Zeitschrift

Katalonien

Partnerregion Baden-Württembergs


Heft  42 April 2001

Hrsg.: LpB


  Katalonien
Inhaltsverzeichnis       

  


 

IV. Katalonien – von der Sprache zur Politik

1. Sprache, Identität, Kultur

Von Hansbert Bertsch

Wie von Frankreich gesagt wird, es hätte »den Kopf im Norden, die Füße im Süden« und verkörpere die Verbindung der beiden Welten, die Europa gebildet haben, so nimmt dies mit gleichem – und vielleicht noch größerem Recht Katalonien für sich in Anspruch.

Escolta Espanya – la veu d’un fill
que et parla en llengua no castellana ...
Höre, Spanien – die Stimme eines Sohnes
der zu dir spricht in einer Sprache, die nicht kastilisch ist ...

Joan Maragall (1860-1911)

 

Die sprachliche Gliederung der Iberischen Halbinsel

 

 

Aus: H. Berschin, J. Fernandez-Sevilla, J. Felixberger: Die spanische Sprache. Verbreitung, Geschichte, Struktur. Max Hueber Verlag, München 1995, S. 41

 

Katalanisch ist eine eigenständige westromanische Sprache, die typologisch und lexikalisch eine Brückenstellung (»llengua-pont«) einnimmt zwischen dem Iberoromanischen (Spanisch, Portugiesisch) auf der einen und dem Galloromanischen (Okzitanisch, Französisch) auf der anderen Seite. Es wird von rund sechs Millionen Muttersprachlern am Mittelmeer zwischen Perpignan im Norden und Alicante im Süden gesprochen, den so genannten »Katalanischen Ländern« (Països Catalans), bis hin nach Alguero (Sardinien). Sein Name leitet sich von »Catalonia« ab, das seit dem 12. Jahrhundert belegt ist, als Bezeichnung der Sprache aber erst seit dem 15./16. Jahrhundert üblich wird. Katalanisch ist eine der vier großen Sprachen Spaniens, neben dem Spanischen/Kastilischen, Galicischen und Baskischen und wird nicht nur in Katalonien, sondern darüber hinaus gesprochen. Valencianisch und Mallorquinisch sind regionale Varianten, auch wenn sie – oft aus politischen Gründen – als eigene Sprachen bezeichnet werden. Wie ein Keil stößt mit der Jahrhunderte dauernden Wiedereroberung (bis 1492) das Kastilische von Norden (Asturien/Kantabrien) nach Süden, teilt die ursprüngliche sprachliche Einheit auf und lässt auf beiden Seiten neue Sprachzonen entstehen: Galicisch/Portugiesisch im Westen, Katalanisch im Nordosten.

Nach der römischen Eroberung ab 218 v. Chr. und der Romanisierung entwickelte sich das Katalanische im 9. Jahrhundert als selbstständige Sprachform im fränkischen Grenzland nord- und südöstlich der Pyrenäen in einem Gebiet, das oft als Hispanische Mark bezeichnet wird und den Nordosten der Pyrenäenhalbinsel einnimmt. Geschichte und nationaler Mythos – Zugehörigkeit zum karolingischen Reich im Norden – vermischen sich bis heute. Katalanische Linguisten wie A. M. Badia i Margarit sehen in der fränkischen Eroberung und der Ausrichtung auf das fränkische Reich ein kaum zu überschätzendes Moment für die Herausbildung einer eigenen katalanischen Sprache (»En pocs mots, la reconquesta franca fou al nostre país, transcendental« – »Kurz gesagt war die fränkische Wiedereroberung für unser Land von größter Bedeutung«. Auch Jordi Pujol, Präsident der katalanischen Landesregierung, unterlässt keine Gelegenheit, auf die Marca Hispanica hinzuweisen und daraus den »fet diferencial« abzuleiten, das »unterscheidende Merkmal« Kataloniens: »Wir sind als eine Art südliches Bollwerk des karolingischen Reiches als katalanische Nation entstanden. Unsere Hauptstadt lag nicht in Spanien, sondern unsere Hauptstadt war Aachen.« (J. Pujol, Europas neue Aufgaben.).

