Zeitschrift

Katalonien

Partnerregion Baden-Württembergs


Heft  42 April 2001

Hrsg.: LpB


  Katalonien
Inhaltsverzeichnis       

  


 
II. Wirtschaftliche Brücken:
     Katalonien und Baden-Württemberg

Von Erich Nohe

 

Demographische und wirtschaftliche Strukturdaten von Baden-Württemberg und Katalonien im Vergleich.

(Die Angaben beziehen sich – soweit nichts anderes angegeben – auf das Jahr 1997 bzw. auf letzte verfügbare Ergebnisse)1.

Zwei verwandte Regionen

Aus den genannten Daten lassen sich für Baden-Württemberg und Katalonien eine Reihe von Parallelen erkennen. Beide Gebietskörperschaften haben – bei Berücksichtigung der noch recht unterschiedlichen wirtschaftlichen Entwicklungsniveaus in Deutschland und Spanien – ähnliche Positionen im jeweiligen nationalen Rahmen:

  • hohe Bevölkerungsdichte auf relativ großem Territorium
     
  • verhältnismäßig niedrige Arbeitslosenrate bei hoher Erwerbsquote
     
  • überdurchschnittlich hoher Anteil am nationalen Bruttoinlandsprodukt
     
  • überproportionaler Anteil der industriellen Produktion an der Bruttowertschöpfung
     
  • ähnliche Schwerpunkte in der industriellen Produktpalette mit Maschinenbau, Elektrotechnik sowie Kfz-Produktion und Kfz-Zulieferbetrieben
     
  • eine traditionsreiche, überwiegend mittelständisch ausgerichtete  Wirtschaftsstruktur2
     
  • In den letzten Jahren ist die jeweilige nationale Spitzenposition zunehmend umkämpft – insbesondere im Hochtechnologiebereich. Bayern bzw. die spanische Hauptstadtregion Comunidad de Madrid sind die jeweiligen Konkurrenten um den ersten Platz in der wirtschaftlichen Leistungskraft.

Auch geographische und verkehrstechnische Gemeinsamkeiten fallen ins Auge:

  • Baden-Württemberg und Katalonien liegen sich – verglichen mit dem Rest des jeweiligen Staatsgebietes – auch geographisch am nächsten.
     
  • Durch sie verlaufen die Haupttransitwege für den Güterverkehr zwischen Spanien und Deutschland.
     
  • Zwischen Stuttgart und Barcelona bestehen direkte Flugverbindungen   mit Lufthansa und Iberia.
     
  • Die für das Jahr 2004 vorgesehene Anbindung Barcelonas an das französische TGV-Netz und damit an das europäische Standard-Eisenbahnnetz wird auch eine verbesserte Bahnverbindung zwischen beiden Regionen ergeben. Dies gilt sowohl für den Passagierverkehr als auch für den Warenaustausch, da der neue Schienenweg auch von Güterzügen genutzt werden kann.

Die Regierungen beider Gebietskörperschaften schlossen aufgrund der zahlreichen Gemeinsamkeiten im Jahre 1987 eine Regionalpartnerschaft. Weitere Vereinbarungen Baden-Württembergs mit der südostfranzösischen Region Rhône-Alpes (1986) und mit der norditalienischen Lombardei (1988) sowie der drei Partner miteinander führten zu einer Ringpartnerschaft dieser vier wirtschaftlich starken westeuropäischen Regionen, die unter dem Namen »Vier Motoren für Europa« bekannt wurde. Ziel war von Anfang an die Schaffung eines Gegengewichts zu einem zentralistisch von Brüssel aus dirigierten bürokratischen und bürgerfernen Europa durch ein für den einzelnen Bürger nachvollziehbares Europa der Regionen, das durch Zusammenarbeit in konkreten Bereichen vorhandene Initiativen bündeln und verstärken sollte. Kein Zufall war es sicherlich, dass sich hier Regionen zusammenfanden, die in ihrem jeweiligen nationalen Kontext bereits einen wirtschaftlichen Gegenpol zu einer politisch dominanten Hauptstadtregion darstellten.

