Zeitschrift

Die Donau


Lebensader, Kulturräume, Erkundungen


  Die Donau
Inhaltsverzeichnis

 

2. Mit Dichtern die Donau hinunter


Von Heinrich Bock · Textauswahl: D. Rolbetzki

Donaueschingen: »von wo an die Sache
Donau genannt wird« (Péter Esterházy)

»Dort saß ich dann und blickte auf das Wasser, wie es sich mischte, ... dies ist das der Breg, dies ist sicherlich das der Brigach, und dort!, das dort ist schon die Donau. ... Ab und zu warf ich Blätter ins Wasser und brachte meine Hoffnung zum Ausdruck, dass sie nun bis ins Schwarze Meer schwimmen würden.« Péter Esterházy: Donau abwärts, 2. Auflage Salzburg/Wien 1993, S. 30

Péter Esterházy, geboren 1950 in Budapest, gilt als »Enfant terrible der ungarischen Literaturszene« (Rolf Scheller). Sein Roman »Donau abwärts« (1991) schildert eine turbulente Donaureise.

 

 

 


Am Zusammenfluss von Brigach und Breg
Foto: Dietrich Rolbetzki

 

 

Von Passau nach Esztergom:
Der Nibelungen No
t

»Dergleichen elendes Zeug« würde er in seiner Bibliothek nicht dulden, empörte sich Friedrich der Große. Goethe dagegen bescheinigte dem ersten Teil des Nibelungenliedes (Siegfrieds Ermordung) »mehr Prunk«, dem zweiten (Untergang der Burgunden) »mehr Kraft« und meinte, die Kenntnis dieses Gedichts gehöre »zu einer Bildungsstufe der Nation«.

Wer heute dem Zug der Nibelungen vom Rhein zur Donau folgen möchte, rüstet sich am besten mit einer zweisprachigen Textausgabe und einem der zahlreichen literarischen Reiseführer aus. Zwar ist der Verlauf des Reisewegs der historischen Burgunden von Xanten und Worms bis an die Donau (»unz an die Tuonouwe«) wenig gesichert, weil man annimmt, dass die Ortskenntnis des Autors, der die 39 Aventiuren um 1200 wahrscheinlich in Passau aufschrieb, zu wünschen übrig ließ. Zuverlässiger informiert wird man bei den im zweiten Teil des Epos genannten und weitgehend an der Realität orientierten Schauplätzen im donauländischen Raum zwischen Passau, Wien und dem ungarischen Esztergom.

Im bayerischen Pförring (»ze Vergen«) soll Kriemhild auf ihrem Weg zu König Etzel im Hunnenland über die Donau gesetzt sein. Bei Großmehring (»ze Moeringen«) zog dreizehn Jahre später das Nibelungenheer durch die Donaufurt. Im Passauer Rathaussaal wird auf einem Kolossalgemälde aus dem späten 19. Jahrhundert der Einzug Kriemhilds in die Dreiflüssestadt und der Empfang durch Bischof Pilgrim, ihren Onkel, dargestellt: ein Gemälde, das »nichts von dem düsteren Wesen des Nibelungenliedes« enthält, sondern eher an die Kulissen des 1924 entstandenen »grandiosen Ausstattungsfilm[s] von Fritz Lang« erinnert (Claudio Magris). In Pöchlarn, das sich heute werbewirksam und marktkonform »das Herz des Nibelungengaus« nennt, macht ein Denkmal aus dem Jahre 1987 darauf aufmerksam, dass hier Markgraf Rüdiger von Bechelaren das Nibelungenheer empfangen haben soll. Es will den »europaweiten Friedensgedanken« versinnbildlichen und die Verbundenheit aller im Nibelungenlied erwähnten Städte dokumentieren. Unterhalb des Benediktinerklosters Melk, am Fuß des Felsens, weist eine Tafel auf eine weitere Station der Reise Kriemhilds nach Ungarn hin. Bis Tulln reitet ihr König Etzel in Begleitung Dietrichs von Bern entgegen. In Wien wird siebzehn Tage lang die Hochzeit gefeiert, und reich beschenkt reitet man »froh am Donauufer entlang, stromab bis zum hunnischen Land«. In Gran (Esztergom), hoch oben über der Donau in der Etzelburg, vermutet man heute den Schauplatz des Nibelungen-Untergangs: »hie hat daz maere ein ende: daz ist der Nibelunge not«.