Nach der Vereinigung der Grafschaft Barcelona mit dem Königreich Aragonien 1137 wurde der katalanisch-aragonesische Staat zur führenden Macht des westlichen Mittelmeerraums. Das Katalanische behauptete seine Stellung als Volks- und Verwaltungssprache, insbesondere im Rechtswesen. Im Verlauf der Rückeroberung der arabisch besetzten Territorien der Pyrenäenhalbinsel (Tarragona 1118, Lérida 1149, Balearen 1229 ff.) wurde das katalanische Sprachgebiet nach Süden ausgedehnt. Das Königreich Aragonien umfasst damit die Reiche Aragonien, Valencia und die Grafschaft Barcelona. Vorrömische und römische Besiedlung einerseits sowie die Richtung der Kolonisation nach der Wiedereroberung andererseits sind maßgeblich beteiligt an der Bildung der katalanischen Dialektzonen (Ost- und Westkatalanisch). Die sprachlichen (phonetische, lexikalische usw.) Unterschiede sind jedoch kleiner als die insistierende Betonung eigener Sprachformen »Katalanisch – Valencianisch – Mallorquinisch« in den jeweiligen autonomen Regionen vermuten lässt.

Die Brückenstellung des Katalanischen zwischen Ibero- und Galloromania zeigt sich im Bestand der lateinischen Erbwörter, der Eigenes und Parallelismen mit beiden Bereichen aufweist. Je nach Epoche finden wir engere Verbindungen zum einen oder anderen Gebiet. Ein klassisches Beispiel ist die Bezeichnung für Onkel-Tante »oncle-tia« im Katalanischen: Dies entspricht halb dem französischen »oncle-tante«, halb dem spanischen »tío-tía«. Ein deutlicherer fränkischer Einfluss und eine geringere Zahl arabischer Lehnwörter unterscheiden das Katalanische vom Spanischen. Im ganzen Mittelalter stand das Katalanische in engem Kontakt – und in der Literatursprache unter direktem Einfluss – des Okzitanischen bzw. Provenzalischen, als dessen südliche Fortsetzung es lange betrachtet wurde. Am stärksten zeigt sich bis heute der Einfluss des Kastilischen (»Spanischen«), wie es in einer Situation der jahrhundertelangen Zweisprachigkeit nicht anders zu erwarten ist.

Was die Literatursprache betrifft, so ist hervorzuheben, dass sich das Katalanische zuerst auf dem Gebiet der Prosa etablieren konnte, nicht auf dem der Lyrik. Medium der höfischen Dichtung war das Okzitanische (oft lemosí genannt), die aus dem Süden Frankreichs übernommene Literatursprache. Erst im 15. Jahrhundert erlebt das Katalanische eine Blütezeit der lyrischen Dichtung (Ausìas March u.a.). Im 13./14. Jahrhundert entstehen bedeutende historiographische Werke (Chroniken von Jaume I, Muntaner, Desclot usw.), didaktisches und religiöses Schrifttum (R. Llull, A. de Vilanova, F. Eiximenis, V. Ferrer, B. Metge) auf Katalanisch. Früher als andere europäische Sprachen wurde das Katalanische mit Ramon Llull (1232-1316) zur Sprache wissenschaftlicher und philosophischer Texte und drang in die Domäne des Lateinischen ein. Im 13. Jahrhundert löste das Katalanische das Lateinische auch als Kanzleisprache ab. Mit der Ausbreitung der Herrschaft des Hauses Aragón nach Italien wurde Katalanisch zur lingua franca des westlichen Mittelmeerraumes; in der Stadt Alguero/L’Alguer (Sardinien), hat es sich bis heute erhalten.

Zu Beginn des 15. Jahrhunderts drängte das Spanische das Katalanische als Kanzleisprache in den Hintergrund und setzte sich nach der Vereinigung Katalonien-Aragóns und Kastiliens (Ende des 15. Jahrhunderts) seit dem 16. Jahrhundert auch in anderen Bereichen immer stärker durch. Man spricht geradezu von einem »Verfall« (decadència) der katalanischen Literatursprache, der bis ins 19. Jahrhundert andauert.

