Zeitschrift

Katalonien

Partnerregion Baden-Württembergs


Heft  42 April 2001

Hrsg.: LpB


  Katalonien
Inhaltsverzeichnis       

  


 

V. Facetten des katalanischen Lebens

1. Die katalanische Nova Cançó

Von Wolfgang Winter

 

Das Chanson

Neben dem offiziellen Kunstbetrieb gab es in Europa schon seit dem Mittelalter immer Untergrundströmungen, die wider die Autoritäten den Stachel löckten. Dies geschah unter anderem mit unscheinbaren Chansons, die den Herrschenden jedoch immer gefährlich erschienen, da durch die Kombination von Wort und Musik intellektuelle und emotionale Seiten zugleich angesprochen werden.

Vorbemerkungen zur Nova Cançó

1968 gab Raimon – die anfangs profilierteste Stimme der Nova Cançó – auf Katalanisch in der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Madrid ein stürmisch bejubeltes Konzert. 1976 versuchte er an dieses historische Konzert anzuknüpfen, zu einem Zeitpunkt, zu dem Franco zwar schon tot, die Zukunft Spaniens aber immer noch nicht klar war, sodass die Zuhörer lautstark in Sprechchören nach seinen Beiträgen immer wieder Freiheit und Amnestie forderten. Als er jedoch 1997 in Madrid bei einem Konzert gegen den ETA-Terror auf Katalanisch sang, wurde er gnadenlos ausgepfiffen.

Diese Daten markieren annähernd Anfang, Höhepunkt und Ende der politischen Wirksamkeit der Nova Cançó in ganz Spanien und in den katalanischsprachigen Regionen.

Die Entstehung der Nova Cançó

Der Ausgangspunkt für die Entstehung der Nova Cançó ist die Diskriminierung und Unterdrückung der katalanischen Sprache und Kultur nach dem Spanischen Bürgerkrieg im frankistischen Einheitsstaat. Die repressiven Maßnahmen wurden erst in den 50er Jahren etwas gelockert, sodass allmählich wieder Bücher auf Katalanisch gedruckt werden konnten. Auch auf musikalischem Gebiet waren die Anfänge bescheiden und scheinbar unpolitisch: 1958 erschien eine erste Schallplatte mit internationalen Hits auf Katalanisch, 1959 wurde auf dem »Festival des mediterranen Lieds« in Barcelona ein katalanisches Lied vorgetragen und mit der Zeit nahm auch Radio Barcelona katalanische Schlager/Lieder in seine Sendungen auf, die das katalanische Publikum begierig aufhorchen ließen.

1962 trat dann eine Gruppe auf, die den Beginn des modernen katalanischen Chansons darstellt, Els Setze Jutges/›Die 16 Richter‹, der sich in den 60er Jahren viele prominente Vertreter der Nova Cançó anschlossen. Die Anfangsschwierigkeiten hingen auch damit zusammen, dass in Spanien Schallplatten vor allem zum Tanzen gekauft wurden. Das Erscheinen der politischen Chansons auf Katalanisch stellte also ganz andere Anforderungen an die Zuhörer und ihre Hörgewohnheiten: Es ging nicht um Musikkonsum im Stile eines Julio Iglesias, sondern um die Auseinandersetzung mit der politischen und gesellschaftlichen Realität Kataloniens bzw. Spaniens und um die Bestätigung oder Wiedergewinnung der katalanischen Identität. Dies wurde vom katalanischen und sogar vom spanischen Publikum sofort verstanden, vor allem als Stimme, Gitarre und Worte des Valencianers Raimon die Emotionen seiner Zuhörer aufwühlten.

Raimon (*1940) und Lluís Llach (*1948)

 

                          Raimon                          Lluís Llach
                          Quelle: J.R. Mainat,      Quelle: Lluís Llach:
                          Tretze que canten.      Cover der Schallplatte
                                                          Lluís Llach -
                          Editorial Mediterrània    Camp del Barca, ariola
                                                          XD 302482

 

Raimons erstes Lied Al vent (1959) wurde auch sein berühmtestes. Es soll entstanden sein, als er auf dem Beifahrersitz einer Vespa um seine Heimatstadt Xàtiva herumfuhr.Dieses auf den ersten Blick völlig unpolitische Lied entfachte seinerzeit einen Sturm: die Doppelbödigkeit seiner Aussage wurde sofort erfasst. Hier werden keine Fahrerlebnisse eines Unpolitischen dargestellt. Vielmehr ist es die Aufforderung, Gesicht, Herz, Hände und Augen dem Wind auszusetzen; es beschwört den Wind des Wandels, der von draußen kommt, aus der Welt, von der das damalige Spanien isoliert war. Es richtet sich gegen den Stillstand, die Erstarrung und die Sterilität des frankistischen Systems. Wenn die erste Person Plural nosaltres, ›wir‹ auftaucht und von I tots‚ ›von allen‹, die Rede ist, wird klar, dass hier individuelles Erleben eine gesamtgesellschaftliche Ausweitung erfährt und die Forderung, sich dem Wind auszusetzen, bedeutet, politisch aktiv zu werden.

Wie viel ironische List und Verstellung damals nötig waren, zeigt vielleicht die zweite Zeile der Rahmenstrophe, la Cara al vent: Sie ist offensichtlich eine ironische Umkehrung der ersten Zeile der faschistischen Hymne Cara al sol (»Das Gesicht zur Sonne«), die damals alle Spanier zu lernen hatten. Wegen der Zensur kann die politsche Thematik nur metaphorisch angedeutet werden. Noch in den 80er Jahren macht sich die zur Nova Cançó gezählte Gruppe La Trinca in ihrem Chanson Homenatge über dieses vorsichtige, doppelbödige Sprechen bei allen Vertretern der Nova Cançó lustig. Die einfachen, aber kräftigen Begleitakkorde der Gitarre in Al vent unterstützen dagegen eindeutig die agitatorische Absicht des Textes. In gewisser Weise fühlt man sich an Wolf Biermann erinnert.