Kein anderer mittelalterlich »ritterlich-höfischer Roman« (Helmut de Boor) hat die Deutschen bei ihrer Suche nach Identität immer wieder so beschäftigt wie das in der Mitte des 18. Jahrhunderts wieder entdeckte Nibelungenlied. Seine Bibliographie umfasst etwa 500 Titel: 64 vollständige Übersetzungen, Romane, Erzählungen, Balladen, allein 123 Schauspiele, mehrere Opern, Operetten, Hörspiele, Filme, Comics. Vom Anfang des 19. Jahrhunderts bis heute spiegelt sich seine Rezeptions- und Wirkungsgeschichte aber auch in ideologischen Fehldeutungen und nationalpolitischer Geschichtsklitterung. Das angeblich »durch und durch deutsche, heimische Gedicht« wurde zu einem »Hauptbuch bei der Erziehung der deutschen Jugend« (August Wilhelm Schlegel): »Kein anderes Lied mag ein vaterländisches Herz so zu rühren und ergreifen, so ergötzen und stärken als dieses« (Friedrich Heinrich von der Hagen, 1907). Der »Brockhaus« nannte es 1835 »das deutsche Nationalepos, das bedeutendste Denkmal der mittelhochdeutschen Poesie«.

Nach der gescheiterten Revolution von 1848 interpretierte man es als »Urbild reiner echter Deutschheit, Evangelium der Treue, Spiegel noch immer gültiger Hoheit der Gesittung«. Siegfried wurde zum »Inbild deutschen Heldentums«, der im Rhein versenkte Nibelungenhort das »versunkene, noch zu hebende Deutschtum« (Helmut Brackert, 1971). Aber Heinrich Heine dichtete 1849: »Es ist dasselbe Heldenlos, / Es sind dieselben alten Mären, / Die Namen sind verändert bloß, / Doch sinds dieselben >Helden lobebären<.«>Unter den zahlreichen Nachdichtungen hat Richard Wagners Bühnenfestspiel »Der Ring des Nibelungen« (entstanden 1849-1874), mit dem auch 1876 das Bayreuther Festspielhaus eröffnet wurde, zum Fortleben des aus verschiedenen Sagenstoffen der Völkerwanderungszeit bestehenden Epos entscheidend beigetragen. Das »Götterdämmerungspathos« (Thomas Nipperdey) des dritten Teils wurde zu einem Menetekel germanischer Untergangssehnsucht: »... Wir stiegen auf in Kampfgewittern, / Der Heldentod ist unser Recht: / Die Erde soll im Kern erzittern, / Wann fällt ihr tapferstes Geschlecht: / Brach Etzels Haus in Glut zusammen, / als er die Nibelungen zwang, / So soll Europa stehn in Flammen / bei der Germanen Untergang!« (Felix Dahn, 1859)
Der Historienmaler Julius Schnorr von Carolsfeld gestaltete 1847 seinen Nibelungenzyklus in der Münchner Residenz. Friedrich Hebbel wollte in seinem »deutschen Trauerspiel in drei Abteilungen« (»Die Nibelungen«, 1862) den »dramatischen Schatz des Nibelungen-Liedes für die reale Bühne flüssig machen«. Im Deutsch-Französischen Krieg (1870) wurde die »teutsche Ilias« (Johannes von Müller) zur »Feld- und Zeltpoesie« manipuliert: »Damit kann man Armeen aus der Erde stampfen ..., wenn es den gallischen Mordbrennern, der römischen Anmaßung zu wehren gilt« (Karl Simrock).