Nach dem spanischen Erbfolgekrieg (1701-1714) brachte der Zentralismus der Bourbonen weitgehend das Ende der katalanischen Autonomie. Eine neue Gesetzgebung (Decreto de Nueva Planta, »Dekret über den Neuaufbau« für Katalonien 1716) legte als einzige offizielle Sprache des Rechtswesens das Kastilische fest und leitete de facto eine im Verlauf des Jahrhunderts immer massiver werdende Kastilianisierung ein (Verwaltung, Schulen), vor allem in den Städten. Katalanisch blieb die Sprache des Volkes auf dem Land und Sprache des vertrauten Umgangs in der Stadt. Spanisch wird als auferlegte Sprache des Siegers empfunden, wie es Valentí Almirall (1841-1904), Vertreter des politischen Katalanismus in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, in seinem Buch Lo catalanisme (Barcelona 1886) formuliert:

»In der Sprache der Sieger befiehlt man uns, spricht man Recht über uns, unterrichtet man uns (...). Die Tatsache, dass uns die Sprache aufgezwungen wird, erinnert uns ständig an unsere Unterwerfung.«

Nur in Andorra und dem damals englisch gewordenen Menorca konnte sich das Katalanische auch im offiziellen Bereich halten.

Das mit der Romantik aufkommende Nationalgefühl und der wirtschaftliche Aufschwung Kataloniens im 19. Jahrhundert brachte auch eine Neubelebung und literarische »Wiedergeburt« (Renaixença) des Katalanischen. Die »Oda a la pàtria« (1833) von Carles Aribau ist Zeugnis des Neubeginns des katalanischen Sprachbewusstseins. Aus seinen Versen spricht eine kindliche Liebe zur Muttersprache (von ihm noch »llemosí« genannt), aber auch die Erinnerung an vergangene katalanische Größe:

Plau-me encara parlar la llengua d’aquells savis
que ompliren l’univers de llurs costums e lleis,
la llengua d’aquells forts que acataren los reis,
defengueren llurs drets, venjaren llurs agravis.
(....)

Die Sprache jener Weisen will ich nun sprechen
die mit ihren Sitten und Gesetzen die Welt erfüllten,
die Sprache jener Starken, die Könige verehrten,
ihre Rechte verteidigten und zugefügtes Unrecht rächten.
En llemosí sonà lo meu primer vagit,
quan del mugró matern la dolça llet bevia,
en llemosí al Senyor pregava cada dia,
e càntics llemosins somiava cada nit.
Auf Katalanisch klangen meine ersten Laute,
als ich von Mutters Brust die süße Milch trank,
auf Katalanisch betete ich täglich zum Herrn,
und katalanische Gesänge träumte ich jede Nacht.

Weitere Meilensteine waren die Einführung der Jocs Florals (1859), eines Dichterwettstreits in katalanischer Sprache, erste katalanische Zeitungen seit 1865, die epischen Werke Jacint Verdaguers, die Gründung des Institut d’Estudis Catalans (1907) sowie die Arbeiten zur Normierung der katalanischen Sprache von Pompeu Fabra zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Das Katalanische hatte sich bis dahin in fast allen literarischen Gattungen etabliert. Gleichzeitig politisierte sich der Katalanismus in immer stärkerem Maße, und die regionalistischen nationalen Bewegungen vor allem in Katalonien und im Baskenland gewannen an Stärke. Die katalanischen Parteien schlossen sich unter Führung von Enric Prat de la Riba 1906 zusammen. Seine Schrift »La nacionalitat catalana« (1910) wurde zum Credo des katalanischen Nationalgefühls. Die Einheit Spaniens wurde jedoch nicht in Frage gestellt; Prat de la Riba zielt auf eine spanische Föderation:

»Konsequenz der ganzen hier dargestellten Lehre ist die Forderung nach einem katalanischen Staat, in föderativer Einheit mit den Staaten der anderen Nationen Spaniens.«

Mit der Einrichtung der Mancomunitat de Catalunya (eine Vereinigung der vier Provinzen Girona, Lleida, Barcelona und Tarragona) 1914-1925 und der Gewährung der Autonomie 1932-1939 verstärkte das Katalanische seine kulturpolitische Selbstständigkeit gegenüber dem Spanischen. Das Ringen um eine eigene Sprache wurde zum Symbol für den politischen Kampf um Selbstbestimmung. So schließt der Historiker Ferran Soldevila seine Història de Catalunya (1935) mit den Worten:

»L’idioma estava salvat. I, salvat l’idioma, estava salvat Catalunya.«

»Die Sprache war gerettet. Und mit der Rettung der Sprache war Katalonien gerettet.«

