Zeitschrift

Die Donau


Lebensader, Kulturräume, Erkundungen


  Die Donau
Inhaltsverzeichnis

 

4. Die Donau kommt nach Wien 1


Von Dietmar Gohl

 

 


Das alljährlich stattfindende Donauinselfest (zwischen den beiden parallelen Flussläufen), dahinter das »Vienna International Center«
Foto: Prof. Dr. Elisabeth Lichtenberger

Wien besitzt eine Besonderheit, die sonst in keiner Groß- oder Weltstadt zu finden ist: eine 21 Kilometer lange Erholungsinsel zwischen den beiden Donausträngen, zentral gelegen und mit U- und S-Bahn bequem erreichbar. Bis zu 200 000 Menschen tummeln sich hier an schönen Sommersonntagen. Wien liegt nun wirklich und endgültig an der Donau und die Donau mitten in Wien. Das war jahrhundertelang nicht so.

Wien ist ein alter Siedlungsplatz im Westteil des Wiener Beckens, wo die Alpen im Wienerwald auslaufen und die Donau sich einst in ein breites Netz von verschlungenen Armen verzweigte. Der Name des Ortes und des Wienflusses stammt vom keltischen Stamm der Wienden, deren Siedlung Vindomina am Leopoldsberg schon für 350 v. Chr. belegt ist. Die Römer errichteten ab 15 v. Chr. ihr Militärlager Vindobona etwas südlich davon am westlichsten Donauarm auf der 10 m höheren Talterrasse, die vor Hochwasser schützt. Nach ihrem Rückzug im 5. Jahrhundert wurde die Siedlung Handelsstadt und im 12. Jahrhundert Herzogssitz Österreichs.
Als die Bedeutung der Stadt als Zentrum des habsburgischen Reiches ständig wuchs, war eine Stadtausdehnung wegen der wilden Donau nur nach Westen möglich. Es gab außer der Brücke über den Wienfluss erst seit dem 15. Jahrhundert eine einzige Holzbrücke über den westlichen Donauarm, die »Schwedenbrücke«, die nach starken Hochwassern und Eisdriften stets erneuert werden musste. Diese Brücke führte zum Barfüßerkloster, in dessen Nähe im Jahre 1625 die Juden ihr Ghetto errichten durften. Es lag inmitten des kaiserlichen Jagdgebietes der Praterinsel. Die im Westen entstandenen »Vorstädte« und »Vororte« wurden im 19. Jahrhundert nach Wien eingemeindet, so dass die Stadt amphitheatralisch die Berghänge des Wienerwaldes hinaufwuchs. Zum Strom hin aber kehrte das kaiserliche Wien seine Schmuddelseite: Hier waren Lagerhallen, Fabriken und Eisenbahnanlagen entstanden.

Doch auch die Dörfer östlich des Stromes wuchsen beträchtlich, Floridsdorf sogar zu einer Kleinstadt: Erreichbar aber waren sie nur mit der Floridsdorfer Donaufähre. So entschloss sich die kaiserliche Reichsverwaltung, den Wildstrom mittels einer großen Donauregulierung zu bändigen. In einer ersten Phase (1869/70) wurde der Südwestarm mit Steinmauern begradigt - der »Donaukanal« war entstanden.

In der Hauptphase bis 1874 schüttete man die meisten Flussarme zu und schuf mit einem großen geraden Durchstich - auch als Schifffahrtsstraße - die neue Donau. Einen Teil des früheren Hauptarmes ließ man isoliert als »Alte Donau« bestehen. Gleichzeitig entstanden erstmalig zwei Straßenbrücken, die Floridsdorfer Brücke und die Reichsbrücke, dazu zwei Eisenbahnbrücken. 1904 wurde Floridsdorf eingemeindet. Doch große Teile des heutigen Stadtgebiets lagen noch außerhalb. Auf dem Nordteil der neuen Insel dehnte sich die Wiener Mülldeponie immer weiter aus. Auch war die Hochwassergefahr wegen des verkürzten Donaulaufs noch verschärft worden.
Nach 1945 schuf die Stadtverwaltung mit Erfolg neue Verhältnisse: Die Donaustadt wurde 1954 als XXII. Wiener Bezirk eingemeindet. Anstelle der Mülldeponie entstand 1964 für die Internationale Gartenbauausstellung der Donaupark samt Donauturm und später daneben das »Vienna International Center«, bestehend aus der UNO-City mit ihren gläsernen Bürotürmen (1979), worin mehrere internationale Organisationen ihren Sitz haben, und aus einem großen Tagungs-, Ausstellungs- und Konzertsaal-Komplex (1987). Diese neue städtebauliche Dominante im Osten liegt in der Sichtachse über die Reichsbrücke zur historischen Dominante des Stephansdomes. Sozusagen als dritte Phase der Donauregulierung wurde 1984 der Hochwasserentlastungskanal, »Neue Donau« genannt, fertig gestellt und erfüllt seinen Zweck. So entstand zwischen beiden Flusssträngen die Donauinsel für Freizeitzwecke, die zusammen mit dem UNO- und Tagungskomplex dem Donauareal zur Integration in den Stadtkörper verhalf.

Anmerkung

1 In der Reihe »Deutschland und Europa« ist im November 1999 das Heft 39 »Wien - Europäische Metropole im Wandel« erschienen.

Literaturhinweise

Raimund Hinkel: Wien an der Donau. 1. Auflage, Wien 1995

Elisabeth Lichtenberger: Wien - zwischen extremer Grenz- und Mittelpunktslage. In: Der Bürger im Staat, 47. Jg. H. 2, S. 80 ff., Stuttgart 1997

 


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