Zeitschrift

Europa in Baden-Württemberg

50 Jahre - ein Panorama

Europa in der Schule

Von Leonhard Müller


  Europa in Baden-Württemberg
Inhaltsverzeichnis

 
 

  

 

»Junge Menschen in Polen, Ungarn, Tschechien und anderen Ländern Europas warten darauf, mit ihren Talenten Europa mitgestalten zu können. Wir brauchen ihre Ideen und ihren Schwung. Junge Menschen in den Ländern Europas müssen spüren, dass dieser Kontinent für sie eine große Aufgabe und Chance ist.«

Kultusministerin
Dr. Annette Schavan
,
Wiesbadener Tagblatt, 15.1.2001

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Den steinigen Weg der europäischen Staaten zu einer handlungsfähigen Union können nicht nur politische und ökonomische Wegweiser aufzeigen. Bundesstaaten brauchen auch eine kulturelle Basis. Darum müssen zum Beispiel immer wieder Bildungswesen und Kulturträger befragt werden, welche Impulse für die Stärkung eines neuen europäischen Bewusstseins möglich sind.

Lehrpläne - ein Stolperstein?

Eine wichtige Grundlage für eine europäische Bewusstseinsbildung bildet das Schulwesen. Für dessen Ordnung und Erfolg sind Lehrpläne unabdingbar. Aber sie stellen auch für die Öffentlichkeit eine Informationsquelle dar - zuweilen überzogen interpretiert, denn Unterricht umfasst nicht nur Lehrplaninhalte, und Aktuelles wird auch ohne Direktive behandelt. Dennoch sind Lehrpläne für viele Instanzen ein Indiz für den jeweiligen Akzent in der Bildungspolitik. Im Folgenden wird besonders anhand der gesellschaftswissenschaftlichen Fächer überprüft, inwiefern sie den europäischen Horizont einbeziehen.

Nach 1945

Winston Churchill wirbt für die Idee eines vereinten Europas - schon nach 1918 beschworen, durch nationalistische Diktaturen im Zweiten Weltkrieg zerbrochen. Die Lehrpläne nach dem Krieg sind noch karg. Die zugelassenen Lehrbücher beschränken sich zunächst auf die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und die Deutsche Frage, soweit man überhaupt bereit ist, Zeitgeschichte zu betreiben. Der Schüler solle »den Werdegang unseres Volkes in seiner Verflochtenheit mit der Geschichte des Abendlandes erkennen lernen« (Realschule).

Churchill, Rede in Zürich (19. September 1946)

»[...] We must build a kind of United States of Europe.In this way only will hundreds of millions of toilers be able to regain the simple joys and hopes which make life worth living. [.] There can be no revival of Europe without a spiritually great France and a spiritually great Germany. The structure of the United States of Europe, if well and truly built, will be such as to make the material strength of a single state less important. Small nations will count as much as large ones [...]. If we are to form the United States of Europe or whatever name it may take, we must begin now.«

Um 1957

In den Gymnasien (Neuer Lehrplan) endet der Geschichtsunterricht mit der Bildung der Bundesrepublik und dem »Streben nach übernationaler Vereinigung und friedlichem Ausgleich«. Die Auseinandersetzung mit dem Ostblock und seiner kommunistischen Ideologie beherrscht dagegen stärker den Unterricht. Wird die Antike »als gestaltende Kraft der europäischen Kultur« verdeutlicht, so stehen das Mittelalter und die Neuzeit stärker unter europäischem Aspekt. Auch für die Neuzeit bilden europäische Themen den Schwerpunkt. Während in der Gemeinschaftskunde das Gewicht auf der demokratischen Willensbildung liegt, fehlt nie die Stellung Deutschlands »in der Weltpolitik der Gegenwart und weltpolitischer Institutionen«. In Erdkunde steht die Landeskunde europäischer Staaten im Mittelpunkt.

Um 1970

Die Curriculartheorien strömen auch nach Baden-Württemberg, und die Lehrpläne werden immer umfangreicher, neue Erziehungsziele neben den kognitiven werden beschrieben.

Um 1980

Die Lehrplanrevision der 80er Jahre bremst den Übereifer an Stoffen, und der Begriff »Verschlankung« - schlimmer: »Entrümpelung« - leitet als Vorgabe die Reformkommissionen, ohne dass dabei der Europagedanke als fächerübergreifendes Thema verschwindet. Im Leistungskurs Geschichte der gymnasialen Oberstufe lernen die Schüler »die Verständigung zwischen den Völkern Westeuropas und die Übertragung nationaler Kompetenzen auf surpranationale Institutionen als Modell der Friedenssicherung kennen und beurteilen«.

