Zeitschrift

Die Donau


Lebensader, Kulturräume, Erkundungen


  Die Donau
Inhaltsverzeichnis

 

3. Wachau und Donauknie: zu Orten der Geschichte


Von Dietrich Rolbetzki


Die Wachau                        Zeichnung: Peter Steinheisser

Zwischen Melk und Krems-Stein in Niederösterreich zwängt sich die Donau auf etwa 35 km Länge zwischen den Höhen des Waldviertels im Norden und denen des Dunkelsteiner Waldes im Süden hindurch und hat eine Landschaft von seltenem Reiz geschaffen: die Wachau. Von einem festen Standort aus - etwa Weißenkirchen - lässt sie sich in zwei bis drei Tagen »erfahren«.

Früh schon lebten Menschen an der Donau (siehe Kapitel II.). 1908 wurde in Willendorf img25.gif eine nur wenige Zentimeter große Kalkstein-Plastik aus der Altsteinzeit (vor etwa 25 000 Jahren) gefunden. Diese »Venus von Willendorf« ist wohl ein Fruchtbarkeitssymbol. An der Fundstelle befindet sich heute eine große Nachbildung. Das Original kann man im Wiener Naturhistorischen Museum besichtigen.

Früh war die Donau auch schon Verkehrsweg und immer wieder - so für die Römer - Grenze. Ein Museum in Spitz img13.gif(an der Straße nach Mühldorf) informiert über die Schifffahrt auf dem Fluss. Die Stadt Melk img14.gif am westlichen Zugang zur Wachau bot sich durch ihre Lage zum Siedeln an. Nur wenige Meter liegen zwischen der Donau und der Anhöhe, auf der sich das Stift Melk (siehe Kapitel IV.1.) erhebt. Die Römer (siehe Kapitel III.1.) bauten hier ein Kastell; später waren die Magyaren da und die Babenberger - Markgrafen der Ostmark - machten den Ort zu ihrem Hauptsitz und zur Begräbnisstätte ihres Geschlechts.

Mautern img15.gif war eine der wichtigsten römischen Siedlungen in Niederösterreich. Erhalten aus dieser Zeit sind noch Reste der ehemaligen Befestigung, ein Stück Straße am Ortsende von Mauternbach und zahlreiche Funde, die das Römermuseum in der Margarethenkapelle aufbewahrt. Gegenüber von Willendorf am südlichen Donauufer erheben sich auf einem Felsen, 300 Meter über dem Strom, die Ruinen der einst gewaltigen Burg Aggstein img16.gif.
Die Burgherren wachten nicht nur über den Verkehr auf dem Fluss (eine der Deutungen des Namens »Wachau« führt ihn auf »wacta« = Wachtposten zurück), sie verdienten auch an ihm. 1438 erhielt ein Georg Scheck das Mautrecht für donauaufwärts fahrende Schiffe, musste dafür aber den Schiffsweg erhalten, am Ufer liegt noch das ehemalige Mauthaus (heute Forsthof).
Wie Melk am Anfang, so steht die Doppelstadt-Krems-Stein img17.gif am Ausgang der Wachau: Verkehrsknotenpunkt, Einkaufs- und Schulzentrum und Kulturstadt.

Heute erstrecken sich Krems und Stein bis an die Donau, aber ihre Anfänge im 10./11. Jahrhundert lagen nicht am Strom (Hochwasser!). Einst erhob sich hoch über dem heutigen Krems die älteste Pfarrkirche der Stadt. Jetzt steht dort die spätgotische Piaristenkirche »Zu unserer lieben Frau«.
Auch Steins Anfänge befinden sich auf einem Hügel, vermutlich dort, wo heute die Frauenbergkirche steht, die jetzt der Erinnerung an die Toten zweier Weltkriege dient. Der Handel mit Wein, Getreide, Salz und Eisen machte Krems und Stein, wo die Güter verladen wurden, reich. Da sich die beiden Orte - hier der Handel, dort der Versand - wirtschaftlich ergänzten, bildeten sie schon 1250 eine Bürgergemeinde mit einem Stadtrichter, seit 1416 mit einem Bürgermeister und seit 1463 mit einem gemeinsamen Wappen: einem doppelköpfigen Adler in Gold auf schwarzem Grund.
Die Steiner Landstraße in Stein ist mit ihren 113 Häusern »einer der schönsten Straßenzüge Österreichs« (Erika Schüler). Die ehemaligen Salzstadel (Häuser Nr. 27 und 29) erinnern noch an den einstigen Handel mit Salz. Ein »Kleinod« (Dr. Gabriele Rüttnauer) ist auch der große Passauerhof (Haus Nr. 76), im Mittelalter Verwaltungssitz des Bistums Passau. 42 Klöster besaßen in der Wachau Weingüter mit Wirtschafts- und Lagergebäuden, so begehrt war der Wein dieser Landschaft.

