedensten Werkstätten des Lagerkomplexes.

Mauthausen unterschied sich von allen anderen Konzentrationslagern: Es war das einzige Lager der Stufe III. 1941 war in einem Erlass Reinhard Heydrichs, Chef der Sicherheitspolizei und des SD, eine Klassifizierung der bestehenden Lager vorgenommen worden. Heydrich hatte darin Folgendes bestimmt6: Für »alle wenig belasteten und bedingt besserungsfähigen Schutzhäftlinge, außerdem für Sonderfälle und Einzelhaft« die Lagerstufe I (Dachau, Sachsenhausen, Auschwitz-Stammlager); »für besonders schonungsbedürftige, ältere, kaum arbeitsfähige Häftlinge« sowie für prominente Häftlinge die Lagerstufe Ia im Lager Dachau; »schwer belastete, jedoch noch erziehungs- und besserungsfähige Schutzhäftlinge« Lagerstufe II (Buchenwald, Flossenbürg, Neuengamme, Auschwitz II Birkenau, das dann aber Vernichtungslager wurde); »für schwerbelastete, unverbesserliche auch gleichzeitig kriminell vorbestrafte und asoziale, d.h. kaum noch erziehbare Schutzhäftlinge« die Lagerstufe III (Mauthausen und Unterkunft Gusen).

»Als einziges Konzentrationslager im gesamten Reichsgebiet blieb dieses Lager das, was es vorher war: eine Liquidationsstätte ohne Gerichtsurteil für politische Gegner! So z. B. sind bei einem durchschnittlichen Gesamtstand von etwa 10 000 Häftlingen im Jahre 1942 im KL [Mauthausen] etwa 13 000 Neuzugänge registriert worden und im gleichen Zeitraum wurden 14 293 Gefangene als ›verstorben‹ gemeldet. Allein in den ersten vier Monaten des Jahres 1943 sind im KLM mindestens 5147 Tote registriert worden!«7 Ab Frühjahr 1943 begann auf Forderung Speers der verstärkte Einsatz für die Kriegswirtschaft – hauptsächlich in den Nebenlagern – und aus Mauthausen wurde ein »Lagernetz« mit Zehntausenden von Arbeitssklaven aus ganz Europa.

Auch in Mauthausen missbrauchten die SS-Ärzte viele hundert Häftlinge für Menschen verachtende, pseudowissenschaftliche Versuche; alle Opfer wurden dabei getötet.8 Zahlreiche Häftlinge wurden von der Gestapo mit dem Vermerk »Rückkehr unerwünscht« (RU) eingeliefert; ihnen und vielen Kranken wurde eine »Sonderbehandlung« zuteil. Entweder wurden sie »auf der Flucht« erschossen oder mittels Herzinjektionen ermordet. Hunderte von Häftlingen wurden v. a. im Winter bis zu 30 Minuten lang mit eiskaltem Wasser abgespritzt, so dass sie einem Herzschlag erlagen, andere wurden erschlagen, Hunderte wurden vergast und in einem der drei Krematorien verbrannt; so wurden mehr als 27 500 Menschen ermordet. Ein besonders dunkles Kapitel ist die so genannte »Mühlviertler Hasenjagd« im Februar 1945. Am 2. 2. 1945 brachen etwa 570 sowjetische Kriegsgefangene aus dem Lager aus. Sie gehörten zu den so genannten »K-Gefangenen«, die auf Grund eines Erlasses des OKW vom 2. 3.1944 (»Keitel-Verordnung«) erschossen werden sollten. An der Fahndung nach den Flüchtlingen beteiligten sich alle Behörden und Dienststellen von Partei und Wehrmacht, aber auch die Bevölkerung und v. a. die Hitlerjugend, so dass eine regelrechte Treibjagd, »Hasenjagd« genannt, einsetzte, in deren Verlauf bis auf vielleicht 17 Häftlinge, die entkommen konnten, alle Flüchtlinge getötet wurden.9

Als die Amerikaner am 5. Mai 1945 das KL Mauthausen befreiten, fanden sie ungefähr 30 000 Frauen und Männer in einem erbärmlichen Zustand vor. Bis dahin hatten wohl 113 575 Menschen in Mauthausen und seinen Nebenlagern den Tod gefunden.10 Mauthausen mit seinen Außenstellen war ein Sklavenbetrieb und zugleich ein Vernichtungslager und »wer heute durch das sanfte Donautal des oberösterreichischen Mühlviertels fährt, kann sich nicht vorstellen, dass hier in den Jahren 1938 bis 1945 massenweise Menschen in die Postenkette getrieben ›auf der Flucht‹ erschossen, Verfolgte über die steilen Hänge der Granitsteinbrüche hinuntergestürzt oder in den Gaskammern vergiftet wurden, dass die Krematorien-Anlagen in Mauthausen, Gusen, Ebensee, Melk und Schloss Hartheim Tag und Nacht brannten«, schreibt ein ehemaliger Gefangener des Lagers.11 Schloss Hartheim war zudem unter Franz Stangl, dem späteren Kommandanten des Vernichtungslagers Treblinka, ein Zentrum des »Euthanasie-Programms«, sein Personal wurde später dem KL Mauthausen unterstellt.
Heute mahnen die Wachtürme oberhalb der Ortschaft Mauthausen als steinerne Reste, sich der Vergangenheit stets zu erinnern, damit solche Verbrechen gegen die Menschlichkeit nie wieder begangen werden.

Anmerkungen / Literaturhinweise

 1 Klaus Drobisch / Günther Wieland: System der NS Konzentrationslager 1933–1939, Akademie Verlag, Berlin 1993, S. 272

 2 Zit. in: ebenda, S. 274

 3 Ebenda S. 274

 4 Gudrun Schwarz: Die nationalsozialistischen Lager, Frankfurt 1996, S. 207

 5 Hans Maršálek: Die Geschichte des Konzentrationslagers Mauthausen. Dokumentation, Österreichische Lagergemeinschaft Mauthausen, Wien 1974, S. 6

 6 Das Folgende nach H. Marsˇálek, Mauthausen, S. 22

 7 Ebenda, S. 9

 8 Vgl. dazu: H. Maršálek, Mauthausen, S. 142–144

 9 Eine genaue Angabe ist nicht möglich, da die »K-Häftlinge« ohne Häftlingsnummer waren

10 Vgl. G. Schwarz, System, S. 208 und H. Maršálek, Mauthausen, S. 115–119

11 H. Maršálek, Mauthausen, S. IX


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