Zeitschrift

Die Donau


Lebensader, Kulturräume, Erkundungen


  Die Donau
Inhaltsverzeichnis

 

V. Den Strom entlang


1. Ulm und Neu-Ulm: Einstimmung auf zwei Donaustädte

Von Jakob Huff

»Historisch trennt sie unsere beiden Bundesländer. Wir Menschen erleben sie dagegen als verbindendes Element. Wir sollten sehr viel bewusster mit der Donau leben. Das internationale Donaufestival (1998) wird dazu einen Anstoß geben.«
Beate Merk, Oberbürgermeisterin von Neu-Ulm
»Sie prägt unsere Städte Ulm und Neu-Ulm. Und sie verbindet uns mit Süd-Ost-Europa - viel mehr als wir heute annehmen und erahnen können.«
Ivo Gönner, Oberbürgermeister von Ulm

Eine Annäherung

»I ben Ulmer«, würde ich ohne zu überlegen jedem (Schwaben) antworten, der mich nach meiner Herkunft fragte, und das nicht nur, weil ich seit Jahrzehnten in Ulm lebe und arbeite, sondern weil ich in Ulm heimisch geworden bin, obwohl ich da nicht geboren bin. Das habe ich genauso empfunden und gesagt, als ich eineinhalb Jahrzehnte in Neu-Ulm wohnte. Denn die damalige Entscheidung für den bayerischen Wohnort war weitgehend von wirtschaftlichen und praktischen Überlegungen bestimmt gewesen. Und die Rückkehr ins baden-württembergische Ulm war ebenso ein ganz rational begründeter Entschluss aufgrund wirtschaftlicher und familiärer Gegebenheiten,

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Blick über Ulm nach Neu-Ulm          Foto: Gerhard Kolb 

der mir aber, ehrlich gesagt, viel leichter fiel, auch weil er mich von der eigentlich unsinnigen, aber immer wieder von Freunden ironisch provozierten Rechtfertigung meines Daseins in Neu-Ulm befreite. Genauso haben sich Neu-Ulmer Bekannte und Schulfreunde manchmal auch ungefragt zu ihrer Heimatstadt bekannt, im besten Falle wohl um ihre eindeutige Verwurzelung zu bekennen und schlechtestenfalls, um sich so aus einem bestimmten Grund unmissverständlich abzugrenzen. Und für Ulmer ist in einem solchen Falle sowieso klar, dass jenseits der Donau der Balkan beginnt. Die zuweilen liebevolle und zuweilen ruppige Pflege des Mit- und Gegeneinander gehört für mich zu beiden Städten und zu vielen ihrer Menschen.
Meine Verbundenheit mit der Stadt, ihrer Umgebung und vielen Bewohnern empfinde ich sehr stark. Vor allem, wenn ich länger verreist war, ist es immer wieder ein »spannender« Moment die Stadt und das gewaltige Münster zu erblicken. Und je nachdem aus welcher Himmelsrichtung man sich der Stadt nähert, sieht man entweder erst nur die Spitze des Münsterturms oder das ganze Bauwerk, das sich weit über die Stadt erhebt. Am effektvollsten, für mich aber am unfreundlichsten, ist die Annäherung von Norden her, wenn ich mit dem Auto durch den Tunnel des Zigeunerfelsens auf die Stadt zufahre. Dann hat mich gefühlsmäßig sofort der Alltag wieder.
Im Alltag sind die beiden Städte für mich und wohl die meisten Bewohner diesseits und jenseits der Donau eine Einheit, und der Grenzfluss ist außerhalb der Hauptverkehrszeiten über eine der sechs Straßen, Eisenbahn- und Fußgängerbrücken, die beide Städte miteinander verbinden, schnell überquert. Die hübschen bayerischen Grenzschilder wurden aus Jux oder aus Prinzip so oft beseitigt, dass der Freistaat Bayern wohl aus Kostengründen seit längerem im Stadtbereich keine mehr anbringen lässt. Für manch einen unbedarften Fremden liegt Ulm sowieso in Bayern. Und so falsch ist die Vermutung auch gar nicht, zumindest nicht was Teile ulmischen Besitzes - beispielsweise die Kläranlage - auf Neu-Ulmer Flur anbelangt. Andere Objekte, wie das Freibad und die Eislaufanlage, betreiben beide Städte aufgrund vertraglicher Vereinbarungen gemeinsam. Früher war in dieser Hinsicht sowieso alles einfacher, weil es Neu-Ulm noch gar nicht gab, und die Donau im Territorium der Reichsstadt Ulm keine Grenze darstellte, wiewohl die Stadtbefestigung die Stadt auch zur Donau hin schützen sollte.