Heute

Die Lehrpläne sind noch stärker »verschlankt«, ohne den europäischen Bezug zu verlieren. Den Schülern soll bewusst werden, »wie wichtig die Bereitschaft zur gegenseitigen Verständigung und zum Abbau von Vorurteilen ist, um nationale und gesamteuropäische Anliegen in Einklang zu bringen« (Hauptschule 1994). »Nach 1945 war der Nationalstaat diskreditiert und bot keine Lösungen gegen machtstaatliche Expansion an. [...] Die Notwendigkeit eines geeinten Europa ergab sich aus der inzwischen entstandenen wirtschaftlichen Verflechtung« (Realschule).
Im Gymnasium wird in Klasse 11 im zweiten Durchgang der Geschichtsstoff durch den Wegfall der Antike gekürzt und nur noch »die Grundlegung der modernen Welt und die Wende zur europäischen Neuzeit« ab dem 14. Jahrhundert behandelt. Dafür wächst in der Gemeinschaftskunde die Lehrplaneinheit »Europa«. Hier soll man »historische und aktuelle Begründungen für den ­europäischen Einigungsprozess kennen lernen«. Schülerinnen und Schüler »untersuchen politische Entscheidungsprozesse innerhalb der EU und verstehen diese als Versuch eines gemeinsamen Interessenausgleichs.« Der Wirtschaftsbereich und die »Einbindung des östlichen Europa in westeuropäische Institutionen« stehen zur ­Diskussion samt »den Schwierigkeiten bei der Transformation der Wirtschafts- und Gesellschaftsordnungen: ökonomische Entwicklung, Schutz nationaler Minderheiten, Anerkennung der Grenzen.«
Mit der Reform der bisherigen Oberstufe ab 2002/03 tritt eine weitere Stoffreduzierung ein, da zusätzliche Erziehungsziele den Unterricht bestimmen sollen, zum Beispiel die Dokumentation und Präsentation von Wissen, Urteilsbildung, Dialog, Diskussion, Fragestellung und Hypothesen. Dazu gibt das Thema »Europa« genügend Anlässe, etwa die Gemeinschaftskunde Klasse 13: »Die Schülerinnen und Schüler gewinnen Einsicht in die Möglichkeiten wirtschaftspolitischen Handelns auf nationaler, regionaler und weltweiter Ebene und bewerten vor allem anhand aktuellen Geschehens einzelne wirtschaftspolitische Strategien und Maßnahmen [..]. Untersuchung von Abschottungstendenzen durch politischen Regionalismus: Währungsunion, EU-Subventionen, Schutz der Vielfalt, Bewertung protektionistischer Maßnahmen.«

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Am stärksten akzentuiert stellt sich das Thema »Europa im Wandel« in der Klasse 10 des Gymnasiums mit achtjährigem Bildungsgang dar. Hier wird fächerübergreifend ein großer Bogen geschlagen von den Sprachverwandtschaften über mythologische Stoffe, Tradierung von literarischen Gattungen und Motiven, der Universalität des Menschenbildes und der Werteordnung in Mittelalter, Renaissance und Aufklärung als europäischen Bewegungen, die Entstehung der bürgerlichen Gesellschaft und ihre Emanzipationsbestrebungen samt dem Verfassungsstaat, schließlich bis zur europäischen Gegenwart der EU und den Chancen wie Problemen aus der Sicht verschiedener Länder.

Die Europäische Schule in Karlsruhe

Ein anschauliches Beispiel für eine konkrete Realisierung europäischen Bildungsbestrebens sind die neun Europäischen Schulen. Nach Gründung der ersten 1953 in Luxemburg gibt es in Deutschland seit 1962 eine in Karlsruhe, seit 1977 eine in München; eine dritte ist für Frankfurt geplant. Anfangs vor allem für Kinder der Angestellten der EU-Institutionen vorgesehen, in Karlsruhe das Forschungszentrum, nehmen die Schulen auch andere Schüler auf.
Eine Europäische Schule umfasst neben einem Kindergarten eine fünfjährige Grundschule und eine siebenjährige Höhere Schule. In der Grundschule (Aufnahme nach einem Test) beginnt ab Klasse 1 neben den üblichen Fächern in der Muttersprache ein fünfstündiger Fremdsprachenunterricht. In »Europäischen Stunden« kommen die Schüler verschiedener Sprachabteilungen (in Karlsruhe Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch, Niederländisch) zu gemeinsamen Spielen und musischen wie sportlichen Aktivitäten zusammen, um sich im Gebrauch von Fremdsprachen zu üben.
Ab Klasse 2 der Höheren Schule tritt eine zweite Fremdsprache hinzu, in Klasse 4 und 5 können zwei weitere Sprachen als Wahlfächer belegt werden. Im schriftlichen Abitur ist eine Fremdsprache verpflichtend.

