Die Donau
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V. Den Strom entlang |
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Von Jakob Huff »Historisch trennt sie unsere beiden Bundesländer.
Wir Menschen erleben sie dagegen als verbindendes Element. Wir
sollten sehr viel bewusster mit der Donau leben. Das internationale
Donaufestival (1998) wird dazu einen Anstoß geben.« Eine Annäherung »I ben Ulmer«, würde ich ohne zu überlegen jedem (Schwaben) antworten, der mich nach meiner Herkunft fragte, und das nicht nur, weil ich seit Jahrzehnten in Ulm lebe und arbeite, sondern weil ich in Ulm heimisch geworden bin, obwohl ich da nicht geboren bin. Das habe ich genauso empfunden und gesagt, als ich eineinhalb Jahrzehnte in Neu-Ulm wohnte. Denn die damalige Entscheidung für den bayerischen Wohnort war weitgehend von wirtschaftlichen und praktischen Überlegungen bestimmt gewesen. Und die Rückkehr ins baden-württembergische Ulm war ebenso ein ganz rational begründeter Entschluss aufgrund wirtschaftlicher und familiärer Gegebenheiten,
der mir aber, ehrlich gesagt, viel leichter fiel, auch weil
er mich von der eigentlich unsinnigen, aber immer wieder von
Freunden ironisch provozierten Rechtfertigung meines Daseins
in Neu-Ulm befreite. Genauso haben sich Neu-Ulmer Bekannte und
Schulfreunde manchmal auch ungefragt zu ihrer Heimatstadt bekannt,
im besten Falle wohl um ihre eindeutige Verwurzelung zu bekennen
und schlechtestenfalls, um sich so aus einem bestimmten Grund
unmissverständlich abzugrenzen. Und für Ulmer ist
in einem solchen Falle sowieso klar, dass jenseits der Donau
der Balkan beginnt. Die zuweilen liebevolle und zuweilen ruppige
Pflege des Mit- und Gegeneinander gehört für
mich zu beiden Städten und zu vielen ihrer Menschen. Eine Gründungsidee Die Anfänge der Stadtgründung haben viel mit Ideen
wie Sicherheit und Kontrolle zu tun. Ursprünglich bestimmt
auf der Suche nach einem sicheren Platz in einem vom Wasser
beherrschten, sumpfigen Gelände, in dem vor allem Ulmen
wuchsen. Der mittelalterliche Chronist Felix Fabri erklärt
so (1488) den Namen der Stadt. Den Platz fand man auf dem heute
so genannten Weinhof. Von dort aus ließ sich auch der
etwas flussabwärts gelegene Donauübergang gut kontrollieren.
Die erste bekannte urkundliche Erwähnung vom 22. 07. 854
weist Ulm als Kaiserpfalz aus; die Stadtwerdung dürfte
wohl in der Stauferzeit (1274) rechtlich abgeschlossen gewesen
sein. Ulm, die aufblühende Reichsstadt, hat sich natürlich
mit Mauern umgeben und die Stadtbefestigungen im Laufe der Jahrhunderte
erneuert, erweitert, angepasst. Es ist gewiss kein Zufall, dass
das Militär in der Stadt eine wichtige Rolle gespielt hat.
