Katalonien Partnerregion Baden-Württembergs
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2. Die Totenstadt auf dem Montjuïc (Cementiri de Montjuïc) Von Max Steinacher Friedhöfe zeugen ähnlich wie Kirchen oder andere historische Gebäude von der Geschichte, der Kultur, ja sogar vom Charakter eines Landes oder einer Stadt. Dies gilt auch für den Friedhof auf dem Montjuïc, einen der wenigen Plätze, wo Barcelona zur Ruhe kommt. Trotz seiner außergewöhnlichen Lage und der Fülle beeindruckender Grabmäler ist er weniger bekannt und besucht als etwa die Friedhöfe in Paris, Wien, London, Venedig oder Berlin. Barcelona bietet seinen Besuchern viel Lebendiges. Warum also ausgerechnet einen Friedhof besichtigen, der zudem etwas abseits liegt und über den kaum etwas veröffentlicht wurde? Touristen wie Einheimischen begegnet man dort selten. Die Hanglage des Friedhofs zwingt zu einem dauernden Auf und Ab, die Besichtigung ist etwas mühsam. Nur an Allerheiligen und Allerseelen werden die Gräber massenhaft besucht. Die kulturgeschichtliche Bedeutung dieses Friedhofs ist indessen unstrittig. Mehr als 150 000 Grabdenkmäler sind von kunsthistorischem Interesse.
Übersichtskarte des Friedhofs Montjuic Copyright: Serveis Funeraris Barcelona
Fünf Schwerpunkte für ein fächerübergreifendes Projekt bieten sich an: – der kunstgeschichtliche Aspekt (Jugendstil, Neogotik) Worauf beruht die Bedeutung des Montjuïc-Friedhofs? Es ist weniger die Zahl der dort bestatteten Persönlichkeiten von nationaler oder internationaler Bedeutung, als der Reichtum an außergewöhnlichen Grabdenkmälern, die gewaltige Ausdehnung (56 Hektar) und die beeindruckende Lage an einem zum Meer hin abfallenden Hang mit seinen 100 Metern Höhenunterschied. Die Totenstadt ist autofreundlich; auf breiten, zypressengesäumten Avenidas können die Besucher im Auto fast bis an die Gräber fahren, und auch der Linienbus fährt bis in die Friedhofsmitte. Im frühen Mittelalter existierte auf dem Montjuïc ein jüdischer Friedhof, der bis zur Auslöschung des jüdischen Viertels im Jahre 1391 benutzt wurde. Der heutige Friedhof wurde erst 1883 eingeweiht und gehört somit zu den jüngeren Totenstätten der Stadt. Obwohl mehrfach erweitert, ist er seit 1970 »überfüllt« und wird nur noch benutzt, wenn schon Familiengräber existieren. Kunstgeschichtliche Bedeutung Beim Bau der Grabstätten für die großbürgerlichen Familien Barcelonas haben einige der bekanntesten katalanischen Jugendstilarchitekten wie Puig i Cadafalch oder Juli Maria Fossas mitgewirkt. Stilistisch sind die Grabkapellen nicht einheitlich gestaltet. Das für das fin de siècle typische Vermischen der Stile (Jugendstil, Neoklassik, Neogotik) überwiegt. Daneben finden sich aber auch byzantinische und ägyptische Stilmerkmale (Synkretismus). Wichtig ist der Beitrag von Bildhauern (z.B. Josep Llimona) und Kunstschmieden (z.B. Francisco Tiestos). Wenn es um den Nachruhm ging, war die Oberschicht im 19. Jahrhundert nicht knauserig; so wurden Kunstwerke von außergewöhnlicher Schönheit geschaffen. Häufig findet man Engelskulpturen, die meisten mit weiblichen Wesenszügen. Die Flügel der Himmelsboten sind sehr unterschiedlich gestaltet. Ein Engel mit Libellenflügel fällt besonders auf. Bei Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, deren Familien weniger finanzstark waren, wurden die Mausoleen durch öffentliche Subskriptionen finanziert.
Trauernder Engel Foto: Max Steinacher
Die Fülle der »einfachen« Gräber ist kunstgeschichtlich weniger interessant. Es handelt sich um Grabnischen in bis zu sechsstöckigen Bauten. Fast immer ziert ein Foto des Verstorbenen die Grabplatte. Die mediterranen Friedhöfe wirken dadurch menschlicher als die mitteleuropäischen. Der Grabschmuck besteht in der Regel aus Votivtäfelchen und Blumen aus Plastik oder Porzellan. 15 Grabstätten verdienen besondere Erwähnung. Sie wurden ausgewählt unter den Gesichtspunkten – Bekanntheitsgrad des Verstorbenen
Grab von Durruti, Ferrer, Ascaso Foto: Max Steinacher
Künstler, Schriftsteller, Architekten Albéniz, Isaac (1860–1909), Komponist zahlreicher Opern und
Klavierkompositionen (Sant Jaume 8a, Pantheon Nr. 20) Politiker, Sportler Ascaso, Francisco (gestorben 1936), Anarchist der CNT (Sant Carles,
rechts von Durruti)
Gedenkstein für die jüdischen Interbrigadisten
Gedenkstätte für Interbrigadisten Nordwestlich an den Friedhof angrenzend befindet sich ein sechs Quadratkilometer großes Gebiet, der frühere Ort für Massengräber. Der ehemalige Steinbruch wurde nach 1986 in eine Gedenkstätte für die Opfer des Bürgerkriegs umgewandelt. Hier befinden sich Gräber von Interbrigadisten. Der bekannteste Deutsche dürfte Hans Beimler sein. Ein Gedenkstein erinnert an die gefallenen österreichischen Kriegsteilnehmer (1936–1939), ein weiterer an die 7000 jüdischen Interbrigadisten. Der Text der Inschrift stammt von Chaim Herzog, dem früheren Staatspräsidenten Israels: El triunfo del fascismo en España (Der Sieg des Faschismus in Spanien setzte einen Prozess in Gang, der dazu führte, dass Hitler die Menschenwürde von Millionen Menschen auslöschte; unter ihnen sechs Millionen Juden, die mit ihrem Leben bezahlten. Ruhm den Tausenden von Freiwilligen, die sich hier mit der Waffe in der Hand gegen den Faschismus erhoben; unter ihnen bildeten die Juden ein sehr großes Kontingent). An der nahe gelegenenen Gedenkstätte für Lluís Companys, dem 1940 hingerichteten ehemaligen Präsidenten der Generalitat, finden sich häufig Blumen. Insgesamt ist die parkähnliche Anlage trotz ihrer relativen Nähe zur hektischen Stadt eine Oase der Ruhe. Der Friedhof ist mit der Buslinie 38 vom Zentrum aus erreichbar (an der Plaça Catalunya oder Plaça d’Espanya einsteigen, an der Haltestelle »Can Tunis« aussteigen). Adresse: Mare de Déu del Port, s/n Literaturhinweis: Neus Aguado: Guía del Cementerio de Montjuïc. Hrsg.: Institut Municipal dels Serveis Funeraris de Barcelona, Barcelona 1993
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