Zeitschrift

Katalonien

Partnerregion Baden-Württembergs


Heft  42 April 2001

Hrsg.: LpB


  Katalonien
Inhaltsverzeichnis       

  


 

3. Jugendstil in Katalonien – europäische Bezüge

Von Manfred Gröber

Im Jahre 1900 erschien in Barcelona erstmals die Zeitschrift JUventut, die in ihrem Anliegen der deutschen Zeitschrift Jugend entspricht. Die Wahl des

Namens ist ein Indiz dafür, dass der Jugendstil zu einem vielgestaltigen, europäischen Ideenaustausch geführt hat, so auch in der Architektur. Die herausragenden Beispiele der katalanischen Jugendstilarchitektur, dort Modernisme genannt, werden ab 1900 gebaut, die Ansätze dazu sind aber früher zu sehen.

Modernisme

Von den katalanischen Modernisme-Architekten seien nur drei hervorgehoben. Der älteste ist Lluís Domènech i Montaner (1849-1923), von dem der Palau de la Música Catalana (1905-1908) und das Hospital de la Santa Creu i Sant Pau (1902-1911) stammen. Fast gleichaltrig mit ihm ist Antoni Gaudí i Cornet (1852-1926), welcher als der typische katalanische Jugendstilarchitekt weltbekannt geworden ist. Seine wichtigsten Gebäude in Barcelona sind einige Wohnhäuser, sodann die Kirche La Sagrada Familia. Als weitere Leistung gilt der Park Güell, dessen Konzeption von einigem Interesse ist. Eine knappe Generation jünger ist Josep Puig i Cadafalch (1867-1956), neben dessen Casa Ametller (1898-1900) Gaudí ein paar Jahre später als Kontrapunkt seine Casa Batlló stellte. Außerhalb Barcelonas baute Puig i Cadafalch zudem die Weinkellerei Codorniu (1904) in Sant Sadurní d’Anoia als überzeugendes Beispiel für die Industrie-Architektur des Modernisme.

Gaudí und seine Urbanismuskonzepte

Die Architektur Gaudís erfuhr im Laufe des 20. Jahrhunderts allerdings nicht nur Bewunderung, sondern auch starke Ablehnung. Meist ist aber den Genießern und Verächtern seiner exotischen Formensprache nicht bewusst, dass sich der katalanische Architekt von seinen ersten Berufsjahren an immer auch mit Siedlungskonzeptionen befasst hat. Im Lebensgang von Gaudí gibt es drei Siedlungsentwürfe, an denen er sich als Urheber oder als Mitarbeiter beteiligte. Aus diesem Grund kommt ihm gegenüber den anderen katalanischen Jugendstilarchitekten eine Sonderstellung zu. Vor allem weil diese Konzeptionen weltanschaulich und ästhetisch in europäischen Bezügen stehen.

Coperativa »La Obrera Mataronense«

Im Jahre 1878 schloss Gaudí im Alter von 26 Jahren sein Architekturstudium in Barcelona ab. Um diese Zeit stand er mit den katalanischen Anarchisten in Kontakt und war sogar mit Salvador Pagès, dem Leiter der Arbeitergenossenschaft von Mataró (Cooperativa »La Obrera Mataronense«) in Freundschaft verbunden. Als junger Architekt sah er die Genossenschaftsidee auch als Gestaltungsaufgabe an und entwarf daher den Plan für eine Arbeitersiedlung mit Fabrikanlagen und Versammlungshaus.

Die ersten Planungsideen für diese Genossenschaftssiedlung waren schon 1873 entstanden. Bis zum Jahre 1878 hatte Gaudí dann detaillierte Pläne für die Gebäude gezeichnet. Die Gesamtkonzeption speiste sich aus Ideen der frühen Genossenschaftssozialisten Charles Fourier (1772-1837) und Robert Owen (1771-1858), die beide in ihrer Art den Wohn- und Lebensverhältnissen der im 19. Jahrhundert entstehenden Arbeiterschaft einen sozial gerechten Siedlungsrahmen geben wollten. Die Hauptziele waren dabei die Vermeidung von Bodenspekulation und Mietwucher, weshalb Grund und Boden sowie die Fabrikanlagen der Genossenschaft gehören sollten. Solche Auffassungen waren von den Anarchisten adaptiert worden und Gaudí hatte sich offenbar von seinen damaligen Freunden von diesen Utopien einer sozial gerechten Gesellschaft überzeugen lassen.