Nach der Reichsgründung fanden sich Auszüge in jedem Schullesebuch. Man wollte den nationalen Gedanken des neu etablierten Staates pädagogisch stärken helfen. Nibelungen- Balladen von Ludwig Uhland, Friedrich Rückert, Börries von Münchhausen und Agnes Miegel wurden in den Schulen auswendig gelernt. Das Interesse verlagerte sich zunehmend auf die Siegfried-Figur, die als Verkörperung jener »Nibelungentreue« galt, die Kaiser Wilhelm II. am Beginn des Ersten Weltkriegs beschwor. Eine ganze Generation des deutschen Bürgertums nannte ihre Söhne »Siegfried«. Das Vaterland sollte an der »Siegfried-Linie« verteidigt werden. Die Ermordung Siegfrieds musste als Erklärungsmodell für die deutsche Niederlage 1918 und zur Konkretisierung der »Dolchstoßlegende« herhalten: »Wie Siegfried unter dem hinterlistigen Speerwurf des grimmigen Hagen so stürzte unsere ermattete Front«.

Im NS-Staat wurde das Nibelungenlied als »Urkunde« im Dienst der »nationalen Erneuerung« und zur Legitimation des »bedingungslosen Einsatzes für den Führer« missbraucht: »Die Gestalten Siegfrieds und Dietrichs von Bern, Hagens und Gunthers leben heute wieder unter uns«. Den Höhepunkt propagandistischer Vereinnahmung bildete der berüchtigte »Appell an die Wehrmacht« am 30. Januar 1943, in dem »Reichsmarschall« Hermann Göring den Untergang der 6. deutschen Armee in Stalingrad zum »größten Heroenkampf unserer Geschichte« umfälschte und »trotz allem Deutschlands Sieg« versprach: »Auch sie standen in einer Halle voll Feuer und Brand, löschten den Durst mit dem eigenen Blut, aber sie kämpften bis zum Letzten.«

Heute sehen Literaturwissenschaftler die Bedeutung des Nibelungenliedes vor allem in der Darstellung gesellschaftlicher Spannungen und Widersprüche: »ein bedrückend negatives Gesellschaftsbild«, in dem Mord, Betrug, Hass, Rache, Machtgier und Hinterlist, aber auch Leid und Trauer »die Handlung von Anfang bis Schluss« bestimmen (Joachim Bumke, 1990). In einer Szenenfolge von Heiner Müller, »Germania Tod in Berlin« (1971), stürzen sich die Nibelungen mit dem Schlachtruf »Die Hunnen kommen!« auf ihren Feind und zerstückeln sich am Ende gegenseitig. Die Geschehnisse im Nibelungenlied erwecken aber auch als »Bestandsaufnahme der deutschen Seele« weiterhin das Interesse vieler Leser. In dem in zahlreichen Auflagen verbreiteten Roman »Disteln für Hagen« (1966) von Joachim Fernau wird Deutschlands Vergangenheit und Gegenwart aus den Charakteren der Nibelungenhelden zu erklären versucht. Daneben setzt sich zunehmend die Erkenntnis durch, dass diese »Bibel deutschen Wesens« (Renate Schostack) ganze Generationen mit ihrem »blutrünstigen Stoff vergiftet« habe (Erich Kuby). Die Demontage der Nibelungen als »Götzen und Götter der Moderne« (Wilhelm Emrich) hat spätestens in den 60er Jahren mit einer Neuverfilmung begonnen, als der Hammerwerfer Uwe Beyer die Rolle Siegfrieds spielte - »ein Unternehmen zwischen Märchen und Comic Strip« (Karl Heinz Bohrer).