Die Themen, die im 1963 erschienenen Al vent nur metaphorisch versteckt angedeutet waren, wurden von Raimon zunehmend konkretisiert. Er rief seine Zuhörer immer direkter dazu auf, sich gegen das frankistische System aufzulehnen und die damals noch vorherrschende resignative Haltung aufzugeben. Charakteristisch sind Chansons wie Sobre la pau (›Über den Frieden‹), Quan jo vaig nàixer (›Als ich geboren wurde‹) und das Chanson D’un temps, d’un pais (›Von einer Zeit, von einem Land‹). Die eindeutigste Absage an das damalige System stellt jedoch das Chanson Diguem no (›Wir sagen Nein‹) dar.

Neben Raimon und dem Sänger Joan Manuel Serrat ist Lluís Llach zweifellos die bedeutendste Gestalt, welche die Nova Cançó hervorgebracht hat. Eines seiner Chansons, L’Estaca (›Der Pfahl‹), wurde in der Franco-Zeit zu einer Art zweitem katalanischen Nationallied neben der traditionellen Hymne Els segadors (›Die Schnitter‹). Er verstand es, in seinen Konzerten Hunderttausende von Katalanen aller Altersklassen in seinen Bann zu ziehen. Ein Beispiel dafür ist das berühmte Konzert von 1985 im völlig ausverkauften Stadion des F.C. Barcelona. Bei diesem viele Stunden dauernden Konzert arbeiteten Sänger und Zuhörer rückblickend die Jahrzehnte der Repression ab.

Die Nova Cançó diente als Initialzündung für die Entstehung ähnlicher Strömungen im Baskenland, Galicien und im eigentlich spanischsprachigen Gebiet. 1968 erschienen schon 350 Schallplatten auf Katalanisch und 1983 zählte man immerhin 76 cantautores mit 1300 Chansons in ganz Spanien.

Die Nova Cançó in der internationalen Szene der 60er und 70er Jahre

Obwohl die Nova Cançó auf katalanischem Hintergrund mit seinen eigenen Problemen entstand, kann man sie doch nicht ganz losgelöst von den Entwicklungen in Westeuropa, Nordamerika und auch in Südamerika sehen. So übte das Nachbarland Frankreich, das sich der katalanischen Kultur immer besonders verbunden fühlte, mit seiner hoch entwickelten Chansonkultur unmittelbaren Einfluss aus. Bei manchen frühen Chansons von Lluís Llach zeigt sich dies vor allem in der musikalischen Gestaltung. Frankreich war auch das erste Land, in dem die Nova Cançó sofort begeistert und verständnisvoll aufgenommen wurde. Und schließlich fanden von dort aus die in Spanien unerwünschten katalanischen Chansons auf Schallplatten den Weg über die Pyrenäen.

Die musikalischen Arrangements vieler katalanischer Chansons sind an der Rockmusik orientiert und zeigen, dass man bewusst modernste internationale Trends aufgriff und rückwärts gewandte ›Tümelei‹ zu vermeiden suchte.

Die weitere Entwicklung der Nova Cançó nach dem Tod Francos

Obwohl die Vertreter der Nova Cançó zu Francos Lebzeiten mit Stasi-ähnlichen Methoden überwacht wurden, nicht wenige Auftrittsverbote hatten und zeitweilig emigrieren mussten (wie z.B. Llach), stimmen alle ihre Vertreter darin überein, dass die Repressionsmethoden in den ersten Jahren nach Francos Tod am schärfsten waren. Die Situation änderte sich grundlegend, als eindeutig der Weg zur Demokratie und zum Staat der Autonomen Gemeinschaften eingeschlagen wurde. Der gemeinsame Hauptgegner war abhanden gekommen, man versuchte sich neu zu orientieren. Die Nova Cançó ist seitdem ›literarischer‹ und somit auch esoterischer geworden: Experimentelle, in Wort und Ton artistisch vollendete, doch eigentlich unpolitische eigene Chansons einerseits oder die Vertonung von Texten älterer katalanischer Dichtung und moderner Dichter wie Espriu andererseits schienen einen Ausweg zu bieten. Auffällig ist jedoch die starke Hinwendung zum gesamten Mittelmeerraum. Dies zeigt z.B. die Rezeption von neugriechischen Dichtern wie Kavafis und Seferis. Bei Maria del Mar Bonet lassen sich sogar direkte musikalische Einflüsse aus dem östlichen Mittelmeer unschwer erkennen.

Das größte Problem für den Fortbestand der Nova Cançó ist heute aber wohl die Kommerzialisierung der Medien, besonders des Fernsehens: Dort gibt es kaum noch Platz für eine inzwischen elitär gewordene Kunstgattung wie das Chanson. Zudem hat sich in Spanien das politische Klima geändert: Die unbarmherzigen Pfiffe, die Raimon 1997 in Madrid einstecken musste (s.o.), weisen darauf hin, dass ein Madrider Publikum ihn weniger als katalanischen Vertreter des Kampfs gegen Gewalt begriff -von wo auch immer diese ausgehen mag – sondern als Vertreter des katalanischen Separatismus.

Insgesamt teilt somit die Nova Cançó mit vergleichbaren Strömungen in Europa und Nordamerika das Schicksal, von einem jugendlichen Publikum, das die ›heroischen‹ Zeiten der politischen Auseinandersetzungen nicht mehr kennt, immer weniger beachtet zu werden.

 

Anmerkung:
Diskografie Lluís Llach: http://catalunya-lliure.com/llach/



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