Im wirtschaftlichen Bereich werden Kooperationsbörsen für Unternehmer aus den vier Regionen veranstaltet und Kontakte vermittelt. Ferner treffen sich regelmäßig Arbeitsgruppen, die gemeinsame Projekte der vier Regionen anstoßen, z.B. im Bereich der Textilforschung, der Qualitätssicherung, einheitlicher Normierung und Zertifizierung, der Entwicklung von Software oder im Bereich des Industriedesigns.

Für die katalanische Regierung waren diese Partnerschaften Anlass, in den Hauptstädten der drei anderen Regionen eine Vertretung der Organisation zur Förderung des Außenhandels (COPCA) einzurichten. Ebenso wie die zweite Vertretung in Berlin berät das Stuttgarter Büro katalanische Firmen bei der Aufnahme von Wirtschaftskontakten jeglicher Art in Deutschland. Insbesondere im Automobil-Zulieferbereich sind katalanische Firmen besonders leistungsfähig, produzieren sie doch auf diesem Sektor 40% der insgesamt aus Spanien importierten Erzeugnisse. Dies hat die katalanische Regierung zur Einrichtung eines speziellen Beratungsbüros für Zulieferer im Kfz-Bereich bewogen. Dass Katalonien seine weltweit einzige derartige Einrichtung in Stuttgart angesiedelt hat, weist nicht zuletzt auf den besonderen Stellenwert der Automobilbranche in Baden-Württemberg mit seinen

guten Absatzmöglichkeiten für katalanische Zulieferbetriebe hin.

Bei den Firmeninvestitionen von Deutschland nach Katalonien und umgekehrt handelt es sich noch weitgehend um eine Einbahnstraße: 1995 betrugen die von deutschen Firmen in Katalonien getätigten Investitionen das Zehnfache derer von katalanischen Firmen in Deutschland, jedoch ist festzuhalten, dass es sich bei den in Deutschland erfolgten Investitionen spanischer Firmen zu 98% um katalanisches Kapital handelt.3 Was die Anzahl der in Katalonien angesiedelten ausländischen Betriebe betrifft, so liegt Deutschland an zweiter Stelle hinter dem Nachbarland Frankreich und vor den USA.

Das Bruttosozialprodukt (linke Säule) und das Industrie-Bruttoinlandsprodukt (rechte Säule der einzelnen autonomen Regionen in Prozent bezogen auf Gesamtspanien

Aus: Katalonien. Ein Land zum Investieren - Ein Land zum Leben. Barcelona 1998, S. 2. Copyright: Departament d'Indústria, Comerc i Turisme 2001

 

 

Das Beispiel Würth

Dass zu den erfolgreich in Katalonien tätigen deutschen Betrieben auch solche aus Baden-Württemberg zählen, mag das Beispiel von Würth España belegen. Würth España gehört zu 100 % zu der in Künzelsau beheimateten Würth-Gruppe, einem weltweit tätigen Handelsunternehmen mit Produkten für fast alle Bereiche der Montage. Die wirtschaftlich eigenständige spanische Tochter wurde 1977 unter dem ursprünglichen Namen Würth Tornillos S.A. mit Sitz in Barcelona gegründet. Zu Beginn ihrer Tätigkeit in Spanien wandte sich die Firma dem Kfz-Bereich zu, insbesondere mit dem Vertrieb von Produkten für Kfz-Werkstätten. Zehn Jahre später wurde die Produktpalette für den produzierenden handwerklichen Bereich mit den Schwerpunkten Holz und Metall ausgeweitet. Mit dieser Etappe begann eine bis heute anhaltende Periode rapiden und kontinuierlichen Wachstums mit Zuwachsraten beim Umsatz von durchschnittlich zehn Prozent pro Jahr. Weitere Sparten sind hinzugekommen, und zwar Montageartikel für den Installations- und den Bausektor.

