Zeitschrift

Katalonien

Partnerregion Baden-Württembergs


Heft  42 April 2001

Hrsg.: LpB


  Katalonien
Inhaltsverzeichnis       

  


 

4. Naturparks in Katalonien: Das Ebrodelta –
    europäisches Schutzgebiet

Von Renate Holzmann

Was bietet Katalonien, der »Industriestandort Spaniens«, den ökologisch Interessierten? Lohnt es sich überhaupt, Katalonien unter dem Aspekt Naturschutz aufzusuchen?

Als 1985 die Landesregierung Kataloniens die Einrichtung von Naturschutzparks gesetzlich regelte, wurden die Rahmenbedingungen zum Schutz und zur Erhaltung einzigartiger Biotope geschaffen. Der Landschaftsordnungsplan »Natürliche Interessenzonen PEIN« (Plan d’Espais d’Interès Natural) stellt eine der wichtigsten Maßnahmen der katalanischen Umweltpolitik dar. Die geschützten PEIN-Gebiete repräsentieren die typischen katalanischen Ökosysteme und sichern den Fortbestand der äußerst vielfältigen Landschaft sowie der Tier- und Pflanzenarten Kataloniens.

 

Naturparks in Katalonien

Aus: Auf dem Wege der gemeinsamen Beobachtung der Umwelt, Umweltministerium Baden-Württemberg 1995, S. 23

 

Mit der Aktion »Natur ohne Grenzen« unterstützt die Stiftung Europäisches Naturerbe verschiedene Naturschutzgebiete in Katalonien. Baden-Württemberg war Träger des Modellprojektes »Schutz ökologisch wertvoller Feuchtgebietszonen für Zugvögel im Delta de Llobregat bei Barcelona«.

Mit diesem Motto richtet sich das Erziehungsministerium von Katalonien in unermüdlichen Aufklärungskampagnen an die Bürger, um ihr Umweltbewusstsein zu stärken und die Besucher der Naturparks zu ökologisch richtigem Verhalten zu motivieren. Durch die intensive Zusammenarbeit mit allen Bildungseinrichtungen in Katalonien wird gezielt auch die jüngere Generation sensibilisiert. Der Erfolg ist bereits spürbar: Seit Jahren nimmt die Zahl interessierter und umweltengagierter Jugendlicher deutlich zu.

Neben dem Nationalpark »Aigüestortes und Sant Maurici-See« gibt es in Katalonien noch weitere elf Naturschutzparks bzw. kleinere Naturschutzgebiete. Außerdem existieren in den einzelnen Provinzen noch zahlreiche »reservas naturales« oder »parques comarcales«; darunter versteht man außergewöhnliche Naturlandschaften, die durch städtebauliche Gesetzgebung ausdrücklich geschützt sind.

Insgesamt nehmen die Naturschutzgebiete in Katalonien 22 % der Gesamtfläche von 31 900 km2 ein. Im größeren Baden-Württemberg (35 800 km2) sind 30,9 % der Gesamtfläche für Landschaftsschutz, Naturschutz oder Naturparks ausgewiesen. Trotz der geringeren Fläche ist jedoch der Prozentsatz an bedrohten Tier- und Pflanzenarten in Katalonien deutlich geringer als in Baden-Württemberg.

Das Ebrodelta – europäisches Schutzgebiet
NATURA 2000

Im südlichsten Teil von Katalonien liegt der Naturschutzpark Ebrodelta (Delta de l’Ebre), nach dem Nationalpark Coto Doñana in Andalusien der zweitgrößte in Spanien. Das Mündungsgebiet des Ebro stellt mit seinen 320 km2 neben der Camargue die bedeutendste Feuchtzone im westlichen Mittelmeerraum dar. 1938 erklärte die katalanische Regierung (Generalitat) das Gebiet zum Naturschutzgebiet. In der international festgelegten Biotopbewertung erhielt es die Kategorie A. Das bedeutet, dass die Region als »äußerst schutzwürdig« eingestuft wird.

