Zeitschrift

Katalonien

Partnerregion Baden-Württembergs


Heft  42 April 2001

Hrsg.: LpB


  Katalonien
Inhaltsverzeichnis       

  


 

3. Montserrat – el miracle català

Von Jeannette Wollny

In den Sommermonaten strömen tagtäglich hunderte von Pauschaltouristen nach Montserrat, steht doch das berühmte Kloster in jedem Reiseführer als absolutes Muss eines Katalonienbesuches. Die meisten kommen mit dem Bus oder dem eigenen PKW, andere wiederum nehmen die Seilbahn, um den Berg zu erklimmen. Sie besuchen Kloster, Museum, Souvenirshops, Restaurant, schreiben Postkarten, und der Lärm und das Gedränge stehen im krassen Gegensatz zu dem, was man mit einem Kloster verbindet – Ruhe und Besinnung. Das hat dieser Ort nicht verdient, denn Montserrat ist mehr.

Vor meinem ersten Montserrat-Besuch hatte ich schon einiges über das Kloster und seine nationale Bedeutung gelesen und Freunde hatten mir von der Escolanía, dem Knabenchor des Klosters, erzählt, den man unbedingt gehört haben müsse.

Gut vorbereitet machte ich mich daher auf den Weg. Ich war überrascht als sich der Zug seinem Ziel näherte. Schon von weitem konnte man die bizarren Formen des Massivs von Montserrat erkennen.

Inzwischen habe ich Montserrat schon einige Male besucht, und es ist nicht nur das Kloster, das mich immer wieder hierher kommen lässt.

Das Massiv von Montserrat

Das typische Relief des Massivs von Montserrat
Foto: Jeannette Wollny

Der Berg von Montserrat bildet eine einzigartige geographische Einheit, die auf seine geologischen und geomorphologischen Besonderheiten zurückzuführen ist. Das Massiv befindet sich zwischen der Küstenebene und Zentralkatalonien und ist ein Teil der katalanische Küstenkordillieren. Es erstreckt sich über zehn Kilometer Länge bei einer Breite von nur fünf Kilometern.

Entstanden ist das Montserrat-Relief aus dem Zusammenspiel von Gestein und Wetter. Das Massiv besteht aus zwei verschiedenen Gesteinsschichten, einem Sockel aus eozänen (ca. 60 Mio. Jahre alt) Konglomerat- und Sandsteinschichten und darüber einem 550 m starken Block aus oligozänem (ca. 30 Mio. Jahre alt) Sedimentgestein. Letzteres setzt sich aus rundlichen Schottern zusammen, die in ein kalkreiches, wasserlösliches Bindemittel eingebettet sind.

Im niederschlagsreichen Klima wäscht sich der Kalk aus dem Gestein, wodurch der Fels mit der Zeit aufgelöst wird. Den dabei entstehenden Gesteinsformationen verdankt das Massiv seinen Namen: Montserrat, »zersägter Berg«.

Weniger wissenschaftlich, aber genauso interessant klingen die Legenden, die man sich über diesen Berg erzählt. Bei der Kreuzigung Christi soll das Gebirge zerbrochen sein. Eine andere wiederum besagt, dass Engel den Berg zersägt hätten, um einen Palast zu bauen, der das katalanische Land erleuchten soll und zu dem die dunkle Königin, der Stern des Orients, mit den Himmelsboten auf die Erde hinuntersteigt (Jacint Verdaguer: Ode an die Jungfrau).

Montserrat als Wandergebiet

Neben den Pyrenäen zählt dieses Massiv zu den populärsten Wandergebieten Kataloniens. Der Berg ist von markierten Wegen durchzogen, die jedoch zum Teil sehr anstrengend und nur von Geübten zu bewältigen sind. Trotzdem findet sich für jeden Geschmack die richtige Strecke.

Vom Kloster aus lassen sich einige kleinere Spaziergänge und Wanderungen zu verschiedenen Eremitas, Einsiedeleien, unternehmen, von denen insgesamt 13 über Montserrat verteilt sind.

Schöne Ziele sind dabei zum Beispiel die Santa Cova, der Fundort der Schwarzen Madonna, oder die Kapelle von Sant Jeroni (Karten erhält man am Kloster). Der Serrat de Sant Jeroni ist mit seinen 1236 m die höchste Erhebung des Gebirges. Nach steilem Anstieg verläuft die Wanderung über den Gebirgskamm mit weitem Ausblick auf die imposante Gebirgslandschaft des Montserrat.

Wer es etwas sportlicher mag, der kann auch schon am Fuß des Massivs mit seiner Tour beginnen. Vom Bahnhof Monistrol de Montserrat aus führt ein markierter Wanderweg zum Kloster hinauf. Leider sind die vielen Markierungen etwas verwirrend, da verschiedene Wege mit unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden nach oben führen. Entscheidet man sich für den camino deportivo, so muss man schon mit einigen Anstrengungen rechnen. Der Wanderer wird jedoch mit einer wunderbaren Ruhe belohnt.

