Zeitschrift

Europa in Baden-Württemberg

50 Jahre - ein Panorama

John Cranko und das »Stuttgarter Ballettwunder«

Von Rüdiger Utikal


  Europa in Baden-Württemberg
Inhaltsverzeichnis

 

  

 

Ein Ballett erobert die Welt: Ensemble - Repertoire - Tourneen

ENSEMBLE

»Die Identität des Tänzers ist zu Anfang nicht mehr als ein weißes Blatt Papier, auf dem der Choreograph schreiben wird ...« (Clarke/Crisp, Tänzer, S. 124)

Erste wichtige Aufgabe des Ballettdirektors John Cranko war es, eine Truppe aufzubauen, mit der er seine Vorstellung von Ballett verwirklichen konnte. Hier hatte Cranko eine besonders glückliche Hand. Die Brasilianerin Marcia Haydée wird schon bald zum Mittelpunkt seines Ensembles und gilt heute als eine der größten Primaballerinen des 20. Jahrhunderts. Ihr zur Seite, in vielen Produktionen ihr gleichrangiger Partner, tanzte Richard Cragun, ein Kalifornier, seit 1962 in Stuttgart. Viele weitere Tänzer prägten das Cranko-Ensemble: Ray Barra war von 1959-1966 Solist beim Stuttgarter Ballett, der Däne Egon Madsen blieb Stuttgart von 1961 bis 1981 treu. Birgit Keil, eine der wenigen Kammertänzerinnen Baden-Württembergs, und Heinz Clauss waren jahrelang wesentliche Stützen des Ensembles.

Die genannten und viele andere Tänzerinnen und Tänzer waren für John Cranko die Basis, auf der seine choreographische Kunst ruht. Ohne die Zusammenarbeit und das tiefe Verständnis zwischen Tänzer und Choreograph wird es kein anspruchsvolles Ballett geben. Die Internationalität der Truppe sorgte für ein vielfältiges Talentpotenzial, das von Cranko in seinem Sinne geformt werden und sich im staatlich subventionierten Theatersystem deutscher Prägung sicher und geschützt entfalten konnte.

 

 

img15.gif

Der Durchbruch zum Erfolg bei Publikum und Kritik war »Romeo und Julia« im Jahr 1962. Die Premiere am 2. Dezember war umjubelt und glanzvoll.

»Onegin« erzählt mit tänzerischen Mitteln die Geschichte der berühmten Puschkin-Novelle. 1965 und in einer Neufassung 1967 startet die Erfolgsgeschichte dieser Choreographie. Marcia Haydée wird die Tatjana, die weibliche Hauptrolle, lange in ihrem Repertoire behalten.

Ein heiter-spritziges Vergnügen ist »Der Widerspenstigen Zähmung« im Jahr 1969. Die kampf- und rauflustige Liebe zwischen Katharina und Petrucchio trägt im Tanz manchmal ringkampfartige Züge, was Haydée und Cragun mit viel Spaß darstellen.

Die Ensemble-Arbeit preist insbesondere das Ballett »Initialen R.B.M.E.«. Jede der Initialen steht für einen der Tänzer, R. für Richard (Cragun), B. für Birgit (Keil), M. für Marcia (Haydée), E. für Egon (Madsen). Jeder von ihnen tanzt Passagen, die seine tänzerischen Eigenheiten und Vorzüge zum Ausdruck bringen. Die Uraufführung des Stückes zur Musik von Johannes Brahms (2. Klavierkonzert) fand am 18.1.1972 statt.

 

 

REPERTOIRE

John Cranko hat noch viele weitere Choreographien für Stuttgart geschaffen, die meisten außerordentlich erfolgreich aufgeführt, manche mit geteilter Resonanz. Insgesamt gilt: Crankos Ballette »haben sich ... ihren sicheren Platz im Repertoire zahlreicher anderer Kompagnien erobert. Cranko gehört heute fraglos zu den populärsten Choreographen der Welt und zu den erfolgreichsten noch dazu.« (Kilian/Geitel, John Cranko, S. 40)

TOURNEEN

Tourneen bieten die Möglichkeit, das Ballett-Ensemble über die Grenzen der Stadt und Region hinaus bekannt zu machen. In diesem Sinne war es für Cranko und sein Bemühen, die Stuttgarter Kompagnie zu Weltgeltung zu führen, besonders wichtig, dass sie ihre Kunst an interessanten und prestigeträchtigen Orten vorführen konnte.
Der erste Auslandstest erfolgte 1963 in Edinburgh mit beträchtlichem Erfolg und zog weitere Einladungen nach Spoleto, Luxemburg, Wien und Nancy nach sich. Sehr früh gastierte das Ensemble in der DDR: 1965 erstmals in Leipzig, 1967 in Ostberlin und Dresden. Wien stand mehrfach auf dem Gastspielprogramm, auch in anderen europäischen Hauptstädten wurde gastiert. Das Stuttgarter Ballett trug den Namen der baden-württembergischen Landeshauptstadt in die Welt hinaus, überflügelte in den sechziger und siebziger Jahren auch die Oper hinsichtlich Bedeutung und internationalem Prestige.
Zwei Gastspielreisen haben sich besonders eingeprägt: die USA-Tour 1969 und die Tournee in die Sowjetunion 1972. Der Jubel um die Aufführungen war Berichten zufolge triumphal, die Medien begleiteten die Gastspiele mit großer Aufmerksamkeit. Das »Stuttgarter Ballettwunder« war nicht mehr ein Versprechen für die Zukunft, sondern Wirklichkeit und Gegenwart.