Die Geschichte nahm freilich einen anderen, dramatischen Verlauf für die politische Autonomie Kataloniens ebenso wie für die Sprache. Nach dem Bürgerkrieg schloss die Diktatur Francos (1939-1975) das Katalanische aus allen Bereichen des öffentlichen Lebens aus und schränkte es in den Printmedien stark ein; von 1939 bis 1946 war es durch die faschistische Regierung verboten. Katalanische Autoren bezeichnen dies als Versuch eines kulturellen Genozids: Mit der Sprache sollten Autonomie und Föderationsbestrebungen Kataloniens ausgerottet werden. In den Jahren seines Daseins im Untergrund wur-de das Katalanische nur zu Hause gesprochen. Erst allmählich konnte es wieder an die Öffentlichkeit treten; immerhin wurde es seit 1956 von der katholischen Kirche als Liturgiesprache anerkannt. Eine allmähliche Wiederbelebung kultureller katalanischer Aktivitäten lässt sich ab 1960 beobachten, vor allem mit der Entstehung der Nova Cançó, mit der katalanische Liedermacher auch politisch aktiv wurden (vgl. Kapitel V.1). Das in den 60er Jahren aufkommende Massenmedium Fernsehen – auf Spanisch – stellte freilich eine neue Bedrohung für die katalanische Sprache dar.

Erst die neue Verfassung 1978 schuf die Voraussetzungen für eine Wiedereinführung des Katalanischen in allen Bereichen des öffentlichen Lebens. Artikel 3 legt fest, dass Kastilisch Amtssprache ganz Spaniens, die Regionalsprachen in ihren jeweiligen Gebieten ebenfalls offizielle Sprachen sind und als Kulturgüter besonderen Schutz genießen. Entsprechend wurde Katalanisch nach der Verfassung Landes- und Amtssprache Kataloniens, Spanisch behielt seine Stellung als Amtssprache.

Es ist damit kooffizielle Sprache neben dem Kastilischen sowie Unterrichtssprache der Schulen und Hochschulen und hat außerdem Eingang in alle Massenmedien gefunden, wenn auch in weit geringerem Umfang als das Kastilische. 1983 wurde der katalanische Sender TV 3 geschaffen, der auch im País Valencià und auf den Balearen empfangen werden kann, 1989 folgte Canal 33. Katalanische Tageszeitungen wie Avui (»Heute«) spielen daneben eine wichtige Rolle. Beeindruckend ist die Steigerung der Publikation katalanischer Bücher seit dem Bürgerkrieg, wenn auch die Auflagenzahl sehr begrenzt bleibt und

Barcelona nach wie vor Zentrum und Metropole der spanischsprachigen Buchproduktion ist.

Sprache und Identität – nirgends in seinem Verbreitungsgebiet ist das Katalanische die einzige Sprache. Es konkurriert mit den jeweiligen Staatssprachen Französisch, Spanisch oder Italienisch/Sardisch. Am besten ist die Situation für das Katalanische fraglos in Katalonien selbst, wo die Zweisprachigkeit de iure wie de facto sich immer mehr durchsetzt und der politische Wille sich eindeutig für die »Normalisierung« (normalització lingüística) des Katalanischen – d.h. seinen Gebrauch in allen Bereichen, auch auf Kosten des Kastilischen – ausspricht. Erst langsam wird die Diglossiesituation – Katalanisch in Alltagssituationen, bei bestimmten formellen Anlässen Spanisch – durch einen echten Bilinguismus abgelöst. Etwas anders sind die Verhältnisse in den autonomen Regionen Valencia und den Balearischen Inseln, wo das Spanische immer noch eine sehr viel stärkere Position einnimmt. Was

Katalonien betrifft – und dabei vor allem den Großraum Barcelona – so stellen die kastilischsprachigen Zuwanderer aus Südspanien ein besonderes Problem dar. Angesichts der massiven Zuwanderung in den industriellen Ballungsraum Katalonien von ca. drei Millionen im Zeitraum von 1950 bis 1980 stellt sich die Frage des Sprachgebrauchs und der mit der ›Normalisierung‹ des Katalanischen verbundenen Katalanisierung weiter Bereiche (Schule, Ausbildung usw.) besonders dringend. Fast die Hälfte der Bevölkerung Kataloniens ist damit nichtkatalanischen Ursprungs. Andererseits fällt gerade in Katalonien die Assimilationskraft des Katalanischen auf, was sowohl auf die enge sprachliche Verwandtschaft und Nähe des Katalanischen und Kastilischen als auch auf das hohe soziale Prestige des Katalanischen zurückzuführen ist.