Das Ebrodelta gehört zu den sechs von der EU ausgewiesenen katalanischen Schutzzonen. Im grenzüberschreitenden Projekt NATURA 2000 ist geplant, das Ebrodelta in die europäische Schutzgebietsvernetzung einzubeziehen. Bereits 1997 wurden dazu zwei LIFE-Projekte (spezielle EU-Förderprojekte) »zur Erhaltung bzw. Wiederherstellung von Feuchtgebieten und zum Schutz der dort lebenden bedrohten Arten« genehmigt.

Die etwa 8000 ha große Naturlandschaft ist einzigartig und in ihrer Art unvergleichlich: Im Küstenbereich gibt es Süßwasserseen, so genannte ullals; zum Meer hin von Schilfrohr und Binsenfeldern sowie Sumpfgebieten umrahmte Lagunen. Im Innern trifft der Besucher auf ausgedehnte Reisfelder, deren Anblick je nach Jahreszeit variiert: im Sommer frisch und grün, im Winter erdfarben und im Frühjahr vom Wasser überflutet. In dieser großen, weiten Ebene findet man Obst- und Gemüseplantagen, ein Hinweis für die Bedeutung der Landwirtschaft in diesem Landstrich. Auch lange, beinahe wüstenhaft anmutende Sandstrände sind anzutreffen, mit Dünen und einer Pflanzenwelt, die sich an die extremen Bedingungen perfekt angepasst hat. Den Ebro entlang ziehen sich die Uferwälder hin, die durch ihre Mannigfaltigkeit an wild wachsenden Baumarten wie Pappeln, Platanen, Weiden, Erlen und Eukalyptusbäumen beeindrucken.

Ullal (Süßwasserteich)

Aus: Parque Natural Delta del Ebro, Generalitat de Catalunya. Dertartement de Comerc, Consum i Turisme

 

Das Vogelschutzgebiet im Ebrodelta weckt weltweites Interesse, insbesondere wegen der Brutkolonien und der Zugvögel, die hier überwintern bzw. sich auf der Durchreise in ihre Winterquartiere hier aufhalten. Bis zu 300 verschiedene Arten leben zeitweise in diesem Mündungsgebiet. Auf jede Art kommen bis zu 100 000 Vögel – das entspricht 60 % der gesamten Artenvielfalt in Europa. Von großem ökologischen wie auch ökonomischen Interesse ist der enorme Fischreichtum. Dies ist nicht verwunderlich, findet man doch hier im Mündungsgebiet des Flusses vom Süßwassersee bis zum salzhaltigen Meerwasser sämtliche Zwischenstufen mit ihren jeweiligen Fischarten: Hecht, Wels, Karpfen. Auch Flussaale, Meerbarben und Adlerfische gehören zur traditionellen Ausbeute.

Foto: Flamingos im Ebrodelta

Aus: Parque Natural Delta del Ebro, Generalitat de Catalunya. Departement de Comerc, Consum i Tursime

 

Heute leben im Deltagebiet etwa 40 000 Einwohner. Haupteinnahmequelle ist der Reisanbau mit 98 % der gesamten Reisernte Kataloniens. Es gibt fast keine Industrie. Erwähnenswert ist allerdings die Zunahme des Tourismus. Immer größer wird die Zahl derer, die das Delta nicht nur aus rein wissenschaftlichem Interesse besuchen. Die landschaftliche Schönheit mit ihrer vielfältigen Flora und Fauna bewirkt, dass immer mehr Naturfreunde, Hobbyornithologen und Freizeitfotografen hier verweilen und mit dem »ökologischen Tourismus« neue Einnahmequellen schaffen.