1987 wurde der Firmensitz in das 20 Kilometer von Barcelona entfernte Palau de Plegamans verlegt, das im Nordabschnitt des äußeren Industrierings um die katalanische Hauptstadt liegt. Hier gab es genügend Fläche für die raumintensive Lagerhaltung mit zur Zeit über 40 000 verschiedenen Artikeln und die unaufhaltsam steigenden Abfertigungszahlen. Die durch ein dichtes Netz von Außendienstmitarbeitern direkt an den Endverbraucher vertriebenen Produkte werden zu 80 % von der Konzernzentrale in Künzelsau bezogen, wo insbesondere die Qualitätskontrolle durchgeführt wird. Nur 18 % der Artikel stammen von spanischen Herstellern (und davon knapp die Hälfte aus Katalonien), wobei es sich zum großen Teil um spezifische, nur auf dem spanischen Markt nachgefragte

Artikel handelt. Allerdings wird ein kleinerer Teil dieser Produkte auch an die deutsche Mutterfirma geliefert.

Das Vertriebssystem bringt es mit sich, dass der Logistik ein herausgehobener Stellenwert in den Arbeitsabläufen der Firma zukommt. Diese Tatsache hat auch den Firmenstandort Katalonien mitbedingt, wobei die Kürze der Transportwege von der deutschen Mutterfirma, die gute Verkehrsinfrastruktur in Katalonien sowie die hohe Zahl der Kunden in Katalonien selbst ausschlaggebend waren. Von Palau de Plegamans wird der übrige spanische Markt mit Hilfe von 16 Regionalzentren fächerförmig erschlossen, wobei das Vertriebsnetz auch in Restspanien zunehmend engmaschiger wird. Vor diesem Hintergrund wurde die Entscheidung gefällt, in nächster Zeit ein zweites Vertriebszentrum in der Provinz Toledo zu errichten, von wo aus Zentral- und Nordwestspanien sowie Andalusien beliefert werden sollen. Der Verwaltungssitz hingegen verbleibt weiterhin in Katalonien.

Das stürmische Wachstum brachte auch einen proportional zwar geringeren, aber dennoch erfreulichen Zuwachs an Arbeitskräften mit sich. Zur Zeit beschäftigt die spanische Tochter 1500 Mitarbeiter, wobei in der Firmenzentrale in Katalonien etwa 250 Personen im Verwaltungs- und Schulungsbereich sowie in Lager und Versand tätig sind. Der überwiegende Teil der übrigen Beschäftigten sind Außendienstmitarbeiter, die das gesamte spanische Staatsgebiet bereisen und die Würth-Artikel an die Endabnehmer im Handwerk verkaufen.

Die Firma Würth war bis vor kurzem einer der Hauptsponsoren der Formel 1 in Katalonien, ist jetzt jedoch zur Bandenwerbung bei allen Fußballspielen der 1. Liga in Gesamtspanien übergegangen. Dies unterstreicht die Verlagerung der Firmenaktivitäten vom Kfz-Spezialisten zum Generalisten in Sachen Montage, aber auch den allmählichen Abbau des Übergewichtes von Katalonien im Verhältnis zu Gesamtspanien. Dennoch bleibt Würth auch in Katalonien als Sponsor aktiv. Zur Zeit finanziert die Firma in Palau de Plegamans den Aufbau eines archäologischen Themenparks.

 

 

Eine Schülergruppe aus Künzelsau, dem Ursprungsort der Weltfirma Würth, besucht während eines Schüleraustausches den Sitz des spanischen Tochterunternehmens in Palau de Plegamans. Collage

Fotos: E. Nohe; Würth, Espana

 

 

Anmerkungen:

1 Die Daten sind folgenden Publikationen entnommen:
– Anuari estadístic de Catalunya.
(Institut d’Estadística de Catalunya) Barcelona 1997
1 – Wirtschaftsdaten Baden-Württemberg.
(Wirtschaftsministerium) Stuttgart 1998
1 – Statistisches Jahrbuch der Regionen.
(EUROSTAT) Bruxelles 1997
1 – Baden-Württemberg und die EU.
(Staatsministerium Baden Württemberg) Stuttgart 1999
2 Katalonien. Ein Land zum Investieren – Ein Land zum Leben, Barcelona (Departament d’Indústria, Comerç i Turisme) 1998
3 Anuari estadístic de Catalunya, Barcelona (Institut d’Estadistica de Catalunya) 1997, S. 221
Neueste Daten über: www.indescat.es



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