Zeitschrift

Katalonien

Partnerregion Baden-Württembergs


Heft  42 April 2001

Hrsg.: LpB


  Katalonien
Inhaltsverzeichnis       

  


 

2. Die Totenstadt auf dem Montjuïc (Cementiri de Montjuïc)

Von Max Steinacher

Friedhöfe zeugen ähnlich wie Kirchen oder andere historische Gebäude von der Geschichte, der Kultur, ja sogar vom Charakter eines Landes oder einer Stadt. Dies gilt auch für den Friedhof auf dem Montjuïc, einen der wenigen Plätze, wo Barcelona zur Ruhe kommt.

Trotz seiner außergewöhnlichen Lage und der Fülle beeindruckender Grabmäler ist er weniger bekannt und besucht als etwa die Friedhöfe in Paris, Wien, London, Venedig oder Berlin.

Barcelona bietet seinen Besuchern viel Lebendiges. Warum also ausgerechnet einen Friedhof besichtigen, der zudem etwas abseits liegt und über den kaum etwas veröffentlicht wurde?

Touristen wie Einheimischen begegnet man dort selten. Die Hanglage des Friedhofs zwingt zu einem dauernden Auf und Ab, die Besichtigung ist etwas mühsam. Nur an Allerheiligen und Allerseelen werden die Gräber massenhaft besucht.

Die kulturgeschichtliche Bedeutung dieses Friedhofs ist indessen unstrittig. Mehr als 150 000 Grabdenkmäler sind von kunsthistorischem Interesse.

 

                                                          

Übersichtskarte des Friedhofs Montjuic       Copyright: Serveis Funeraris Barcelona

 

Fünf Schwerpunkte für ein fächerübergreifendes Projekt bieten sich an:

– der kunstgeschichtliche Aspekt (Jugendstil, Neogotik)
– Stadtgeschichte Barcelonas
– Sprache (Epitaphe, Zweisprachigkeit)
– der europäische Aspekt (Grabdenkmäler europäischer
   Bürgerkriegs-Interbrigadisten im angrenzenden ehemaligen Steinbruch)
– mediterrane Begräbnisriten

Worauf beruht die Bedeutung des Montjuïc-Friedhofs? Es ist weniger die Zahl der dort bestatteten Persönlichkeiten von nationaler oder internationaler Bedeutung, als der Reichtum an außergewöhnlichen Grabdenkmälern, die gewaltige Ausdehnung (56 Hektar) und die beeindruckende Lage an einem zum Meer hin abfallenden Hang mit seinen 100 Metern Höhenunterschied.

Die Totenstadt ist autofreundlich; auf breiten, zypressengesäumten Avenidas können die Besucher im Auto fast bis an die Gräber fahren, und auch der Linienbus fährt bis in die Friedhofsmitte.

Im frühen Mittelalter existierte auf dem Montjuïc ein jüdischer Friedhof, der bis zur Auslöschung des jüdischen Viertels im Jahre 1391 benutzt wurde. Der heutige Friedhof wurde erst 1883 eingeweiht und gehört somit zu den jüngeren Totenstätten der Stadt. Obwohl mehrfach erweitert, ist er seit 1970 »überfüllt« und wird nur noch benutzt, wenn schon Familiengräber existieren.

Kunstgeschichtliche Bedeutung

Beim Bau der Grabstätten für die großbürgerlichen Familien Barcelonas haben einige der bekanntesten katalanischen Jugendstilarchitekten wie Puig i Cadafalch oder Juli Maria Fossas mitgewirkt. Stilistisch sind die Grabkapellen nicht einheitlich gestaltet. Das für das fin de siècle typische Vermischen der Stile (Jugendstil, Neoklassik, Neogotik) überwiegt. Daneben finden sich aber auch byzantinische und ägyptische Stilmerkmale (Synkretismus). Wichtig ist der Beitrag von Bildhauern (z.B. Josep Llimona) und Kunstschmieden (z.B. Francisco Tiestos).

Wenn es um den Nachruhm ging, war die Oberschicht im 19. Jahrhundert nicht knauserig; so wurden Kunstwerke von außergewöhnlicher Schönheit geschaffen. Häufig findet man Engelskulpturen, die meisten mit weiblichen Wesenszügen. Die Flügel der Himmelsboten sind sehr unterschiedlich gestaltet. Ein Engel mit Libellenflügel fällt besonders auf.

Bei Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, deren Familien weniger finanzstark waren, wurden die Mausoleen durch öffentliche Subskriptionen finanziert.

Trauernder Engel                                               Foto: Max Steinacher

 

Die Fülle der »einfachen« Gräber ist kunstgeschichtlich weniger interessant. Es handelt sich um Grabnischen in bis zu sechsstöckigen Bauten. Fast immer ziert ein Foto des Verstorbenen die Grabplatte. Die mediterranen Friedhöfe wirken dadurch menschlicher als die mitteleuropäischen.

Der Grabschmuck besteht in der Regel aus Votivtäfelchen und Blumen aus Plastik oder Porzellan.

15 Grabstätten verdienen besondere Erwähnung. Sie wurden ausgewählt unter den Gesichtspunkten

– Bekanntheitsgrad des Verstorbenen
– künstlerische Bedeutung des Grabes
– gute Erreichbarkeit des Grabes für Fußgänger.