 

 

Krems-Stein, vom südlichen Donauufer aus gesehen

Foto: Peter Steinheisser

 

Das kaiserliche Mauthaus (Haus Nr. 84) »mit seiner prachtvoll bemalten Renaissancefassade« (Erika Schüler) legt Zeugnis davon ab, wie wichtig Handel und Donauschifffahrt als Einnahmequelle waren.

Immer wieder haben Kriege die Gegend heimgesucht. Dann drängte das aufstrebende Wien beide Orte in den Hintergrund. Weil die Eisenbahnlinie von Salzburg nach Wien das Donautal wegen seiner Enge umging, gerieten Krems und Stein auch verkehrstechnisch ins Abseits.

Gegenüber der Doppelstadt erhebt sich auf einem aus den Donauauen aufragenden Berg Stift Göttweig img19.gif. 1083 gründete der Passauer Bischof Altmann hier ein Augustiner-Kloster (Besitz in der Wachau war schon wegen des Weins wichtig), das nach seinem Tod aus dem Südschwarzwald herbeigerufene Benediktinermönche übernahmen. Was anfangs noch burgartigen Charakter hatte - die Zeiten waren unfriedlich -, entwickelte sich mehr und mehr zu einer eher an ein Schloss erinnernden weitläufigen Anlage, die Göttweig den Beinamen »Österreichisches Escorial« eintrug. Das Stiftsgebäude mit Kaiserstiege und Kaiserzimmer verstärkt diesen Eindruck noch. Hier werden Reichtum und weltliche Macht sichtbar, auch Prunk, kaum mönchische Ideale.

Von friedlosen Zeiten kündet auch Weißenkirchen img20.gif, an den Hängen des Waldviertels gelegen. Beherrschendes Bauwerk ist die Pfarrkirche Maria Himmelfahrt; man gelangt zu ihr vom Teisenhoferhof (Wachaumuseum) über eine schindelgedeckte Stiege. Die hohen Wehrmauern und Türme, mit denen sie befestigt ist, wurden 1531 errichtet, nachdem die Türken erstmals Wien bedroht hatten (siehe Kapitel III.4.).

Dürnstein img21.gif ist der meistbesuchte Ort der Wachau und das verdankt er gewiss auch Richard Löwenherz. Dass dieser hier im 12. Jahrhundert »Urlaub« gemacht habe, damit wirbt der niederösterreichische Fremdenverkehrsverband heutige Besucher, stellt dann aber richtig, der englische König habe »bei Wasser und Brot« in der Burg hoch über der Stadt gedarbt, während heutige Gäste in den noblen Hotels »erlesene Schmankerln« erwarten dürfen.

 

 


Dürnstein: Blick von der Festung auf Stadt und Donau

Foto: Peter Steinheisser

 

Ende 1192 fiel Richard Löwenherz auf der Rückreise von einem Kreuzzug in die Hände des Babenberger Herzogs Leopold V. und kam für kurze Zeit in die Feste Dürnstein, bevor er Kaiser Heinrich VI. übergeben wurde, der ihn auf Burg Trifels in der Pfalz einkerkerte. 1194 kam er gegen Zahlung eines riesigen Lösegeldes (etwa 28 t Silber) wieder frei. Ein österreichischer Herzog, ein deutscher Kaiser und ein französischer König hatten dieses »Kidnapping« vereinbart und teilten dann das Lösegeld. Der Kaiser brachte seinen Anteil in Kriegen durch, Leopold V. dagegen legte seine Beute gut an: in neuen Münzen, einer verbesserten Wiener Stadtmauer und in der neu gegründeten Wiener Neustadt.

Burg Dürnstein ist längst verfallen. Geschichte dient heute vor allem dem Fremdenverkehr wie die anrührende Sage von dem wohl nie existierenden Sänger Blondel, der von Burg zu Burg gezogen sein soll, um durch Absingen eines bestimmten Liedes seinen Herrn Richard Löwenherz zu finden. In Dürnstein habe er endlich Erfolg gehabt, weshalb hier ein Hotel seinen Namen trägt.

Immer wieder hat die Donau die Phantasie der Menschen angeregt. Zwischen Spitz und Schwallenbach ist eine Felsformation, die wie der Überrest einer riesigen Sperrmauer wirkt: die »Teufelsmauer« img27.gif. Eine Sage versucht sie zu erklären. Der Teufel, so erzählte man sich, habe hier eine Staumauer errichten wollen, sei aber durch einen krähenden Hahn an der Vollendung gehindert worden. An das daraufhin von ihm getötete Tier erinnert der von einem Pfeil durchbohrte Wetterhahn auf dem Kirchturm von St. Johann im Mauertal am gegenüberliegenden Ufer.

