Zeitschrift

Europa in Baden-Württemberg

50 Jahre - ein Panorama


Fünf Porträts

1. Suzana Lipovac


  Europa in Baden-Württemberg
Inhaltsverzeichnis

 

  

 

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img6.gifMein Heimatland ist dort, wo ich den Großteil meines Lebens verbracht habe: es ist Deutschland, Baden-Württemberg, Stuttgart. Der Grund ist nicht, dass ich hier geboren bin, hier zur Schule gegangen bin und hier seit über drei Jahrzehnten lebe. Ein Kind von »Gastarbeitern« kann sein Geburtsland nicht automatisch seinem Heimatland gleichsetzen. Heimat ist für mich nicht Herkunft, sie ist kein Mensch und kein Ort. Heimat ist nicht vererbbar und sie ist auch nicht durch eine bessere wirtschaftliche Situation als am Geburtsort materiell erwerbbar. Somit ist Heimat für mich keine Materie, keine Koordinate und kein Zustand, sondern »nur« ein Gefühl und zwar eines der beständigsten, welches ich überhaupt kennengelernt habe. Mein Heimatgefühl wurde aufgezogen und genährt durch andere Menschen, durch meine privaten, schulischen oder geschäftlichen Beziehungen zu ihnen, durch die Summe gemeinsamer Erlebnisse und vor allem durch unsere gleichen Lebensziele. Ich bin diesen Menschen zutiefst dankbar, dass sie aus meinem Geburtsland mein Heimatland gemacht haben. Durch meine Arbeit in Kriegs- und Krisengebieten bin ich vielen Menschen begegnet, die dieses Glück nicht hatten und nur noch von dem Wunsch besessen sind, ihr Geburtsland zu verlassen, um endlich eine Heimat in der Ferne zu finden.

Mein Vater-Land liegt im Balkan, im ehemaligen Jugoslawien. Dies liegt daran, dass es das Geburtsland meines Vaters ist und er dort lange Zeit eine Heimat hatte. Mein Vaterland sollte mir eigentlich meine ethnische und nationale Herkunft attestieren. Dies gestaltete sich jedoch im Laufe der letzten 10 Jahre als äußerst schwierig, da sich mein Vaterland wie eine bösartige Krebszelle permanent teilte, Krieg und Zerstörung vermehrte und während dieses Prozesses meine Staatszugehörigkeit von Jugoslawin auf Bosnierin, von Bosnierin auf Kroatin, von Kroatin auf Bürgerin der serbischen Republik wechselte. Da das deutsche Innenministerium nicht festlegen konnte, welchem Staat ich nunmehr angehöre und welcher Staat mich entlassen könnte (was die Vorbedingung zum Erhalt der deutschen Staatsangehörigkeit ist), wurde ich kurzfristig staatenlos. Staatenlos zu sein, selbst für eine kurze Zeit, bedeutet seine Freiheit zu verlieren: man kann an keinem politischen Prozess teilnehmen und wählen, man kann nicht reisen und sich problemlos legitimieren. Als ich mich 1992 an der Universität Stuttgart immatrikulierte, stand in meinem Studienbuch unter Staatsangehörigkeit: »ungeklärt«.

Mein Zukunfts-Land ist Europa. Es besteht aus Staaten, die sich ehemals bekriegten und deren Geschichte, Kulturen und Sprachen nicht unterschiedlicher sein könnten. Es hat mehr Grund und mehr Chancen als jedes andere Land der Welt, um aus seiner Vergangenheit zu lernen und daraus eine bessere Zukunft für seine Bürger und die Menschheit zu gestalten. Europa steht für ein demokratisches, tolerantes und freiheitliches Leben aller gleichgesinnten Kulturen. Wie (über-) lebenswichtig eine starke und solidarische Gemeinschaft ist, erkennt man dann, wenn diese Ideale durch Krieg, Terrorismus und Fundamentalismus angegriffen werden und das Leben jedes einzelnen Menschen gefährdet ist.

Der größte Feind Europas sitzt jedoch in den eigenen Reihen, dort wo multikulturelles Leben als Bedrohung und gemeinsames Handeln als Schwäche und Unterwerfung angesehen wird 

 


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