Zeitschrift

Die Donau


Lebensader, Kulturräume, Erkundungen


  Die Donau
Inhaltsverzeichnis

 

6. Das Donaudelta: Reise in ein Paradies?


Von Sibylle Kußmaul 

 
Fotos: Sibylle Kußmaul

Da waren wir nun also, am Ziel einer längeren Reise, damals 1989, entsprechend ungeduldig, neugierig und zugleich vielleicht sogar etwas betrübt über das nahende Ende einer Fahrt die Donau hinunter in einer Zille, einem jener Holzboote, mit denen sich seit alters her die Menschen auf der Donau fortbewegten. Unsere Zille war sieben Meter lang, eigens in Auftrag gegeben für diese Reise, die einen nachhaltigen, unvergleichlichen Eindruck hinterließ und eine noch heute tatsächlich empfundene Verbundenheit zur Donau. Vier Wochen lang, manche von uns sogar acht, näherten wir uns beharrlich dem Delta, paddelten etwa 50 Flusskilometer pro Tag. »Wir«, das waren sieben 20-Jährige, die schon viele Flusskilometer auf der Donau verbracht hatten und die zur Krönung aller vorangegangenen Fahrten auf dem oberen Flusslauf diese Reise bis ans Schwarze Meer angetreten hatten.

Das Delta versetzte uns in Staunen, obwohl wir großartige Natur in den Wochen zuvor bereits häufig erlebt hatten. Auf die große Ruhe und Gelassenheit der stillen Seitenarme, der plötzlich sich auftuenden Seen und der trockengelegten Ebenen seitlich des Hauptkanals waren wir bestens vorbereitet. Vielmehr, das hatten wir so erwartet. Es entsprach unserem Rhythmus, der sich dem ruhig dahinziehenden Fluss angepasst hatte. Dagegen hatte die kommerzielle Nutzung des Flusses, wo immer sie auftrat entlang der Donau, uns immer wieder einen Schock versetzt, besonders in Rumänien, und so konnten wir auch dem Hauptkanal »Brat¸ul Sulina« sehr wenig abgewinnen in seiner ganzen geradlinigen Hässlichkeit, permanent begleitet von mächtigen Strommasten, die die alten, hölzernen Masten mit ihren vielen Porzellanköpfen in den Schatten stellten. Wir waren also in einer sehr privilegierten Situation, da ein großer Teil der Deltabesucher vor allem diesen Hauptkanal von Sulina nach Tulcea zu Gesicht bekommt, vielleicht garniert mit einem der größeren Seen, der mit einem großen motorisierten Boot zu erreichen ist. Obwohl es mit der Ruhe der Tiere, dem Status der Naturschutzgebiete im Delta nicht mehr weit her wäre, würden alle Besucher sich ins Delta verstreuen ... doch dieser Gedanke ist nicht realistisch, kann nicht zu Ende gedacht werden, denn das Delta macht es niemandem leicht, eine totale Einverleibung durch Touristen erscheint nicht wirklich möglich. Was hat uns also so beeindruckt? Vielleicht waren es die Erzählungen, die Berichte aus einer fernen Region, die noch vor zehn Jahren weiter entfernt schien als etwa Reiseziele wie Australien und Neuseeland. Es war wohl der Mythos Delta, den wir erleben durften und den wir nähren konnten in den Wochen zuvor.

Über die Donau in Bulgarien gab es nur wenige Berichte, über die Donau in Rumänien praktisch keine - bis auf Artikel zum Delta. Damit war dieses Gebiet das für uns am klarsten zu fassende. Irgendwie hatten wir ein Gefühl zu wissen, was uns erwartet, nämlich eine großartige Pflanzen- und Tierwelt, wenige Dörfer entlang der Kanäle und versprengte Bewohner. Doch sämtliche Berichte über das Delta schmälern ihren Informationsgehalt durch das Eingeständnis, diese äußerst komplexe Flusslandschaft nicht wirklich erfassen zu können. Das wird sich wohl auch hier wiederholen. Die Größenangaben für das DeIta schwanken zum Teil erheblich. 1000 Quadratkilometer hin oder her - tagtäglich ändert das Delta sein Gesicht. Was in der Tat so nachhaltig beeindruckt ist das Wissen, nur erste Eindrücke vom Delta mitbekommen zu haben. Dieses Wissen war vom ersten Paddelschlag an in unseren Köpfen, als wir endlich, nach unmäßig langen Verhandlungen mit den Behörden, Tulcea, unser Eingangstor zum Delta, passieren durften. Nach allem, was über die ehemaligen Ostblockländer bekannt ist, dürfte die Willkür der Beamten, zumindest den Touristen aus dem Westen gegenüber, heutzutage nicht mehr bestehen. Ein Visum für das Delta kann jetzt bereits in Deutschland bei den Konsulaten erworben werden. Wir schafften es damals erst nach eineinhalb Tagen, die Genehmigung für das Delta zu bekommen. Auch so wurden Mythen gemacht.

