Von Dietmar Gohl

Budapest Foto: Dietrich Rolbetzki
Stadt und Name Budapest sind jung: Vor 1872 gab es sie noch
nicht. Grund dafür ist die lange Fremdherrschaft (siehe
Kap. III.3. und 4.). In den Jahren nach 1840 ging ein nationales
Aufbegehren durch das wirtschaftlich erstarkende Land (siehe
Kapitel III.3.). Graf Széchenyi erwirkte und leitete
den Bau der ersten Donaubrücke zwischen Buda und Pest und
regte auch den Bau des Nationalmuseums an. Nach dem »Ausgleich«
mit Österreich von 1867 (siehe Kapitel III.3. und 4.a))
wurden 1872 Buda und Pest vereinigt.
Die ungarische Königskrone aus römischen
und byzantinischen Teilen stammt aus dem 11. und 12. Jahrhundert
und befindet sich im Parlamentsgebäude. Foto:
MTI Hámar Szabolcs
In der noch kleinen Stadt waren Bauten im habsburgischen
Barockstil vorherrschend. Nun führte ein nahezu rauschhafter
Bauboom zur völligen Überprägung des Stadtbildes
im Historismusstil, meist in Neugotik, als Kulisse für
das große nationale Ereignis der 1000-Jahr-Feier der Landnahme
durch die ungarischen Stämme, des Milleniums 1896.
Damals entstanden weitere Donaubrücken; der »Große
Ring«, heute die mittlere der drei Ringstraßen,
und Radialstraßen durchzogen nun Pest, den am stärksten
wachsenden Stadtteil. Die prächtigste Radiale, die Andrássy-Allee,
benannt nach dem Freiheitskämpfer von 1849 und ersten ungarischen
Ministerpräsidenten von 1867, wurde bestückt u. a.
mit der Stephans-Basilika und der Staatsoper. Diese Allee
führt zum eindrucksvollsten Komplex von 1896, der im und
am alten Stadtwäldchen errichtet wurde: Hier gruppieren
sich der Heldenplatz mit dem grandiosen Milleniumsdenkmal
als Symbol des ungarischen Nationalbewusstseins, mehrere Museen,
das »Schloss aller Schlösser« (Nachbildung
der Burg des Türkenbezwingers Hunyád), der Zoo und
das »Gundel«, das bekannteste aller ungarischen
Nobelrestaurants. Unter der Andrássy útca verkehrt
seit 1896 die zweitälteste U-Bahnlinie Europas. An der
Donau prunkt unübersehbar das erst 1900 fertig gestellte
Parlamentsgebäude, mit 268 m Länge und 96 m
Kuppelhöhe das größte der Welt. Um 1900 brachte
auch der Jugendstil einige Bauten in diese neue Stadt, entworfen
von Ödön Lechner, geschmückt mit bunten Elementen
aus der ungarischen und orientalischen Volkskunst: Postsparkassenamt,
Kunstgewerbemuseum, Geologisches Institut der Universität.
Auch die Musikhochschule, gegründet vom ungarischen Komponisten
Franz Liszt, ist ein Jugendstilbau. Buda, der ältere
Stadtteil an der bergigen Donauseite, bietet Überraschungen
aus der alten Geschichte. Außer den gemütlichen Gässchen
mit Barockschmuck finden sich mit dem Rittersaal auf der Burg
und mit der Matthiaskirche auch zwei Reste aus dem Mittelalter
- alles andere war den Zerstörungen im Kampf gegen die
Türken und die deutsche Wehrmacht anheim gefallen. Die
Matthiaskirche war die Krönungsstätte der ungarischen
Könige, auch »Sissi« wurde hier 1867 von ihren
geliebten Ungarn umjubelt, wobei Franz Liszt seine Krönungsmesse
uraufführte. Das mauerumgebene Burgviertel überragt
als malerische Kulisse die repräsentativen Donaupromenaden
und Brücken um 60 m, woraus ein unter den europäischen
Metropolen einzigartiges Stadtbild resultiert. Am Gellértberg
und am Burgberg trifft man auf Reste der hoch entwickelten Badekultur
aus der Zeit, als die osmanischen Paschas auf der Burg regierten:
Rác-Bad, Rudas-Bad und Király-Bad sind türkische
Kuppelbauten. Das im Jugendstil erbaute Gellértbad
ist heute das größte der zwölf Thermalbäder
und Budapest mit seinen 123 Heilquellen die bedeutendste Bäderstadt
der Welt. Schon die keltischen Evarisker hatten hier eine
Siedlung namens Ak Ink (»reichlich Wasser«). Später
nutzten die Römer an gleicher Stelle - im heutigen
Ortsteil Óbuda (Altbuda) - die Quellen. Dort bestand
von 9 v. Chr. bis 400 n. Chr. die große römische
Militär- und Zivilstadt Aquincum als Zentrum der Provinz
Pannonia. Heute kann man dort u. a. zwei Amphitheater, ein Römerbad
und eine Villa mit Fresko- und Mosaikbildern besichtigen.
 Zwischen
Buda/ Óbuda und Pest liegt der größte und
schönste Park, die Margareteninsel, mit jahrhundertealten
Bäumen und Klosterruinen, Schwimmbädern und Hotels.
Schon in sozialistischer Zeit entstanden Nachtlokale und große
amerikanische Luxushotels und unweit der Stadt wird seit 1986
auf dem neuen Hungaro-Ring bei Mogyoród im August das
Formel-I-Rennen um den »Großen Preis von Ungarn«
ausgetragen. 1996 stand Budapest im Zeichen der 1100-Jahrfeier
der Ankunft der Ungarn in Europa (siehe Kapitel III.3.). Seit
Jahrhunderten eine europäische Stadt bereitet Budapest
sich nun darauf vor, Weltstadt zu werden.
Museum und Ausgrabungen (mit Jupiter-Säule)
der Römerstadt Aquincum Foto: Ungarischer Diafilmbetrieb
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