Zeitschrift

Europa in Baden-Württemberg

50 Jahre - ein Panorama


Die Integration der Ostflüchtlinge

Von Lothar Burchardtimg1.gif


  Europa in Baden-Württemberg
Inhaltsverzeichnis

 

  


Vertriebene loben »ausgezeichnete Zusammenarbeit«

STUTTGART (lsw.) Die Heimatvertriebenen in Baden Württemberg sind mit der Vertriebenen-Politik der Landesregierung zufrieden. Der Landesvorsitzende Arnold Tölg lobte die »ausgezeichnete Zusammenarbeit« mit der bisherigen CDU/FDP-Landesregierung. Wichtige Ziele seien erreicht worden.

Ministerpräsident Erwin Teufel (CDU) habe zugesagt, dass es auch in der künftigen Regierung einen Landesbeauftragten für Vertriebene geben solle, der mit am Kabinetts­tisch sitze. Zurzeit werde die Kulturarbeit der Vertriebenen mit insgesamt 8,5 Millionen Mark jährlich vom Land unterstützt.

Seit dem Kosovo-Krieg 1999 sei das Interesse der Medien, über Flucht und Vertreibung zu berichten, deutlich gestiegen, sagte Tölg. In Zukunft müsse vor allem der Schüleraustausch mit den Ländern Osteuropas intensiviert werden, forderte der Landesvorsitzende. »Die Polen kennen die Geschichte der Vertriebenen meist sehr gut, die Deutschen dagegen sehr wenig.«

Im Südwesten leben derzeit rund eine halbe Million Vertriebene. Baden-Württemberg sei das erste Bundesland, das die Geschichte der Flüchtlinge als festen Bestandteil verpflichtend mit in seine Lehrpläne aufgenommen habe. Schließlich habe die Kultur der deutschen Ost- und Siedlungsgebiete immer eine besondere Rolle in der deutschen Geschichte gespielt. »Allein aus Schlesien gibt es zwölf Nobelpreisträger.«

Die Vertriebenen sprachen sich gegen die Pläne aus, das Siebenbürger Museum in Gundelsheim (Kreis Heilbronn) aufzulösen und mit dem Donau-Schwäbischen Zentralmuseum in Ulm zusammenzulegen. »Die Erhaltung des Museums ist ein wichtiger Teil unserer Kulturarbeit«, sagte Tölg.

Aus: Stuttgarter Zeitung, 3. April 2001, S. 7

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Die erzwungene Westwanderung der Flüchtlinge und Vertriebenen aus dem Osten folgte vor allem drei Routen: Die Mehrzahl der Ostpreußen landete in Schleswig-Holstein, die Sudetendeutschen und Schlesier kamen mehrheitlich nach Bayern, und die Pommern, Märker und Niederschlesier gelangten meistens auf dem Weg über Berlin nach Mittel- oder Nordwestdeutschland. Der deutsche Südwesten blieb von den Flüchtlingsströmen zunächst weitgehend unberührt, da dieser Landesteil abseits der oben skizzierten Fluchtrouten lag. Erst etwa ein Jahr nach Kriegsende begann allmählich eine vorsichtige Umverteilung, denn die Aufnahmegebiete von 1945 konnten unmöglich alle Flüchtlinge unterbringen und in den Wirtschaftsprozess eingliedern.

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Ankunft von Vertriebenen am Bahnhof Seckach bei Buchen im Neckar-Odenwaldkreis

Dementsprechend drängten Großbritannien und die USA darauf, dass auch die bisher ­verschonten Länder nun ihren Beitrag zu leisten hätten. Sie machten den zuständigen deutschen Behörden unmissverständlich klar, dass die Besatzungsmächte keinerlei Diskriminierung der Flüchtlinge gegenüber der Altbevölkerung dulden würden und auf baldiger vollständiger Integration bestünden. Dagegen steuerte die französische Besatzungsmacht einen ganz anderen Kurs. Da Frankreich erwartete, dass sich die französischen Besatzungstruppen aus ihrer Zone selbst versorgten, war die dortige Versorgungslage besonders angespannt; die Hereinnahme von Flüchtlingen musste sie zwangsläufig noch weiter verschlechtern. Aus diesem Grund untersagten die Franzosen zunächst jegliche Aufnahme von Flüchtlingen in ihre Zone.

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Gedenkstein in Stuttgart-Rot

In diesem Punkt deckten sich die französischen Interessen durchaus mit denen der Länder: Die bislang wenig belasteten Länder waren keineswegs angetan von der Aufgabe, Abertausende von Flüchtlingen unterbringen und integrieren zu müssen: in Regionen, die nicht nur selbst mannigfache Kriegszerstörungen erlebt hatten, sondern obendrein unter chronischem Mangel an Lebensmitteln, Wohnraum und sonstigen Gütern aller Art litten. Deshalb fand die restriktive Flüchtlingspolitik der Franzosen in den französisch besetzten Ländern (Süd-)Baden und (Süd-)Württemberg ein positives Echo, während das in der amerikanischen Zone gelegene Land (Nord-)Württemberg-(Nord-)Baden sich dem amerikanischen Druck beugen und erste Flüchtlingswellen aufnehmen musste. Erst im Jahre 1947 kam der Zustrom von Flüchtlingen auch nach Baden und Württemberg allmählich in Gang. Dieser Umverteilungsprozess wurde einige Jahre später nochmals intensiviert, als die neu gegründete Bundesrepublik den so genannten Flüchtlingsausgleich in Gang setzte, der vor allem Bayern und Schleswig-Holstein entlasten sollte.