Routenbeschreibung

Es gibt viele Möglichkeiten, die Naturlandschaft des Ebrodeltas zu erkunden: auf Exkursionen mit Fahrrädern, in Kutschen oder mit dem Schiff. Für Pferdeliebhaber bietet die Hípica Delta in Platja Bassa d’Arena Ausritte an – Grund genug, das Auto möglichst am Rand des Naturparks stehen zu lassen.

Am häufigsten nehmen Deltabesucher in Amposta oder in der Gemeinde Deltebre das Schiff bis zur Flussmündung. Die ständig variierende Landschaft zu beiden Seiten des Flusses, Scharen von nistenden Vögeln und eine unbeschreibliche Pflanzenvielfalt lassen die Fahrt zu einem wahren Erlebnis werden. An der Ebromündung liegt Garxal, eine Gruppe kleiner Inseln und Lagunen, die hervorragend geeignet sind, die zahlreichen Wasservogelarten zu beobachten.

Damit trotz des Besucherstromes die ökologischen Schätze der Naturlandschaft erhalten bleiben, wurden Zentren eingerichtet, die über Wissenswertes und Sehenswertes im Ebrodelta informieren. Das Hauptinformationszentrum liegt direkt in dem Ort Deltebre. Täglich können Besucher hier über die unterschiedlichen Bereiche des Parks je nach Jahreszeit und Uhrzeit Auskunft erhalten und reiches Informationsmaterial erwerben. Direkt daneben befindet sich das Ökomuseum (Ecomuseu), wo Modelle sämtlicher Landschaften des Deltagebietes die Eigenart des Naturparks veranschaulichen. Für die jüngeren Besucher gibt es ein Aquarium-Terrarium mit allen im Delta lebenden Fischen, Amphibien und Reptilien. Speziell zur Förderung didaktischer Aktivitäten findet man im Ökomuseum das Ausbildungszentrum für Fragen der Umwelt. Gruppen aller Altersstufen können hier unter fachmännischer Führung an Workshops und Arbeitscamps teilnehmen.

 

 

Die Casa de Fusta befindet sich im Süden direkt an der malerischen Encanyissada-Lagune. In dieser Informationsstelle kann der Besucher das Tier- und Vogelmuseum besichtigen, spezielle Wandervorschläge einholen und nebenbei noch eine Fülle von Informationen erhalten. Diavorführungen, allerdings nur in spanischer Sprache, erklären die Entstehung des Ebrodeltas und zeigen den immensen Reichtum der Tier- und Pflanzenwelt. Für Schüler und Studenten gibt es kostenlos ein cuaderno de trabajo (Arbeitsheft) in spanischer Sprache mit Fragen, Arbeitsanleitungen und einem Bestimmungsschlüssel für die wichtigsten Vogel- und Pflanzenarten. Fast unmittelbar vor dem Gebäude befindet sich der Aussichtsturm (Mirador), von dem aus der Besucher einen einzigartigen Überblick über die ganze Lagune gewinnen kann. Hier beginnt auch der Naturlehrpfad (900 m), der an der Lagune entlangführt und die Möglichkeit bietet, den ornithologischen Reichtum direkt vor Ort zu beobachten.

Noch ein Tipp zum Schluss:
Ein einmaliges Erlebnis ist es, eine Nacht in der wunderschönen Jugendherberge im Ort Deltebre zu verbringen. Und wenn dann noch Zeit bleibt für einen Abendspaziergang durch das längste Dorf Kataloniens, städtebaulich einzigartig und mit dem sinnreichen Namen Jesus i Maria, dann hat man den Naturpark in seinem ganzen Facettenreichtum kennen- und sicher auch lieben gelernt.

 

 

Literaturhinweise:

Boada Martí: Geschützte Naturräume in Katalonien. In: Catalònia. Barcelona 1995, S.26
Pagès Jordí Vincenç: Jugend und Umwelt. In: Catalònia. Barcelona 1996, S.35
Landesanstalt für Umweltschutz Baden-Württemberg (Hg.): Nature Conservation in the Partner Regions. Karlsruhe 1998



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