Überhaupt finden Kletterer hier ein Paradies vor. An den vielen steilen Felswänden sind immer wieder Freeclimber auf dem Weg nach ganz oben zu entdecken.

Der Berg von Montserrat ist ein Eldorado für Kletterer
Foto: Jeannette Wollny

 

Vegetation

Wer sich zu Fuß auf den Weg nach oben begibt, sollte einen Blick für die Vegetation des 1987 von der katalanischen Regierung zum Naturpark erklärten Bergmassivs übrig haben. Bis auf seine Höhen hinauf ist der Montserrat mit mediterraner Hartlaubvegetation bewachsen. Es entwickelten sich Wälder aus Steineiche, Stechpalme und Schneeballblättrigem Ahorn, der für die montanen Lagen typisch ist. Die Steineiche hingegen ist ein Charakteristikum der immergrünen Laubwälder, die bis zu einer Höhe von 80 bis 1000 m zu finden sind. Der Montserrat vereinigt diese beiden verschiedenen Vegetationstypen.

Leider werden die Wälder immer wieder durch Brände zerstört und machen somit Platz für die Macchien, hohes, dichtes Gebüsch, das sich hier aus Immergrünem Schneeball, Mittlerer Steinlinde, Erdbeerbaum und wuchernden Lianen zusammensetzt. Wälder und Macchien gedeihen aufgrund des regenreichen Klimas Mittelkataloniens.

Weit verbreitet sind auch die Garrigues aus kleinen Sträuchern wie Rosmarin, Erika, Skorpionsginster und Thymian. Sie wachsen in den kärgeren Gebieten des Montserrat und sind an die Sommertrockenheit angepasst. Einige der Pflanzen kühlen ihre Oberfläche, indem sie bei starker Sonneneinstrahlung ätherische Öle ausscheiden. Die Gewürzpflanzen der Garrigues machen den aromatischen Duft aus, den man beim Wandern genießen darf.

Das Kloster der Schwarzen Madonna

Für die meisten Besucher ist jedoch das Kloster von Montserrat der Beweggrund ihres Ausfluges. Erbaut wurde es 880 als kleines Nonnenkloster, das 976 an die Benediktiner übergeben und in der Folgezeit kontinuierlich vergrößert wurde.

1025 wurde es von Abt Oliba neu gegründet. In dem zur Abtei Ripoll gehörenden Kloster entwickelte sich ein Marienkult um die Madonnenfigur »Unsere Liebe Frau von Montserrat«, und bis heute strömen Pilger zu »La Moreneta«, der »Kleinen Braunen«, wie die Figur auch genannt wird. Papst Leo XIII. (1878-1903) ernannte sie zur Schutzpatronin Kataloniens und legitimierte somit den Volksglauben, der bis ins Mittelalter zurückzuverfolgen ist.

Der Legende nach wurde bei der Invasion der Araber die dunkle Madonnenfigur, die vom Evangelisten Lukas geschnitzt worden sein soll, in einer Höhle des Montserrat versteckt. Dort überstand sie den Krieg und die Zerstörung der Einsiedelei Santa Maria, bis Hirten sie im neunten Jahrhundert entdeckten. Nach dem Fund der Madonna wurde das Kloster erbaut. Wissenschaftlern zufolge stammt die Statue jedoch aus dem 12./13. Jahrhundert. 1409 erhielt das Kloster den Status einer unabhängigen Abtei, wurde jedoch schon 90 Jahre später der Ordensgemeinschaft von San Benito de Valladolid angeschlossen. Der napoleonische Krieg und die späteren politischen Ereignisse unterbrachen das klösterliche Leben verschiedentlich und endgültig 1835. Bereits von 1844 an wurde unter der Führung von Abt Miquel Muntades der Wiederaufbau der Gemeinschaft in Angriff genommen, die bis heute (mit Ausnahme des spanischen Bürgerkriegs 1936-1939) besteht.

Neben seiner religiösen Bedeutung ist das Kloster Montserrat ein Zentrum des katalanischen Nationalismus. Während der Franco-Diktatur wurde hier katalanische Kultur gepflegt, indem z.B. die Messe in der verbotenen katalanischen Sprache gehalten wurde.

 

Blick auf das Kloster Montserrat
Foto: Jeannette Wollny

 

Anreise

PKW: Autobahn bis Matorell, dann nordwestlich in Richtung Olesa de Montserrat und über Monistrol zum Kloster hinauf; der Parkplatz ist sehr teuer.
Zug: Vom Plaça D’Espanya mit der Gesellschaft FGC (Ferrocarills de la Generalitat de Catalunya) zur Station Aeri-Montserrat, von dort mit der Seilbahn zum Kloster hinauf.
Bus: Organisierte Busausflüge von Barcelona aus, z.B. mit Julia-Tours vom Bahnhof Sants.

Literaturhinweis:

Nowak, Bernd/Schulz, Bettina: Richtig wandern. Der Osten Spaniens. Köln 1993.


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