Die Integration der Flüchtlinge war ein langwieriger Prozess. Üblicherweise begann er damit, dass ankommende Flüchtlinge zunächst in Lagern zusammengefasst und von dort allmählich auf verfügbar werdenden Wohnraum verteilt wurden. Da gerade Wohnraum bis weit in die fünfziger Jahre hinein einen besonders empfindlichen Engpass darstellte, zog sich die Einweisung in Wohnungen außerhalb der Lager oft monatelang hin. Die dadurch verlängerte Lager-Existenz vieler Flüchtlinge verstärkte in der einheimischen Bevölkerung den Eindruck, es hier gleichsam mit Asozialen zu tun zu haben. Dies wiederum führte dazu, dass viele Einheimische alles nur Mögliche taten, um die Einweisung von Flüchtlingen in ihre Häuser oder Wohnungen zu verhindern. Es erwies sich immer wieder als schwierig, diesen Teufelskreis zu durchbrechen.

Leichter vollzog sich die Eingliederung in den Arbeitsprozess. Seit etwa 1949 begann ein ausgeprägter Mangel an Arbeitskräften einzusetzen, der die Einstellung auch von Flüchtlingen geradezu erzwang. Nur die ehemaligen Bauern taten sich schwerer, denn für sie ließen sich nur in den seltensten Fällen freie Höfe finden. Deshalb landeten sie mehrheitlich in anderen Berufen. Die Eingliederung der Flüchtlingskinder in den Schulbetrieb ging zwar nicht ohne gelegentliche Härten und Konflikte ab, vollzog sich aber insgesamt relativ zügig, soweit die schwierigen Raum- und Lehrmittelverhältnisse das erlaubten.

Das Land Baden-Württemberg und später die Bundesre­pub­lik suchten zu helfen, indem sie zunächst per Landesgesetz Hausratsbeihilfen, später per Bundesgesetz die so genannten Lastenausgleichsmittel bereitstellten. Außerdem wurden Förderprogramme für diejenigen Flüchtlinge aufgelegt, die sich als Handwerker oder Gewerbetreibende selbstständig machen wollten. Natürlich konnten solche Programme nicht entfernt die Verluste ersetzen, welche die Flüchtlinge erlitten hatten, doch stellten sie gleichwohl eine wertvolle Hilfe dar. Obendrein förderten sie unter den Flüchtlingen das Gefühl, mit ihren wirtschaftlichen Problemen nicht allein gelassen zu werden.

Trotzdem blieben erhebliche Schwierigkeiten. Sie hingen vor allem damit zusammen, dass sich die Flüchtlinge als Fremdkörper fühlten und von den Einheimischen auch als solche wahrgenommen wurden. Schon die unterschiedlichen Dialekte erschwerten eine wirkliche Eingliederung.

Die ersten Hilfsstellen der Sudetendeutschen, Schlesier und der Volksdeutschen aus Südosteuropa wurden in Württemberg im August 1945 als Selbsthilfeorganisationen eingerichtet. Im April/Mai verbot der Alliierte Kontrollrat ihre Tätigkeit. 1947 gestatteten die Amerikaner in ihrer Zone die Bildung »nichtpolitischer Organisationen«. Nach der Gründung der Bundesrepublik wurden der Zentralverband der vertriebenen Deutschen (ZvD) und die Vereinigten Ostdeutschen Landsmannschaften (VOL) gegründet. 1950 erfolgte die Gründung des Bundes für Heimatvertriebene und Entrechtete (BHE) als politische Partei.

Vor allem in den bislang konfessionell recht homogenen Gebieten beispielsweise Südbadens kamen Konfessionsunterschiede erschwerend hinzu. Viele Flüchtlinge komplizierten das Problem noch zusätzlich dadurch, dass sie gerne ihr Leben in der alten Heimat in lichten Farben malten, ihr jetziges Leben aber um so düsterer darstellten und wohl auch so empfanden. Andererseits gab es auch erleichternde Faktoren. Hier ist an erster Stelle zweifellos der Kalte Krieg zu nennen. Je schärfer sich der Ost-West-Gegensatz ausprägte, desto leichter fanden sich Einheimische und Flüchtlinge in gemeinsamer anti-sowjetischer Solidarität zusammen. Maßnahmen wie der Marshallplan, der ja im Wesentlichen ein Produkt des Ost-West-Konflikts war, erleichterten die wirtschaftliche Eingliederung. Vor allem aber ist der wirtschaftliche Aufschwung während des »langen Jahrzehnts« ab etwa 1950 zu nennen, der ja zu einem guten Teil ebenfalls auf den Kalten Krieg zurückging. Hier sei nur an den »Korea-Boom« erinnert, der fast schlagartig die von der Währungsreform verursachten Schwierigkeiten beendete.

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Die Integration wurde ferner dadurch erleichtert, dass die Alliierten keine speziellen Flüchtlingsparteien duldeten. Wer von den Neubürgern politisch aktiv werden wollte, konnte dies also nur im Rahmen der etablierten Parteien tun - und das wiederum ging nur, wenn beide Seiten zu Kooperation und Integration bereit waren. Als Jahre später die Bundesrepublik die Gründung eines »Bundes der Heimatvertriebenen und Entrechteten« erlaubte, waren die Zeiten für reine Flüchtlingsparteien längst vorbei. Die harte Haltung der Alliierten zwang also die Flüchtlinge in die bestehenden Parteien und ersparte ihnen dadurch letztlich eine politische Ghettoisierung.

Gemeinsam erarbeiteten der Zentralverband der vertriebenen Deutschen (ZvD) und die Vereinigten Ostdeutschen Landsmannschaften (VOL) die »Charta der Heimatvertriebenen«. Bei der ersten gemeinsamen Kundgebung der Vertriebenenorganisationen am 5. August 1950 in Stuttgart-Bad Cannstatt wurde sie verkündet.

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