 

Grab von Durruti, Ferrer, Ascaso                                       Foto: Max Steinacher

 

Künstler, Schriftsteller, Architekten

Albéniz, Isaac (1860–1909), Komponist zahlreicher Opern und Klavierkompositionen (Sant Jaume 8a, Pantheon Nr. 20)
Casas, Ramon (1866–1932), Jugendstilmaler; sein Name ist verbunden mit dem Restaurant Els quatre gats (Santa Eulàlia 3)
Cerdà i Sunyer, Ildefons (1815–1876), Ingenieur und Urbanist; entwarf »Plan Cerdà« für die Stadterweiterung und das Schema des Viertels »Eixample« (Plaça de la Esperança)
Ferrer i Guàrdia, Francesc (1859–1909), Politiker und Reformpädagoge, wegen angeblicher Mitverantwortung an der Tragischen Woche (1909: gewalttätige Proteste in Barcelona gegen den Kolonialkrieg in Marokko; Einsatz des spanischen Heeres) zum Tode verurteilt und erschossen (Sant Carles)
Miró, Joan (1893–1983), Maler und Bildhauer (San Francesc 9, Grab Nr. 33)
Roig, Montserrat (1946–1991), Schriftstellerin »El temps de les cireres« (Sant Francesc 9)
Rusiñol, Santiago (1861–1931), Maler und Schriftsteller, Gründer des Museums »Cau Ferrat« in Sitges (Santa Eulàlia 3, Pantheon Nr.16)
Verdaguer, Jacint (1845–1902), Poet und Priester, zentrale Figur der »Renaixença« (Wiedergeburt der katalanischen Kultur und Literatur); frische Blumen und Votivtafeln, zum Beispiel vom katalanischen Exkursionistenvereins, unterstreichen die Popularität Verdaguers (Sant Joan)

Politiker, Sportler

Ascaso, Francisco (gestorben 1936), Anarchist der CNT (Sant Carles, rechts von Durruti)
Companys i Jover, Lluís (1883–1940), Politiker, Präsident der Generalitat de Catalunya; proklamierte am 6.10. 1936 den »Estat Català«; von der Gestapo nach Spanien ausgeliefert und auf dem Montjuïc erschossen (Fossar de la Pedrera)
Durruti Dumange, Buenaventura (1896–1936), legendärer anarchistischer Truppenführer während des spanischen Bürgerkriegs; das Grab ist mit einer kleinen schwarzroten Fahne der CNT und Blumen geschmückt; die am unteren Rand des Friedhofs in Richtung »Fossar de la Pedrera« befindlichen gleich großen schwarzen Grabsteine von Ferrer, Ascaso und Durruti liegen direkt nebeneinander am südlichen Friedhofsrand (Sant Carles)
Gamper, Joan (Winterthur 1877–1930); gründete 1907 den legendären Fußballclub Barça; auf dem Grab findet sich hierzu weder ein Hinweis noch ein Blumengebinde des weltberühmten Clubs (Agrupació 13, ehemaliger protestantischer Bezirk, Grabnummer 120)
Macià i Llussà, Francesc (1859–1933), Präsident der Generalitat (Plaça de la Fe 9)
Puig Antich, Salvador (1952–1974), Anarchist, einer der letzten mit der Garotte (Halseisen) hingerichteten Opfer des Francoregimes (Sant Agustí 14)
Rius i Taulet, Francesc de Paula (1883–1890), einer der bedeutendsten Bürgermeister Barcelonas (Stadterweiterung, Weltausstellung von 1888) (Sant Francesc 6)

 

Gedenkstein für die jüdischen Interbrigadisten
Foto: Max Steinacher

 

Gedenkstätte für Interbrigadisten
(Fossar de la Pedrera)

Nordwestlich an den Friedhof angrenzend befindet sich ein sechs Quadratkilometer großes Gebiet, der frühere Ort für Massengräber. Der ehemalige Steinbruch wurde nach 1986 in eine Gedenkstätte für die Opfer des Bürgerkriegs umgewandelt. Hier befinden sich Gräber von Interbrigadisten. Der bekannteste Deutsche dürfte Hans Beimler sein. Ein Gedenkstein erinnert an die gefallenen österreichischen Kriegsteilnehmer (1936–1939), ein weiterer an die 7000 jüdischen Interbrigadisten.

Der Text der Inschrift stammt von Chaim Herzog, dem früheren Staatspräsidenten Israels:

El triunfo del fascismo en España
inició un proceso que conduciría a Hitler a anular
la dignidad humana de millones de hombres; de entre ellos seis millones de judíos pagaron con sus vidas.
Gloria a los miles de voluntarios que, con el arma en la mano,
se levantaron aquí contra el fascismo;
de éstos, los judíos formaron un contingente muy grande.

(Der Sieg des Faschismus in Spanien setzte einen Prozess in Gang, der dazu führte, dass Hitler die Menschenwürde von Millionen Menschen auslöschte; unter ihnen sechs Millionen Juden, die mit ihrem Leben bezahlten. Ruhm den Tausenden von Freiwilligen, die sich hier mit der Waffe in der Hand gegen den Faschismus erhoben; unter ihnen bildeten die Juden ein sehr großes Kontingent).

An der nahe gelegenenen Gedenkstätte für Lluís Companys, dem 1940 hingerichteten ehemaligen Präsidenten der Generalitat, finden sich häufig Blumen. Insgesamt ist die parkähnliche Anlage trotz ihrer relativen Nähe zur hektischen Stadt eine Oase der Ruhe.

Der Friedhof ist mit der Buslinie 38 vom Zentrum aus erreichbar (an der Plaça Catalunya oder Plaça d’Espanya einsteigen, an der Haltestelle »Can Tunis« aussteigen).

Adresse:

Mare de Déu del Port, s/n
08004 Barcelona
Tel. 223 09 53
Öffnungszeiten: 8.00 bis 18-00 Uhr

Literaturhinweis:

Neus Aguado: Guía del Cementerio de Montjuïc. Hrsg.: Institut Municipal dels Serveis Funeraris de Barcelona, Barcelona 1993



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