Die heutige »Normalisierung« des Katalanischen, seine Durchsetzung in allen Bereichen, hat nichts weniger zum Ziel als die vollständige Wiedererlangung der nationalen Identität, wie sie sich in der Sprache symbolisiert. Grundlage dafür ist der Artikel 3 der 1978 durch Referendum angenommenen spanischen Verfassung, in der garantiert wird, dass die anderen »spanischen« Sprachen außer dem Kastilischen in den betreffenden autonomen Regionen in Übereinstimmung mit deren Statut offiziellen Status erhalten und dass die verschiedenen Sprachen Spaniens als kulturelles Erbe einen besonderen Schutz genießen. Kultur und Erziehungswesen fallen in die Zuständigkeit der autonomen Regierung, und so besteht heute die Möglichkeit, den Status der lange Zeit verfolgten eigenen Sprachen zu verbessern. Durch das Fehlen eines unabhängigen Staates kommt der eigenen Sprache in Katalonien (oder Galicien oder dem Baskenland) eine besondere, definierende Rolle zu, wie dies auch Enric Prat de la Riba immer wieder betont hat und Jordi Pujol ständig wiederholt:

»Ein Volk ist eine Frage der Mentalität, der Sprache, des Gefühls. Es ist eine Tatsache der Geschichte und der geschichtlichen Berufung, und es ist eine Tatsache der geistigen Gemeinschaft. Es ist schließlich ein Akt des Willens. In unserem Fall ist es auch, und ganz wesentlich, eine Tatsache der Sprache.«

Dass das Sprachgebiet in die drei großen autonomen Regionen Katalonien, Valencia und die Balearen (plus Aragonien, Andorra, Roussillon und Sardinien) aufgeteilt ist, die Zusammenarbeit nicht immer reibungslos funktioniert und zum Teil gänzlich fehlt, stellt eine besondere Schwierigkeit dar. Katalonien scheint jedoch, auch im Vergleich mit Galicien und dem Baskenland, sehr erfolgreich gegen den Verlust der eigenen Sprache anzukämpfen. Etwa 90 Prozent der Bevölkerung verstehen Katalanisch, etwa 65 Prozent sprechen Katalanisch, etwa 60 Prozent – mit steigender Tendenz – können es lesen und etwa 35 Prozent auch schreiben. Gerade die jüngere Generation zeigt hier beträchtliche Fortschritte. Nicht zu übersehen ist auch, dass J. Pujol »Volk« als »geistige Gemeinschaft«, etnia espiritual, mentalidad, mit eigener Sprache definiert. Katalanität, das Bewusstsein, Katalane zu sein, ist demnach nicht mehr nur angeboren, sondern wird mit der Sprache erworben und ist damit auch Zuwanderern zugänglich (im Gegensatz zur Haltung baskischer Nationalisten, die Zugewanderte ausschließen).

Die katalanische Literatur weist heute eine stattliche Anzahl von Autorinnen und Autoren auf: Mercè Rodoreda, Llorenç Villalonga, Josep Pla, Carles Riba, Salvador Espriu und viele andere mehr. Was in der neueren katalanischen Literatur am meisten überrascht, schrieb José Maria Castellet (Die Zeit, 12.11.1976), ist ihre im Vergleich zu den anderen europäischen Kulturen ohne regionalen oder folkloristischen Anklang geschriebene Literatur: ohne Bewahrung populärer Traditionen oder nostalgischer Schwärmerei für die eigene Geschichte. Katalonien und seine Kultur waren immer Europa zugewandt; zahlreiche Autoren waren auch unermüdliche Übersetzer europäischer Literatur. Josep Carner (1884-1970) beispielsweise übertrug Dickens, Molière und Andersen; Carles Riba (1893-1959) Werke der klassischen Literatur:

Homer, Aischylos, Euripides, Xenophon, Plutarch und Vergil, dazu Hölderlin, Kafka, Walter Scott, Poe, Hoffmann, Gogol und Kavafis. Alle wesentlichen Texte der europäischen Literatur, gerade auch der zeitgenössischen, wurden ins Katalanische übersetzt – oft früher als ins Spanische.