Die Pläne für Siedlung und Fabrikhallen in Mataró präsentierte er im Jahre 1878 einem internationalen Publikum auf der Weltausstellung in Paris. Dort interessierte sich der nur wenig ältere Textilfabrikant Eusebi Güell i Bacigalupi (1846-1918) aus Barcelona für diese Pläne und ihren Autor. Vom weltanschaulichen Standpunkt her beeindruckte ihn die soziale Gesamtkonzeption der Arbeitersiedlung, unter pragmatischen Gesichtspunkten leuchtete ihm die neue Art der Hallenkonstruktion für seine Fabrikanlagen ein. Die Begegnung zwischen den beiden führte zu einer lebenslangen Kooperation, wobei Güell neuartige Ideen von seinen Reisen aus ganz Europa einbrachte, insbesondere aus England, was für ein späteres Projekt von Bedeutung sein sollte.

»Colonia Güell« in Santa Coloma de Cervelló

Gegen Ende des Jahrhunderts beabsichtigte Güell etwa 15 Kilometer außerhalb Barcelonas eine neue Fabrik zu errichten. Dabei schwebte ihm eine räumliche Verbindung zwischen der Fabrik und den Wohnungen der Arbeiter vor, aber nicht in der Art der Slums, die im Laufe der Industriellen Revolution in den Ballungszentren in ganz Europa entstanden waren. Er wollte für seine Arbeiter hygienische Wohnverhältnisse in gesunder Umgebung mit Erholungs- und Freizeitwert. Güell beauftragte im Jahre 1898 Francesc Berenguer, einen Mitarbeiter von Gaudí, mit der Gesamtanlage; Gaudí selbst sollte die Kirche bauen. Diese Siedlung ist heute noch in Santa Coloma de Cervelló zu besichtigen. (Anfahrt mit Ferrocarrils de la Generalitat de Catalunya ab Plaça Espanya mit S3, S4, S8 bis zur Station Molí Nou. Kurzer Fußweg von rund zehn Minuten zur Cripta Güell und Colonia Güell.)

Die Zielsetzungen dieser Kolonie liegen auf der Hand. Die Arbeiter sollen kurze Wege zwischen Fabrik und Wohnhaus haben. Mit der Durchgrünung der Siedlung soll eine höhere Lebensqualität als in der dicht besiedelten Großstadt erreicht werden. Sozialer Bewegungsraum für sportliche und festliche Freizeitaktivitäten ist vorgesehen. Schule, Bibliothek und Theatergebäude sind als Räume für Bildung und Unterhaltung eingeplant, eine Kirche soll den religiösen Bedürfnissen dienen. Durch den Schriftzug Colonia Güell wird die Planskizze jugendstilhaft ästhetisiert. Dem entspricht, dass man an vielen Häusern heute noch dekorative Elemente jener Epoche studieren kann.

Besonderen architektonischen Wert besitzt die Cripta Güell. Dort hat Gaudí Bauprinzipien entwickelt, die er »organisches Bauen« nennt. Auf unregelmäßigem Grundriss sollte ein selbsttragendes Gebäude entstehen, ohne Hilfskonstruktionen wie die gotischen Strebepfeiler oder Innenskelette aus Metall. Nur die handwerklich perfekte Verwendung von Stein und Ziegel sollte die Statik des Gebäudes garantieren. Die Einwirkungen der Schwerkraft galten ihm als Vorgaben der »Natur«, in der ja »Tragen und Lasten« in ausgeglichener Harmonie stehen. Modelle im Untergeschoss der Sagrada Familia und im Espai Gaudí veranschaulichen diese Strukturprinzipien und damit die Herkunft der parabolischen und hyperbolischen Formen seiner Architektur.

 

 

An vielen Bauten wird dieses »organische« Bauprinzip durch ein »natürliches« Dekor ergänzt, das pflanzenhafte Elemente aufnimmt. Dabei werden geometrische Grundprinzipien wie Krümmungen, Spiralen, Ein- und Auswölbungen in vielfältig verspielten Formen kombiniert. Die Außenflächen werden oft mit farbiger Keramik verkleidet, was einerseits einen Rückgriff auf islamische Tradition bedeutet, andererseits eine Angleichung an moderne Gestaltungen des europäischen Jugendstils.

