Zeitschrift

Die Donau


Lebensader, Kulturräume, Erkundungen


  Die Donau
Inhaltsverzeichnis

 

IV. An der Donau: Kunst- und Literaturlandschaften


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Stift MeIk: Stiftsbibliothek
Foto: Katalog der Jübiläums-
ausstellung 1989, S. 279

Stift MeIk (1701-1739)
Foto: Österreich Information, Taufkirchen

1. Inszenierte Geschichte

Von Erika und Helmuth Kern

»Wie ein Torwächter steht am Eingang zur Wachau das Benediktiner Stift Melk. Auf einer 50 m hohen Felsnase über der Donau erhebt sich die palastartige Anlage, deren Schauseite, die Westfront, dem Strom zugewandt ist. Die über 300 m lange Südfront wird überragt von der mächtigen Kuppel und dem Turmpaar der Stiftskirche. Das Meisterwerk Josef Prandtauers ist eine der glanzvollsten Schöpfungen europäischen Barocks.« (Günter Treffet: Das Zeitalter des Barock. Edition Christina Brandstätter. Wien. 1990. S. 18)

Das Klostermuseum. Schatzhaus sakraler Kunst: Reliquien, Kunsthandwerk

Mythos Melk, als »der zentrale Ort des frühen Österreich«: Grenzburg der Ungarn. 975 vom ersten Markgrafen Leopold I. erobert. Hauptburg. Kanonikerstift und Begräbnisstätte der Babenberger bis Anfang des 12. Jahrhunderts.
Besucher von Melk: Jährlich 400 000-450 000! Unterschiedliche Beweggründe: Aussichtspunkt. Glaube. Kunst. Wissenschaft.

Benediktinerkloster seit 1089 ohne Unterbrechung. Seit 1122 direkt dem Papst unterstellt, bistumsunabhängig. Heute 36 Mönche.
1998: sensationeller Fund: im Falz einer mittelalterlichen Handschrift Entdeckung von weiteren Fragmenten des Nibelungenlieds

Die Bibliothek umfasst in zwölf Räumen etwa 100 000 Bände: davon sind 1 800 Handschriften - vom frühen 9. Jahrhundert an (Beda Venerabilis) und 750 Inkunabeln (Frühdrucke bis 1500), in gesondertem Raum verwahrt: 1700 Werke des 16. Jahrhunderts, 4500 des 17. Jahrhunderts, 18 000 des 18. Jahrhunderts, thematisch geordnet. Im großen Bibliotheksraum allein über 16 000 Bände: Bibelausgaben, Theologie, Jurisprudenz, Erd- und Himmelskunde, Geschichte, barocke Lexika. In den anderen Räumen Literatur. Altphilologie, Naturwissenschaften.

Der Bauherr Berthold Dietmayr (1670-1739), seit 1700 Abt in Melk. Zahlreiche Ämter: Dekan der theologischen Fakultät, Rektor der Universität Wien, Mitglied im ständigen Ausschuss des Landtags. 1728 kaiserliche Ernennung zum Wirklichen Geheimrat. Unter ihm wirtschaftliche, künstlerische, wissenschaftliche Blütezeit des Stifts.
Europäisches barockes Lebensgefühl. Bezugspunkte glanzvoller repräsentativer Selbstdarstellung: Kaiserhaus, Papsttum und Wissenschaften - Kaisersaal, Kirche und Bibliothek. Monumentale Deckenmalerei als zentrale Aufgabe der Kunst. Schein und Wirklichkeit fließen ineinander. Lehrstücke von monumentalen Ausmaßen überhöhen die jeweilige Funktion der Räume: z. B. der große Bibliothekssaal: In Wolken triumphiert die göttliche Weisheit, umgeben von den vier Kardinaltugenden, über den Personifikationen der Wissenschaften und Künste.

Grab des Hl. Koloman seit 1014. Jerusalempilger, der Spionage für die Ungarn verdächtigt. 1012 in Stockerau bei Wien gehängt: Wunder nach seinem Tode machten ihn berühmt, nach Melk gebracht und begraben wurde er Landesheiliger. Der Legende nach durch ihn Beendigung der Türkenkriege.

Das Stiftsgymnasium: Im 14. Jahrhundert Unterricht für »weltliche« Schüler, als Gegenleistung für Singen beim Gottesdienst. 1778 öffentliches Gymnasium. 1938 Schließung durch NS-Regime. 1945 Wiedereröffnung als humanistisches Gymnasium (161 Schüler), 1967 Einführung der Koedukation und des neusprachlichen Zweigs. 1976 Einführung des Oberstufenrealgymnasiums mit Instrumentalmusik. Differenziertes Angebot in vier Zweigen: gymnasiale Oberstufe: humanistisch, neusprachlich und Oberstufenrealgymnasium: musisch und realistisch (Biologie, Umweltkunde, Physik, Chemie). Sprachenbetont: Englisch (Kl. 1). Latein (Kl. 3); Wahl des Oberstufenzweigs zu Beginn der Klasse 5, ab Klasse 6 Wahlpflichtfächer wie Italienisch, Spanisch, Russisch. Abschluss in Klasse 8 mit Reifeprüfung. Schulträger ist der jeweilige Abt. Staatlich anerkannte private Schule mit einem Schulgeld von ÖS 700,- pro Monat, Ermäßigung für sozial benachteiligte Schüler (Stand 1998).