Trotz aller Bemühungen um eine »Normalisierung« des Katalanischen bleiben Katalonien und die anderen Regionen des katalanischen Sprachraumes zweisprachige Gebiete, in denen sich die Regionalsprache einem starken Druck seitens der Sprache des Gesamtstaates, die überdies Weltsprache ist, ausgesetzt sieht. Die Katalanisierung des Schulwesens (in ca. 75 % der Schulen ist Katalanisch nicht nur Unterrichtsfach, sondern häufig einzige Unterrichtssprache) und der Universität (Katalanisch dominiert inzwischen in vielen Fachbereichen) ist sicher von grundlegender Bedeutung für den Erhalt des Katalanischen und übertrifft in ihrer Auswirkung alle früheren Versuche der Katalanisierung, schafft aber auch neue Probleme. Das neue Sprachgesetz von 1998 (Llei de Normalització Lingüística) ist wesentlich strenger als die alte Fassung von 1983 und macht nicht nur Vorgaben für Schulwesen, Universität, Kultur (Radio, Fernsehen, Kino), sondern ebenso für Handel, Wirtschaft, Banken, Verwaltung, Rechtswesen, bis hin zu Sanktionen für Verstöße. Gerade Einzelpersonen und Gruppierungen (z.B. »Foro Babel«, »Coordinación de Defensa del Castellano«, »Profesores por el Bilingüismo«, »Asociación por la Tolerancia« u.a.m.), die für eine echte Zweisprachigkeit eintreten oder die Wahl der Sprache dem einzelnen Sprecher überlassen wollen, sehen in diesem Sprachgesetz eine Zwangsmaßnahme, die gegenüber den Spanischsprechern ebenso ungerecht und diskriminierend sei wie die Maßnahmen des Franco-Regimes gegen das Katalanische. Zahllose Leserbriefe und Leitartikel in der Presse, allen voran die spanische Tageszeitung ABC, sehen in dem neuen Gesetz weniger die Förderung des Katalanischen als den Versuch, das Kastilische auszuschließen: »La ley no lo es tanto de fomento del catalán como de exclusión del castellano« (ABC, Leitartikel am 30.11.1997) – »Das Gesetz stellt nicht so sehr eine Förderung des Katalanischen dar als den Ausschluss des Kastilischen.«

Noch gibt es in Katalonien keinen Sprachenstreit wie in andern Regionen Europas. Es bleibt zu wünschen, dass die Katalanen auch in der Sprachenfrage eine Lösung finden, die eine Bewahrung der eigenen Kultur und Identität mit der Öffnung nach außen verbindet, gegenüber Spanien, Europa, der Welt. Das Katalanische hat von allen Regionalsprachen Spaniens die größte Ausstrahlungskraft ins europäische und überseeische Ausland, was nicht zuletzt auf die aktive Sprach- und Kulturpolitik der katalanischen Landesregierung zurückzuführen ist.

 

 

So stellt Katalanisch auch die einzige Regionalsprache dar, die bei den Einrichtungen der Europäischen Gemeinschaft zum Gebrauch zugelassen ist. In Katalonien selbst empfinden das Katalanische viele immer noch als benachteiligt. Seine Stärkung kann unter den gegebenen Umständen nur im Rahmen der Zweisprachigkeit erfolgen, in der sich beide Kulturen gegenseitig befruchten. Spanien ist historisch heute ein mehrsprachiges Land, es sollte die Worte Salvador Esprius nicht vergessen:

Fes que siguin segurs els ponts del diàleg
i mira de comprendre i estimar
les raons i les parles dels teus fills.
(...)

Sorge, dass fest gebaut sind die Brücken des Gespräches,
und trachte zu begreifen und zu lieben
die verschiedenen Denkweisen und Sprachen deiner Kinder.
(...)

Que Sepharad visqui eternament
en l’ordre i en la pau, en el treball,
en la difícil i merescuda
llibertat.

Damit Sepharad (=Spanien) ewig lebe
in der Ordnung, im Frieden, in der Arbeit,
in der schwierigen und verdienten
Freiheit.

 

Literaturhinweise:

Jordi Pujol: Europas neue Aufgaben. Denkanstöße aus iberischer Sicht, Stuttgart, 1996. In: Umbrüche und Aufbrüche, Europa vor neuen Aufgaben. Vortragsreihe der Robert Bosch Stiftung.

Jens Lüdtke: Katalanisch. Eine einführende Sprachenbeschreibung. München 1984

Karl-Heinz Röntgen: Einführung in die katalanische Sprache. 3., erw. Aufl., Bonn 1990

 

Katalanisch im Internet (mit zahlreichen Links):

http://www.uni-mainz.de/~lustig/hisp/cat_in2.html
http://ella.phil.uni-freiburg.de/RomSeminar/LehrstuhlRaible/Pusch/Katalan.htm



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