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Verkehr im Spannungsfeld mit Mensch und Umwelt
Einerseits ist Verkehr ein
»Motor« der Wirtschaft,
sichert Beschäftigung
und gilt als Voraussetzung für wirtschaftliches
Wachstum. Mobilität ist ein unverzichtbares Gut jeder modernen
Gesellschaft, und eine gute Verkehrserschließung zählt zu den entscheidenden Standortfaktoren. Andererseits
verursacht Verkehr Kosten, die nicht oder nur teilweise von ihm selbst getragen
werden, sogenannte »externe Kosten«,
zu denen Lärm, Luftverschmutzung, Beeinträchtigung des Klimas,
Landschaftsverbrauch und Trennwirkungen gehören. Solche Folgen des Verkehrs
führen zwangsläufig zu Auseinandersetzungen. Ein aktuelles Beispiel eines
solchen Konflikts über Ländergrenzen hinweg ist die Fluglärm-Problematik im südlichen
Landesteil im Einflugbereich des 13 Kilometer von der Grenze entfernt liegenden
Flughafens Zürich-Kloten. Die Bundesregierung hat die bilaterale Vereinbarung, welche die
Landeanflüge zum Flughafen Zürich-Kloten über süddeutsches Gebiet regelt, zum
31. Mai 2001 gekündigt, vor allem auf Druck der Landkreise Waldshut-Tiengen,
Lörrach, Konstanz sowie des Schwarzwald-Baar-Kreises. Die Bevölkerung in diesen
Landkreisen sah sich mit einer zunehmenden Lärmbelastung durch einen
kontinuierlichen Anstieg der Flugbewegungen auf zuletzt 154 000 Anflüge pro
Jahr konfrontiert. Die Forderungen Deutschlands zielten darauf ab, die Anzahl
der Flugbewegungen über baden-württembergischem Gebiet auf 80 000 pro Jahr zu
begrenzen. Außerdem wurde ein Ein- und Ausflugsverbot zwischen 21 Uhr und 7 Uhr
gefordert sowie ein generelles Flugverbot über deutschem Gebiet an Wochenenden
und Feiertagen.
Nach langen und zähen Verhandlungen vereinbarten die Verkehrsminister
Deutschlands und der Schweiz, Bodewig und Leuenberger, auf einem Treffen am 4.
September 2001 in Bonn Eckpunkte eines neuen Staatsvertrags. Danach sichert die
Schweiz zu, in den nächsten 41 Monaten die jährliche Obergrenze von 154 000
Anflügen pro Jahr über süddeutschem Gebiet nicht zu überschreiten. Nach Ablauf
der Frist sind nur noch jährlich 100 000 Anflüge erlaubt. Außerdem wird ein
Nachtflugverbot über deutschem Gebiet zwischen 22 und 6 Uhr sowie ein
Flugverbot an Wochenenden und Feiertagen zwischen 20 und 9 Uhr eingeführt. Die
Frage der Entschädigung betroffener Bürger für Fluglärm wird, wie von Schweizer
Seite gefordert, nach Schweizer Rechtslage geregelt. Ferner gestand Deutschland
der Schweiz die Möglichkeit zu, die EU-Kommission zu konsultieren, um die Frage
zu klären, ob der Staatsvertrag mit EU-Recht vereinbar ist. Die
Verhandlungsergebnisse stellen einen Kompromiss dar, bei dem beide Seiten von
ihren Maximalforderungen abgerückt sind. Die Reaktionen auf die Berliner
Verhandlungsergebnisse waren erwartungsgemäß unterschiedlich: Auf deutscher
Seite sind die Verhandlungsergebnisse überwiegend wohlwollend zur Kenntnis
genommen worden, weil damit erstmals eine Reduzierung der Lärmbelastung für die
Bevölkerung am Hochrhein vertraglich vereinbart wird. Dennoch gehen die
Regelungen einigen besonders stark betroffenen baden-württembergischen
Gemeinden nicht weit genug. Auf Schweizer Seite werden »harte, lange und
schmerzvolle Diskussionen« (Leuenberger) über eine Neuverteilung des Fluglärms
erwartet.
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Badische Zeitung, 5.
September 2001
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Neue Zürcher Zeitung, 5.
September 2001
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Südkurier, 5.
September 2001
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Einigung im Fluglärmstreit Tragfähiger
Kompromiss
Es wird diesseits wie jenseits
der Grenze Leute geben, die mit dem Kompromiss
zum Zürcher Fluglärm nicht zufrieden
sind. Die den beiden Verkehrsministerien den
Ausverkauf nationaler Interessen vorwerfen und
sie der allzu großen Nachgiebigkeit bezichtigen
werden. [...] Den einen werden auch 100 000
Überflüge noch zu viel sein, die anderen
werden sich als Opfer einer Erpressung sehen.
