Zeitschrift

Katalonien

Partnerregion Baden-Württembergs


Heft  42 April 2001

Hrsg.: LpB


  Katalonien
Inhaltsverzeichnis       

  


 

III. Schüleraustausch mit Katalonien?
      Schulpartnerschaften, Schülerimpressionen

 

Schulpartnerschaften

Von Max Steinacher

Unter Spanischlehrern wird über Partnerschaften mit katalanischen Schulen kontrovers diskutiert. Zentrales Argument dagegen: Der Unterricht werde dort inzwischen fast ausschließlich in katalanischer Sprache gehalten; somit sei ein Aufenthalt für Spanisch lernende deutsche Schüler wenig sinnvoll.

Sieht man in der Verbesserung der Sprachkenntnisse den primären Grund für einen Schüleraustausch, wäre in der Tat der »Austauschstandort« Katalonien problematisch. Dann wäre aber auch der Schüleraustausch mit vielen anderen Ländern in Frage gestellt, deren Sprache unsere Schüler nicht lernen.

Zwischen meiner Schule (Max-Planck-Gymnasium Böblingen) und dem Institut d’Ensenyament Secundari in Cardedeu (Katalonien) findet seit 1991 ein jährlicher Schüleraustausch statt. Vor dem Hintergrund dieser Erfahrungen möchte ich darstellen, warum und unter welchen Voraussetzungen ein Austausch mit einer Schule in Katalonien sinnvoll sein kann.

Die bereits bestehende Partnerschaft zwischen Baden-Württemberg und Katalonien (gemeinsam mit der Lombardei und Rhône-Alpes die Vier Motoren Europas) wird durch den Schüleraustausch gestärkt und rückt in das Bewusstsein der Bevölkerung.

Katalonien ist die uns am nächsten gelegene spanische Region. Unter dem Gesichtspunkt der Reisekosten ist dies ein ernst zu nehmendes Argument. Geographische Vielfalt und kulturelle Attraktivität Kataloniens sind unstrittig.

Die Schulbehörden in Katalonien sind meiner Erfahrung nach stärker am internationalen Schüleraustausch interessiert als die anderer autonomer Gemeinschaften. Vielleicht hängt dies auch mit der vergleichsweise guten

ökonomischen Situation Kataloniens zusammen. Austauschvorhaben werden jedenfalls finanziell von Seiten des Erziehungsministeriums spürbar unterstützt. Lehrer, die am Schüleraustausch mitwirken, erhalten Zusatzpunkte im Beurteilungsranking.

 

Logo der Partnerschule Cardedeu

 

Zum Sprachenproblem

An unserer Partnerschule diskutiert der zuständige Deutschlehrer auf einem Elternabend diese Frage und bittet die Eltern, mit den deutschen Schülern Spanisch zu reden. Dies ist dann auch fast immer der Fall.

An den Tagen, an denen keine außerunterrichtlichen Veranstaltungen stattfinden, organisiert die Schule Spanischunterricht für unsere Schüler; ansonsten können sie dem Unterricht, zum Beispiel den regulären Spanischstunden, den Sportstunden oder dem naturwissenschaftlichem Unterricht beiwohnen.

Im persönlichen Umgang verhält sich die Mehrzahl der katalanischen Kollegen bemerkenswert feinfühlig. Stößt ein deutscher Lehrer zu einer Gruppe, die sich auf Katalanisch unterhält, wechselt sie meistens fast automatisch ins Spanische, um den nicht Katalanisch Sprechenden nicht auszuschließen. Mehr Rücksichtnahme kann kaum erwartet werden.

Printmedien erscheinen überwiegend in spanischer Sprache. Jeder Zeitungskiosk belegt dies. Spanische Fernseh- und Radiokanäle dominieren gegenüber den katalanischen. Gleiches gilt für Filme in spanischer Sprache. Bei Theatern ist es nicht ganz so eindeutig, sofern sie von der Generalitat (Landesregierung) subventioniert werden.

Die deutschen Schüler erhalten ein Blatt mit den wichtigsten Sätzen in katalanischer Sprache. Da die meisten Schüler Französisch oder Latein können, ist dies ein interessanter Anlass zum Sprachvergleich. Diejenigen Landesbewohner, die Katalanisch als Muttersprache haben, freuen sich, wenn man einige Sätze in ihrer Sprache reden kann.

Manche Verhaltensweise erklärt sich aus der früheren Unterdrückung der katalanischen Sprache. Als Ausländer steht es uns meiner Meinung nach jedoch nicht zu, den Katalanen Empfehlungen in Bezug auf ihre Sprachenpolitik zu erteilen.

Einen Schüleraustausch mit dem zweisprachigen Katalonien halte ich aus den genannten Gründen für sinnvoll und vertretbar.

Schülerimpressionen

Von Alexander Baur

Zehn Tage Schüleraustausch ermöglichen keinen umfassenden Eindruck, allenfalls einen groben Überblick, obwohl der Kontakt mit der Gastfamilie äußerst eng ist. Man lebt so, als sei man selber Katalane. Man isst zusammen, man erfreut sich aber auch nachts um halb zwei des Lebens, mitten im März, halb frierend, in irgendeinem Park. Meist ist der Austauschort keine Touristenhochburg. Der Satz »man spricht deutsch« ist verhältnismäßig selten.