In Tulcea trafen wir auf eine Gruppe junger Studenten aus der DDR, die uns eine detaillierte Karte schenkten. Ohne sie hätten wir es wohl kaum gewagt, von einem der drei großen Kanäle abzubiegen. Im Westen gab es keine Karten vom Delta und noch heute ist im Buchhandel eine solche Karte schwer erhältlich.
Begierig, endlich eintauchen zu können in die versprochene Traumlandschaft, wegzukommen von Tulcea, langten wir in die Paddel. Weg von Tulcea, Symbol für vergeudete Zeit, wo sogar Cafés und Restaurants waren, Schokolade und andere Luxuswaren, wo es eine gepflegte Uferpromenade gab. Wir konnten bereits Seeluft riechen, das Klima war äußerst angenehm, mediterran. In Erinnerung blieb nur klares und gleichzeitig sehr warmes Licht, obwohl die Fotos beweisen, dass es auch dunkle, schwere Wolken gab, gedämpfte Sonne.

Mit der Karte bewaffnet wagten wir uns in einen Seitenarm, der sich bald verengte. Links und rechts dicht bewachsene Ufer mit Schilf, blühenden Gräsern, alten, knorrigen Bäumen. Das Wasser war bedeckt mit einem hellgrünen Linsenteppich, der sich nach uns sofort wieder zusammenschob. An den Ufern saßen riesige Unken in allen Braun- und Grüntönen und einmal sahen wir eine Schlange, die nach einem noch nicht lange zurückliegenden Krötenmahl träge und schwer in der Sonne lag mit diesem signifikanten Knubbel irgendwo auf ihrer Länge und sich so zögerlich trollte, dass wir sie immerhin ein paar Sekunden begutachten konnten. Ein wenig seltsam war diese natürliche Übermacht schon, die sich immer dichter an den Bootsrand drängte, der ein gewisses Gefühl von Sicherheit vermittelte und eine Grenze bildete zum Schilf, das das Boot immer dichter umschloss.

Einmal verließ doch einer das Boot, musste uns anschieben, weil wir auf eine Wurzel gefahren waren. Vermutlich angelockt durch die interessante Wellenbewegung, schlängelte sich prompt eine Schlange auf uns zu, worauf der Rest der Gruppe den siebten Mann mit vereinten Kräften ins Boot rettete. Es roch nach fauliger Luft und Blutegel gab es offensichtlich auch. Als uns beinahe der Mut verließ angesichts dieser aufregenden, aber auch ungewohnten Enge, öffnete sich mit einem Mal der Blick auf einen wunderschönen, lichtüberfluteten See, auf dem wir sogar andere Menschen in Booten entdeckten, Fischer vermutlich. Auf unserer Fahrt zurück zum Sulinaarm paddelten wir auch an schilfgedeckten Hütten und Unterständen vorbei, vor denen Gejagtes hing. Hier wohnten wohl Menschen, die uns auch nicht begegnen wollten. Es wird erzählt, es gebe eine ganze Reihe von Bewohnern im Delta, geflohen vor dem rumänischen Staat oder wem auch immer. Letztlich sind alle Bewohner des Deltas Geflohene, meist Religionsflüchtlinge früherer Jahrhunderte, wie die Lipovenen, die aus Russland als Erste kamen.

Wir übernachteten am Rande einer großen trockengelegten Ebene am Sulinakanal. Von einem Strommast aus konnte man das Schwarze Meer bereits erahnen. Über dem See hatten wir am Mittag einen Schwarm rosaroter Pelikane gesehen. Wir waren zufrieden. Wir hatten unser Abenteuer mit der Natur mit einem großen Finale beschlossen, die Donau in all ihren Facetten noch einmal erlebt drei Tage lang. Es war Zeit, nach Sulina zu fahren, dort das Kilometerschild »0« zu passieren und die Zille im Hafen am Schwarzen Meer abzuliefern, von wo ein Transfer sie zurückbringen sollte nach Biberach. An einer schönen alten Kirche legten wir an und entluden das Boot. Zurück nach Tulcea ging es mit dem Schnellboot. Die Landschaft flog an uns vorüber in einer unangenehmen Geschwindigkeit. Es blieb der Wunsch, wiederzukommen und viel Zeit mitzubringen, um dieses Delta genauer kennen zu lernen. 

 

Reisehinweise

 

 

Konsulate

- Visa-Konsulat-Abteilung, Matterhornstraße 79,
14129 Berlin, Telefon 0 30/803 3018 (-19).

- Visa-Konsulat-Abteilung, Legionsweg 14, 53117
Bonn, Telefon 02 28/6 83 81 60.

- Rumänisches Generalkonsulat, Dachauer Straße 17,
80335 München, Telefon 0 89/55 33 07/08.

Ein Visum für Rumänien ist auch direkt an der Grenze erhältlich. Dieses Touristenvisum hat drei Monate Gültigkeit und kostet DM 90,-. Ermäßigung für organisierte Gruppenreisen.
Hotels gibt es in allen größeren Orten im Delta. Privatunterkünfte werden auch in den kleineren Dörfern angeboten.
 

Literaturhinweise

Stephan Hoffstadt/Edgar Zippel: Rumänien, (Aragon) Moers 1996. Hier finden sich wertvolle praktikable Tipps für Unter-künfte, Restaurants, Bootsverleihe u.a.

 


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