[...] Dabei verdient der ausgehandelte Kompromiss
in der Sache die Bezeichnung fair. Beide Seiten
haben sich bewegt und einen für beide akzeptablen
Punkt gefunden. Noch wichtiger aber ist, dass
man nach der Kriegsrhetorik der vergangenen
Monate endlich wieder zu einer gemeinsamen Sprache
zurückgefunden hat.
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Süsser Firnis auf bitterer
Pille
Die dreizehnte Runde im Seilziehen
um einen Staatsvertrag mit Deutschland über
die Anflüge auf den Zürcher Flughafen
ging [...] an die Schweiz. Sie hat sich bei
den noch anhängigen Punkten weitgehend
durchsetzten können, ohne dass es zum Abbruch
und zu einer einseitig diktierten Vorschrift
von Deutschland kam. Doch das gute Ende macht
den schlechten Kern des Staatsvertrags um keinen
Deut besser, die bittere Pille hat nur einen
süssen Firnis erhalten.
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»Lasten sind ungleich verteilt«
Kritik und Skepsis nach Fluglärm-Einigung
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Der im Oktober 2001 eingetretene Konkurs der Swissair wird nicht ohne
Folgen für den Zürcher Flughafen bleiben. Der Zürcher Flughafen als
Heimatflughafen und Drehkreuz der Swissair ist besonders stark davon betroffen,
wenn die für ihn wichtigste Fluggesellschaft den Flugverkehr einstellt. Die
Regionalfluglinie Crossair wird zwar einen Teil des Flugbetriebs der Swissair
übernehmen, allerdings ist für Crossair der Flughafen Basel/Mulhouse ein
wesentlich wichtigerer Standort als Zürich-Kloten. Vor diesem Hintergrund steht
die zukünftige Bedeutung des Flughafens Zürich-Kloten im Ungewissen. Zumindest
kurzfristig ist mit einer Verringerung der in Zürich abgefertigten Flüge zu
rechnen.
Ausblick
Im Verkehrsbericht 2000 des Bundesverkehrsministeriums
wird für den Zeitraum 1997 bis 2015 von einer
Steigerung der
Personenverkehrsleistung in
Deutschland um rund 20 %, und einem Zuwachs der Güterverkehrsleistung um 64 % ausgegangen.
Weit überproportional soll der internationale
Verkehr zunehmen: Transit-Personenverkehr +75 %, grenzüberschreitender
Güterverkehr +91 %, Transit-Güterverkehr +105 %. Als Bundesland in zentraler
Lage in Europa wird Baden-Württemberg deutlich tangiert werden von dem starken
Wachstum des internationalen Verkehrs. Der Straßenverkehr wird
geprägt sein von einem starken Wachstum vor allem des Güterverkehrs. Die Gründe
dafür liegen in der Erweiterung der EU
nach Osten sowie in den sich ändernden Nachfragestrukturen in der
Industrie: Zunehmender Wettbewerb und Kostendruck resultieren in verstärkt global ausgerichteten
Unternehmensaktivitäten, was zum Beispiel die Wahl der Zulieferbetriebe
oder der Absatzmärkte betrifft. Moderne Informations- und
Kommunikationstechnologien, u. a. das Internet, fördern eine weltweite Vernetzung und ermöglichen
weltweiten Informationsaustausch. Regionale, und damit weniger
verkehrsintensive Lieferbeziehungen zwischen Unternehmen verlieren zugunsten
globaler Unternehmensbeziehungen an Bedeutung. Auch die wachsende
Arbeitsteilung resultiert in zusätzlichem Transport von Gütern. Flexible
Produktionsmethoden (zum Beispiel »Just-in-time«-Fertigung) führen unter
anderen dazu, dass Lagerhaltung in Industriebetrieben durch das Transportmittel
ersetzt wird. Solche Entwicklungen begünstigen den Transport auf der Straße. Im
Jahr 2003 führt Deutschland für in- und ausländische LKW eine nutzungsabhängige
Straßenmaut ein. Damit wird der Tatsache Rechnung getragen, dass schwere LKW in
besonderem Maße für die Abnutzung der Straßen verantwortlich sind.
Internationale
Bahn-Allianzen
Für Baden-Württemberg
relevant sind folgende Bahn-Allianzen: Die »Trans European Excellence (TEE)«
hat sich im Juni 2000 aus der Deutschen Bahn (DB), den Schweizerischen
Bundesbahnen (SBB) sowie den Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) formiert.
Durch eine Harmonisierung der Betriebskonzepte und den gemeinsamen Einkauf von
Fahrzeugen sollen Kostensparpotentiale erschlossen und genutzt werden. Die
TEE-Allianz wird ab 2006 den internationalen Personenverkehr zwischen
Deutschland, der Schweiz und Österreich organisieren. Für den Betrieb des
Hochgeschwindigkeitsverkehrs ab 2006 auf Relationen unter anderem von Paris
nach Deutschland hat sich die Rhealys Gesellschaft formiert, die von der DB,
der SBB, der französischen SNCF sowie der luxemburgischen Bahn CFL getragen
wird.