Donaufahrt mit einer Nixe: »Undine«

[Undine, ihr Ehemann und die Freundin Bertalda] waren die ersten Tage ihrer Donaufahrt hindurch außerordentlich vergnügt gewesen. Es ward auch alles immer besser und schöner, sowie sie den stolzen flutenden Strom weiter hinunterschifften. [...] [Als Bertalda ihr Halsband gedankenverloren über die Bordwand hielt,] griff plötzlich eine große Hand aus der Donau herauf, erfaßte das Halsband und fuhr damit unter die Fluten. Bertalda schrie laut auf und ein höhnisches Gelächter schallte aus den Tiefen des Stroms drein. Nun hielt sich des Ritters Zorn nicht länger. Aufspringend schalt er in die Gewässer hinein, verwünschte alle, die sich in seine Verwandtschaft und sein Leben drängen wollten, und forderte sie auf, Nix oder Sirene, sich vor sein blankes Schwert zu stellen. Bertalda weinte indes um den verlorenen, ihr so innig lieben Schmuck und goß mit ihren Tränen Öl in des Ritters Zorn, während Undine ihre Hand über den Schiffsbord in die Wellen getaucht hielt, in einem fort sacht vor sich hinmurmelnd und nur manchmal ihr seltsam heimliches Geflüster unterbrechend, indem sie bittend zu ihrem Eheherrn sprach: »Mein Herzlichlieber, hier schilt mich nicht, schilt alles, was du willst, aber hier mich nicht! Du weißt ja.« - [...] Da brachte sie mit der feuchten Hand, die sie unter den Wogen gehalten hatte, ein wunderschönes Korallenhalsband hervor, so herrlich blitzend, daß allen davon die Augen fast geblendet wurden. »Nimm hin«, sagte sie, es Bertalden freundlich hinhaltend, »das hab ich dir zum Ersatz bringen lassen und sei nicht weiter betrübt, du armes Kind.« - Aber der Ritter sprang dazwischen. Er riß den schönen Schmuck Undinen aus der Hand, schleuderte ihn wieder in den Fluss und schrie wutentbrannt: »So hast du denn immer Verbindung mit ihnen? Bleib bei ihnen in aller Hexen Namen mit all deinen Geschenken und laß uns Menschen zufrieden. Gauklerin du!« - Starren, aber tränenüberströmenden Blickes sah ihn die arme Undine an [...] Endlich sagte sie ganz matt: »Ach, holder Freund, ach, lebe wohl! Sie sollen dir nichts tun; nur bleibe treu, daß ich sie dir abwehren kann. Ach, aber fort muß ich, muß fort auf diese ganze junge Lebenszeit. O weh, o weh, was hast du angerichtet! O weh, o weh!« Und über den Rand der Barke schwand sie hinaus. - Stieg sie hinüber in die Flut, verströmte sie darin, man wußt' es nicht, es war wie beides und wie keins. Bald aber war sie in die Donau ganz verronnen; nur flüsterten noch kleine Wellchen schluchzend um den Kahn und fast vernehmlich war's, als sprächen sie: O weh, o weh! Ach bleibe treu! O weh!
Friedrich de la Motte Fouqué: Undine, Stuttgart 1983, S. 78 ff.

»Undine« (1811) ist die Geschichte einer Wasserfrau, die sich in einen Menschen verliebt und dadurch eine Seele bekommt. Als er aber nach ihrem Verschwinden ihre Freundin heiratet, tötet sie ihn für seine Untreue.

Im ungarischen Tiefland

[...]

Das meerglatte Tiefland ist's, das ich erwähle:
Hier bin ich zu Hause, hier bin ich so froh;
Im Anblick der Ebne erstarkt mir die Seele -
Ein Adler, der plötzlich dem Kerker entfloh.

Hier trägt mein Gedanke mich bis an die Sterne,
Hier flieg' ich mit Wolken in endlosem Kreis,
Hier lächelt mein Tiefland mir zu aus der Ferne
Vom Strande der Donau bis weit an die Theiß.

Hier weiden, vom Zauber Morganas umsponnen,
Unzählige Herden mit Schellengeläut';
Die doppelten Tröge langschwengliger Bronnen,
Sie laden zur Tränke, im Rasen zerstreut.

Hinjagender Rosse aufpochende Hufe
Durchbrausen die Lüfte mit dröhnendem Schall,
Dazwischen der Treiber verworrene Rufe -
Gewieher, Gestampfe und Peitschengeknall.

Entlegene Weiler in üppigem Kranze
Umwoget der Weizen vom Windhauch gewiegt,
Der mit des Smaragdes lebendigem Glanze
Die friedliche Gegend so traulich umschmiegt.

Wildgänse, die kommen in Scharen gezogen
Und schwärmen im Riede mit Anbruch der Nacht;
Doch kaum sie gekommen, sind rasch sie entflogen,
Wenn flüsternd im Schilfe ein Lüftchen erwacht.