Bei Esztergom in Ungarn durchbricht die Donau das Nordungarische Mittelgebirge und bahnt sich ihren Weg zwischen dem Börzsönygebirge im Norden und dem Visegrader- und Pilisgebirge im Süden hindurch. Sie fließt dabei erst nach Süden, dann nach Osten, dann nach Norden, um schließlich bei Visegrad endgültig die Südrichtung zu wählen, wobei sie sich in zwei Arme aufteilt, die die Insel Szentendre umschließen; kurz vor Budapest vereinigen sie sich wieder. Der Strom, der dieses Donauknie geschaffen hat, ist breiter als noch in der Wachau, die Uferlandschaft lässt mehr Raum für Siedlungen, historische Bauten sind wegen vieler Kriege selten.

Visegrad (»hohe Burg«) img28.gif ist ein slawischer Name und Hinweis auf die wechselvolle Geschichte der Gegend. Eine römische Befestigung diente später auch den Slawen als Schutz, die sich hier angesiedelt hatten. Die Ungarn begannen nach dem Mongoleneinfall im 13. Jahrhundert mit dem Bau einer Burg zwischen Donau und steil aufragendem Berg. Später entstand die 350 m höher gelegene Hochburg. Eine Mauer verband beide mit der am Ufer (an der heutigen Schiffsanlegestelle) errichteten Wasserbastei. 1316 verlegte der ungarische König Karl von Anjou seine Residenz nach Visegrad und ließ die untere Burg zu einen Palast umbauen, der Ende des 15. Jahrhunderts im Renaissancestil umgestaltet wurde und eines der schönsten Bauwerke seiner Zeit gewesen sein soll.
Während der Kämpfe mit den Türken wurde er zerstört. Die bisherigen Ausgrabungen an der Straße Foutca zeigen nur einen Bruchteil der Anlage.

 

 


Das Donauknie
Zeichnung: Peter Steinheisser

 

Weitere 600 m in Richtung Osten und etwas erhöht liegt der »Salomonturm«, ein Wohnturm der unteren Burg, heute Museum.
Zur Hochburg gelangt man mit dem Auto oder zu Fuß (in etwa einer halben Stunde; der Weg beginnt hinter der katholischen Kirche). Die Burg - 1702 von den Habsburgern gesprengt - ist heute gut restauriert. Eine Ausstellung zeigt die Geschichte der Anlage und wie Adelige und einfache Leute in früheren Zeiten jagten und fischten.

 


 

Visegrad: Burgruine mit Blick auf die Donau
Foto: Peter Steinheisser

 

Etwa 23 Kilometer sind es von Visegrad nach Esztergom img31.gif, einer der ältesten Städte Ungarns. Fürst Géza (siehe Kapitel III.3.) bestimmte den Ort um 973 zu seiner Residenz. Sein Sohn Stephan wurde hier um 1000 zum ersten ungarischen König gekrönt. Hier stand der erste Königspalast Ungarns und, weil Esztergom Sitz des Erzbischofs wurde, die erste Hauptkathedrale. Im 13. Jahrhundert wurde die Residenz nach Buda verlegt, das geistliche Oberhaupt der ungarischen Kirche aber blieb in der Stadt. Esztergoms Wahrzeichen ist die wuchtige klassizistische Kathedrale auf dem Burgberg hoch über der Donau. »Von der kalten und toten Monumentalität eines Zenotaphs (Grabmals)« strahlt sie »eine eisige zeitliche [...] Übermacht« (Claudio Magris) aus.

 

 

 

 

 

 

Esztergom (Gran): Kathedrale
Foto: Peter Steinheisser

 

 

Auch innen ist der Eindruck Größe und Wucht. Die Schatzkammer zeigt wertvolle sakrale Gegenstände. In der Krypta finden sich Reste der St.-Adalbert-Kathedrale, die einst hier stand. Hier unten hat auch Kardinal Mindszenty - Kirchenoberhaupt nach 1945 und von den Kommunisten verfolgt - seine letzte Ruhestätte gefunden. Von der Kuppel aus hat man einen herrlichen Blick auf die Donau (die Brücke mit der Inschrift »Die Brücke verbindet«, die in die Slowakei hinüberführte, wurde 1945 gesprengt), den Burgberg (Überreste des alten Königspalastes) und die Stadt.

Etwa 25 Kilometer von Visegrad entfernt in Richtung Budapest liegt Szentendre img33.gif, ein »Montmartre« (Claudio Magris) mit vielen Galerien und Ateliers, mit malerischen Gässchen und Häusern, wie man das in Ungarn sonst kaum findet.

Literaturhinweise

Felix Czeike / Walther Brauneis: Wien und Umgebung. DuMont Kunst-Reiseführer, 12. Auflage, Köln 1993

Ingrid Fleischmann-Niederbacher / Erika Schüler: Die Wachau, 3. Auflage, Innsbruck / Rum 1991

Michael Herl: Ungarn. Polyglott-Reiseführer, München 1996

Gabriele Rüttnauer: Wachau. Polyglott-Reiseführer, München 1995/96

Roman Sandgruber: Wirtschaftswunder durch Lösegeld. In: Damals, 9/1996, S. 24 ff.

Edgar Schütz: Bildatlas Niederösterreich. Wachau, Hamburg 1999

 


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