 

 

Wirkungen 1

Traditionslinien in die Gegenwart

Die Ballettdirektion in Stuttgart, die Cranko über ein Jahrzehnt inne hatte, ging nach einem kurzen Intermezzo auf Marcia Haydée über. Sie, die einmal »Crankos tanzende Muse« genannt wurde, brachte das Kunststück fertig, das Niveau zu halten und die Weltgeltung des Ensembles zu bestätigen. Auch ihr Nachfolger (seit 1996), der Kanadier Reid Anderson, wurde nachhaltig von Stuttgarter Erfahrungen geprägt. 1969 kam er, gerade zwanzig Jahre alt, zum Stuttgarter Ballett, wurde 1972 Solist, 1983 Ballettmeister.

Es ist erstaunlich, wie viele der heute namhaften Choreographen dem Stuttgarter Ballett verbunden waren und sind. Die Förderung junger, viel versprechender Choreographen war und bleibt seit Crankos Zeiten immer ein besonderes Anliegen.
Zwei wichtige Beispiele: Der Amerikaner John Neumeier, einer der ganz großen, wichtigen Choreographen der Gegenwart, der hauptsächlich in Hamburg, aber auch in Paris, München und Wien arbeitet, war von 1963 bis 1969 beim Stuttgarter Ballett, dessen Geist er sich auch heute noch verpflichtet fühlt, und begann hier zu choreographieren. Sein Ballett »Die Kameliendame« gehört zu den »Dauerbrennern« des Hauses und steht auch in der Saison 2001/2002 auf dem Programm. Jirí Kylián aus Prag hat sich insbesondere als Ballettdirektor des innovativen Nederlands Dans Theaters einen Namen gemacht. Die in Den Haag ansässige Truppe verbuchte unter seiner Leitung enorme Erfolge in Europa und Amerika. Seine erste Choreographie machte er mit dreiundzwanzig Jahren in Stuttgart (1970), wo er von 1968 bis 1976 tanzte.

Wirkungen II

Ausbildung für die Zukunft - die John Cranko-Schule

 

»Als John Cranko 1961 nach Stuttgart kam, führte er die Ballettkompagnie der Württembergischen Staatstheater, das heutige Stuttgarter Ballett, innerhalb kurzer Zeit zu Weltruhm. Cranko plante, in Stuttgart eine Ballettschule zu gründen, in der Nachwuchstänzer in engem Kontakt mit der Ballettkompagnie ausgebildet werden sollten. 1971 wurde diese Idee Wirklichkeit. Erstmals in Deutschland wurde eine kontinuierliche Ausbildung für klassischen Tanz von der Grundausbildung bis zum Berufsabschluß geschaffen. 1973 bekamen die beiden letzten Klassen ... den Status einer staatlichen Ballettakademie/Berufsfachschule. Damit bot die John Cranko-Schule als einzige in Deutschland eine vollständige Ballettausbildung in klassischem Tanz mit staatlichem Diplom. Mit der wachsenden internationalen Bedeutung des Stuttgarter Balletts wuchs auch die der Schule. Seit ihrer Gründung hat die John Cranko-Schule ihren Platz unter den anerkanntesten Ballettschulen der Welt behauptet. Der hohe Anteil internationaler Schüler und die Einladungen aus allen Teilen der Welt zu Gastspielen, Festivals und Wettbewerben beweisen dies.«

Aus dem Informationsblatt der Schule

Im Schuljahr 2000/2001 wurden dreißig Akademieschüler aus sechzehn Nationen an der John Cranko-Schule unterrichtet. Je vier kamen aus Russland und Deutschland, jeweils drei aus Australien, Japan, Spanien, der Rest verteilt sich auf Argentinien, Bulgarien, Großbritannien, Israel, Kanada, Mexiko, Polen, Rumänien, Türkei, USA und Venezuela.
Der Unterricht der Ballettakademie umfasst unter anderem die Fächer klassische Technik, Variationen, Repertoire, Pas de deux, Modern-/Jazz-Tanz, Deutsch, Englisch, Tanz- und Musikgeschichte, Ballettkunde (Anatomie und Tanztheorie) und Schminken.

Der Schulleiter Tadeusz Matacz, seit 1998/99 im Amt, betont Vielseitigkeit, Breite und Niveau der Tanz-Ausbildung an der John Cranko-Schule. Klassik und Moderne - alles brauche man heutzutage, um ein guter Tänzer zu sein. »Wie ein Schwamm« sollen die Schüler seiner Meinung nach alles aufsaugen, was ihnen die Schule anbietet, sie sollen eine Mentalität der Lernfähigkeit, Flexibilität und Disziplin entwickeln, die ihnen als Fundament für ihre Berufstätigkeit zur Verfügung stehen muss. Matacz weiß, wovon er redet: Kaum 22-jährig war er erster Solist an der Warschauer Oper, tanzte das klassische Repertoire in vielen verschiedenen Rollen. Seit 1984 tanzte er in Karlsruhe, wo Ballettdirektor Germinal Casado sein Mentor wurde und bald erste Choreographie-Aufgaben auf ihn warteten (z. B. für die Oper »Boris Godunow«). Auch tanzpädagogische Aufgaben nahm er in immer stärkerem Maße wahr, war bis zur Saison 1997/98 Ballettmeister am Badischen Staatstheater. Er unterrichtet selbst die Unterrichtsfächer »Pas de deux« und »Ballettkunde/Tanztheorie«.   

 

 


Copyright ©   2002  LpB Baden-Württemberg   HOME

Kontakt / Vorschläge / Verbesserungen bitte an: lpb@lpb-bw.de