Eine Gründungsidee

Die Anfänge der Stadtgründung haben viel mit Ideen wie Sicherheit und Kontrolle zu tun. Ursprünglich bestimmt auf der Suche nach einem sicheren Platz in einem vom Wasser beherrschten, sumpfigen Gelände, in dem vor allem Ulmen wuchsen. Der mittelalterliche Chronist Felix Fabri erklärt so (1488) den Namen der Stadt. Den Platz fand man auf dem heute so genannten Weinhof. Von dort aus ließ sich auch der etwas flussabwärts gelegene Donauübergang gut kontrollieren. Die erste bekannte urkundliche Erwähnung vom 22. 07. 854 weist Ulm als Kaiserpfalz aus; die Stadtwerdung dürfte wohl in der Stauferzeit (1274) rechtlich abgeschlossen gewesen sein. Ulm, die aufblühende Reichsstadt, hat sich natürlich mit Mauern umgeben und die Stadtbefestigungen im Laufe der Jahrhunderte erneuert, erweitert, angepasst. Es ist gewiss kein Zufall, dass das Militär in der Stadt eine wichtige Rolle gespielt hat. Aber nur historisch besonders Interessierte wissen, dass Ulm mit der Bundesfestung im 19. Jahrhundert die größte Festungsanlage Europas bekam, um die deutsche Westgrenze mit abzusichern. Einen Teil der Festung, das Fort Oberer Kuhberg, benutzten die Nazis 1933-35 als KZ, um Gegner aus Württemberg in »Schutzhaft« zu nehmen. Eine Dokumentations- und Gedenkstätte erinnert heute daran. Wer denkt schon an solche Dinge, wenn er auf der Stadtmauer einen Spaziergang macht und auf die Stadt, die Donau und Neu-Ulm blickt?
Ulm auf dem rechten Ufer wurde zwischen 1802 und 1810 ausgegrenzt, nachdem Ulm die letzten vier Jahre dieser napoleonischen Zeit zu Bayern gehört hatte und am 18. 5. 1810 wieder zu Württemberg kam. Die damalige Gemütslage beschreibt das folgende Gedicht aus dem Jahre 1812:

»Doch standat iezt d'Gwerber fast älle still,
ma hot koin Verdeast und koi Geld;
iezt schoidet ja d'Donau de beschte Froind,
dös isch a verzipfelte Weltl«

Die ersten nennenswerten städtischen Bauten waren dann Militär-, Zoll-, Polizei- und Verwaltungsgebäude. Die neu angelegte Gemeinde entwickelte sich rasch, wurde in den Donau übergreifenden Ring der Bundesfestung mit einbezogen und erhielt 1869 das Stadtrecht. Ulm ist so ein neues, junges Gegenüber zugewachsen, und die beiden zusammen bieten gegenwärtig etwa 170 000 Einwohnern Lebensraum. Mehr Platz für wirtschaftliche Erweiterung hat inzwischen jedoch der Konkurrent Neu-Ulm.

Ein wirtschaftliches Zentrum

Die geographische Lage an der Donau, kurz nach Einmündung der IIIer, am Südrand der Alb machte Ulm zu einer wichtigen Etappe von Überlandwegen, Donauschifffahrt (von West nach Ost) und von Fernhandelsstraßen (von Süd nach Nord). Handel und Gewerbe (Wolle, Barchent, Holz, Schiffbau, Transport auf der Donau) brachten Ulm Reichtum (»Ulmer Geld regiert die Welt«) und machten es zu einem überregionalen Machtfaktor im 15. Jahrhundert. Die Umbrüche der Neuzeit brachten für Ulm den allmählichen Abstieg von einer mittelalterlichen deutschen Großstadt mit etwa 20 000 Einwohnern zu einer ziemlich unbedeutenden Kleinstadt mit etwas mehr als der Hälfte der Einwohner. Festungsbau, Eisenbahnbau, die Industrialisierung (Magirus, Telefunken) nach 1900 und der Wiederaufbau nach 1945 ließen Ulm wieder zu einer Großstadt werden, der Strukturprobleme und Globalisierung der Wirtschaft wie vielen anderen deutschen Städten heute Probleme bereiten. Beiden Städten gemeinsam ist, dass man eine erstaunliche Weltoffenheit neben ausgeprägtem Krämergeist findet.

Ein kulturelles Zentrum

Dass Ulm ein lokaler, regionaler und teilweise überregionaler kultureller Mittelpunkt ist, bezeugen historische Denkmäler (allen voran das Ulmer Münster), Museen, die Universität, Verlage, Theater, Schulen, Wirtshäuser, Feste. Neu-Ulm hat sein Edwin-Scharff-Haus, dem Ulm unbedingt ein Congress Centrum entgegensetzen musste. Einstein ist zumindest in Ulm geboren. Geniale Leistungen sind nirgendwo an der Tagesordnung, und Provinzialität ist auch nicht nur eine Frage des Geldes.

Ein politisches Zentrum

Ulm blickt auf eine lange Geschichte als Reichsstadt mit feudalen Strukturen zurück. Patriziat und Zünfte brachten 1397 im Ringen um die Herrschaft den Großen Schwörbrief zustande. Mit diesem wurde die Ulmer Bürgerschaft auf einen langen Weg zur Demokratie gebracht. Mit seiner Schwörrede, einem jährlichen Rechenschaftsbericht, und dem abschließenden Eid bekräftigt der Oberbürgermeister demokratische Grundsätze und dass er auch für Arme und Reiche gleichermaßen da sei. Solch einer Tradition hat das bayerische Neu-Ulm nichts Vergleichbares entgegenzusetzen. Doch gelegentlich tagen die beiden Stadträte gemeinsam, um ihre verschiedenen Standpunkte darzulegen, und auch der Neujahrsempfang wird im Wechsel von beiden Städten gemeinsam abgehalten. Ökonomische Zwänge ebnen in letzter Zeit erstaunlich vielen gemeinsamen Vorhaben den Weg.

Literaturhinweise

H. E. Specker, Geschichte, in: Der Stadtkreis Ulm, Amtliche Kreisbeschreibung, Ulm 1977

Barbara Treu (Hg.): Stadt Neu-Ulm 1869-1994, Neu-Ulm 1994

 

 


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