Aber nur historisch besonders Interessierte wissen, dass Ulm
mit der Bundesfestung im 19. Jahrhundert die größte
Festungsanlage Europas bekam, um die deutsche Westgrenze mit
abzusichern. Einen Teil der Festung, das Fort Oberer Kuhberg,
benutzten die Nazis 1933-35 als KZ, um Gegner aus Württemberg
in »Schutzhaft« zu nehmen. Eine Dokumentations-
und Gedenkstätte erinnert heute daran. Wer denkt schon
an solche Dinge, wenn er auf der Stadtmauer einen Spaziergang
macht und auf die Stadt, die Donau und Neu-Ulm blickt? »Doch standat iezt d'Gwerber fast
älle still, Die ersten nennenswerten städtischen Bauten waren dann Militär-, Zoll-, Polizei- und Verwaltungsgebäude. Die neu angelegte Gemeinde entwickelte sich rasch, wurde in den Donau übergreifenden Ring der Bundesfestung mit einbezogen und erhielt 1869 das Stadtrecht. Ulm ist so ein neues, junges Gegenüber zugewachsen, und die beiden zusammen bieten gegenwärtig etwa 170 000 Einwohnern Lebensraum. Mehr Platz für wirtschaftliche Erweiterung hat inzwischen jedoch der Konkurrent Neu-Ulm. Ein wirtschaftliches Zentrum Die geographische Lage an der Donau, kurz nach Einmündung der IIIer, am Südrand der Alb machte Ulm zu einer wichtigen Etappe von Überlandwegen, Donauschifffahrt (von West nach Ost) und von Fernhandelsstraßen (von Süd nach Nord). Handel und Gewerbe (Wolle, Barchent, Holz, Schiffbau, Transport auf der Donau) brachten Ulm Reichtum (»Ulmer Geld regiert die Welt«) und machten es zu einem überregionalen Machtfaktor im 15. Jahrhundert. Die Umbrüche der Neuzeit brachten für Ulm den allmählichen Abstieg von einer mittelalterlichen deutschen Großstadt mit etwa 20 000 Einwohnern zu einer ziemlich unbedeutenden Kleinstadt mit etwas mehr als der Hälfte der Einwohner. Festungsbau, Eisenbahnbau, die Industrialisierung (Magirus, Telefunken) nach 1900 und der Wiederaufbau nach 1945 ließen Ulm wieder zu einer Großstadt werden, der Strukturprobleme und Globalisierung der Wirtschaft wie vielen anderen deutschen Städten heute Probleme bereiten. Beiden Städten gemeinsam ist, dass man eine erstaunliche Weltoffenheit neben ausgeprägtem Krämergeist findet. Ein kulturelles Zentrum Dass Ulm ein lokaler, regionaler und teilweise überregionaler kultureller Mittelpunkt ist, bezeugen historische Denkmäler (allen voran das Ulmer Münster), Museen, die Universität, Verlage, Theater, Schulen, Wirtshäuser, Feste. Neu-Ulm hat sein Edwin-Scharff-Haus, dem Ulm unbedingt ein Congress Centrum entgegensetzen musste. Einstein ist zumindest in Ulm geboren. Geniale Leistungen sind nirgendwo an der Tagesordnung, und Provinzialität ist auch nicht nur eine Frage des Geldes. Ein politisches Zentrum Ulm blickt auf eine lange Geschichte als Reichsstadt mit feudalen Strukturen zurück. Patriziat und Zünfte brachten 1397 im Ringen um die Herrschaft den Großen Schwörbrief zustande. Mit diesem wurde die Ulmer Bürgerschaft auf einen langen Weg zur Demokratie gebracht. Mit seiner Schwörrede, einem jährlichen Rechenschaftsbericht, und dem abschließenden Eid bekräftigt der Oberbürgermeister demokratische Grundsätze und dass er auch für Arme und Reiche gleichermaßen da sei. Solch einer Tradition hat das bayerische Neu-Ulm nichts Vergleichbares entgegenzusetzen. Doch gelegentlich tagen die beiden Stadträte gemeinsam, um ihre verschiedenen Standpunkte darzulegen, und auch der Neujahrsempfang wird im Wechsel von beiden Städten gemeinsam abgehalten. Ökonomische Zwänge ebnen in letzter Zeit erstaunlich vielen gemeinsamen Vorhaben den Weg. Literaturhinweise H. E. Specker, Geschichte, in: Der Stadtkreis Ulm, Amtliche Kreisbeschreibung, Ulm 1977 Barbara Treu (Hg.): Stadt Neu-Ulm 1869-1994, Neu-Ulm 1994
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