 

 

»Park Güell«

Im Jahre 1900 beauftragte Eusebi Güell seinen Architekten Gaudí mit einem weiteren Siedlungsprojekt, dessen Konzeption sich aus verschiedenen literarischen und ideologischen Quellen speiste. Am wichtigsten erscheint hierbei das utopische Werk des Engländers Ebenezer Howard (1850-1928), welches im Jahre 1898 in erster Auflage unter dem sozialprogrammatischen Titel Tomorrow: A Peaceful Path to a Real Reform erschienen war. Howard legt darin auf genossenschaftlichen Gemeinbesitz Wert; lohnabhängige Arbeitnehmer sollten dadurch die Chance zum Erwerb eines Einfamilienhauses bekommen. Das Buch erhielt im Jahre 1900 in zweiter Auflage den Titel Garden Cities of Tomorrow und führte in ganz Europa zur Gartenstadt-Bewegung, die z.B. in Deutschland die Gartenstadt Hellerau bei Dresden hervorbrachte.

Auch der »Park Güell« ist in diesem europäischen Zusammenhang zu sehen, wiewohl einige Kritiker bestreiten, dass bei Baubeginn im Jahre 1900 der Begriff Gartenstadt in Barcelona schon bekannt gewesen sei. Dazu ist zu bemerken, dass in England schon in den Jahren zuvor Diskussionen um die sozial gerechte Form von Arbeitersiedlungen geführt worden sind, wofür die erste Auflage von Howards Buch von 1898 ein Indiz liefert. Bei seinen Reisen nach England hatte Güell sich an diesen Diskussionen beteiligt. Dass er den heutigen »Park« tatsächlich als Wohnsiedlung und nicht nur als Erholungsregion in Auftrag gegeben hatte, steht aufgrund von Vertragsdokumenten fest.

Der Auftrag lautete, auf 15 Hektar Hanggelände am damaligen Rand der Stadt Barcelona 60 Einfamilienhäuser zu bauen. Dabei sollte das Gelände weitgehend so belassen bleiben, wie es von der Natur vorgegeben war, aber dennoch sollten alle urbanen Funktionen bereitgestellt werden, von der Versorgung und Entsorgung über die Verkehrswege bis hin zu Einrichtungen für das soziale Zusammenleben. Als leitender Gesichtspunkt galt jener der Gartenstadt, d. h. Natur und Technik sollten einander in harmonischer und ästhetischer Weise ergänzen. Obwohl die Siedlung nicht realisiert werden konnte, ist der Park Güell auch und gerade heute noch als Park eine landschaftsarchitektonische Meisterleistung, was auch die UNESCO anerkannte, indem sie ihn im Jahre 1984 zum schützenswerten Weltkulturerbe erhob.

Auffällig beim Betreten des Parks sind die beiden Eingangspavillons durch ihre märchenhaften Formen und die farbige Keramikverkleidung. Danach führt eine große, zweiläufige Paradetreppe aufwärts zu einer Säulenhalle. Die Treppe ist charakterisiert durch ihre weiße, teils auch bunte Keramikverkleidung. Sie wird belebt durch die Skulptur eines farbigen Drachens im Zentrum sowie durch einen Tierkopf, der aus einem Medaillon herausragt, in welches geschickt die vier roten Streifen des katalanischen Wappens eingearbeitet sind. Die Säulenhalle zitiert griechische Tempel und deutet damit die Einbindung in die mediterrane Welt an. Dort sollte der tägliche Markt abgehalten werden. Unterhalb der Halle befindet sich eine Zisterne für die Wasserversorgung der geplanten Siedlung. Die Decke der Halle ist mit farbig gestalteten Keramikmedaillons geziert.