 

 

 

 

Bildungsziel:

      

»Zusammen erzogen, von Kindheit an von den trennenden Vorurteilen unbelastet, vertraut mit allem, was groß und gut in den verschiedenen Kulturen ist, wird ihnen, während sie heranwachsen, in die Seele geschrieben, dass sie zusammengehören. Ohne aufzuhören, ihr eigenes Land mit Liebe und Stolz zu betrachten, werden sie Europäer.«
 

 

 

Neben diesem intensiven Sprachprogramm mit entsprechender Wochenstundenzahl (Geschichte und Erdkunde werden ab Klasse 3 der Höheren Schule in einer Fremdsprache unterrichtet) sind Mathematik und Naturwissenschaften durchgehend neben verschiedenen Nebenfächern zu belegen. Dies geschieht in der Muttersprache, um Allgemeinbildung und eigene kulturelle Identität zu fördern. In der Oberstufe (Klasse 6 und 7) gehört Philosophie, einer französischen Tradition entsprechend, zum Pflichtbereich.

 

 

Das Lehrerkollegium für die rund 1200 Schülerinnen und Schüler aus elf Ländern der EU rekrutiert sich in Karlsruhe vorwiegend aus Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Italien. Die Abordnungsdauer durch die nationalen Regierungen aus den Heimatländern beträgt neun Jahre, wobei Inspektoren aus den Mitgliedstaaten nach zwei und fünf Jahren die Qualifikationen überprüfen. Dabei wird von der Lehrerschaft die Auseinandersetzung mit anderen europäischen Bildungssystemen gefordert. Dies bedeutet die Übernahme anderer Lerninhalte in permanentem Kontakt mit Fachkollegen. So werden auch Prüfungsvorschläge in den international besetzten Fachschaften gemeinsam erarbeitet.

Dieses europäische Zusammenwachsen spiegelt sich zudem in den gemeinschaftlichen Aktionen der neun Schulen. So werden nicht nur regelmäßige europäische Sport- und Kulturtage abgehalten, sondern auch politische Diskussionsforen. Hier wird die Arbeit der Europäischen Gremien in Rollenspielen nachvollzogen. Dabei müssen sich die Schüler in einjähriger Vorbereitung in verschiedene politische und nationale Standpunkte einarbeiten. In der Realisierung übernehmen die Teilnehmer verschiedene Funktionen wie Parlamentarier, Lobbyisten, Übersetzer, Journalisten. So wird nicht nur eine Verbesserung der Sprachkompetenz erreicht, sondern auch das Zurücktreten nationaler Aspekte zugunsten einer europäischen Integration.

 

 

 

 

Erziehungsziele:

      

  • den Schülern Vertrauen zu geben in ihre eigene kulturelle Identität - Grundlage ihrer Entwicklung zu Europäern
  • ein hohes Niveau zu erreichen innerhalb der schriftlichen und mündlichen Beherrschung der Muttersprache
  • ihr Wissen in Mathematik und Naturwissenschaften während ihrer gesamten Schulzeit zu fördern
  • durch den Geschichts- und Geographieunterricht die globale Sicht Europas in den Vordergrund zu stellen im Gegensatz zu einer engeren nationalen Perspektive
  • Toleranz, Zusammenarbeit, Kommunikationsbereitschaft und Interesse für andere innerhalb der Schulgemeinschaft zu unterstützen

 

 

Die Lehrpläne sind so gestaltet, dass ein Schulwechsel innerhalb der Mitgliedstaaten problemlos sein sollte. Das Europäische Abitur wird nach zwölf Schuljahren von allen EU-Mitgliedstaaten anerkannt. Die außerschulischen Veranstaltungen, zum Beispiel Studienfahrten und die Verbindungen zu anderen ausländischen Schulen, sollen das europäische Profil noch verdeutlichen. Während die Bauten der Europäischen Schule in Karlsruhe von der Stadtverwaltung betreut werden, beteiligt sich neben dem Europäischen Parlament und der deutschen Bundesregierung auch das Land Baden-Württemberg mit 1,3 Millionen DM (664 679 Euro) pro Jahr an den allgemeinen Kosten.

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»United Cultures of the European Schools« Schüler der Europäischen Schule Karlsruhe aus verschiedenen Nationen vor der Turnhallenwand, gestaltet mit Schülerzeichnungen

 

 


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