Europa in Baden-Württemberg 50 Jahre - ein Panorama Europa in der Schule Von Leonhard Müller |
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Den steinigen Weg der europäischen Staaten zu einer handlungsfähigen Union können nicht nur politische und ökonomische Wegweiser aufzeigen. Bundesstaaten brauchen auch eine kulturelle Basis. Darum müssen zum Beispiel immer wieder Bildungswesen und Kulturträger befragt werden, welche Impulse für die Stärkung eines neuen europäischen Bewusstseins möglich sind. Lehrpläne - ein Stolperstein?
Eine wichtige Grundlage für eine europäische Bewusstseinsbildung bildet das Schulwesen. Für dessen Ordnung und Erfolg sind Lehrpläne unabdingbar. Aber sie stellen auch für die Öffentlichkeit eine Informationsquelle dar - zuweilen überzogen interpretiert, denn Unterricht umfasst nicht nur Lehrplaninhalte, und Aktuelles wird auch ohne Direktive behandelt. Dennoch sind Lehrpläne für viele Instanzen ein Indiz für den jeweiligen Akzent in der Bildungspolitik. Im Folgenden wird besonders anhand der gesellschaftswissenschaftlichen Fächer überprüft, inwiefern sie den europäischen Horizont einbeziehen. Nach 1945 Winston Churchill wirbt für die Idee eines vereinten Europas - schon nach 1918 beschworen, durch nationalistische Diktaturen im Zweiten Weltkrieg zerbrochen. Die Lehrpläne nach dem Krieg sind noch karg. Die zugelassenen Lehrbücher beschränken sich zunächst auf die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und die Deutsche Frage, soweit man überhaupt bereit ist, Zeitgeschichte zu betreiben. Der Schüler solle »den Werdegang unseres Volkes in seiner Verflochtenheit mit der Geschichte des Abendlandes erkennen lernen« (Realschule).
Um 1957 In den Gymnasien (Neuer Lehrplan) endet der Geschichtsunterricht mit der Bildung der Bundesrepublik und dem »Streben nach übernationaler Vereinigung und friedlichem Ausgleich«. Die Auseinandersetzung mit dem Ostblock und seiner kommunistischen Ideologie beherrscht dagegen stärker den Unterricht. Wird die Antike »als gestaltende Kraft der europäischen Kultur« verdeutlicht, so stehen das Mittelalter und die Neuzeit stärker unter europäischem Aspekt. Auch für die Neuzeit bilden europäische Themen den Schwerpunkt. Während in der Gemeinschaftskunde das Gewicht auf der demokratischen Willensbildung liegt, fehlt nie die Stellung Deutschlands »in der Weltpolitik der Gegenwart und weltpolitischer Institutionen«. In Erdkunde steht die Landeskunde europäischer Staaten im Mittelpunkt. Um 1970 Die Curriculartheorien strömen auch nach Baden-Württemberg, und die Lehrpläne werden immer umfangreicher, neue Erziehungsziele neben den kognitiven werden beschrieben. Um 1980 Die Lehrplanrevision der 80er Jahre bremst den Übereifer an Stoffen, und der Begriff »Verschlankung« - schlimmer: »Entrümpelung« - leitet als Vorgabe die Reformkommissionen, ohne dass dabei der Europagedanke als fächerübergreifendes Thema verschwindet. Im Leistungskurs Geschichte der gymnasialen Oberstufe lernen die Schüler »die Verständigung zwischen den Völkern Westeuropas und die Übertragung nationaler Kompetenzen auf surpranationale Institutionen als Modell der Friedenssicherung kennen und beurteilen«. Heute
Die Lehrpläne sind
noch stärker »verschlankt«, ohne den europäischen Bezug zu verlieren. Den
Schülern soll bewusst werden, »wie wichtig die Bereitschaft zur gegenseitigen
Verständigung und zum Abbau von Vorurteilen ist, um nationale und
gesamteuropäische Anliegen in Einklang zu bringen« (Hauptschule 1994). »Nach
1945 war der Nationalstaat diskreditiert und bot keine Lösungen gegen
machtstaatliche Expansion an. [...] Die Notwendigkeit eines geeinten Europa
ergab sich aus der inzwischen entstandenen wirtschaftlichen Verflechtung«
(Realschule).