Eine Etage höher öffnet sich ein großer Platz, der von der Decke der darunter liegenden Markthalle gebildet wird. Dieser Platz ist für Spiele und Feste vorgesehen. Seine ästhetischen und sozialen Funktionen erfüllen sich in der rings umlaufenden Mäanderbank. Ihr Sitzprofil ist ergonomisch geformt, die Oberfläche ist mit buntfarbigen Keramikscherben in surrealen, oft spontanen Mustern verkleidet, gemäß der Gestaltungsfreiheit, die Gaudí seinen Arbeitern gelassen hatte. Zusätzlich zu diesen ästhetischen Reizen bietet diese Sitzbank aber noch eine wesentliche Sozialfunktion. In den Sitzbuchten können nämlich Kleingruppen mit bis zu 15 Leuten Platz nehmen, um sich im engen Kreise zu unterhalten; zugleich aber öffnet sich jede dieser Buchten zum Platz hin, wodurch eine stetige Beteiligung am dortigen Geschehen möglich wird.

 

Mäanderbank im "Park Güell". Foto: M. Gröber

 

Der Rest des Parks enthält Straßen und Wege, die sich den Geländeformen anpassen und je nach ihren spezifischen Funktionen ausgelegt sind. So gilt hier das Prinzip, Fahrwege und Wege für Fußgänger voneinander zu trennen. Die Weganlagen bieten zudem durch Tunnels, Grotten und Überwölbungen auch Punkte zum Verweilen im Schatten. Oft sind diese baulichen Anlagen aus Natursteinen in phantastischen Formen ausgeführt. Sie sollen zusammen mit den blühenden Pflanzen, Büschen und Bäumen eine Einheit von Natur und Architektur bilden. Unter diesem Gesichtspunkt steht auch die ungehinderte Aussicht auf Stadt und Meer. Für die geplante Siedlung wurden dafür die Parzellen in Dreiecksform ausgemessen, so dass die Häuser immer versetzt hintereinander stehen konnten. Dieser freie Ausblick vermittelt noch heute jedem Besucher das Gefühl des Enthobenseins vom hektischen Getriebe der Innenstadt.

So erfüllt sich die Bestimmung, dass der Park Güell ein Gesamtkunstwerk aus Landschaftsarchitektur, Urbanistik und Skulpturenkunst darstellt. Diese Grundkonzeption galt damals nicht nur für den Modernisme in Katalonien, sondern war in allen Ländern Europas für die Architektur des Jugendstils maßgeblich.

Dauerausstellung Gaudí

Zu Gaudí kann der Barcelona-Besucher die lohnenswerte Dauerausstellung im Espai Gaudí in der Pedrera am Passeig de Gracia besuchen (Eingang: Provença 261-265, Tel. +93 484 59 95). Dort werden seine Biografie, Weltanschauung, seine Bauprinzipien und die Einbettung in die Geschichte anhand von vielgestaltigem Anschauungsmaterial in exzellenter Weise dargestellt.

 

Literaturhinweise:

Franziska Bollerey: Architekturkonzeptionen der utopischen Sozialisten – Alternative Planung und Architektur für den gesellschaftlichen Prozess. Berlin 1977, 1991
Gabriele Sterner: Antoni Gaudí – Architektur als Ereignis. Köln 1979
Ignasi de Solà-Morales: Gaudí. Barcelona 1983
Joan Bassegoda: Antoni Gaudí. Barcelona 1985
Eduardo Rojo Albarrán: Antoni Gaudí, ese desconocido. – El Park Güell. Barcelona, 1987
Rainer Zerbst: Antoni Gaudí. Köln 1987
Walter Kieß: Urbanismus im Industriezeitalter – Von der klassizistischen Stadt zur Garden City. Berlin, 1991
Conrad Kent, Dennis Prindle: Hacia la Arquitectura de un Paraíso. – Park Güell. Madrid 1992
Juan Antonio Ramírez, Gaudí – La arquitectura como obra de arte total. Madrid 1992
Klaus-Peter Arnold: Vom Sofakissen zum Städtebau. – Die Geschichte der Deutschen Werkstätten und der Gartenstadt Hellerau. Dresden, Basel 1993
Manfred Gröber: Europäische Dimensionen des Jugendstils im fächerverbindenden Unterricht – Projektanregungen am Beispiel von Antoni Gaudí. In: Lehren und Lernen 4, 1994, S.1-38
François Loyer: Jugendstil in Katalonien. Köln 1997
Gabriele Fahr-Becker: Jugendstil. Köln o.J.

 


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