Walhalla: Griechenland an der Donau (1830-1842)

 Fotos: E. + H. Kern

Für »rühmlichst ausgezeichnete Teutsche«. Plan Ludwigs I. von Bayern (1786-1868) als Ehrentempel ab 1807. Im Innern: der Bauherr in römischer Toga, Sitzfigur, überlebensgroß, idealisiert, nachdenkliche Pose: aufgestellt am 104. Geburtstag des Königs (1890) aus dem besten Marmor Italiens, aus Carrara.
Innen im umlaufenden Relieffries Illustration folgender Geschichtstheorie: Einwanderung vom Kaukasus her, Querung des Ister, Kämpfe mit den einheimischen wilden Tieren.
Schilderung von Kultur, Kunst und Politik der »Germanen«, Einfall in Italien, Völkerschlacht von Adrianopel (Edirne, 378) - Sieg der germanischen Volksstämme, Eroberung Roms und Bekehrung zum Christentum durch Bonifatius (auf Gedenktafel).

Einweihung am 18. Oktober 1842, dem 29. Jahrestag der Völkerschlacht bei Leipzig. Architekt: Hofbaumeister Leo von Klenze, der München klassizistisch gestaltete.
Heute sind 126 Bildnisbüsten aufgestellt; zuletzt kamen die Gründerin des Ordens der Armen Schulschwestern, Maria Theresia Gerhartinger (1797-1879), zum 50-jährigen Bestehen der Bundesrepublik Deutschland Konrad Adenauer und dann Johannes Brahms hinzu: Beschluss der Bayerischen Staatsregierung, heute für Walhalla zuständig.

Der Name: Vorschlag von Johannes von Müller, Schweizer Historiker im Dienste Preußens. Der Name erinnert an das Elysium des Nordens: Gefilde der Seligen und Ort der Unsterblichkeit.
Bereits während der Bauzeit (18. Oktober 1830 bis 18. Oktober 1842) touristischer Magnet, über den man in England, Frankreich und Spanien schreibt. Heute zählt man jährlich mehr als 200 000 Besucher internationaler Herkunft.

Die Lage: freie Natur in Anlehnung an den englischen Garten, Sinnbild freiheitlicher Gesinnung. Hoch über der Donau, die nach romantischer Vorstellung zum gemeinsamen Ursprung aller germanischen Völker in Zentralasien fließt: von dort seien diese donauaufwärts gezogen. Vertreter dieser Theorie: Friedrich Schlegel, Johannes von Müller und Joseph Görres. Von Müller, der den König in Auswahl der Walhallarepräsentanten beriet, wurde 1808 vom Bildhauer Schadow für die Walhalla in Marmor porträtiert. Görres dagegen bekam erst 1931 Walhallaehren, Schlegel gar nicht.
Vorbild für die äußere Form ist der Parthenon. Das Innere ist christlichem Kirchenbau entlehnt.

Ludwig I. am 18. Oktober 1842: »Möchte Walhalla förderlich sein der Erstarkung und Vermehrung Deutschen Sinnes! Möchten alle Deutschen, welchen Stammes sie auch seien, immer fühlen, dass sie ein gemeinsames Vaterland haben, ein Vaterland, auf das sie stolz sein können: und jeder trage bei, soviel er vermag, zu dessen Verherrlichung.«

Seit 1945 kamen ins deutsche Pantheon: Max Reger (1948), Adalbert Stifter (1954) und Joseph Freiherr von Eichendorff (1957). Wilhelm Conrad Röntgen (1959), Max von Pettenkofer (1962), die »erste deutsche Unternehmerpersönlichkeit« Jakob Fugger (1967), Jean Paul (1973) und Richard Strauß, Carl Maria von Weber (1978), Gregor Johann Mendel (1983) und Albert Einstein (1990).
Bei der Eröffnung sind 96 Büsten aufgestellt und 64 Namenstafeln angebracht. Maßstab für die Auswahl: »teutsche Zunge« und bedeutende Leistung in Politik, Künsten und Wissenschaften in Friedens- und Kriegszeiten. Einendes Band ist die germanische Sprachfamilie, einbezogen auch Schweizer, Niederländer, Briten, Schweden, Balten. Sie sollen als Vorbilder wirksam sein.
Kunst als Erzieherin des Volkes - Walhalla als Gedenkmuseum. Aufklärung - Grundsatz der Gleichheit: »Kein Stand ist ausgeschlossen, auch das weibliche Geschlecht nicht«, so Ludwig I. in »Walhallas Genossen« zur Einweihung. Deswegen auch Gleichheit in Größe, Stil und Material der Bildnisbüsten.

»Bei Regensburg läßt er erbaun/ Eine marmorne Schädelstätte,/ Und er hat höchstselbst für jeden Kopf/ Verfertigt die Etikette// Walhallagenosse, ein Meisterwerk./ Worin er jedweden Mannes/ Verdienste, Charakter und Taten gerühmt,/von Teut bis Schinderhannes«, spottete Heinrich Heine. Im Pantheon sucht man ihn vergeblich.


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