Vorurteile sollte man besser nicht haben und auch nicht zu lange darüber nachdenken, was auf einen zukommen könnte. Sonst bekäme man es wahrscheinlich mit der Angst zu tun. Viele sind zum ersten Mal in ihrem Leben auf eine Fremdsprache wirklich angewiesen. Die wenigsten konnten bis zu diesem Zeitpunkt ausprobieren, wie ein Gespräch mit einem Spanier wirklich abläuft. Dennoch klappt die viel gepriesene Völkerverständigung in den meisten Fällen gut.

Das wirkliche Erlebnis dieses Schüleraustausches war die manchmal fast schon überwältigende Gastfreundschaft der Katalanen. Oft sagt man den Spaniern Oberflächlichkeit nach. Jeder bekommt ein Küsschen rechts und links und wird sofort cariño (Liebling) genannt.

Ich habe den Eindruck gewonnen, dass die Gastfreundschaft wirklich von Herzen kommt, auch wenn sie – nach deutschen Maßstäben – manchmal etwas übertrieben erscheint. Isst man einmal etwas weniger, so hat man Sekunden später schon ein Alternativgericht auf dem Teller, obwohl man dieses dankend abgelehnt hatte. Zieht man sich einmal eine halbe Stunde zurück, scheinen die Katalanen ein schlechtes Gewissen zu bekommen. Am besten sagt man dann, es sei ein anstrengender Tag gewesen und man wolle ein wenig schlafen. Dann ist das katalanische Gewissen beruhigt.

Vorurteile haben sollte man nicht, habe ich schon gesagt. Aus Angst vor Unbekanntem eine solche Chance zu verpassen, fände ich schade. Über die innere Einstellung gegenüber dieser Chance muss aber jeder nachdenken. Häufig gibt es zwei Verhaltensmuster: Die einen genießen die Freiheiten, die sie nur fernab des Elternhauses haben, mit allen Konsequenzen; die anderen versuchen ›Land und Leute‹ kennen zu lernen, überhaupt zu lernen. Eines steht fest: Lernen kann man wirklich viel.

Die dauerhaftesten Eindrücke hinterließ bei mir Barcelona. Wer durch die Markthallen der Stadt geht, braucht gute Nerven. Bei jedem Metzger liegt, auf Eis gebettet, möglichst naturgetreu das auf der Theke, was später auf den Teller kommt: Lammköpfe mit offenen Augen, Hähnchen mit rotem Kamm, um nur einige Beispiele zu nennen. Aber auch das Erfahren einer gänzlich neuen Umgebung gehört zu einem Austausch.

Obwohl die Zeit begrenzt war, sah ich viel. Ich hatte das Glück, eine Gastfamilie zu haben, die mir – bewusst oder unbewusst – die großen Gegensätze Kataloniens zeigte. Katalonien liegt irgendwo zwischen der Umtriebigkeit Lloret de Mars und der tiefen Heiligkeit des Klosters Montserrat, dem Jugendstil Gaudís, dem Surrealismus Dalís und der Tatsache, dass 20 Prozent des spanischen Bruttosozialprodukts in Katalonien erwirtschaftet werden. Über diese fünf gegensätzlichen Eckpunkte lässt sich Katalonien gut charakterisieren: auf der einen Seite Massentourismus an der Costa Brava, auf der anderen Seite innere Einkehr, die Beschaulichkeit des Hinterlandes. Einerseits Fantasie, Kultur, andererseits kühle Ökonomie.

Wer ein Land wirklich kennen lernen will, darf es nicht versäumen, einen Blick auf die Jugend, die Zukunft eines Landes, zu werfen. Über den Schluss, zu dem ich kam, war ich etwas erschrocken, obwohl ich ihn wahrscheinlich erwartet hatte: Es gibt kaum noch Unterschiede zwischen katalanischen Jugendlichen und denen anderer Länder. Auch in Katalonien hat die einheitliche Jugendkultur Einzug gehalten. Die Interessen sind dieselben, der Tagesablauf ist ähnlich. So treten nur selten Verständigungsschwierigkeiten treten auf.

Vielleicht hat die Jugend keine wirklichen Ziele mehr. Eine Generation früher, »da haben wir für die Demokratie gekämpft«, sagt der Vater eines Jugendlichen. »Heute haben sie nur noch eines im Kopf«: salir por las noches (nachts ausgehen).

Die Demokratie in Spanien ist gefestigt, die Autonomie Kataloniens in einem spanischen Staat – so begrenzt sie auch sein mag – ist erreicht, die katalanische Sprache, das ›català‹, ist wie die anderen in Spanien gesprochenen Sprachen verfassungsrechtlich geschützt. Zumindest dafür braucht die Jugend nicht mehr zu kämpfen.

 

 

Schülerinnen und Schüler aus Böblingen und Cardedeu beim gemeinsamen Spiel. Foto: Max Steinacher

 

 


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