Die Schenke mit ihrer geborstenen Esse
Steht mitten der Heide in einsamer Haft;
Rossdiebe, sie ziehen vorbei hier zur Messe
Und zechen heimkehrend den funkelnden Saft.

Und neben der Schenke in sandigem Grunde
Ergrünen Zwergpappeln, ein Wäldchen gar dicht;
Hier nisten die Falken in schattiger Runde,
Hier stören mutwillige Buben sie nicht.

Hier blühen und wuchern in buntester Mischung
Reihgräser und Disteln zusammengedrängt,
Drin suchen Eidechsen sich Schutz und Erfrischung,
Wenn mittags die Sonne die Fluren versengt.

Und fern, wo der Himmel die Erde umschlossen,
Erglänzen Obstbäume in bläulichem Schein,
Dahinter Stadttürme in Neben zerflossen;
Wie schimmernder Säulen verschwommene Reihn.

[...]

Sándor Peto fi; Das Tiefland. In: Sándor Peto fi.
Gedichte, Leipzig o.J.

Sándor Peto fi (1823-1849) war nicht nur einer der bedeutendsten ungarischen Lyriker, sondern auch geistiger Wegbereiter der Revolution von 1848, für die er sich als Abgeordneter und Soldat einsetzte. Er fiel für Ungarns Freiheit im Kampf gegen die Russen.

Am Delta

In der Stille dieses Frühlingsabends tönte die Sirene eines Dampfers mit ihrem schneidenden Pfiff durch die Luft und weckte den jungen Mann aus seinen Gedanken. Gleichzeitig traf ihn eine Wolke von Rosen- und Nelkenduft. Adrian bog in den großen Promenadenweg ein, der am Rand des Plateaus entlang läuft und den Hafen und die Donau beherrscht. Einen Augenblick blieb er stehen, um die Tausende von elektrischen Lampen zu betrachten, die auf den im Hafen verankerten Booten brannten, und seine Brust dehnte sich in einer unwiderstehlichen Reiselust: »Herrgott! Wie schön muss das sein, sich auf einem dieser Schiffe zu befinden, die auf den Meeren gleiten und andere Ufer entdecken, andere Welten!...«
Betrübt, seinen Wunsch nicht erfüllen zu können, setzte er mit gesenktem Kopf seinen Weg fort [...]

Sie lief über den Steg und sprang in die Barke wie eine Hindin. Als ich ihr folgte, hörte ich hinter mir einen Schiffer jene Worte sagen, an die ich mich in all meinem Unglück stets erinnert habe: »Welch schönes Wild!«
Ich berichtete Kyra diese Worte und fragte nach ihrer Bedeutung.
»Ach, das sind Dummköpfe!«, sagte sie.
Es wehte ein schwacher Westwind, und wir genossen zum ersten Mal das Entzücken dieses sanften Dahingleitens; das Segel war kaum geschwellt. Als wir uns vom Ufer entfernten, begann unser Boot unvermittelt auf den kleinen Wellen der Strömung zu tanzen. Kyra hatte Angst und rief:
»Nicht in die Mitte des Flusses! ... Den Hafen entlang!«
Der Araber drehte das Steuer, wir näherten uns wieder dem Ufer. Unser Haus erschien oben auf der Böschung in seiner verlassenen Trübseligkeit, daneben das Gasthaus mit den offenen Fenstern unsrer Zimmer. Langsam fuhr das Boot daran vorüber, auch an dem Ameisenschwarm des Hafens, an den zahllosen Seglern, Transportschiffen und Brückenkähnen, und wir befanden uns am andern Ende, als die Schaluppe auf einen einsamen Steg zuhielt und anlegte.
Panait Istrati: Kyra Kyralina, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a.M. 1984, S. 14 und S. 81.

Der Rumäne Panait Istrati (1884-1935) schildert in seinem 1924 erschienenen Erstlingswerk die Lebensgeschichte des Jahrmarkthändlers Stavro, der in einem Haus an der Donau aufgewachsen ist.

Literaturhinweise

Susanne Schaber: Literaturreisen. Die Donau von Passau bis Wien, Stuttgart/Dresden 1993.

 

 


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