Am stärksten akzentuiert stellt sich das Thema »Europa im Wandel« in der Klasse 10 des Gymnasiums mit achtjährigem Bildungsgang dar. Hier wird fächerübergreifend ein großer Bogen geschlagen von den Sprachverwandtschaften über mythologische Stoffe, Tradierung von literarischen Gattungen und Motiven, der Universalität des Menschenbildes und der Werteordnung in Mittelalter, Renaissance und Aufklärung als europäischen Bewegungen, die Entstehung der bürgerlichen Gesellschaft und ihre Emanzipationsbestrebungen samt dem Verfassungsstaat, schließlich bis zur europäischen Gegenwart der EU und den Chancen wie Problemen aus der Sicht verschiedener Länder. Die Europäische Schule in Karlsruhe
Ein anschauliches Beispiel für
eine konkrete Realisierung europäischen Bildungsbestrebens sind die neun
Europäischen Schulen. Nach Gründung der ersten 1953 in Luxemburg gibt es in
Deutschland seit 1962 eine in Karlsruhe, seit 1977 eine in München; eine dritte
ist für Frankfurt geplant. Anfangs vor allem für Kinder der Angestellten der
EU-Institutionen vorgesehen, in Karlsruhe das Forschungszentrum, nehmen die
Schulen auch andere Schüler auf.
Neben diesem intensiven Sprachprogramm mit entsprechender Wochenstundenzahl (Geschichte und Erdkunde werden ab Klasse 3 der Höheren Schule in einer Fremdsprache unterrichtet) sind Mathematik und Naturwissenschaften durchgehend neben verschiedenen Nebenfächern zu belegen. Dies geschieht in der Muttersprache, um Allgemeinbildung und eigene kulturelle Identität zu fördern. In der Oberstufe (Klasse 6 und 7) gehört Philosophie, einer französischen Tradition entsprechend, zum Pflichtbereich.
Das Lehrerkollegium für die rund 1200 Schülerinnen und Schüler aus elf Ländern der EU rekrutiert sich in Karlsruhe vorwiegend aus Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Italien. Die Abordnungsdauer durch die nationalen Regierungen aus den Heimatländern beträgt neun Jahre, wobei Inspektoren aus den Mitgliedstaaten nach zwei und fünf Jahren die Qualifikationen überprüfen. Dabei wird von der Lehrerschaft die Auseinandersetzung mit anderen europäischen Bildungssystemen gefordert. Dies bedeutet die Übernahme anderer Lerninhalte in permanentem Kontakt mit Fachkollegen. So werden auch Prüfungsvorschläge in den international besetzten Fachschaften gemeinsam erarbeitet. Dieses europäische Zusammenwachsen spiegelt sich zudem in den gemeinschaftlichen Aktionen der neun Schulen. So werden nicht nur regelmäßige europäische Sport- und Kulturtage abgehalten, sondern auch politische Diskussionsforen. Hier wird die Arbeit der Europäischen Gremien in Rollenspielen nachvollzogen. Dabei müssen sich die Schüler in einjähriger Vorbereitung in verschiedene politische und nationale Standpunkte einarbeiten. In der Realisierung übernehmen die Teilnehmer verschiedene Funktionen wie Parlamentarier, Lobbyisten, Übersetzer, Journalisten. So wird nicht nur eine Verbesserung der Sprachkompetenz erreicht, sondern auch das Zurücktreten nationaler Aspekte zugunsten einer europäischen Integration.
Die Lehrpläne sind so gestaltet, dass ein Schulwechsel innerhalb der Mitgliedstaaten problemlos sein sollte. Das Europäische Abitur wird nach zwölf Schuljahren von allen EU-Mitgliedstaaten anerkannt. Die außerschulischen Veranstaltungen, zum Beispiel Studienfahrten und die Verbindungen zu anderen ausländischen Schulen, sollen das europäische Profil noch verdeutlichen. Während die Bauten der Europäischen Schule in Karlsruhe von der Stadtverwaltung betreut werden, beteiligt sich neben dem Europäischen Parlament und der deutschen Bundesregierung auch das Land Baden-Württemberg mit 1,3 Millionen DM (664 679 Euro) pro Jahr an den allgemeinen Kosten.
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