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Die Europäische Union ist bestrebt, den
Wettbewerb auf der Schiene zu fördern. Um dies zu erreichen, wurden
EU-Richtlinien erlassen, welche auf die Trennung
von Schienennetz und Betrieb abzielen. Dadurch soll die
Wettbewerbsfähigkeit des Verkehrsmittels Bahn gestärkt und mehr Verkehr auf der
Schiene abgewickelt werden. Nach vollständiger Umsetzung der EU-Richtlinien
werden sich die Zugangsmöglichkeiten von Bahngesellschaften zu »fremden« Netzen
gegen Bezahlung einer Benutzungsgebühr weiter verbessern. Die Öffnung der
Schienennetze zeigt sich bereits heute darin, dass reges Interesse seitens in-
und ausländischer Bahngesellschaften besteht, baden-württembergische Strecken
zu betreiben, auf denen die Deutsche Bahn AG den Fernverkehr einstellen will.
Zunehmender Wettbewerb schließt aber verbesserte Kooperationen unter
Bahngesellschaften keineswegs aus. Nach dem Vorbild von Fluggesellschaften
bilden sich auch im Schienenverkehr Allianzen.
Der internationale Schienengüterverkehr lässt sich durch eine verbesserte
Kooperation unter Bahngesellschaften schneller und verlässlicher durchführen
(z. B. durch Wegfall des Aufenthalts an der Grenze für Lokwechsel und
technische Überprüfungen).
Auch in Zukunft sind im Luftverkehr
hohe Wachstumsraten zu erwarten. Im Verkehrsbericht 2000 der Bundesregierung
wird zwischen 1997 und 2015 im Personenverkehr eine
Verdopplung prognostiziert. Die
zunehmenden internationalen Verflechtungen von Unternehmen
bewirken, dass immer mehr Geschäftsreisen zu immer weiter entfernten Zielen
notwendig werden. Urlaubsziele
liegen immer weiter von der Heimat entfernt und die Anzahl der Urlaube, die ein
Haushalt durchschnittlich pro Jahr unternimmt, steigt. Diese Trends in
Wirtschaft und Gesellschaft bilden die Grundlage dafür, dass der Luftverkehr
auch in Zukunft stark wachsen wird. Da also der Verkehr, insbesondere der internationale, in und durch
Baden-Württemberg weiterhin stark zunehmen wird, ist es entscheidend, dass
diese Entwicklung nachhaltig abläuft.
Dies kann erreicht werden durch eine konsequente
Nutzung technischer Möglichkeiten, wie Telematik-Anwendungen sowie die
Verwendung sparsamer und schadstoffarmer Antriebstechniken. Ein weiterer
Schritt in Richtung Nachhaltigkeit ist eine
Vernetzung der Verkehrsträger, so dass die
arteigenen Vorteile der jeweiligen Verkehrsmittel optimal genutzt
werden können. Beispielsweise könnte der Anschluss des Stuttgarter Flughafens
an das Fernverkehrsnetz der Bahn im Rahmen von Stuttgart 21 dazu genutzt
werden, noch mehr Kurzstreckenflüge auf die Schiene zu verlagern. Dies bietet
interessante Perspektiven für die Bahnverbindungen zwischen den Flughäfen
Stuttgart und Frankfurt sowie Stuttgart und Zürich. Und schließlich muss, um
das Ziel der Nachhaltigkeit zu erreichen, der überwiegende Teil des zu
erwartenden Zuwachses durch umweltfreundliche
Verkehrsmittel, namentlich durch die Bahn sowie im Güterverkehr auch durch
die Binnenschifffahrt abgewickelt werden. Dies erfordert massive Investitionen
in das Schienennetz und geeignete Rahmenbedingungen durch die Verkehrspolitik.
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Weiterführende
Literatur:
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- Bundesministerium
für Verkehr, Bau- und Wohnungswesen: Verkehrsbericht 2000. Berlin, 2000
- IWW
Karlsruhe, ITS Leeds, DLR Köln: Drivers of Transport Demand -Western European
Countries-. Bericht D3a des SCENES Projekts, im Auftrag der Europäischen
Kommission. Karlsruhe, 2000
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- Ministerium
für Umwelt und Verkehr Baden-Württemberg: 5-Jahres-Bilanz zur Umsetzung des
Generalverkehrsplans Baden-Württemberg 1995. Stuttgart, 2001
- SMA Zürich, Institut für
Regionalforschung der TU Wien, IWW Karlsruhe: Magistrale für Europa,
Endbericht. Karlsruhe, 2001
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